26.11.1958

BLUT-ALKOHOLGenuß ohne Furcht

Vierzehn Monate lang haben Ärzte und Psychologen des Medizinisch-Psychologischen Instituts für Verkehrssicherheit beim Technischen Überwachungsverein in Stuttgart ein Medikament getestet, das von den Herstellern jüngst unter dem verheißungsvollen Werbe-Slogan "Genuß ohne Furcht" auf den Markt gebracht worden ist. Der Name des Präparats - "Promill-Ex" - gibt jedem Kraftfahrer Aufschluß darüber, wie dieser Reklamespruch zu interpretieren ist: Das Mittel beschleunigt den Abbau des Alkohols im Körper und senkt mithin den Blutalkohol-Spiegel - also jenen gefürchteten Promille-Wert, den Verkehrsrichter als Bewertungsnorm benutzen, wenn sie entscheiden sollen, ob ein Autofahrer sich der "Trunkenheit am Steuer" schuldig gemacht hat oder nicht.
Die Wissenschaftler des Medizinisch-Psychologischen Instituts bestätigen in dem Gutachten, das sie nach ihrer monatelangen Testarbeit Anfang dieses Monats abgaben: "Die gleichzeitige Einnahme von Alkohol und Mittel ruft eine Senkung der Blutalkoholwerte hervor... Bei den medizinischen Untersuchungen (von Testpersonen) zeigte sich ... eine eindeutig günstige Wirkung im Bereich des vegetativen Nervensystems*, im Bereich des Gleichgewichtsvermögens ... sowie im Bereich des Sprachvermögens."
Bei der psychologischen Untersuchung, schrieben die Wissenschaftler, habe sich bei gleichzeitiger Wirkung von Alkohol und Präparat "eine Steigerung der psychophysischen Leistungsfähigkeit" beobachten lassen, ferner "eine Harmonisierung und Stabilisierung im Bereich der Persönlichkeit und eine leichte Niveauerhöhung der geistigen Leistungen". Der Prüfer Dr. Kummer, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, versicherte: "Diese Wirkungen unterscheiden sich deutlich von den entsprechenden Ergebnissen, die im alkoholisierten Zustand (ohne Einnahme des Präparats) festzustellen waren."
Bislang existierte auf dem deutschen Markt kein Medikament, das in einer Testserie derart positive Ergebnisse ermöglichte. Diesen Sachverhalt hatte der Leiter des Instituts für Gerichtliche Medizin der Bonner Universität, Professor Dr. Herbert Elbel, vor zwei Jahren beschrieben: "Unsere Kenntnisse über den Alkohol-Stoffwechsel und die praktische Erfahrung berechtigen zu dem Schluß, daß es kein für die Hand des Konsumenten geeignetes Mittel gibt, einen Rauschzustand, vor allem aber den Stoffwechsel des Alkohols nach erfolgter Resorption ... entscheidend zu beeinflussen." Professor Elbel zählte damals die Medikamente auf, die mit teils hochgestochenen Ankündigungen auf den Markt kamen, geprüft wurden und alsbald weitgehend in Vergessenheit gerieten: "Stop", "Pekasin", "Bavarin 604" oder "Alkstop".
Auch die Experimente, die vor einigen Jahren mit Lävulose - einem Fruchtzucker - vorgenommen wurden, enttäuschten. Es zeigte sich zwar, daß die Lävulose den Rausch milderte und auch den Alkoholabbau im Blut beschleunigte, aber die notwendigen Lävulose-Mengen waren viel zu groß, als daß ein Zecher sie am Biertisch hätte mit sich führen können: Das Verhältnis von Lävulose zu Alkohol mußte mindestens 2:1 sein. So ist es verständlich, daß die Prüfer des Medizinisch-Psychologischen Instituts für Verkehrssicherheit nach eigener Aussage "sehr skeptisch" waren, als der in Stuttgart - Bad Cannstatt praktizierende Arzt Dr. Schönberger ihnen die "Promill-Ex"-Präparate zur Untersuchung vorlegte, die er in seinem kleinen Privat-Labor aus Hefe-Ferment-Systemen, Fettsäuren, Lezithin, Kaffee-Extrakten und Vitaminen zusammengebraut hatte. Dennoch leitete Dr. Kummer für das Institut eine Versuchsreihe mit 23 Freiwilligen von unterschiedlichem Körperbau ein. Unter den Testpersonen, die zwischen 20 und 52 Jahren alt waren, befanden sich abgehärtete Zecher, aber auch alkoholempfindliche Abstinenzler.
Die Freiwilligen mußten drei Untersuchungen über sich ergehen lassen - eine im nüchternen Zustand, eine nach dem Genuß von etwa 260 bis 280 Kubikzentimeter einer "gesetzlich geschützten Weinbrand-Marke" und eine weitere nach dem gleichzeitigen Genuß von Alkohol und "Promill-Ex".
Wenn die Versuchspersonen zum kostenlosen Genuß von zweimal je zwölf Glas Weinbrand in das Institut kamen, konfrontierten die Prüfer sie mit der sogenannten "Test-Batterie", einem Test-Verfahren, das die Stuttgarter Verkehrssicherheits-Experten seit Jahren beiFührerschein-Aspiranten, "Unfällern" oder "bedingt fahrtüchtigen" Personen einsetzen.
Zunächst wurden die noch nüchternen Freiwilligen zur Überprüfung ihrer Wahrnehmungs- und Bewegungsfunktionen in das "Nachfahrgerät" gesetzt, das einem Auto-Führersitz entspricht und mit Lenkrad, Gas-, Brems- und Kupplungspedal ausgestattet ist. Der Prüfling steuert ein kleines Lämpchen einer kurvenreichen schwarzen Linie auf weißer Leinwand nach, wird durch Scheinwerfer und Rotlicht geschreckt, sieht neben und hinter sich Glühbirnen aufleuchten und muß - während des Lenkens - auf diese Erscheinungen durch Pedal- oder Knopfdruck reagieren.
Dann begann die Test-Reihe, die nach einem ausgeklügelten und bewährten System die Vorzüge und Schwächen der Versuchspersonen enthüllen soll:
- Beim Pfister-Test müssen Pyramiden aus kleinen Farbplättchen errichtet werden, wobei die Wahl der Farbe und ihre Verwendung Aufschluß über die psychische Situation der Versuchsperson - depressiv, optimistisch, schwankend - geben soll.
- Beim Wartegg-Test muß der Prüfling Punkte und Striche zu möglichst sinnvollen Zeichnungen ergänzen. Dieser Versuch soll Phantasie und Einfühlungsvermögen der Testperson offenbaren.
- Beim Schraffier-Test muß ein Rechteck mit schrägen Linien ausgefüllt werden. Die Schnelligkeit und Sorgfalt, mit der ein Prüfling die Aufgabe bewältigt, gelten als "Indikatoren für die Realitäts-Anpassung".
- Beim Baum-Test ist ein Baum zu zeichnen, was gleichfalls ermöglichen soll, "den Sinn für Realität" festzustellen.
- Beim Waben-Test sollen sechs vorgezeichnete Waben als gleichmäßige Kette weitergezeichnet werden, was den Prüfern Aufschluß über die "optische Sorgfalt" der Testpersonen gibt.
- Beim Konzentrations-Verlaufs-Test müssen Kärtchen mit Zahlen nach bestimmten Ziffern sortiert werden, wobei der Prüfling seine Konzentrationsfähigkeit zu beweisen hat.
- Bei der sogenannten Visualitätsprobe muß die Testperson auf einem Muster-Blatt möglichst rasch zu erkennen versuchen, welches von sechs Auswahlstücken in die Lücke einer Zeichnung paßt.
Außerdem verglichen die Prüfer Schriftproben, die alle Testpersonen in den drei Prüf-Phasen - nüchtern, alkoholisiert und nach gleichzeitigem Genuß von Alkohol und "Promill-Ex"-anzufertigen hatten.
Konstatiert Dr. Kummer in seinem Gutachten: "Alle Versuchspersonen zeigten nach der Aufnahme von Alkohol (ohne 'Promill-Ex') sehr starke Beeinträchtigungen des vegetativen Nervensystems, eine Störung des Gleichgewichtsapparates, der geordneten Zusammenarbeit der Sinnesorgane und des Bewegungsapparates(Koordination) sowie Sprachstörungen." Ferner ergaben sich "eine eindeutige, starke Beeinträchtigung des subjektiven und objektiven Befindens sowie eine Neigung zu Enthemmung und Auffaserung der Persönlichkeitsstruktur... weiterhin eine starke Herabsetzung ihrer vitalen Spannung". Zudem wurde bei neun der 23 Personen deutlich eine toxische - vergiftende - Alkoholwirkung registriert.
In der Test-Serie, in der die Versuchspersonen nach jedem zweiten Weinbrand eine "Promill-Ex"-Kapsel schluckten, war bei 21 Freiwilligen "keine sehr starke Beeinträchtigung" des vegetativen Nervensystems mehr festzustellen; nur bei zwei Versuchspersonen konnten die Prüfer eine "noch deutliche Beeinträchtigung" beobachten.
"Starke Unsicherheit" wies in dieser Test-Serie kein Prüfling auf, zwanzig litten an "leichter" Unsicherheit, zwei Personen ließen "normales Verhalten" erkennen. Die Sprechfunktion war nur bei einem Prüfling "stark" beeinträchtigt, bei 19 Personen herrschte eine leichte sprachliche Unsicherheit, und drei zeigten "normales Sprechverhalten".
50 Pfennig Aufschlag
Nach dem Genuß von zwölf Glas Weinbrand und sechs Kapseln, die in zehnminütigen Abständen geschluckt wurden, wiesen nur zwei Prüflinge "starke Enthemmungserscheinungen" auf. Dreizehn ließen "leichtere Auflockerungserscheinungen" und drei "ausgeglichenes Verhalten" erkennen. Fünf Personen waren noch "leicht gehemmt". Bei keinem Prüfling war eine toxische Wirkung des Alkohols festzustellen.
Tester und Prüflinge waren besonders davon beeindruckt, daß das Mittel in der Tat den Blutalkoholwert, also die Anzahl der Promille, beachtlich senkte - im Durchschnitt um 30 bis 50 Prozent.
Die Blutproben, die den Prüflingen nach dem ersten Weinbrand-Gelage, in dessen Verlauf keine Kapseln verabfolgt wurden, entnommen worden waren, ergaben einen Alkoholgehalt von 1,52 bis 1,62 Promille. Die Blutproben, die den Testpersonen nach einem zweiten Weinbrand-Gelage abgezapft wurden, bei dem sie nach jedem zweiten Glas Weinbrand eine Kapsel schluckten, wiesen einer beträchtlich geringeren Promille-Wert auf: nur noch 0,7 bis 0,8 Promille.
In Anbetracht dieser beeindruckenden Versuchsergebnisse konstatierte der Prüfer Dr. Kummer in seinem Gutachten:, "Abschließend soll gesagt werden, daß es sich bei den genannten Versuchen um die ersten ihrer Art handelt, die bei einem Mittel auf breiter Untersuchungsbasis positive Ergebnisse gezeigt haben. Die hiesigen Untersuchungsergebnisse ermutigen in eindeutiger Weise zu einer Fortführung der Forschung auf diesem Gebiet."
Alle Befürchtungen, daß das Präparat die Kraftfahrer zu ungehemmtem Alkoholgenuß verleiten und mithin eine neue Unfallgefahr heraufbeschwören könnte, glaubt Dr. Kummer mit einem Hinweis auf den Preis des Präparats zerstreuen zu können: Eine Packung mit fünf Kapseln kostet 2,70 Mark.
Da die Hersteller als Dosierungs-Faustregel "eine Kapsel bei 1/4 Liter Wein oder Sekt oder bei 1/2' Liter Bier oder bei einem doppelten Weinbrand" empfehlen, ist Kummer überzeugt: "Auf jeden Doppelkognak oder jedes Viertele über 50 Pfennig Aufschlag - das merkt man schon."
* Das vegetative Nervensystem regelt die unbewußten Körperfunktionen, zum Beispiel die Atmung und die Drüsentätigkeit.
"Promill-Ex"-Test: Der Blutalkohol-Spiegel sinkt

DER SPIEGEL 48/1958
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