10.12.1958

KIRCHENFUNKKritik an der Kirche

Ein Dutzend Rundfunkräte des Stuttgarter Senders, sämtlich Mitglieder des Ausschusses "Unpolitisches Wort", wollen Mitte dieser Woche über die heftigen Proteste beraten, die eine Mammut-Sendereihe des "Süddeutschen Rundfunks" ausgelöst hat. In dieser Programmfolge des Stuttgarter Kirchenfunks - Titel. "Kritik an der Kirche" - vernahmen die süddeutschen Radiohörer an Sonntagvormittagen oftmals Formulierungen, die in provokantem Gegensatz zu den gewöhnlich kirchenfrommen Tönen der Wortsendungen über religiöse Themen standen.
Im Hinblick auf die Predigt beispielsweise sprach ein Kommentator von einer "schwer erträglichen Anmaßung der Pfarrerschaft". Ein anderes Mal äußerte der Sprecher die Auffassung: "Die Kirche lebt heute davon, daß sie nicht ernst genommen wird", und stellte die "totale Funktionslosigkeit der Kirche" fest. Auch von den "modischen Pastoren, die das schicke Auto als Beweis avantgardistischer Christlichkeit betrachten", war die Rede, und einige Geistliche wurden gar schlicht als "klerikale Manager" und "Geldbeschaffer" bezeichnet.
Die Rundfunkräte des Stuttgarter Funkhauses* wollen nun, nachdem die letzte Sendung dieser Programmfolge am 28. November ausgestrahlt worden ist, in ihrer Sitzung ein abschließendes Urteil darüber fällen, ob der leitende Redakteur der Abteilung Kirchenfunk, Hans Jürgen Schultz, recht handelte, als er rund drei Dutzend zwar prominente, zum Teil aber auch von den Kirchen als unbequem empfundene Autoren aufforderte, Referate zu dem Generalthema "Kritik an der Kirche" für das Kirchenfunk-Programm auszuarbeiten.
Ausgangspunkt der Sendereihe war eine Frage, die Schultz in einem eigens gedruckten Programmheft der Kirchenfunk-Abteilung stellte: "Nimmt die Kirche eigentlich wahr, was für eine ungeheure Herausforderung die moderne Entwicklung der Technik, der Politik, der Gesellschaft, aber auch der Kunst und der Geisteswissenschaft für sie darstellt? Trifft man die Kirche nicht immer noch verhältnismäßig ungestört bei dem geübten Geschäft eines zuweilen geistvollen; zumeist aber geistlosen Kritisierens, Rügens und Zensierens an Hand vergangener, zu Verzerrungen der Wirklichkeit führender Maßstäbe?"
Im Januar dieses Jahres machte sich der Redakteur daran, 40 Themen zu ersinnen und die Autoren zu beauftragen - "Persönlichkeiten, die innerhalb der Kirche Kritik üben". Elf der Referenten sind Theologen. In der Gesamtzahl überwiegen die Protestanten, einer ist konfessionslos.
Schultz: "Die Auswahl erfolgte nicht um einer Parität willen, sondern vom Thema und der Sachkunde her. Ein Teil der Leute gehört zu den ständigen Mitarbeitern unseres Senders." Schultz hatte derart präzise Vorstellungen von der Behandlung der Themen, daß er einige Manuskripte als unbrauchbar zurückwies, ein Drittel der eingesandten Arbeiten mit der Bitte um Neubearbeitung retournierte und zwei Autoren auswechselte.
Er teilte die Arbeiten über die 40 Themen in zehn Hauptreferate auf, die an Sonntagen von 11 bis 11.30 Uhr gesendet wurden; an neun Dienstagnachmittagen stellte er den Hörern "Kritiker der Kirche" vor, wie Kierkegaard, Dostojewski und Bernanos; Gegenstand weiterer Vorträge war die Frage, was Wissenschaftler, Frauen, Juden, Farbige, Kommunisten, Politiker, Außenstehende und die Jugend von der Kirche erwarten.
Der Protestant Heinz Flügel und der Katholik Walter Dirks, Leiter der Abteilung Kultur beim Westdeutschen Rundfunk in Köln, richteten "Fragen an die Kirche" und untersuchten Verhalten und Entwicklung ihrer Kirchen in den letzten Jahren. Die "Wandelbarkeit der Kirche" und die "Unglaubwürdigkeit und Leblosigkeit des Christlichen Abendlandes" beschäftigten den Professor Claus Westermann und Dr. Friedrich Heer.
"Die faule Predigt", "Die Ignoranz der Kirche im Blick auf die neuen Erkenntnisse über den Menschen", "Die Distanz zwischen Kirche und Technik" betitelte Schultz weitere Referate, die von so namhaften Autoren wie Dr. Heinz Zahrnt, Dr. Joachim Bodamer und Professor Friedrich Dessauer ausgearbeitet wurden.
Bis zum Abschluß der Sendereihe erhielt Schultz insgesamt über 5000 Hörer-Zuschriften - den höchsten Posteingang, den der Stuttgarter Rundfunk je auf eine Sendefolge zu verzeichnen hatte.
Anfang November meldete schließlich der südwestdeutsche Dienst der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), daß sich der Freiburger Erzbischof Dr. Schäufele "mit scharfen Worten" gegen die Sendereihe gewandt habe.
Aus dem ganzen Land seien dem Erzbischof Briefe zugegangen, "in denen Hörer sich über diese Sendereihe entrüsten". Deshalb habe Dr. Schäufele vor den "Kernkreisen des Katholischen Männerwerks der Stadt Freiburg" angekündigt, "daß er in dieser Sache selbst noch Schritte unternehmen werde". (Fragte das evangelische "Sonntagsblatt": "Was heißt das denn - geeignete Schritte? Will der Erzbischof vielleicht Einfluß auf den Rundfunkrat nehmen oder sich womöglich gar bei einer staatlichen Stelle beschweren?")
Das katholische "Deutsche Volksblatt" in Stuttgart schloß sich sogleich der erzbischöflichen Entrüstung an und rügte: "Eine Kritik an katholischen Einrichtungen, die sich über mehrere Sendungen erstreckt, erscheint uns bedenklich." Und das "Katholische Sonntagsblatt" ("Familienblatt für die schwäbischen Katholiken") leitartikelte mißbilligend: Unserer Ansicht nach ist der Rundfunk als Instrument der Massenbeeinflussung nicht das geeignete Forum, derartige Fragen zu behandeln." Das Blatt fragte entrüstet: "Hat der Rundfunk das Recht, als vermeintlicher Reformator der Kirche die Leviten zu lesen, der Kirche, deren Lehre er in mancher Sendung ganz und gar nicht respektiert?"
Auch der Vorsitzende des Stuttgarter Rundfunkrats, der CDU-Landtagsabgeordnete Dr. Valentin Gaa, bedachte die "Kritik an der Kirche" mit empörten Kommentaren.
Allerdings: Als Kirchenfunk-Redakteur Schultz einen Brief an den Erzbischof Dr. Schäufele nach Freiburg richtete, in dem er sich nach den Ursachen der Beanstandungen erkundigte und um Überlassung der erwähnten Hörerbriefe bat, erhielt er keine Antwort. Der Erzbischof ignorierte auch ein Angebot des Kirchenfunks, die in Stuttgart eingegangenen Hörerbriefe zu übersenden.
Versichert Briefempfänger Schultz: "Auch bei Anlegung der schärfsten Sonde konnte aus den 5000 Zuschriften nur ein Dutzend wirklich negativer Stimmen herauskristallisiert werden." Alle anderen Hörer lobten, stimmten zu und bestellten dutzendweise einzelne Manuskripte.
Aus Freiburg drang lediglich die Kunde bis nach Stuttgart, daß der Erzbischof mit "weiteren Schritten" warten wolle, bis die Vorträge in Buchform erschienen seien. Dann werde er in einem Hirtenbrief zur Funkkritik an der Kirche Stellung nehmen.
Ähnlich verhielt sich der Evangelische Oberkirchenrat, der gleichfalls die Auffassung vertrat, daß die Funk-Vorträge ein vertretbares Maß überschritten hätten. Der Finanz- und Steuerreferent des Oberkirchenrats, Dr. Karl Dummler, der als Vertreter der Jugendorganisationen dem Rundfunkrat und dem Ausschuß "Unpolitisches Wort" angehört, erklärte allerdings einschränkend: "Zur Zeit der Sendungen pflegten unsere Herren Gottesdienste abzuhalten oder an solchen teilzunehmen. Sie können sich erst ein komplettes Bild machen, wenn die Texte in einer Buchausgabe vorliegen."
Dem Vorhaben des Erzbischofs und des Oberkirchenrats steht jetzt nichts mehr im Wege: Das Buch "Kritik an der Kirche"*, das alle Vorträge der Sendereihe enthält, ist soeben an die Buchhandlungen ausgeliefert worden. Freilich berührte es die Vertreter beider Kirchen peinlich, mit welchem unziemlichen Eifer konfessionelle Verlage die Buchrechte zu erwerben trachteten, die ein großes Verlagsgeschäft verhießen. Funk-Intendant Bausch teilte mit, daß sich insgesamt zwölf namhafte katholische und evangelische Verlagshäuser um die Herausgabe der Funk - Referate bemüht hätten, so die streng katholischen Unternehmen Herder - Verlag, Matthias - Grünewald-Verlag und Josef-Knecht-Verlag.
Redakteur Schultz entschloß sich, um weder Protestanten noch Katholiken zu verprellen, zu einem Kompromiß: er überließ das Geschäft einer Verlagsgemeinschaft beider Kirchen. Der Stuttgarter Kreuz-Verlag ist dem evangelischen, der Freiburger Walter-Verlag dem katholischen Bekenntnis verbunden, und beide sind gewiß, die ersten 10 000 Buch-Exemplare - eine stattliche Anzahl von Bestellungen ging schon vor Drucklegung ein - mühelos abzusetzen.
Das positive Interesse, daß christliche Verlage beim Erwerb der Nachdruckrechte der Sendereihe ausdrücklich bekundeten, wird es den Rundfunkräten schwer machen, die Sendereihe post festum zu kritisieren. Auch aus einem anderen Grunde dürfte es den Rundfunkräten nicht möglich sein, den massiven kirchlichen Protesten nachzugeben und sich etwa nachträglich von der Programmfolge zu distanzieren: Die Sendereihe "Kritik an der Kirche" wurde, bevor der "Süddeutsche Rundfunk" sie im Programm ankündigte, vom Ausschuß genehmigt.
Gibt Rundfunkrat Karl Dummler zu: "Gewiß, wir haben seinerzeit zugestimmt. Wir haben aber gleich gesagt, daß wir hinterher nochmals darüber reden wollen."
* Der Rundfunkrat, dessen Mitglieder auf Vorschlag von Organisationen, wie den Kirchen, Hochschulen, Gewerkschaften, den Handwerks-, Frauen-, Jugend- und Sportorganisationen, berufen werden, hat die Aufgabe, über Berufung und Entlassung des Intendanten gemeinsam mit dem Verwaltungsrat zu entscheiden, den Intendanten bei der Programmgestaltung zu beraten und das Programm zu überwachen.
* "Kritik an der Kirche", herausgegeben von Hans Jürgen Schultz; Kreuz-Verlag, Stuttgart; Walter-Verlag, Olten (Schweiz) und Freiburg i. Br.; 330 Seiten; broschiert 7,80 Mark.
Freiburger Erzbischof Schäufele
Anmaßung der Pfarrerschaft?
Kirchenfunk-Redakteur Schultz
Worte zum Sonntag

DER SPIEGEL 50/1958
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