26.11.1958

ENGLAND / GEORG VI.König wider Willen

Als Prinz Albert, Herzog von York, am 11. Dezember 1936 erfuhr, daß sein Bruder Eduard VIII. dem Thron Großbritanniens entsagt und er, der Herzog, zu seinem Nachfolger ausersehen sei, stöhnte er: "Das ist ja entsetzlich. Ich habe mir die Krone nie gewünscht, ich bin völlig unvorbereitet. Ich bin nur ein Marineoffizier, und die Marine ist das einzige, wovon ich etwas verstehe."
Doch Alberts Vetter, der heutige See-Lord Louis Mountbatten, wußte den erschrockenen König durch die Erinnerungen an ein historisches Beispiel aufzurichten:
Auch der Vater Alberts - König Georg V. (1910 bis 1936) - war überraschend Thronerbe geworden, als dessen ältester Bruder, der Herzog von Clarence, im Jahre 1892 starb. Damals sei Georg, so erzählte der See-Lord, zu dem Vater Mountbattens gekommen und habe ihm gestanden, seine Marinekarriere genüge für die neue Rolle im Buckingham-Palast nicht. Der Vater Mountbattens aber habe geantwortet: "Georg, Du irrst Dich. Für einen englischen König gibt es keine bessere Vorbereitung als die Ausbildung in der Marine."
Derart ermutigt, bestieg Prinz Albert als Georg VI. den Thron Großbritanniens, einen Thron, dessen Ansehen durch die Liebesaffäre des achten Eduard mit der geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson ernstlich erschüttert worden war. Eine soeben veröffentlichte Biographie* aus der Feder des englischen Historikers John Wheeler-Bennett, Verfassers umfangreicher Abhandlungen über Hindenburg und den deutschen Generalstab, macht deutlich, daß gerade dieser hausbackene, schüchterne Monarch dem englischen Königshaus Würde und Popularität zurückgewann.
Das Kunststück gelang Georg VI., weil er die vielleicht englischste Erscheinung unter den Monarchen des einstmals hannoverschen Königshauses war. Der Dienst auf den Kriegsschiffen der Royal Navy - Georg nahm 1916 als Offizier an der Schlacht am Skagerrak teil - hatte ihn so sehr mit dem Denken der Durchschnitts-Engländer vertraut gemacht, daß er später mit größter Sicherheit die Gefühle der breiten Massen traf.
Das demonstrierte er bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg, als das englische Königshaus ebenso wie nach dem Zweiten Weltkrieg Wert darauf legte, der stark antideutschen Stimmung in England entgegenzuwirken. Anfang der zwanziger Jahre besuchte Georg die deutsche Prinzessin Viktoria, Schwester des letzten Hohenzollern-Kaisers, in jenem Bonner Palais Schaumburg, in dem heute Konrad Adenauer residiert. Da er die wahre Stimmung in England kannte, war der Prinz ängstlich bemüht, das Gespräch mit der deutschen Verwandten recht frostig zu halten.
"Sie erkundigte sich nach Dir und der Familie", berichtete der Prinz seinem Vater, König Georg V. "Sie hofft, daß wir bald wieder Freunde sein werden. Ich sagte ihr jedoch höflich, das werde wohl auf viele Jahre nicht möglich sein! Sie erzählt jedem, ihr Bruder (der deutsche Kaiser) habe den Krieg, die Zeppelin- und U-Boot-Angriffe nicht gewollt; aber das war natürlich nur ein Trick, um sich bei uns anzubiedern."
Georg VI. teilte auch das Mißtrauen gegen die Kontinentalen mit den Durchschnitts-Engländern. Nach der Katastrophe von Dünkirchen im Sommer 1940 schrieb der König an seine Mutter: "Persönlich bin ich jetzt glücklicher, weil wir keine Verbündeten mehr haben, zu denen wir höflich sein und die wir verwöhnen müssen."
Aus diesen Zeilen spricht der gleiche erzenglische Isolationismus, der den König im Herbst 1938 veranlaßt hatte; Chamberlains Ja zur Aufopferung der Tschechoslowakei zu unterstützen. Als Neville Chamberlain von der Münchner Konferenz zurückkehrte, erreichte ihn ein Befehl seines Souveräns, sofort im Königspalast zu erscheinen, "damit ich Ihnen persönlich meine allerherzlichsten Glückwünsche zum Erfolg Ihres Münchner Besuches ausdrucken kann". Der König trat sogar an der Seite Chamberlains auf den Balkon des Buckingham Palace und ließ sich von einer jubelnden Volksmenge feiern.
Echt englisch war auch sein Freimut. Den nach England geflohenen König Peter von Jugoslawien tadelte er, weil der an seiner Fliegeruniform eine goldene Uhrkette trug. "Nimm das Ding ab", riet der König. "Das sieht verdammt dumm und schlampig aus."
Zur Popularität Georgs VI. trug freilich auch der Umstand bei, daß dieser "König wider Willen", wie Wheeler-Bennett ihn nennt, die Briten auf eine besondere Art anzusprechen, ja zu rühren verstand. Die Briten mochten den Menschen Georg VI. gern - im Gegensatz zu seinem extravagant-nonchalanten Bruder Eduard; seine vielen Schwächen ließen ihn als einen Engländer unter vielen erscheinen.
Man wußte, daß der Monarch keine allzu frohe Jugendzeit erlebt hatte. Sein Bruder Eduard war der Lieblingssohn des Vaters, der mit tyrannischer Strenge die ganze Familie schulmeisterte. Als der 31jährige Prinz Albert von einer Weltreise zurückkehrte, hielt es Georg V. für notwendig, ihn vorher schriftlich zu ermahnen, er solle gefälligst den Hut abnehmen, wenn er auf dem Londoner Bahnhof seine Mutter küsse.
Darin zeigte sich, wie gering er seinen zweitältesten Sohn achtete, dem tatsächlich die intellektuelle Brillanz seines Bruders Eduard fehlte. An der Kadettenanstalt von Darlmouth kam er über die letzten Plätze in der Klassen-Rangliste niemals hinaus. Seine Gesundheit war so schwach, daß er den Dienst in der Marine aufgeben mußte. Gelegentliche Temperamentsausbrüche erhöhten keineswegs seine Beliebtheit beim Vater.
Dennoch war es gerade ihm, dem schwachen "König wider Willen", beschieden, den englischen Thron nach der Eduard-Krise neu im Volke zu befestigen. In wenigen Jahren gewann König Georg VI. gegenüber Volk und Regierung eine Position, wie sie nicht einmal sein Vater besessen hatte. Sein Ansehen wurde so groß, daß er es sogar wagen konnte, sich wiederholt in die Regierungspolitik einzuschalten. Das wurde besonders deutlich, als die Labour Party 1945 an die Macht kam.
"Du wirst finden, daß Deine Position sehr gestärkt ist", prophezeite ihm Vetter Mountbatten, "denn Du bist ja jetzt ein Veteran, auf den sich die neue Regierung stützen wird." Wie Wheeler-Bennett enthüllt, beeilte sich der Monarch, die Sozialisten von Maßnahmen abzubringen, die er für allzu radikal hielt.
Dem sozialistischen Premierminister Attlee etwa redete Georg VI. die Idee aus, den "Radikalen" Hugh Dalton zum Außenminister und Ernest Bevin zum Schatzkanzler zu ernennen. Diese Intervention des englischen Königs war möglicherweise ein Segen für das geschlagene Nachkriegs-Deutschland. Der deutsch-feindliche Historiker Taylor kommentiert: "Auf diese Weise verlor England, einen Außenminister, der die Deutschen nicht leiden konnte."
Georg-Biograph Wheeler-Bennett behauptet, der König habe "nicht selten" seine Labour-Minister bewogen, bereits getroffene Entscheidungen der Regierung rückgängig zu machen. Er habe auch Premierminister Attlee, der seit Frühjahr 1950 nur noch mit einer kleinen Parlamentsmehrheit regierte, überredet, Neuwahlen auszuschreiben - die Labour prompt verlor.
Die Enthüllungen Wheeler-Bennetts über die königlichen Interventionen überraschten jene Briten und Ausländer, denen die Legende lieb ist, daß englische Könige überhaupt keinen Anteil am politischen Leben des Landes mehr nehmen. Die Sonntagszeitung "Reynolds News" polemisierte unter Anspielung auf die Deutschland -Rede Königin Elizabeths anläßlich des Heuss-Besuches: "Wir haben von dem erstaunlichen Einfluß König Georgs VI. erfahren. Hoffentlich wird die Königin von ihren Beratern nicht ermuntert, eine ähnliche Rolle anzustreben!" Solcher Ermunterung bedarf es nicht:' Die Tochter Georgs VI. trug 1957 dafür Sorge, daß nicht der Linkskonservative Butler, sondern sein rechtsstehender Rivale Macmillan Nachfolger Premier Edens wurde.
Die Kritiker übersahen dabei allerdings, daß der König mit seinen politischen Initiativen wiederholt gescheitert war. Insgesamt sechsmal wollte König Georg vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges persönlich an Hitler, den Prinzregenten Paul von Jugoslawien und andere Staatsoberhäupter schreiben, um den Frieden zu retten: sechsmal jedoch redete Premier Chamberlain es ihm aus.
Nach dem Sturz Chamberlains (Georg: "Die konservativen Rebellen sollten sich schämen, ihn im Stich gelassen zu haben") wünschte der König als neuen Ministerpräsidenten den Lord Halifax; der ihm politisch am nächsten stand. Er mußte sich jedoch der Einsicht Chamberlains beugen, daß nach der Katastrophe von Dünkirchen für das englische Volk nur noch Churchill akzeptabel sei. Ebenso wurde 1943 der Vorschlag des Königs abgelehnt, die Landung in der Normandie aufzugeben und statt dessen' die alliierten Streitkräfte an der deutschen Südflanke zu konzentrieren.
Die politische Klugheit gebot ihm jedoch, Differenzen mit seinen Premierministern nie zu überspannen. Nur einmal ging er davon ab. Vor der alliierten Landung in der Normandie berichtete Churchill seinem König, er wolle auf einem Kriegsschiff die große Landeoperation miterleben; der Monarch erwiderte sofort, er werde sich dem Premierminister anschließen. Daraus entspann sich ein Streit, der in der Drohung Churchills gipfelte, er werde im Kabinett gegen die Pläne Seiner Majestät Stellung nehmen.
Der König gab zwar nach, wollte jedoch wenigstens dafür sorgen, daß auch Churchill die Reise nicht antreten könnte. Am Vorabend der Landung erklärte der König seinem Privatsekretär, er werde bei Sonnenaufgang nach Portsmouth fahren und sicherstellen, daß Churchill sich nicht einschiffe. Erst der Verzicht Churchills beendigte die Krise.
* John Wheeler-Bennett: "King George VI"; Verlag Macmillan, London; 891 Seiten; 60 sh.
Ex-König Eduard VIII.
"Für Englands Monarchen ...
... genügt die Marineschule": König Georg VI., Gemahlin

DER SPIEGEL 48/1958
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