26.11.1958

FRANKREICH / MAURIAC-AUSZEICHNUNGEinmütig

Charles de Gaulle hat seine Landsleute mit einer ungewöhnlichen Ehrenbezeigung für Frankreichs berühmtesten und umstrittensten Polemiker, den Schriftsteller Francois Mauriac, überrascht: Obwohl die Regel gebietet, daß in der Zeit zwischen der Ausschreibung einer Wahl und dem Tag der Abstimmung kein Franzose vom Staat mit öffentlichen Ehren oder Auszeichnungen bedacht werden darf, ließ der General in der vorletzten Woche durch sein Präsidialamt mitteilen, der Ministerrat habe beschlossen, den Nobelpreisträger für Literatur Francois Mauriac vom Großoffizier des Ordens der Ehrenlegion zum Großkreuzritter zu befördern. In einem SPIEGEL-Gespräch hatte Mauriac über den französischen Regierungschef gesagt: "Für einen Christen wie mich ist er wirklich ein Mann der Vorsehung." (SPIEGEL 36/1958)
Die Minister waren ursprünglich gegen de Gaulles Plan gewesen, den Literaten und politischen Publizisten Mauriac, der zu Zeiten der Vierten Republik allwöchentlich seine polemische Feder gegen Regierung und Verwaltung zu spitzen pflegte, in den höchsten Ehrenrang des Landes aufsteigen zu lassen. Der General aber hatte mit ihrem Widerstand gerechnet und wandte eine List an, die seine Art zu regieren deutlich macht.
In einer der letzten Kabinettsitzungen fragte der Regierungschef, als er sich am Konferenztisch niederließ, wie von ungefähr, was denn eigentlich wieder in Rußland los sei und warum die Sowjets den Schriftsteller Boris Pasternak demütigten und verfolgten. Er wüßte gern, so sagte der General zu seinen Ministern, warum die Sowjets Pasternak nicht die Ehre des Nobelpreises vergönnen wollten.
Die Minister beeilten sich, ihren Chef darüber aufzuklären, daß die bolschewistische Partei nicht einmal eine literarische Kritik an der Sowjet-Gesellschaft und am kommunistischen Regime zulassen könne, weil dieses Regime eben eine totalitäre Diktatur sei. Die Kampagne gegen Pasternak zeige, daß es in der Sowjet-Gesellschaft keine geistige Freiheit gebe und daß Chruschtschew ebenso wie die anderen Sowjet-Größen im Grunde engstirnig, kleinlich, unzivilisiert und geistesfeindlich sei. Guy Mollet, Jaques Saustelle, Andre Malraux und Pierre Pflimlin wetteiferten in der Verdammung der Sowjets. Charles de Gaulle nickte zustimmend und bemerkte dann, daß die Sowjet-Führer sicher viele politische und propagandistische Gründe hätten, Pasternak zu verurteilen, daß sie sich aber gerade mit dieser Haltung selber richteten.
Dann fügte er ernst hinzu, dies sei der rechte Augenblick für Frankreich, der Welt zu zeigen, daß es noch immer das klassische Land der Geistesfreiheit sei: "Deshalb schlage ich Ihnen vor, unserem großen und zuweilen auch polemischen Kritiker und Schriftsteller Mauriac das Großkreuz der Ehrenlegion zu verleihen."
Auf diese Eröffnung des Generals folgte, nach dem Bericht eines Augenzeugen, langes Schweigen, das deutlich machte, wie überrascht die Minister waren. Als erster faßte sich schließlich Finanzminister Pinay ein Herz und erklärte, er müsse einer solchen Ehrung aufs schärfste widersprechen, denn Mauriac habe nicht nur ihn selbst und seine Parteifreunde, sondern die Mehrzahl aller bekannten Politiker und auch die Institutionen Frankreichs massiv und in ungerechter Weise angegriffen.
Die ehemaligen Ministerpräsidenten Mollet und Pflimlin stimmten in die Verdammung Mauriacs ein, die in ihrer Schärfe und Leidenschaftlichkeit nur wenig hinter dem Urteil zurückstand, das die Kabinettsmitglieder gerade vorher in Sachen Pasternak über Chruschtschew und dessen Genossen im Zentralkomitee der KPdSU abgegeben hatten.
Charles de Gaulle lächelte und sagte seinen Ministern, gerade die Schärfe der Mauriacschen Attacken sei ein Grund mehr, diesen großen Schriftsteller zu der längst verdienten Auszeichnung kommen zu lassen; die Ehrung werde nämlich deutlich machen, daß die Freiheit des Geistes in Frankreich wirklich gewahrt bleibe. Auch er sei von Mauriac zeitweilig angegriffen worden und auch er glaube, daß ihm dabei nicht immer Recht widerfahren sei; doch als Politiker müsse man sich über solche persönlichen Ressentiments hinwegsetzen. Damit war die Debatte beendet, und der Ministerrat stimmte dem General einmütig zu.
Großritter Mauriac
"Wirklich ein Mann der Vorsehung"

DER SPIEGEL 48/1958
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