26.11.1958

WERFELDas Satyrspiel

Auf der Flucht vor den herannahenden deutschen Truppen rastete im Sommer 1940 der österreichische Emigrant Franz Werfel, einer der prominentesten Lyriker des deutschen Expressionismus, im französischen Wallfahrtsort Lourdes. Der jüdische Kaufmannssohn aus Prag, ein gläubiger Katholik, legte an der geweihten Stätte der Wunderheilungen ein merkwürdiges Gelübde ab, das er später wortgetreu aufzeichnete: "Werde ich herausgeführt aus dieser verzweifelten Lage und darf die rettende Küste Amerikas erreichen..., dann will ich als erstes vor jeder anderen Arbeit das Lied von Bernadette singen, so gut ich es kann" - das Lied der Müllerstochter Bernadette Soubirous also, die in einer Grotte bei Lourdes die Erscheinung der Jungfrau Maria gesehen haben wollte und damit den Pilgerruhm der südfranzösischen Stadt begründete.
Der Roman "Das Lied von Bernadette", den der Dichter nach gelungener Flucht zur Erfüllung des Gelübdes verfaßte, wurde ein internationaler Bestseller, und auch der Film, den ein Hollywood-Konzern 1943 nach diesem bekanntesten Werfel-Buch drehte, erwies sich als beachtlicher Erfolg.
"Doch jede klassische Tragödie hat auch ein Satyrspiel", notierte der Feuilletonist Willy Haas, der dem Dichter Werfel "jahrelang Wegbegleiter" gewesen war. "Und dieses Satyrspiel war die Komödie 'Jakobowsky und der Oberst'."
Dem Satyrspiel war das gleiche Schicksal beschieden wie dem "Lied von Bernadette" - es wurde mit eindrucksvollem Erfolg dramatisiert und verfilmt. Anfang des Monats wurde die Kinoversion, die der Hollywood-Produzent William Goetz hergestellt hat, in der Bundesrepublik uraufgeführt. Und so wird das deutsche Publikum mit zwölfjährigem Abstand noch einmal einer vorteilhaft aufpolierten Fassung des Bühnenstücks begegnen, das erstmals 1947 - mit recht unterschiedlicher Wirkung - auf deutschen Bühnen gezeigt wurde.
Franz Werfel hatte die Handlung seines Stücks aus persönlichen Erfahrungen gespeist. Im chaotischen Flüchtlingsstrom des Sommers 1940, während der verzweifelten Rückzugsschlacht gegen Bürokraten und Defätisten, war er bei aller Todesnot und Bedrängnis oft in absurde und komische Situationen geraten, die er in seinem letzten Exil, dem kalifornischen Filmstar-Dorado Beverly Hills, zu einem Bühnenstück verschmolz: "Jakobowsky und der Oberst" ist nach der Etikettierung des Dichters die "Komödie einer Tragödie".
Das Werk erregte damals die Aufmerksamkeit des Broadway-Routiniers Samuel Nathaniel Behrman, der sich als Drehbuchschreiber für Greta Garbo hervorgetan hatte und im Winter 1943/44 auf der Suche nach aufpulvernden Komödien für die in einer Flaute dahindösende New Yorker Theaterstraße war. Der linksradikale Dramatiker Clifford Odets, dem das Stück zur Bearbeitung zugeleitet worden war, hatte es als "nicht bühnenwirksam" zurückgegeben. Behrman modelte nun den Entwurf des weltumarmenden Lyrikers Werfel so energisch um, daß auf dem Programmzettel der Autoren-Vermerk erscheinen konnte: "Von S.N. Behrman, nach einem Original-Stück von Franz Werfel."
Mit Oscar Karlweis, Louis Calhern und Annabella in den Hauptrollen wurde die New Yorker Aufführung zu einem nachhaltigen Erfolg. Allein die Vorstellungen am Broadway überdauerten Werfels Tod im August 1945, sie waren zwei Jahre lang ausverkauft.
Die "Komödie einer Tragödie" bezog ihre Wirkung aus der Gegenüberstellung zweier polnischer Emigranten im Chaos des französischen Zusammenbruchs. Werfel beschrieb die Konfrontation im Vorwort seines Bühnenmanuskripts:
"In einem kleinen Pariser Hotel finden sich, beide durch die europäische Katastrophe aus der Bahn geworfen, zwei gesellschaftliche Antipoden: ein flüchtiger jüdischer Industrieller und ein polnischer Oberst, zwei Menschen, die unter gewöhnlichen Umständen kaum miteinander gesprochen hätten. Nun aber kettet sie das Schicksal und insbesondere der Umstand aneinander, daß der jüdische Flüchtling ein Auto besitzt und der flüchtige Offizier chauffieren kann . . . In den scheinbar unlöslichen Kalamitäten, in die sie immer wieder geraten, erweist sich der Jude als erfindungsreicher Helfer in der Not, während der weltfremde polnische Reiteroffizier dauernd in einer romantischen Sphäre schwebt."
Der Berufsmilitär, Oberst Prokoszny, ein Antisemit, war eine "Wein-Weib-Gesang-Erscheinung aus dem 12. Jahrhundert", deren Weisheit in dem Satz gipfelte: "Ich rieche Kampf, ich lebe wieder!" Der Jude Jakobowsky dagegen war ein "Virtuose des Flüchtens": "Ich habe die meiste Zeit meines Lebens damit zugebracht, Bürger irgendeines Landes zu werden." Vor einem polnischen Judenpogrom floh er nach Berlin. Über Wien, Prag, Paris reiste er - wie einst Autor Werfel - vor Hitlers Wehrmacht her. Jakobowsky: "Und nun begebe ich mich in meine fünfte Emigration."
Jude und Judenhasser begeben sich gemeinsam auf die Flucht - in dem Kraftwagen, den der pfiffige Jakobowsky aufgetrieben hat. Der hochromantische Aristokrat verlangt allerdings, daß man erst einmal in umgekehrte Richtung - also in Richtung auf die heranrollende deutsche Armee - steuere, damit er seine französische Freundin in Obhut nehmen könne. Der galante Handstreich gelingt, und danach erst beginnt eigentlich die Flucht, auf der sich der sanftmütige Zivilist dem standesstolzen Offizier als trickreicher Taktiker überlegen zeigt.
Dem reaktionsschnellen Juden Jakobowsky verdankt der Oberst schließlich, daß er auch in letzter Minute einer Falle entrinnen kann, die ihm die deutsche Feldpolizei gestellt hat. Mit Hilfe eines britischen U-Bootes entkommen die beiden zum Happy-End nach England, nachdem der Oberst und Jakobowsky psychologisch voneinander profitiert haben - "der eine, indem er lernt, daß die Kompromisse, die er verachtet, schon oft ihren Sinn haben, der andere, daß es in entscheidenden Augenblicken keine Kompromisse mehr gibt" ("Aufbau").
Als das Stück zwei Jahre nach Kriegsende im Berliner Hebbel-Theater aufgeführt wurde, sahen sich allerdings die Kritiker angesichts "peinlicher Publikumsreaktionen" zu der Klage genötigt, das Zeitstück sei verfrüht vor das deutsche Publikum geraten. "Die Deutschen haben nicht das Recht, sich mit der Bekräftigung der Versäumnisse des Auslandes um die eigene Verantwortung herumzuschwindeln", rügte damals der SED-Kritiker Wolfgang Harich in der sowjetisch redigierten "Täglichen Rundschau".
Das Publikum pflegte stets bei einer bestimmten Passage des Stücks spontan in Beifall und Jubel auszubrechen: Wenn nämlich Jakobowsky beklagte, daß andere Nationen nichts gegen Hitler unternommen hätten, solange er sie nicht selbst bedrohte - daß sie demnach mitschuldig seien an dem, was der Diktator Deutschland und den Juden angetan habe.
Harich räumte zwar dem Juden Werfel das Recht zur Anklage ein, verurteilte aber die "töricht-selbstgefälligen Reaktionen" der deutschen Theaterbesucher. Sie bewiesen, folgerte er, "daß die Aufführung vor Deutschen ein grober Verstoß gegen das Taktgefühl und den guten Geschmack" sei, "ein Narkotikum für das schlechte Gewissen, eine Beruhigungspille für Nazis".
Seit die Witwe Alma Mahler-Werfel den Manuskript-Entwurf "Jakobowsky und der Oberst" der California-Universität in Los Angeles vermacht hatte, liebäugelte der Broadway-Autor Behrman mit einer Verfilmung der Tragikomödie. Anfang dieses Jahres schließlich wurde das Projekt von dem Produzenten Goetz und der Columbia-Filmgesellschaft verwirklicht. Als Hauptdarsteller ließen sich der unter dem Künstlernamen Danny Kaye bekannt gewordene jüdische Schauspieler Daniel Kaminsky, 45, und der "normannische Schrank" Curd Jürgens, 42, dankbar dingen.
Das Leinwand-Opus wurde bei seiner New Yorker Premiere und bei einer Hofvorstellung vor der englischen Königin von den Kritikern mit einhelliger Zustimmung bedacht. "Dies ist einer der seltenen Fälle", lobte Manfred George im New Yorker "Aufbau", "in denen der Film besser ist als das Drama."
Curd Jürgens, der sich in vielen prahlerischen Heldenrollen verschlissen hat, spielte als Oberst zwar mit dem chargierenden Schnauf-Pathos, das er seit der General-Harras-Rolle in "Des Teufels General" nicht mehr abzulegen vermag. Aber Danny
Kaye bewältigte die Partie des Jakobowsky, in vollendeter Form, so daß die amerikanische "Time" lobte: Danny Kaye habe in diesem Film zum erstenmal alles unterdrückt, was ihm den Titel "Größter Clown der Welt" eingetragen habe. Das Resultat sei "einer der witzigsten Filme, die Danny Kaye je gemacht hat".
Nach der Premiere von "Jakobowsky und der Oberst" in der Bundesrepublik konnte die Deutsche Presse-Agentur vermelden, daß die Film-Komödie "unter herzlichem Beifall" aufgeführt worden sei. Diesmal hatte nämlich das deutsche Publikum keinen Anlaß, über die Worte des Juden Jakobowsky zu jubeln, daß die Demokratien nicht gegen Hitler vorgegangen seien, solange er sie nicht selber bedroht habe. Die Drehbuch-Autoren hatten die bittere Anklage des Emigranten Werfel vorsorglich nicht in die Filmfassung übernommen.
Dichter Werfel (1930)
Gelübde in Lourdes
Szene aus "Jakobowsky und der Oberst": Komödie einer Tragödie
* Links: Curd Jürgens, rechts: Danny Kaye.

DER SPIEGEL 48/1958
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