26.11.1958

BIBELSENDUNGVerkäufer im Tempel

"Werbefunk Saar GmbH", eine Tochtergesellschaft des Saarländischen Rundfunks, die über den Sender Saarbrücken Rundfunkreklame betreibt, hat jüngst aus ihren Kontobüchern einen Einnahmeposten endgültig streichen müssen, der ihr allmonatlich in schöner Regelmäßigkeit zugeflossen war. Es handelt sich um 100 000 Franken - rund 1000 Mark -, die von der amerikanischen Anzeigen-Agentur John M. Camp Company (Wheaton, Illionois) jeden Monat an die Werbe-Leute von Radio Saarbrücken überwiesen wurden, bis die Sendeleitung den Geschäftskontakt höheren Einsichten opferte.
Im Auftrag der in Lincoln (Nebraska) ansässigen Bibel-Gesellschaft "Back To The Bible Broadcast", einer der vielen privaten amerikanischen Gruppen, die sich der Verkündung des Bibelwortes über den Rundfunk annehmen, hatte die Werbe-Agentur John M. Camp allwöchentlich Bänder mit Bibelsendungen in deutscher Sprache an die Saarbrücker Werbefunk-Gesellschaft geschickt. Die Bänder wurden regelmäßig an Montagen, mittags von 14.45 bis 15 Uhr, im normalen Programm abgespielt, und im Funkhaus herrschte über die zusätzlichen Einnahmen, aber auch über die willkommene Bereicherung des christlichen Programmteils von Radio Saarbrücken eitel Freude.
Nach dem Abspielen einiger frommer Lieder und Choräle meldete sich in dieser Sendung ein anonymer Sprecher, der mitteilte, daß die Hörer der "Stimme des Evangeliums" lauschten. Was die saarländischen Radiohörer dann - musikalisch umrahmt - an frommen Bibelworten vernahmen, unterschied sich scheinbar nicht von dem, was sie auch im sonntäglichen Gottesdienst hören konnten.
"Jesus Christus", verkündete der Sprecher etwa, "ist Fleisch geworden, am Kreuze gestorben, um uns zu erretten, um uns wieder neu zu erschaffen im Ebenbilde und Gleichnis Gottes, und um uns das ewige Leben zu schenken, durch den Glauben, durch die Gnade Gottes ... Ich hoffe, daß Ihr diese persönliche Erfahrung mit Jesus Christus gemacht und ihn als Heiland und Erretter anerkannt habt und durch den Glauben das ewige Leben besitzt ..."
Nachdem die Sendung mehrmals ausgestrahlt worden war, sah sich selbst die katholische Geistlichkeit veranlaßt, die Frömmigkeit der Saarbrücker Rundfunkleute rühmend hervorzuheben. Der "Paulinus", das Hausblatt des Bischofs von Trier, zu dessen Amtsbereich auch das zu drei Vierteln von Katholiken bevölkerte Saarland gehört, empfahl "Die Stimme des Evangeliums" unter der Rubrik: "Sendungen, die uns interessieren". Etliche katholische Priester ließen es sich daraufhin nicht nehmen, sogar von der Kanzel herab auf diese Sendung hinzuweisen.
Allerdings hatten sich weder das bischöfliche Sekretariat in Trier noch die Priester im Saarland jemals die Mühe gemacht, auf ein Angebot einzugehen, daß den Hörern der "Stimme des Evangeliums" jeden Montag aufs neue aus dem Radio entgegentönte. "Wir möchten Sie freundlichst einladen", lautete das Angebot, "uns zu schreiben, um das Buch von der Gabe des Heiligen Geistes zu empfangen. Unsere Anschrift: ,Stimme des Evangeliums', Postfach 11 013, Frankfurt am Main."
Es war ein junger katholischer Lehrer aus dem saarländischen Dorf Urexweiler bei St. Wendel, der es schließlich unternahm, nach Frankfurt zu schreiben, um das offerierte "Buch von der Gabe des Heiligen Geistes" zu studieren. Die Postsendung, die daraufhin bei ihm eintraf - Absender: 'Stimme des Evangeliums' in Frankfurt, Stettenstraße 34 -, enthielt eine Miniaturausgabe des Neuen Testaments und zwei Broschüren mit den Titeln "Gewißheit" und "Friede und Sicherheit".
Bei dem Neuen Testament handelte es sich, wie der Dorflehrer schnell feststellen konnte, um "eine ganz normale Ausgabe, die nicht zu beanstanden ist". Die Lektüre der beiden (in der Schweiz gedruckten) Broschüren hingegen erboste ihn so sehr, daß er sich postwendend an den Saarländischen Rundfunk wandte.
"Die beiden Broschüren", teilte er den Rundfunk-Leuten mit, "gehen darauf aus, im Endeffekt jede Kirche zu brandmarken und zu verdammen ... Es wimmelt darin nur so von versteckten Angriffen, insbesondere gegen die katholische Kirche, gegen den Papst, gegen die Sakramente, gegen die katholische Dogmatik und Sittenlehre ... Dabei gestalten die Initiatoren die Radiosendung erbaulich, neutral und harmlos ... Jeder Christ, der die Sendung hört, muß sie für eine kirchlich sanktionierte Einrichtung halten."
Saarbrückens Rundfunk-Intendant Dr. Franz Mai ordnete prompt eine Untersuchung an, und die Rundfunk-Leute ließen sich die beiden Traktate "Gewißheit" und "Friede und Sicherheit" aus Urexweiler kommen. Die Überprüfung der Druckwerke versetzte ihnen einen Schock.
Die mit amerikanischen Geldern finanzierten Frankfurter Rundfunkmissionare hatten sieh nämlich mit ihren Auftraggebern der Idee verschrieben, daß das Bibelwort allein seligmachend sei und ein Christ einer besonderen Religion nicht bedürfe: "Jesus Christus braucht keine Helfer, Vermittler oder Vertreter", hieß es etwa in dem Buch "Gewißheit". Oder in dem Band "Friede und Sicherheit": "Man versucht es mit Religion, mit frommen Übungen, mit Vermittlern, Geldopfern und Selbstverleugnung. Das alles aber ist nicht der Weg, der zu Gott führt und rettet. Jesus Christus lebt, um Dich frei und umsonst zu empfangen."
Und an einer anderen Stelle desselben Bandes: "Du kannst ärgerlich werden über die, die üppig auftreten oder mit prächtigen, goldstrotzenden Bildsäulen Umzüge halten - und das alles aus religiösen Gründen und im Namen Gottes, während Millionen ihrer Anhänger in Elend und Unwissenheit verkommen. Aber werde nicht ärgerlich über Jesus, denn Er ist freiwillig in einem armseligen Stall zur Welt gekommen und im Freien gestorben. Er hat nie etwas für Sich Selbst gefordert."
Oder auch: "Du kannst ärgerlich werden über die, welche mitten in der Kirche Geschäfte machen und sich die Gnadengaben und Barmherzigkeiten Gottes bezahlen lassen! Aber werde nicht ärgerlich über Jesus ... Er fand im Tempel die Verkäufer ... und die Wechsler, die da saßen, und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus ... (Johannes 2, 14-16)."
Nach dem Studium der zweimal 96 Druckseiten waren sich Sendeleitung und Werbegesellschaft in Saarbrücken einig: Die "Stimme des Evangeliums" verstummte. Sie wurde auf Anordnung des Intendanten Dr. Mai stillschweigend vom Programm des Senders Saarbrücken abgesetzt.
Vergeblich versuchten Emissäre der Bibel-Gesellschaft, den Intendanten umzustimmen und ihre Sendung zu neuem Leben zu erwecken. Sie erklärten sich sogar bereit, künftig nur noch Bibelausgaben und den Text der ausgestrahlten Rundfunksendung an Interessenten zu verschicken. Aber Franz Mai lehnte ab, "da die beiden Schriften den Bestand der beiden christlichen Kirchen in nicht unerheblicher Weise angreifen ... und damit die religiösen Belange der Bevölkerung an der Saar nicht gewahrt sind".
Saarbrücker Intendant Mai
"Du kannst ärgerlich werden"

DER SPIEGEL 48/1958
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