03.12.1958

JEANNE D ARCEine Diagnose

Während eines Sommer-Urlaubs stand
ein englisches Ehepaar vor drei Jahren auf jenem Marktplatz von Rouen, auf dem Frankreichs Nationalheldin Jeanne d'Arc im Mai 1431 verbrannt worden ist. Der Anblick der historischen Stätte inspirierte die Eheleute - den Medizin-Professor John Butterfield vom Londoner Guy's Hospital und seine Gattin Isobel-Ann - zu einer Studie über die "Heilige Jungfrau von Orleans", die sie jüngst in der Londoner Zeitschrift "History Today" veröffentlichten. Das Ergebnis ihrer Untersuchung ist geeignet, Theologen und Historiker zu verblüffen; denn die Butterfields haben es unternommen, der Jeanne d'Arc nach sorgsamster medizinischer Detektivarbeit eine "simple medizinische Diagnose" zu stellen.
Auf höchst einfache Weise glauben sie den Ursprung der seltsamen Visionen und Stimmen erklären zu können, die einstmals das 17jährige Bauernmädchen Johanna nach eigener Aussage veranlaßten, vor den entrechteten König Charles VII. zu treten, um ihm zu helfen, Land und Krone zurückzuerobern. (Johanna: "Die Stimme befahl mir, die Belagerung von Orleans aufzuheben ...")
"Obgleich viele Erklärungen für die Stimmen und die Visionen der Jeanne d'Arc angeboten wurden", schrieben die Butterfields in ihrer Studie, "gibt es keine allgemein akzeptierte Theorie. Leute mit starker religiöser Überzeugung erblicken in ihnen eine Reihe von Wundern. Auch die Versuche der Skeptiker, eine rationale Erklärung für ihre (Jeanne d'Arcs) Halluzinationen zu finden, erschienen nicht glaubhaft."
Verschiedene andere Deutungsversuche wurden von den Butterfields als unwahrscheinlich zurückgewiesen - beispielsweise, daß die Visionen durch Autosuggestion oder Schizophrenie bewirkt wurden. Das Ehepaar kam schließlich zu dem recht profanen Ergebnis, daß die Visionen als Folgeerscheinung einer Krankheit zu erklären seien: "Es ist sehr wahrscheinlich, daß Jeanne d'Arc an Tuberkulose litt."
Der Medizin-Professor glaubte sich zu dieser Diagnose auf Grund der Aussagen berechtigt, die Johanna vor dem kirchlichen Tribunal im Frühjahr 1431 machte. Vor dem Gericht, das ihr Zauberei und Ketzerei vorwarf, berichtete Johanna, wie sie zum ersten Male die Stimmen vernahm: "Als ich dreizehn Jahre alt war, hatte ich eine Stimme, die von Gott kam, um mich zu leiten. Das erste Mal hatte ich große Furcht. Die Stimme kam zur Mittagstunde, es war im Sommer, im Garten meines Vaters. Ich habe die Stimme gehört, mir zur Rechten ..."
Frage: "Erscheint Euch ein Glanz, wenn Ihr die Stimme hört?"
Johanna: "Fast immer begleitet sie eine große Helligkeit. Dieses Licht kommt von derselben Seite, von der man die Stimme vernimmt. Dort zeigt sich meist ein heller Schein ... Sie (die Stimme) hieß mich, Robert de Baudricourt in Vaucouleurs aufzusuchen - das war der Stadthauptmann -, daß er mir Leute gäbe, die mit mir kämen. Ich antwortete, ich sei ein armes Mädchen, das nichts vom Reiten noch von der Kriegsführung verstünde ... Als ich in Vaucouleurs ankam, erkannte ich Robert de Baudricourt; und dennoch hatte ich ihn nie gesehen. Ich erkannte ihn durch die Stimme. Sie sagte mir, daß er es war ... Ein Ritter, ein Junker und vier Bewaffnete begleiteten mich ... Ich kam ohne Hindernis zum König ... Als ich den Saal betrat, erkannte ich ihn unter allen anderen; meine Stimme wies ihn mir. Ich sagte dem König, ich wolle den Krieg gegen die Engländer führen ..."
Frage: "Vernehmt Ihr oftmals jene Stimme?"
Johanna: "Es gibt keinen Tag, an dem ich die Stimme nicht höre; ich bedarf ihrer ..."
In der vierten öffentlichen Sitzung des Tribunals erläuterte sie: "Es waren die Stimmen der Heiligen Katharina und der Heiligen Margareta. Ihre Häupter waren gekrönt mit schönen, reichen und kostbaren Kronen."
Bei der Lektüre der Prozeß-Protokolle erinnerte sich Professor Butterfield, daß Londoner Neurologen in den Jahren zwischen 1870 und 1920 bei der Beobachtung von Patienten zum erstenmal ähnliche Symptome bemerkten und beschrieben, wenngleich die in diesen Fällen auftretenden Visionen trivialer Natur waren ("eine kleine schwarze Frau, die kocht" oder "eine Kindheits-Szene, begleitet von einer schimpfenden Stimme").
"Aus der Arbeit dieser Männer lernte man", schreibt Butterfield in seinem Jeanne d'Arc-Bericht, "daß die Nerven - wie Telephondrähte - elektrische Botschaften über das Sehen, Hören, Riechen und Fühlen von Augen, Ohren, Nase und Haut zu verschiedenen Regionen der jeweils gegenüberliegenden Hirnhälfte befördern. An einer (Hirn-)Stelle, einem Teil des Schläfenlappens, liegen die Nerven für diese speziellen Sinnesfunktionen besonders eng beieinander. Eine Krankheit in dieser Region vermag ... mitunter das ... sogenannte 'Über-Bewußtsein' zu erregen."
Eine Wunde oder ein Blutpfropf in einem der kleinen Blutgefäße, erläuterte Butterfield, mehr noch ein Gehirn-Tumor könne auf die benachbarten Nerven so einwirken, daß das Gehirn Schein-Signale empfängt. Die Londoner Nervenärzte Jackson und Anderson registrierten gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts bei ihren Patienten, daß "Stimmen" und "Visionen" sich deutlich als frühe Symptome eines Gehirn-Tumors entpuppten.
Besonders aufschlußreich erschien den Butterfields die Beobachtung der Londoner Neurologen, daß das Entstehen der trügerischen Nervenmeldungen gefördert wird, wenn ein Lichtschein in die Augen fällt. Johanna hatte nämlich vor dem Tribunal erklärt, sie habe die Stimmen besonders häufig im Walde vernommen - wo Sonnenlicht, das plötzlich durch die Baumkronen fällt, ähnlich wirken kann wie ein Lichtschein, den ein Arzt im dunklen Operationszimmer auf das Auge des Patienten richtet.
Nachdem die Butterfields die Prozeß -Akten nach medizinischen Anhaltspunkten durchgekämmt hatten, kamen sie zu dem Schluß, daß Johanna an einem tuberkulösen geschwulstartigen Gehirn-Abszeß gelitten haben müsse - einem sogenannten Tuberkulom, das seinen Sitz in der linken vorderen Hälfte des Schläfenlappens hatte, wo die Sinnesnerven dicht beieinander liegen.
Für diese Diagnose glaubt Professor Butterfield mehrere Fakten als Indizien verwerten zu können, obgleich diese Tatsachen bei strenger medizinischer Betrachtungsweise schwerlich als zwingende Beweise für den tuberkulösen Ursprung der Gehirn-Geschwulst zu werten sind: Drei Viertel aller Gehirn -Tuberkulome entwickeln sich in den ersten zwanzig Lebensjahren.
Johanna litt an Amenorrhoe*, was als Hinweis auf das Vorhandensein eines Gehirn-Tumors aufgefaßt werden könnte.
Im Gefängnis mußte Johanna sich häufig erbrechen (was gleichfalls für die Diagnose auf Gehirn-Tumor spricht).
Als weiteres Indiz für seine Deutung führt Professor Butterfield eine Aussage an, die der Priester Ysambert de la Pierre am 5. März 1450 zu Protokoll gab. Der Geistliche sagte vor der Untersuchungskommission, die 1450 auf Befehl des Königs Charles VII. zur Rehabilitierung Johannas eingesetzt worden war: "Der Henker versicherte und beteuerte, daß trotz des Öls, des Schwefels und der Kohle, die er zur Verbrennung der Eingeweide und des Herzens hinzugetan hatte, das Feuer diese nicht verzehrt, und weder die Eingeweide noch das Herz in Asche verwandelt worden waren, worüber er sich erstaunte, wie vor einem offensichtlichen Wunder."
Die Butterfields glauben aus dieser Aussage ableiten zu können, daß Johanna sich durch Milch infiziert habe, die von tuberkulösen Rindern stammte. Erläuterte der Professor: Bei Schwindsucht, die auf die Milch tuberkulöser Rinder zurückgeht, verkalken die Lymphdrüsen im Magen - was das vom Scharfrichter erwähnte Phänomen verständlich machen würde.
Die Infektion wäre nach Professor Butterfields Auffassung auf lange Sicht sogar tödlich gewesen. Jedenfalls war Johanna, wie aus den historischen Dokumenten hervorgeht, sechs Wochen vor ihrer Hinrichtung bereits so schwer erkrankt, daß der Prozeß ausgesetzt werden mußte Johanna selbst war damals davon überzeugt, daß sie bald sterben würde.
"Hatte Johanna recht?" fragen die Butterfields in ihrem Bericht. "Vielleicht. Für alle, die Gefühl für die Tragödie ihrer Hinrichtung im Alter von weniger als zwanzig Jahren empfinden, liegt vielleicht ein Trost in der Möglichkeit, daß Johanna, wäre sie nicht verbrannt worden, möglicherweise einige Monate später unauffällig in der Dunkelheit eines mittelalterlichen Gefängnisses gestorben wäre."
"Die medizinische Diagnose", schrieben die Butterfields, "darf nicht von Skeptikern als Erklärung für ihre (Johannas) Größe aufgefaßt werden ... Obwohl wir nun vielleicht das Zustandekommen ihrer Visionen verstehen, würden wir einen großen Fehler begehen, wenn wir die Größe der Johanna einer organischen Krankheit zuschrieben, so raffiniert die Natur auch diese Krankheit placiert haben mag.
"Es besteht ein ungeheurer Unterschied zwischen ihrem phantasievollen Unterbewußtsein und dem Unterbewußtsein von Durchschnittsmenschen mit Schläfenlappen - Geschwülsten, die 'eine kleine schwarze Frau, die kocht' oder 'eine Kindheitsszene, begleitet von einer schimpfenden Stimme', sehen. Nicht ihre Visionen und ihre Stimmen, sondern ihr Mut, ihre Intelligenz, ihre Fähigkeit, große Dinge durchzusetzen, sowie ihr Kampf um die Unabhängigkeit ihres Geistes sind es, die Johanna einen Platz unter den großen Frauen sichern."
* Ausbleiben der Menstruation.
Jeanne d'Arc-Standbild (Reims): Waren Johannas Visionen ...
... Symptome eines Tumors?: Johannas Verbrennung

DER SPIEGEL 49/1958
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