26.11.1958

BRECHT-URAUFFÜHRUNGGangsterschau

Aus der Seitenloge schwingt sich eine weißgeschminkte Harlekinsfigur auf die Bühne, wirft den Rest einer Zigarette fort und fährt die erwartungsvoll im Dunkel sitzenden Zuschauer an: "Der Direktion ist bekannt: Es ist ein heikler Gegenstand. Ein gewisser zahlender Teil des sehr verehrten Publikums wünscht nicht daran erinnert zu werden."
Mit diesem Auftakt, der als dramaturgischer Gag nicht eben neu ist, möchte das Stuttgarter Staatsschauspiel das Interesse seines Publikums für eine Aufführung provozieren, die immerhin den Rang einer Rarität hat: die Uraufführung eines Schauspiels von Bertolt Brecht, der 1956 - als der gegenwärtig letzte deutsche Dramatiker von internationalem Rang - gestorben ist.
Uraufgeführt wurde, dem Stuttgarter Theaterzettel zufolge, ein "Gangsterspektakel": das Schauspiel "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui".
In siebzehn Szenen schildert Brecht den Aufstieg des Gangsters, in dessen Person der Dichter eine Karikatur Hitlers darzustellen Wünschte. Der Gangster Ui sieht seine Chance gekommen, als der Karfiol-Trust der imaginären nordamerikanischen Stadt Capoha vor dem Konkurs steht, weil er sein Handelsobjekt - Blumenkohl - nicht mehr verkaufen kann. Nur eine Anleihe, so argumentieren die Trust-Herren, würde den blumenkohlmarktbeherrschenden Großhändlern wieder auf die Beine helfen. Tatsächlich wollen sie das Geld, falls sie es bekommen, in die eigenen Taschen lancieren.
Mit den Details dieser Handlung wollte Brecht in Karikaturisten-Manier die Ereignisse im Deutschland der dreißiger Jahre darstellen, absichtsvoll so dürftig verschlüsselt, daß auch der primitivste Zuschauer erkennen könne, wer oder was gemeint war.
Die Trust-Herren wenden sich an ihren ehemaligen Kantinenpächter, der es inzwischen zum angesehenen Gastwirt gebracht hat - der Mann heißt Dogsborough; das Wort ist eine rohe Übersetzung des Namens Hindenburg ins Englische.
Dogsborough-Hindenburg lehnt zwar zunächst ab, sich bei den Oberen der Stadt für eine Anleihe zu verwenden, läßt sich dann aber doch bestechen. Der Gangster, dem diese Bestechung bekannt wurde, zwingt den alten Mann, für Arturo Ui zu bürgen und ihn den Blumenkohlhändlern als Überwacher und Machthaber vorzustellen.
In solcher Art zieht sich die Parallele zwischen dem Aufstieg des Gangsters Ui und der Konsolidierung Hitlers in Deutschland zuweilen etwas mühsam fort: Ein Speicherbrand steht symbolisch für den Reichstagsbrand, sogar der Röhm-Putsch wird vorgeführt; ein Vertrauter Uis, Ernesto Roma, ist das Opfer.
Inhaltsangabe Brechts für die 14. Szene:
"Ui trainiert klassische Posen, um als Volksheld auftreten zu können ..." Entsprechend erläutert der auf den Bühnenvorhang projizierte Zwischentext: "Dem Verlauten nach erhielt Hitler Unterricht in Deklamation und edlem Auftreten von dem Hofschauspieler Friedrich Basil." Der Epilog ermahnt die Zuschauer:
"Ihr aber lernet, wie man sieht statt stiert
und handelt; statt zu reden noch und noch.
So was hätt' einmal fast die Welt regiert!
Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
daß keiner uns zu froh da triumphiert -
der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch."
Die besondere Genugtuung, dieses Spektakel uraufführen zu können dürften die Stuttgarter dem Umstand verdanken, daß sich Brecht in seinen letzten Lebensjahren vornehmlich mit der Bearbeitung und Inszenierung wichtigerer Schauspiele befaßte:
Er hatte das etwas rohe und wenig elegante Stück als einen aktuellen Beitrag zur Kriegspropaganda im Jahre 1941 zu Papier gebracht, in Finnland, von wo aus er damals in die Vereinigten Staaten ging.
Schon den Amerikanern aber, denen er die Groteske anbot, mißfiel der Text. Ihnen war unsympathisch, daß Brecht Hitlers Politik für jedermann einleuchtend dadurch als verbrecherisch kennzeichnen wollte, daß er sie als eine Episode aus der Gangsterwelt Chicagos darstellte.
Brecht-Schauspiel in Stuttgart* Ein heikler Gegenstand
* Szenenbild aus "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui": Hans Mahnke als Dogsborough, Wolfgang Kieling als Arturo Ui.

DER SPIEGEL 48/1958
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