26.11.1958

FERNSEHEN / FERNSEH-SPIEGELQuizproquo / Von Telemann

Leider soll am 6. Dezember das schöne Kölner Quiz "Hart auf hart" zum letztenmal die Zuschauer erheitern, denn so hat es der Programmbeirat des Deutschen Fernsehens gewollt. Damit nun aber die Damen und Herren des Westdeutschen Rundfunks in ihrer Fernsehnot nicht verzweifeln, sondern bald ein neues Quiz unter dem Titel
"Wie es euch gefeltzt" oder "Was ihr sollt" herausbringen können, hat Telemann eins ersonnen, das er hiermit seinen Kölner Freunden zur Verfügung stellt.
Damit der nötige Ernst gewahrt bleibt, schlägt Telemann vor, den verdienten Sportreporter Hugo Murero zum Quizmaster zu bestellen. Das Quiz selbst beginnt mit dem sogenannten Kragenspiel. Neu daran ist, daß der Delinquent mittels eines Holzkragens in die Höhe gezogen wird, von wo aus er einige Fragen zu beantworten hat, etwa: "Nennt man Bismarck den Eisernen Kanzler?" (Um einem Protest des sozialdemokratischen Vertreters im Kuratorium zuvorzukommen, folgt als Ausgleich unverzüglich die Frage: "Liegt Hamburg an der Elbe oder nicht?", so daß die Unabhängigkeit des Programms gesichert bleibt.) Wer es fertigbringt, diese Fragen richtig zu beantworten, erhält dafür genau 5555,55 Mark. Wer es nicht fertigbringt, bekommt nur 5555,54 Mark.
Sodann wird umgeschaltet zu einem Platz, an dem sich mittlerweile 1000 Menschen versammelt haben, um den geheimnisvollen Gegenstand zu erraten. Auf dieses Spiel hat Telemann auch für das neue Quiz nicht verzichten wollen, weil ja gerade dadurch immer eine gewisse Spannung erzielt worden ist. Um eine Auslese zu erreichen, muß jeder ein Taschentuch mitbringen, das diskret vor die Kamera zu halten ist, damit jeder es an seinem Heimgerät identifizieren kann.
Zunächst kommen nur die ersten 50 Menschen zu Wort, von denen jeder ganz kurz seine Lebensgeschichte erzählt, ehe er äußert, daß es sich bei dem geheimnisvollen Gegenstand zum Beispiel um eine lockere Schraube oder auch um einen Atomkern handelt, was aber beides nicht zutreffen wird. Nachdem Telemann, der die Rolle des rechtskundigen Helfers zu gern selber übernehmen würde, die Antwort "Falsch!" fünfzigmal variiert hat, wird ins Studio zurückgeschaltet, wo das nächste Spiel gestaltet werden soll.
Es ist das sogenannte Zahlenspiel, auch Muschelspiel genannt. Die Stelle des Quizmasters nimmt ein Mister Jokerface ein, der dem Betreffenden ein Kartenspiel hinhält. Zieht der Patient-Pik oder Kreuz, so muß er ganz schnell bis 99 zählen. Zieht er dagegen Herz oder Karo, so hat er es leichter, weil er nur bis 88 zählen muß.
Dies getan, wird ihm eine große Muschel gereicht, in die er hineinhorchen muß. Nach einer Bedenkzeit von 30 Sekunden hat er zu entscheiden, ob die Muschel aus der Ostsee oder aus der Nordsee stammt. Tippt er auf die Ostsee, so darf er aus einem roten Behälter (Jokerface scherzend: "Rot ist die Liebe - oh, Sie kleiner Schelm!") ein Los ziehen. Hat er sich für die Nordsee ausgesprochen, so muß er in einen grünen Behälter greifen.
Auf jedem Los steht: "Jokerface wird jetzt versuchen, Sie zum Lachen zu bringen." Und tatsächlich grimassiert Jokerface sogleich, um dem Betroffenen ein Schmunzeln abzunötigen. Nach fünf Minuten Kampf entscheidet Hugo Heinrich Murero, wer gewonnen hat. Ist es der Patient, so erhält er dafür 5555,55 Mark. Hat er jedoch verloren, so bekommt er nur 5555,54 Mark.
Nachdem das vorüber ist, wird wiederum zum geheimnisvollen Gegenstand umgeschaltet. Dort werden weitere 30 Minuten damit herausgeholt, daß 50 Menschen ganz kurz ihr Schicksal berichten, um sodann mitzuteilen, der geheimnisvolle Gegenstand sei in Wirklichkeit ein Bahnhof, was jedoch wieder nicht zutreffen wird.
Im Studio beginnt alsdann das dritte Spiel, das sogenannte Gedankenlesen, bei dem die Fernsehteilnehmer daheim mitspielen. Im Studio wird jemand in einen Glaskasten gesetzt, wo er scharf nachdenken muß. Mittels Großaufnahme erscheint jetzt das Gesicht des Denkers in jedermanns Zimmer, und so können alle miterleben, wie das Denken ein menschliches Antlitz entstellen kann. Wer im Publikum jetzt errät, woran der Denker denkt, soll es auf eine Postkarte schreiben und an sein Fernsehen schicken, wo es ausgewertet wird. Die Idee, auf die dann die meisten gekommen sind, soll die richtige Lösung sein.
Inzwischen aber ist wieder zum geheimnisvollen Gegenstand umgeschaltet worden, und die nächsten 50 Menschen vertrauen Lust und Leid ihres Lebens dem Fernsehen an, ehe sie aussprechen, daß es sich bei dem Gegenstand vielleicht um Rhabarber handelt. Und als rechtskundiger Helfer wird Telemann es nicht versäumen, jedesmal mit einem kleinen Scherz zu erwidern, daß es falsch ist.
Bei dem neuen Quiz wird übrigens natürlich niemand wissen, was der geheimnisvolle Gegenstand eigentlich ist.
Ist denn noch ein Geheimnis, was jemand weiß? Obendrein ist es so auch leichter, einen zu finden. Da Telemann gern angelt, wird er sicherlich mancherlei herausziehen, was sich eignet, weil noch keines Menschen Auge es je erblickt hat. Und nur so kann man im Deutschen Fernsehen, dessen Kräfte nach Einsicht des Intendanten Hanns Hartmann nur für ein zweistündiges Tagesprogramm reichen (und auch das nur knapp), anderthalb Stunden überstehen.
Merke, was schon La Rochefoucauld zu seiner Zeit tröstend gesungen hat: "Fremdes Quizgeschick zu fragen, sind wir alle stark genug."
Von Telemann

DER SPIEGEL 48/1958
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