26.11.1958

FEIERTAGS-BESTIMMUNGENFußball am Bußtag?

Das Fußball-Länderspiel Deutschland - Österreich, das vom Deutschen Fernsehen am vergangenen Mittwoch, dem gesetzlich verfügten Buß- und Bettag, in die Wohnstätten von fast zwei Millionen Gerätebesitzern übertragen wurde, hat den evangelischen Fernseh-Pfarrer Werner Hess zu einem Schritt von grundsätzlicher Bedeutung veranlaßt. Wenige Tage vor der Übertragung protestierte der Gottesmann, der namens der Evangelischen Kirche in Deutschland das Geschehen auf der mausgrauen Bildscheibe beobachtet und begutachtet, in einem Schreiben an den Berliner, Fernseh-Sender gegen "eine solche Herabwürdigung des Buß- und Bettages".
Empörte sich Hess: "Wenn schon die Tatsache der Veranstaltung eines Fußballspiels an diesem ernsten Feiertag eine mehr als peinliche Sache ist, die auch in einzelnen Bundesländern sogar ausdrücklich durch das Feiertagsgesetz untersagt ist, so bedeutet die Tatsache, daß dieses Spiel durch das Fernsehen über die gesamte Bundesrepublik verbreitet wird, eine zusätzliche Verschärfung."
Der Berliner Intendant Geerdes fühlte sich indes durch den Protest nicht zum Einschreiten gedrängt. Die Mitglieder der Ständigen Fernsehprogrammkonferenz hatten schon Wochen zuvor entschieden, die populäre Fußball-Gaudi keineswegs der verordneten Feiertagsstille zu opfern, und die Argumente sprachen eindeutig zu ihren Gunsten. Das Spiel war von den Fußballfunktionären für diesen Termin vereinbart worden; die Fernseh-Verantwortlichen folgten also lediglich ihrer Verpflichtung zu unvoreingenommener Berichterstattung, wenn sie die Veranstaltung samt dem Kuhglockengebimmel und Horngeschmetter der Tribünenbesucher übertrugen.
Überdies können die Fernseh-Direktoren darauf verweisen, daß sie auch die Interessen des katholischen Volksteils zu wahren haben, der Buß- und Bettag aber nur im evangelischen Bevölkerungsteil eine gewisse Tradition hat. Der Buß- und Bettag gehört nächst dem Karfreitag, dem Volkstrauertag und dem Totensonntag zu den Tagen, die in allen westdeutschen Gemeinden mit überwiegend protestantischer Bevölkerung besonderen Feiertagsschutz genießen; in den Gebieten mit überwiegend katholischer Bevölkerung dagegen ist er ebensowenig populär geworden wie das Fronleichnamsfest, das Allerheiligenfest oder Allerseelen in vornehmlich evangelischen Regionen.
Die Geistlichkeit der evangelischen Landeskirchen, obwohl um eine religiöse Aufwertung des Feiertags bemüht, erhob bislang keinen nachhaltigen Widerspruch, wenn die Polizei Ausnahme-Genehmigungen für Veranstaltungen erteilte, die normalerweise unter die Verbote der Feiertagsschutz-Bestimmungen fallen. Es handelte sich vor allem um sportliche Wettkämpfe von überregionaler Bedeutung.
Es war daher lediglich ein formaler Akt, als der Verband Berliner Ballspielvereine beim Westberliner Senator für Inneres gemäß Paragraph 9 der Feiertagsschutz-Verordnung vom 10. November 1954 das "Vorliegen eines besonders dringenden Bedürfnisses" nachwies und für das Länderspiel eine Ausnahme-Genehmigung erbat. Die Erlaubnis, die das Verbot gemäß Paragraph 5 (der Feiertagsschutz-Verordnung) aufhob, demzufolge "sportliche, turnerische und ähnliche Veranstaltungen gewerblicher Art" am Buß- und Bettag nicht arrangiert werden dürfen, wurde erteilt.
Ähnlich hatten die Behörden in den vergangenen zwei Jahren entschieden: Am Buß- und Bettag 1956 standen sich die Nationalmannschaften Deutschlands und der Schweiz zum Länderkampf in Frankfurt (Main) gegenüber, und am Buß- und Bettag 1957 waren in Hamburg die Fußball-Nationalmannschaften Deutschlands und Schwedens aufeinander getroffen.
Das Deutsche Fernsehen übertrug beide Spiele, ohne daß der Pfarrer Hess, der auch damals schon über die Feiertagskeuschheit des Fernsehens wachte, sich zu Protesten herausgefordert fühlte.
Fernseh-Pfarrer Hess
"Herabwürdigung des Bußtags"

DER SPIEGEL 48/1958
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