29.07.1959

INTERNATIONALES / ANDREJ GROMYKODer geborgte Donner

Ein Spezialist für Vorkonferenzen, deren Hauptkonferenzen niemals stattfinden, ein Njet-Mann, der im Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen mit unbewegtem Gesicht 26mal sein Veto sprach, ein Experte für kunstvolle Marathon-Gefechte, der monatelang in London über Abrüstung verhandelte, während die Sowjet-Union jene Fern-Raketen entwickelte, mit denen sie heute ihre Politik der Stärke betreibt
- das ist Andrej Andrejewitsch Gromyko, seit zweieinhalb Jahren sowjetischer Außenminister, der in diesen Wochen den Westmächten in Genf am Konferenztisch gegenübersitzt. Für ihn - und seine Vorgesetzten im Kreml - ist in internationalen Verhandlungen schon oft der Zeitgewinn, den er erzielte, wichtiger gewesen als das Ergebnis, das er am Ende nach Hause brachte.
Wieder, wie 1951 in Paris, hat Gromyko sechs Wochen eine Vorkonferenz bestritten, ohne daß die Hauptkonferenz in erreichbare Nähe gerückt worden ist. 32 Grad im Schatten maß man am Genfer See, als Gromyko am 11. Juli, 11.40 Uhr, in einer blau-weißen viermotorigen "JL-18" auf dem Flughafen Cointrin eintraf, um dem zweiten Akt der Konferenz Dauer zu verleihen. Die kommunistischen Würdenträger, die den hohen Gast begrüßten, tupften sich die Schweißperlen von der Stirn. Ironisch schrieb jedoch Star-Korrespondent James Reston 24 Stunden später in der "New York Times": "Gromyko flog in diese heiße Stadt und kühlte sie blitzschnell ab."
Der alternde Wunderknabe der Sowjet -Diplomatie hatte es auch diesmal mit einem jener spärlich funkelnden Witze versucht, die er seit 20 Jahren mit viel Fleiß für den Dienstgebrauch entwickelt hat. "Wir würden es gern sehen", versicherte Gromyko trocken vor Rundfunk -Mikrophonen, schwitzenden Journalisten und schwitzenden Genossen, den grauen Homburg auf dem Kopf, eine dunkelgeränderte Brille auf der Nase und einen Notizzettel in der gepflegten Hand, "wenn diese Konferenz und das kommende Gipfeltreffen die internationale Atmosphäre wirklich erwärmen würden. Im Augenblick ist sie noch ziemlich kühl."
Der dürftige Hitze-Witz zündete nicht.
Denn der einstige Njet-Mann ermahnte die Delegationen der Westmächte gleichzeitig, jene letzten Sowjet-Vorschläge vom 19. Juni noch einmal gründlich zu studieren, die er ihnen vor der Konferenz-Pause unterbreitet habe. Darin stehe bereits alles, was für einen Erfolg der Konferenz nötig sei. Diese Ermahnung war es, die James Reston als "Abkühlung" empfand, während Gromyko eine "Erwärmung" der Atmosphäre wünschte. Der Sowjet-Minister hatte aus Moskau nichts Neues mitgebracht. Keine neue Marschroute, keine Konzessionen.
Was an den späteren Erklärungen Gromykos als neu und bestürzend erschien, beruhte - genaugenommen - auf einem Irrtum seiner westlichen Gegenspieler. In der Tat hatte der sowjetische Außenminister bereits am Ende der ersten 41 Konferenztage von einer Interimslösung für Berlin und einem Gesamtdeutschen Ausschuß gesprochen. In der Hast des Aufbruchs hatte jedoch keiner der westlichen Experten darin ein Junktim gesehen. Der Gesamtdeutsche Ausschuß erschien als Beiwerk, als schmückende Arabeske - keineswegs als unabänderliche Vorbedingung einer Berlin-Lösung, wie nun nach der Wiederaufnahme der Außenminister-Konferenz:
Seufzte der westdeutsche Delegationsleiter, Botschafter Grewe, am vierten Konferenztag der zweiten Etappe: "Die Diskussionen haben leider die Befürchtung verstärkt, daß die Verhandlungen dieser Konferenz nicht wesentlich über den Punkt hinausgelangt sind, an dem sie schon vor vier Wochen standen." Grewe fügte hinzu, schon damals habe die sowjetische Delegation "plötzlich die Verhandlungen über einen Modus vivendi in Berlin mit der Forderung nach Errichtung eines gesamtdeutschen gemischten Ausschusses verbunden".
Nachdem der Unterhändler Chruschtschews so unmißverständlich den Preis
- eine De-facto-Anerkennung der "DDR" genannt hatte, zu dem die Westmächte eine zunächst befristete Bestätigung ihrer Rechte in Westberlin "kaufen" könnten, demonstrierte Andrej Gromyko, wie
"flexibel" sogar ein Sowjet-Außenminister sein kann.
Über vier Punkte wollte der Molotow -Schüler mit sich reden lassen, und zwar über
- eine Interims-Lösung für Berlin,
- die Zeitdauer eines solchen neuen Berlin-Abkommens,
- die Errichtung einer Gesamtdeutschen paritätisch besetzten Kommission so
wie
- andere Möglichkeiten des Kontakts
zwischen den beiden deutschen Staaten.
Damit wurde klar, wie schmal der vom Kreml sorgfältig abgegrenzte Manövrierraum ist, in dem der sowjetische Außenminister - sei es in den Vollsitzungen der Konferenz vor den Ohren der beiden deutschen Delegationen oder im privaten Gespräch mit seinen westlichen Kollegen
- überhaupt operieren kann, solange er keine neuen Weisungen erhält. Punkt vier seiner Traktandenliste -
jene vage formulierten "anderen Möglichkeiten des Kontakts" - gab jedoch den Westmächten Gelegenheit, angelehnt an die Vorschläge der Bonner Regierung, ein Gegenangebot vorzubereiten, um endlich konkret über den "Kaufpreis" reden zu können. Sie empfahlen eine ständig tagende Konferenz der Außenminister -Stellvertreter mit "Beratern" der beiden deutschen Staaten. Als Gromyko diesen Vorschlag entschieden zurückwies, drohten sie mit dem Abbruch der Konferenz, um das sowjetische Junktim aufzubrechen.
Kommentierte die "New York Herald Tribune" ärgerlich: "Die Westmächte können die Konferenz nicht in einer Sackgasse festfahren oder gar scheitern lassen, nur weil die Westdeutschen nicht dazu gebracht werden können, mit den Ostdeutschen zu reden."
Aber es waren gar nicht die Westmächte, an denen der Konferenzfaden sich aufzureiben drohte. Die Westmächte möchten lieber eine Außenminister-Konferenz als eine Gipfelkonferenz scheitern lassen. Die Sowjets hingegen versprechen sich größere Konzessionsbereitschaft von einer Gipfelkonferenz, eben weil das Scheitern einer solchen Konferenz allgemein als Unglück empfunden würde.
Gelänge es den Westmächten, den Sowjets eine unbefristete oder bis zur Wiedervereinigung gültige Berlin-Lösung abzuschwatzen, so wäre Chruschtschews großangelegtes Umfassungsmanöver, mit dem er die deutsche Frage aufrollen möchte, umsonst gewesen. Würden andererseits die Westmächte ohne die Konturen einer Berlin-Einigung zum Gipfel gehen, so würde man ihnen unbegründete Nachgiebigkeit vorwerfen. Es scheint, als ob die Krise in Mitteleuropa, mit der die Sowjets rücksichtslos spielen, unausweichlich sei. Eine Krise mit Kriegsgefahr, so spekuliert man in der russischen Delegation, würde die Regierungschefs der Westmächte an den Verhandlungstisch und zu einem Ergebnis unter russischem Vorzeichen zwingen.
Für das hartleibige Tauziehen bringen die Russen eine bessere Gemütslage und einen trainierteren Minister mit. Sie hätten dafür keinen besseren Mann finden können als Andrej Gromyko, der geduldig das lockende Heubündel der Interims-Lösung für Berlin vor den westlichen Nüstern schwenkt.
Dieser Handel wird seine Zeit brauchen, denn die Westmächte sollen mit jener beharrlichen Seelen-Massage, in der Chruschtschews Außenminister inzwischen einige Kunstfertigkeit erlangt hat, für den Gipfel "reif" gemacht werden. "It's a long, long way to temporary", flachste Jakob Malik, Sowjet-Botschafter in London, nach einem "Arbeitsessen" in der Villa Couve de Murvilles im Gespräch mit Großbritanniens Außenminister Selwyn Lloyd nach Text und Melodie eines alten englischen Soldatenliedes, wobei der Sowjetmensch unter "temporary" (provisorisch) das vom Westen auf Dauer gewünschte Berlin -Abkommen verstand..
Gromyko hat Zeit, mehr Zeit als seine Gegenspieler. Er ist Funktionär und führt Befehle aus. Sein wichtigster Gesprächspartner, Amerikas Außenminister Christian Herter, hat jedoch die Außenpolitik seiner Regierung zu formulieren und sie in Washington vor einem unruhigen Kongreß zu vertreten, in dem die Opposition über die Mehrheit verfügt.
In Moskau gibt es kein unruhiges Parlament, das Andrej Gromyko Schwierigkeiten bereiten könnte, und sein Regierungschef beantwortete auf seiner Inspektionsreise durch Polen die Frage, wie er über die Konferenz denke, mit einem billigen Witz.
"Warum sollte ich denken? Man sagt bei uns zu Hause: Frage das Pferd, es hat einen großen Kopf." Unter Gelächter fügte
Chruschtschew hinzu: "Wir haben einen Minister dort."
Andrej Gromyko, seit 16 Jahren ständiger Gast internationaler Konferenzen, nutzte bei dem langwierigen Geschäft in Genf seine intime Kenntnis des Westens.
"Das ist ein Name, der dem durchschnittlichen Amerikaner viel besser bekannt ist als dem Durchschnitts-Russen", schrieb
das amerikanische Nachrichten-Magazin "Time", als Gromyko im Februar 1957 Außenminister wurde. In der Tat hat sich ein großer Teil der steilen Karriere dieses
"ältesten jungen Mannes der Welt", wie der damals 47 Jahre alte Sowjet-Diplomat in Washington bespöttelt wurde, vor amerikanischen Augen und auf amerikanischem Boden abgespielt.
Im Oktober 1939, kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, erhielt Gromyko als Neuling im sowjetischen Außenamt seinen ersten Auslandsposten. Er wurde Botschaftsrat in der Sowjet-Botschaft zu Washington, obschon er, wie glaubhafte Biographen behaupteten, damals kaum ein Wort Englisch konnte.
Heute spricht er diese Sprache ausgezeichnet, ja, er beherrscht sogar den New Yorker Slang, wie amerikanische Journalisten entdeckten, während Englands gescheiterter Premier Anthony Eden lobte, Gromykos Englisch sei so vortrefflich, daß selbst ein Oscar Wilde daran nichts zu tadeln gefunden hätte.
Heute kennt Gromyko auch die Vereinigten Staaten, in denen er neun Jahre gelebt oder, wie er selbst sagt, als Botschaftsrat, Botschafter und Chefdelegierter bei den Vereinten Nationen "gearbeitet" hat, besser als jeder andere Sowjet-Politiker. "In Amerika ist der Kapitalismus unser Partner", bekannte er einmal unverblümt, "denn der amerikanische Arbeiter ist begraben unter seinem Kühlschrank, seinem Fernseh -Apparat, seinen Gewerkschaften und seiner Selbstzufriedenheit."
Als Erster stellvertretender Außenminister meisterte Gromyko bereits eine diplomatische Aufgabe, die in manchem der Genfer Konferenz dieses Sommers ähnelt. Zusammen mit den Außenminister-Stellvertretern der USA, Großbritanniens und Frankreichs tagte er vom 5. März bis zum 22. Juni 1951 im Pariser Palais Marbre Rose, um die Tagesordnung für eine Konferenz der vier Außenminister vorzubereiten, die sich mit dem geteilten Deutschland sowie
"Problemen der europäischen Sicherheit" beschäftigen sollte.
In über 50 Sitzungen jonglierte der Njet -Mann damals - wie auch heute - mit Prozedur-Fragen, zeigte ein pedantisches Vergnügen an bitterernsten Begriffsspaltereien und übertraf seine westlichen Kollegen an zähem Sitzfleisch, während der erste "begrenzte Krieg" zwischen den verfeindeten Mächtegruppen die Halbinsel Korea verwüstete. Philosophierte der "Roboter der Sowjet-Diplomatie" am Pariser Konferenztisch düster: "In Korea wird es nicht genug Platz für die weißen Kreuze auf den Gräbern der (amerikanischen) Interventionisten geben, wenn der Krieg nicht beendet wird."
Die Außenminister-Konferenz kam damals nicht zustande, weil bereits die "Vorkonferenz" über die Tagesordnung scheiterte. (Diesmal könnte es mit der Gipfelkonferenz ähnlich gehen.) Gromyko, der junge Mann aus Molotows harter Schule, hatte seinen Auftrag im Palais Marbre Rose so gut erfüllt, daß ihn sein damaliger Chef Wyschinski wenige Monate später nach San Francisco sandte, wo er den Friedensvertrag der Westmächte mit Japan - ein diplomatisches Meisterstück seines späteren westlichen Gegenspielers John Foster Dulles - buchstäblich in letzter Stunde torpedieren sollte.
Der Abgesandte des Kreml unterbreitete schmackhafte Gegenvorschläge, doch er predigte tauben Ohren. Der Westen wünschte die Friedensregelung im Fernen Osten nicht länger aufzuschieben: 49 Nationen unterzeichneten den Vertrag mit Japan trotz aller sowjetischer Proteste. Washington und Tokio einigten sich außerdem über eine enge militärische Zusammenarbeit. Die japanischen Inseln verwandelten sich damit in amerikanische Flugzeugträger vor Rußlands asiatischer Küste. Gromykos Mission war gescheitert.
Dem Fiasko in Frisco folgte 1952 ein farbenprächtiges Zwischenspiel in London. Bei einem großen Revirement in der Sowjet -Diplomatie landete der stellvertretende Außenminister, der am "Goldenen Tor" sein Soll nicht erfüllt hatte, für zehn Monate auf dem Stuhl des Botschafters am Hofe von St. James.
In goldener Staatskarosse, mit Frack und Zylinder bekleidet, fuhr der gelernte Bolschewik zum Buckingham-Palast, um Königin Elizabeth II. sein Beglaubigungsschreiben zu überreichen. Beamte des Hofes hatten den Wunsch des neuen Botschafters abgeschlagen, sich bei diesem Besuch von seiner eigenen Leibwache begleiten zu lassen. Doch durften die sieben rangältesten Beamten der Sowjet-Botschaft in drei weiteren Kutschen der Karosse ihres Chefs folgen, während am Straßenrand Rufe gellten: "Gromyko go home."
Wenige Monate zuvor hatte der damals 42jährige Sowjet-Diplomat im Pariser Palais Marbre Rose noch so giftige Worte über Englands großen alten Mann Winston Churchill gebraucht, daß der britische Delegierte förmlichen Protest einlegte
"Die Sprache Churchills ist die Sprache Hitlers", hatte Gromyko in Paris gegeifert.
"Churchill und seinen kannibalischen Advokaten zuzuhören, würde selbst Kleopatra zum Erröten gebracht haben." Bei seiner Ankunft in London aber tönte er: "Ich bin sehr froh, als Vertreter der Sowjet-Union in diesem Land zu sein" und sprach von
"guten normalen Beziehungen".
Gromykos schriftstellernder Landsmann Ilja Ehrenburg spöttelte damals in der "Prawda", der neue Sowjet-Botschafter vertrete in London eine "umfassende Langeweile von besonders unterhaltender Art", die zweifellos seines Gastlandes würdig sei.
Das russische Wort "grom", das dem Namen Gromyko zugrunde liegt, heißt auf deutsch Donner. Aber ein grollender "Donner" ist der sowjetische Außenminister bisher nicht gewesen, eher ein Mann des nüchternen diplomatischen Geschäfts, in dem er sich rasch emporgearbeitet hat, ein begabter Zögling jener harten Schule, die Amtsvorgänger Molotow zwischen 1939 und 1949 dem Nachwuchs im Auswärtigen Dienst der Sowjet-Union angedeihen ließ. Wenn Gromyko heute grollt, spricht die Stimme seines Herrn aus ihm. Der "Donner" ist geborgt, und niemand zweifelt, woher er kommt.
Urteilte Chruschtschew im März auf einer Pressekonferenz über seinen Außenminister: "Er ist immerhin ein nützlicher Mensch für unseren Staat. Es wäre schade, wenn er sich (auf den Geröllfeldern der internationalen Politik) die Beine bräche."
Seit dem 11. Mai sitzt nun dieser "nützliche Mensch" - von einigen Unterbrechungen abgesehen - in der kurz vor der Konferenz erworbenen Villa der Sowjet-Delegation in Genf, einem altertümlichen Bau aus dem 17. Jahrhundert in der Nähe des Völkerbundpalastes, und pflastert den Weg zum Gipfel für seinen Chef mit kleinen Bonmots, bitterernsten Reden und gelegentlichen Attacken auf den westdeutschen "Störenfried". Von Zeit zu Zeit riskiert er auch sein dünnes Lächeln.
Zwischendrein half er, seinen großen Gegenspieler, Amerikas einstigen Außenminister John Foster Dulles, zu Grabe zu tragen. Erinnerte sich Kollege Gromyko in Washington: "Natürlich hatten wir Differenzen über viele internationale Probleme. Aber ich muß anerkennen, daß er ein hervorragender Staatsmann und ein hervorragender Diplomat war." Diese Worte enthielten mehr als kaltschnäuzigen politischen Zynismus, sie waren die Anerkennung des diplomatischen Experten - für den Experten der anderen Seite. Man hatte sich 15 Jahre lang gekannt, beschimpft und belächelt.
Ehe die zweite Phase der Genfer Konferenz begann, hatte Nikita Chruschtschew noch einmal mit Bedacht alle westlichen Illusionen über die Rolle zerstört, die ein Sowjet-Außenminister innerhalb der Kreml -Hierarchie zu spielen hat. Ein sowjetischer Außenminister "macht" keine Außenpolitik, er verwaltet sie. Entworfen und festgelegt wird der jeweilige außenpolitische Kurs im "inneren Kreis" der roten Machthaber. Das war früher das Politbüro der sowjetischen KP, das ist seit dem Jahre 1952 ihr Parteipräsidium.
In diesen "inneren Kreis" ist Andrej Gromyko trotz aller Fähigkeit, sich an die jeweils befohlene "Linie" anzupassen, bis heute nicht vorgedrungen. Auch als Chef des Hochhauses am Smolensker Platz zu Moskau, in dem das sowjetische Außenministerium residiert, hat der rasch avancierte Karriere-Bolschewik nur Befehle auszuführen. Er darf zwar einen weit verästelten diplomatischen Apparat mit Tausenden von Menschen in allen fünf Kontinenten dirigieren, aber er hat nicht den politischen Kurs der Sowjet-Macht zu bestimmen. Das besorgen andere.
"Gromyko sagt nur, was wir ihm auftragen", so erläuterte Premier Chruschtschew Ende Juni dem amerikanischen Globetrotter und Ex-Botschafter Averell Harriman die Funktionen seines Außenministers. "Tut er das nicht, so werden wir ihn hinauswerfen und jemanden an seine Stelle setzen, der es tut."
Andrej Andrejewitsch Gromyko lauschte diesen Worten seines Herrn, die er gewiß zum ersten Male vernahm, mit steinernem Gesicht - so berichtete Harriman den Lesern der amerikanischen Zeitschrift "Life" -, weit davon entfernt, nun zornig seinen Rücktritt zu erklären, wie es gewiß mancher seiner westlichen Kollegen bei einem solchen Affront getan hätte.
Aber: Ist die Wahrheit ein Affront, eine Beleidigung? Was Chruschtschew sagte, entspricht sicherlich den tatsächlichen Machtverhältnissen im Kreml - auch in dem Punkt, daß er das Wörtchen "wir" gebrauchte, anstatt "ich" zu sagen, wie es manche Kreml-Astrologen von dem mächtigsten Mann der Sowjet-Union erwartet hätten.
Dieses "wir" umschreibt das Partei -Präsidium*, das heißt zumindest jene Persönlichkeiten, die sich in diesem obersten Führungsgremium der Sowjet-Union mit außenpolitischen Fragen beschäftigen. Das sind neben dem Regierungschef und Ersten Parteisekretär Nikita Chruschtschew der Erste stellvertretende Ministerpräsident Anastas Mikojan, der sich nicht nur dem Außenhandel, sondern auch der sowjetischen West-Politik widmet, sowie der Partei-Ideologe Michail Suslow, der Nahost - und Asien-Experte Nuritdin Muchitdinow und der 77jährige finnische Komintern -Veteran Otto Kuusinen.
Das Parteipräsidium, dem zur Zeit 14 Mitglieder und neun Kandidaten angehören, tritt jede Woche mindestens einmal zusammen und entscheidet dann über innen- und außenpolitische Fragen. Obschon Chruschtschew seit seinem Kampf mit der "parteifeindlichen Gruppe Molotow-Malenkow-Kaganowitsch" unbestritten der erste Mann im Kreml ist, gelten im Parteipräsidium nach wie vor Mehrheitsbeschlüsse. Durch die "Wahl" loyaler Männer in die Führungsgruppe der Partei, hat jedoch der Sowjet-Boß dafür gesorgt, daß er nicht ein zweites Mal in die Minderheit gerät wie in jenen bösen Juni-Tagen 1957, als er mit den "Stalinisten" Molotow und Malenkow erbittert um die Macht, wenn nicht gar um sein Leben, ringen mußte.
Dem bienenfleißigen, farblosen Außenminister, der seinen jeweiligen Herren seit zwei Jahrzehnten in unwandelbarer Treue dient, blieben bis heute die höheren Weihen der Partei versagt. Andrej Gromyko, mit 22 Jahren als Agrar-Student in Minsk in die Partei gelangt, ohne den üblichen Umweg über den "Komsomol", die kommunistische Staatsjugend, gemacht zu haben, ist weder Vollmitglied noch Kandidat im Parteipräsidium. Auch der zweiten führenden Körperschaft der sowjetischen KP, dem Parteisekretariat, gehört er nicht an.
Erst 1952 machte man den damaligen Sowjet-Botschafter in Großbritannien, dessen Namen die Welt inzwischen aus zahllosen Schlagzeilen kannte, zum Kandidaten des Zentralkomitees (ZK), jenes 133 Köpfe zählenden "Partei-Parlaments", dem Chruschtschew heute wieder ein größeres Prestige zu verschaffen sucht, weil er diesem Gremium seine Rettung im Konflikt mit Molotow und Malenkow verdankt. Vier Jahre später, auf dem 20. Parteitag, der mit Chruschtschews Geheimrede die "Entstalinisierung" einleitete, wurde der an ideologischen Tüfteleien nur mehr oberflächlich interessierte Diplomat Gromyko endlich ZK-Vollmitglied.
In den Obersten Sowjet, die sogenannte Volksvertretung der Sowjet-Union, wird Andrej Gromyko seit 1946 mit schöner Regelmäßigkeit alle vier Jahre als Deputierter gewählt. Aber der vielbeschäftigte Apparatschik des Außenamts hat in seinem angestammten Wahlbezirk noch nie eine Rede gehalten.
Gewisse, nirgends näher bezeichnete, aber für die Partei wertvolle Dienste scheint Gromyko zu Beginn seiner Karriere dem NKWD, der sowjetischen Geheimpolizei, geleistet zu haben, womit er sich als "zuverlässig" für den Auslandsdienst qualifizierte. Auch andere Sowjet -Diplomaten - Sorin, Semjonow, Smirnow, Malik, die heute als stellvertretende Außenminister oder Botschafter hohe, Ränge im Auswärtigen Dienst der Sowjet -Union bekleiden - haben eine NKWD -Laufbahn hinter sich. Der junge Gromyko erwarb im Sommer 1937 seinen ersten Orden innerhalb einer Gruppe "verdienter Tschekisten", die von dem damaligen NKWD-Chef Jeschow angeführt wurde.
Gromykos Privatleben blieb bis heute im dunkeln. "Ich bin an meiner Person nicht interessiert", fertigte er einen amerikanischen Journalisten ab, der biographische Einzelheiten von ihm wissen wollte. In der Tat schwankt in den feilgebotenen Gromyko-Lebensläufen sogar der Geburtstag zwischen dem 3. März und dem 5., 6. oder gar 18. Juli, während als Geburtsjahr 1908 oder 1909 angegeben wird.
Diese biographischen Unklarheiten hinderten den Minister nicht, am 17. Juli seinen 50. Geburtstag zu feiern - mit einem Glas Coca-Cola, seinem Lieblingsgetränk, während aus Moskau gemeldet wurde, Gromyko sei aus diesem Anlaß und wegen seiner "großen Verdienste für den Sowjet -Staat" zum dritten Male mit dem Lenin-Orden dekoriert worden. Seine westlichen Kollegen in Genf vergaßen, rechtzeitig zu gratulieren. Bundesaußenminister von Brentano, der am Donnerstag vergangener Woche mit dem Botschafter der Bonner Republik in Moskau, Hans Kroll, im Hause Gromykos zu Gast war, sandte verspätet fünfzig rote Nelken.
Auf dem Sessel im sowjetischen Außenministerium, das bis zum 15. März 1946 Volkskommissariat für auswärtige Angelegenheiten hieß, hat es in 42 Jahren Sowjet-Herrschaft nur sechs Amtsvorgänger Gromykos gegeben, und zwar
- Leo D. Trotzki (1917 bis 1918)
- Georgij W. Tschitscherin (1918 bis 1930)
- Maxim M. Litwinow (1930 bis 1939)
- Wjatscheslaw M. Molotow (1939 bis 1949
und 1953 bis 1956)
- Andrej J. Wyschinski (1949 bis 1953)
sowie
- Dmitrij T. Schepilow (1956 bis 1957).
Von diesen sechs sind drei, nämlich Tschitscherin, Litwinow und Wyschinski, eines natürlichen Todes gestorben; zwei andere, Molotow und Schepilow, leben in einer
milden "inneren Emigration". Stalins Gegenspieler Leo Trotzki starb 1940 in der Verbannung in Mexiko unter den Schlägen eines Mörders.
Eine lange Amtsdauer und ein friedliches Alter scheint demnach trotz der rauhen revolutionären Sitten, die besonders die ersten Jahrzehnte der bolschewistischen Diktatur kennzeichneten, jenen Außenministern beschieden zu sein, die sich klug aus den inneren Machtkämpfen des Kreml herauszuhalten wissen. Dieses Rezept befolgt offensichtlich auch Gromyko, der bisher lediglich den Ehrgeiz erkennen ließ, ein geschickter Techniker der sowjetischen Machtausdehnung zu sein: Ein Mann, der jeden Kurs steuert, der ihm befohlen wird.
Diejenigen seiner Vorgänger, die mehr sein wollten als diplomatische Handwerker und gehorsame Befehlsempfänger des Politbüros, sind gescheitert. Das gilt für Molotow, der nach dem Tode Stalins zusammen mit Malenkow und dem NKWD -Chef Berija zu jener "Troika" gehörte, die als "kollektive Führung" zunächst die Macht des toten Alleinherrschers ausübte. Das gilt aber auch für Schepilow, der als ZK-Sekretär und Kandidat des Parteipräsidiums der Quelle sowjetischer Macht viel näher war als heute etwa Gromyko.
Tschitscherin, Litwinow und Wyschinski gelangten zeit ihres Lebens nicht ins Politbüro, auch wenn sie zur Alten Garde der Bolschewiki zählten und - wie etwa Litwinow - bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts mit Lenin in Genf revolutionäre Pläne geschmiedet hatten. Nur Molotow gehörte zu jenem "inneren Kreis", der im Kreml Politik macht, soweit sie nicht Stalin in jenen Jahren autoritär entschied. 31 Jahre lang saß er im Politbüro und später im Parteipräsidium (1926 bis 1957), ehe er im Kampf mit Chruschtschew alle seine Ämter verlor.
Der altgediente "Buchhalter der Revolution" spielte gegen den stiernackigen Parteisekretär um die ganze Macht - und unterlag. Der ehemalige "Prawda"-Chefredakteur Schepilow, der sich kurz zuvor als Chruschtschew-Günstling in den "inneren Kreis" der roten Machthaber vorgetastet hatte, war zunächst unsicher, auf wen er bei diesem riskanten Spiel setzen sollte, sah jedoch den rasch aufgestiegenen Chruschtschew bereits stürzen und entschied sich für die andere Seite, die innerparteiliche Opposition. Damit geriet er selbst in den Abgrund.
Da der Genickschuß unter den Epigonen Stalins aus der Mode gekommen ist, darf Schepilow heute im fernen Frunse in der Kirgisischen Sowjet-Republik Wirtschaftswissenschaft lehren, während der fast 70jährige Molotow auf den Botschafterposten in Ulan Bator in der Äußeren Mongolei abgeschoben wurde. Molotow-Schüler Gromyko scheint das Exempel, das damit vor seinen Augen statuiert wurde, gut begriffen zu haben.
"Was die Sowjet-Union angeht, so gibt es nur einen Grundsatz in der Außenpolitik", theoretisierte Gromyko einmal vor Jahren, "den Grundsatz, das zu tun, was der Sowjet-Union am meisten nützt."
Seine - wechselnden - Vorgesetzten haben gewiß nie daran gezweifelt, daß der pflichteifrige Karriere - Bolschewik stets nach diesem Lehrsatz handelt. Ebensowenig wird Gromyko je einen Zweifel an der höheren Einsicht des Parteipräsidiums äußern, das stets zu wissen hat, was in der jeweiligen Situation wirklich das Beste für die Sowjet-Union ist.
Außenpolitik, Bürgerkrieg, Ausbreitung der Revolution waren - den Theorien Lenins entsprechend - in den ersten Jahren bolschewistischer Herrschaft eins und lagen zunächst in einer Hand. Der erste sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Leo Dawidowitsch Bronstein, genannt Trotzki, war in der Revolutionsregierung Lenins zugleich Kriegsminister. Er leitete nicht nur die sowjetische Friedensdelegation, die 1917 in Brest-Litowsk mit den Beauftragten des Deutschen Kaiserreiches verhandelte, er rekrutierte auch die ersten Kader der Roten Armee, die den Weißgardisten widerstand und die Interventionstruppen aus dem Lande warf.
Von Trotzkis Nachfolgern hatte Tschitscherin die diplomatische Isolierung des ersten kommunistischen Staates der Welt zu durchbrechen, dessen Machthaber das Gespenst der "kapitalistischen Einkreisung" quälte, während der "Westler" Litwinow versuchte, die erstarkende Sowjet-Union zusammen mit den kapitalistischen Großmächten in ein System kollektiver Sicherheit gegen die "faschistischen Aggressoren" einzubauen. Molotow, der kühle Rechner, wurde zum Mann des vierfachen Kurswechsels: Er schloß den Pakt mit Hitler und später das Kriegsbündnis mit den Westmächten, er verteidigte die sowjetische Kriegsbeute am Konferenztisch und eröffnete nach Stalins Tod die Ära der "friedlichen Koexistenz". Wyschinski blieb der schärfste Fechter des Kalten Krieges, während Schepilow die rote Infiltration des Ostens vorzubereiten suchte.
Georg Wassiljewitsch Tschitscherin, ein Diplomat der alten Schule, der zwischen 1890 und 1905 im zaristischen Außenministerium diente, führte die sowjetische Delegation auf der Konferenz von Genua, die vergeblich über deutsche Reparationen und russische Vorkriegsschulden verhandelte, und schloß dort am 16. April 1922 mit dem Außenminister der Weimarer Republik, Walther Rathenau, jenen oft zitierten Schreckgespenst-Vertrag von Rapallo, der nicht nur für die Sowjet-Union, sondern auch für das geschlagene Deutschland den ersten Schritt aus der Isolierung durch die Siegermächte des Ersten Weltkrieges bedeutete. Der "Geist von Rapallo", den die Sowjet-Botschaft im Rolandseck heute gelegentlich beschwört, schwebte über einer langjährigen wirtschaftlichen und später auch geheimen militärischen Zusammenarbeit der beiden Staaten.
Das bolschewistische Rußland wurde danach von zahlreichen Staaten de jure anerkannt, so daß Stalin, damals als Volkskommissar für Nationalitätenfragen tätig, bereits im Dezember 1921 verkünden konnte, die Periode des offenen Krieges gegen die Kapitalisten sei nun von einer Zeit des "friedlichen Kampfes" abgelöst worden.
Regierungschef Lenin empfahl, die auswärtige Politik auf die Ausnutzung der Gegensätze zwischen den kapitalistischen Mächten zu konzentrieren - ein Rat, den auch der siebte Außenminister der Sowjet -Union, Andrej Gromyko, noch immer wortgetreu befolgt.
Als der zuckerkranke Tschitscherin im Januar 1930 die Amtsgeschäfte an Litwinow übergab, hatte die Sowjet-Union trotz heftiger innererKrisen wiedereinebemerkenswerte außenpolitische Position gewonnen, ihre Machthaber schwankten jedoch zwischen Hoffnung und Furcht. Hoffnung hatte die schwere Weltwirtschaftskrise in allen marxistischen Hirnen geweckt, die glaubten, daß nun der geweissagte Zusammenbruch des Kapitalismus bevorstehe und die 1918 vertagte Weltrevolution endlich beginnen könne. Furcht löste dagegen der Gedanke aus, die imperialistischen Mächte könnten, angestiftet von dem sich rasch ausbreitenden Faschismus, den Ausweg aus dieser Krise in einem Krieg gegen die Sowjet -Union suchen.
Litwinow, der "Westler", aus einer jüdischen Familie im polnisch-russischen Bialystok stammend und mit einer Engländerin verheiratet, operierte mit der Idee der "kollektiven Sicherheit", während die sowjetische KP über ihre Filialen im Ausland* den Gedanken der antifaschistischen -Volksfront" propagierte. Litwinow setzte 1928, als er bereits für den kranken Tschitscherin die Geschäfte führte, den Beitritt der Sowjet-Union zum Kellogg-Pakt durch, der den Krieg als Mittel der Politik ächtete. Er schloß Nichtangriffsverträge mit acht der elf Nachbarstaaten der Sowjet-Union sowie Beistandspakte mit Frankreich und der Tschechoslowakei (1935), erreichte 1933 die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu den USA und 1934 die Aufnahme der Sowjet-Union in den Völkerbund.
Litwinows Konstruktion zerbrach, als Stalin nach dem Schock des Münchner Abkommens das Ruder herumwarf. Der Diktator erklärte am 10. März 1939: "Die Sowjet-Union muß sich davor hüten, von Kriegshetzern, die es gewohnt sind, daß andere ihnen die Kastanien aus dem Feuer holen, in Konflikte hineingezogen zu werden." Diese Rede war dunkel. Nur wenige ahnten, daß mit den "Kriegshetzern" die Regierungen der Westmächte gemeint waren.
Im April 1939 schlug Litwinow, der im Genfer Völkerbundpalast das Schlagwort geprägt hatte: "Der Friede ist unteilbar", ein französisch-britisch-sowjetisches Bündnis vor. Am gleichen Tage ließ Molotow, damals sowjetischer Regierungschef (1930 bis 1941), den Sowjet-Botschafter im Berliner Auswärtigen Amt vorsprechen. Molotows vertraulicher Vorschlag: "Aus normalen könnten sich immer bessere Beziehungen entwickeln." Berlin fing den russischen Ball auf. Am 3. Mai 1939 mußte Litwinow gehen.
Als das Politbüro im Frühjahr 1939 zu dem Schluß kam, der zweite "imperialistische Krieg" sei unvermeidlich, hatte Molotow den Auftrag bekommen, jene Schwenkung zu vollziehen, die es der Sowjet-Union gestattete, zunächst unbeteiligter Zuschauer zu bleiben ("nicht die Kastanien aus dem Feuer holen"), aber von den Kriegsereignissen so viel wie möglich zu profitieren. Das bedeutete: die Sowjet-Union von den Westmächten zu lösen und sie statt dessen - ohne ideologische Skrupel - näher an das faschistische Deutschland heranzuführen.
Die Bündnisverhandlungen mit Frankreich und Großbritannien wurden damit zum Scheingefecht, bis Molotow am 23. August 1939 den Nichtangriffspakt mit Berlin, der zugleich die Teilung Polens bedeutete, unter Dach gebracht hatte. Dieser Pakt gab Hitler freie Hand für seinen Krieg - eine Entscheidung, die auch Chruschtschew vor kurzem wieder gebilligt hat. Erklärte der Sowjet-Premier in Sosnowitz vor polnischen. Bergarbeitern: "Stalin hatte recht. Er war gezwungen, so zu handeln, wie er es tat."
Die Sowjet-Union habe damals Zeit gewinnen müssen, ehe sie zum Waffengang gegen Hitler antrat.
Als die Kanonen 1945 verstummten, zerbrach die auf den Pakt mit Hitler folgende westöstliche Allianz. Wieder war ein Kurswechsel fällig; denn die Westmächte widersetzten sich nun jeder weiteren kommunistischen Expansion. Der Kalte Krieg begann, nachdem im Frühjahr 1948 auch die Tschechoslowakei als letztes der osteuropäischen Länder mit einem kommunistischen Handstreich zum Satelliten der Sowjet-Union geworden war.
"900 Millionen Menschen wurden (als Folge des Zweiten Weltkriegs) vom Kapitalismus befreit", so rühmte Sowjet-Premier Chruschtschew jüngst bei seinem Besuch in Polen die Politik Stalins und Molotows, bei der Rote Armee, kommunistische Parteien und Sowjet-Diplomatie so vortrefflich Hand in Hand arbeiteten.
Auf zahlreichen internationalen Konferenzen - zuletzt im Frühjahr 1954 in Berlin und im Herbst 1955 in Genf - hat Molotow diesen gewaltigen kommunistischen Machtbereich zäh verteidigt und der Sowjet-Union mit "harter" Diplomatie über jene schwierige Zeit hinweggeholfen, in der sie zwar eine riesige Armee unter Waffen hatte, aber noch keine ausreichende Atom-Rüstung besaß.
"Es muß gesagt werden", lobte sogar 1948 das Hausdokument Nr. 619 des 80. amerikanischen Kongresses die diplomatischen Anstrengungen Molotows, "daß die von den Sowjets betriebene Außenpolitik
- als Bestandteil der Taktik für die Weltrevolution - beträchtliche Erfolge erzielt hat." Das Dokument, eine Arbeit des Auswärtigen Ausschusses, fuhr fort: "Wenn man konsequent ist, muß man zugeben, daß (die sowjetische Außenpolitik) mit beachtenswerter Geschicklichkeit geführt worden ist, und . . . daß sie für die Interessen der Sowjets und des Welt-Kommunismus Sorge trägt."
Im März 1949 überließ Molotow das Außenministerium seinem Stellvertreter Andrej Januarjewitsch Wyschinski, der 1936 bis 1938 als Ankläger in den großen Schauprozessen gegen Sinowjew, Kamenjew, Radek und Tuchatschewski die Alte Garde der Revolution dem Henker zugetrieben hatte. Molotow blieb jedoch als Erster stellvertretender Ministerpräsident der "zweite Mann" nach Stalin, der von 1941 bis kurz vor seinem Tode im März 1953 selbst die Regierung leitete.
Wyschinski, russisch-polnischer Herkunft, 1883 im Schwarzmeerhafen Odessa geboren, wurde nun - insbesondere vor dem Forum der Vereinten Nationen - der sprachgewaltige Ankläger der "imperialistischen" Westmächte, der seine Attakken mit beleidigender Schärfe formulierte, je mehr sich der Kalte Krieg erhitzte.
"Sie haben Halluzinationen", spottete er einmal über den damaligen britischen Staatsminister McNeil. "Warum nehmen Sie nicht Adrenalin, um Ihre Nerven zu beruhigen?"
Als der Jurist Wyschinksi sein Amt antrat, war die Berliner Blockade noch im Gange, und der Konflikt mit dem "titoistischen" Jugoslawien trieb seinem Höhepunkt zu. Die Gründung der "DDR" im Oktober 1949 vollendete die Spaltung Deutschlands, während der Krieg in Korea, der Ende Juni 1950 aufflammte, zur Kraftprobe zwischen den beiden Mächtegruppen wurde. Sie sollte zeigen, ob nicht doch noch - hart am Rande des "großen Krieges", den die Sowjet-Union nicht führen wollte - eine Ausdehnung des kommunistischen Machtbereiches mit Waffengewalt möglich war.
Der koreanische Krieg schwelte noch längs des 38. Breitengrades, als Stalin am 5. März 1953 starb. Seine aggressive Politik nach Kriegsende hatte das provoziert, was die Machthaber im Kreml drei Jahrzehnte zuvor am meisten gefürchtet hatten: die "kapitalistische Einkreisung". Rings um die rote Hemisphäre hatte die amerikanische Weltmacht ihre militärischen Stützpupkte errichtet. Das nicht kommunistische Westeuropa begann mit amerikanischer Hilfe wirtschaftlich zu einer Einheit zu verschmelzen und war militärisch in der NATO mit den USA verbündet.
In dieser Lage schien es den Erben Stalins ratsam, den Kalten Krieg zu beenden, der die im vergangenen Jahrzehnt von der Sowjet-Macht gewonnenen Positionen bedrohte. Wiederum wurde Molotow, griesgrämiger Altmeister bolschewistischer Diplomatie, damit beauftragt. Doch dem Gealterten, der nun zum zweiten Male Außenminister war, gelang es nur mühsam, sich mit jener "Politik des Lächelns" abzufinden, die er - nach einem Jahrzehnt harten Druckes - für verderblich hielt weil sie als ein Zeichen sowjetischer Schwäche gedeutet werden mußte.
Zur "Politik des Lächelns", die auf Entspannung und "friedliche Koexistenz" abzielte, gehörten: 1953 der Waffenstillstand in Korea, 1954 die Beendigung der Kämpfe in Indochina nach der Genfer Asien-Konferenz, 1955 der Staatsvertrag mit Österreich und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Bonner Republik, das Genfer Gipfeltreffen sowie die
- gebrechliche - Aussöhnung mit Jugoslawien.
Die Kehrseite der Entspannung waren:
der Juni-Aufstand 1953 in der deutschen Sowjetzone, der polnische "Frühling im Oktober", in dem Gomulka an die Macht kam, und der ungarische Aufstand im Herbst 1956, der die Sowjet-Macht zu hartem militärischen Eingreifen zwang. Die Sicherung ihrer führenden Rolle innerhalb des "sozialistischen Lagers" - zeitweise mit Formeln wie "Gleichberechtigung" und "Nichteinmischung in innere Angelegenheiten" verschleiert - war zum schwierigsten Problem für die Sowjet-Führung geworden.
Dem Kanossagang Bulganins und Chruschtschews nach Belgrad im Mai 1955 blieb Molotow fern. Doch sein gelehrigster-Schüler Andrej Gromyko war dabei, als die Sowjetmenschen vor dem jugoslawischen Marschall Selbstkritik übten. Als Weggenosse Stalins, stiller Gegner des "Neuen Kurses" und schärfster Widersacher Titos mußte Molotow dem Chruschtschew-Günstling Schepilow weichen, als der jugoslawische Staatschef am 1. Juni 1956 zum triumphalen Gegenbesuch nach Moskau kam.
Dmitrij Trofimowitsch Schepilow, Kuban-Kosak und Doktor der Wirtschaftswissenschaften, hatte bei seiner überraschenden Ernennung zum Außenminister bereits eine steile Karriere hinter sich. Der damals 50jährige war seit 1952 Chefredakteur der "Prawda" und hatte mit seinen von Chruschtschew inspirierten Leitartikeln im Frühjahr 1955 geholfen, Malenkow als Ministerpräsidenten abzuschießen. Er war außerdem seit 1954 Vorsitzender des Außenpolitischen Ausschusses im Nationalitäten-Sowjet und seit Juli 1955 Mitglied des Parteisekretariats. Im Februar 1956 stieg er sogar zum Kandidaten des Parteipräsidiums auf.
Dem neuen Außenminister, der die Versöhnung mit dem "Ketzer von Belgrad" befürwortet hatte, ging der Ruf voraus, seit Jahren ein intimer persönlicher Berater des Ersten Parteisekretärs in außenpolitischen Fragen zu sein. Während seiner kurzen Amtszeit - dies war sein Pech und machte ihn unsicher - zeigte sich jedoch die "Kehrseite der Entspannung", ebenso wie - nach der Suez-Krise - mit dem Engagement der USA im Nahen Osten die Kehrseite jener Orient-Politik sichtbar wurde, zu der er selbst geraten hatte.
Als der Außenseiter Schepilow Mitte Februar 1957 kurz nach einer großen außenpolitischen Rede vor dem Obersten Sowjet überraschend durch den Berufsdiplomaten Gromyko ersetzt wurde, betrachteten ihn westliche Kreml-Wissenschaftler als Sündenbock, der für die Ungarn-Krise und die Eisenhower-Doktrin geopfert wurde. Der blutig niedergeschlagene Ungarn-Aufstand hatte die Sowjet-Union vorübergehend moralisch isoliert, die Eisenhower-Doktrin schien ihr künftig den Weg in den Nahen Osten zu versperren.
Berichtete damals die "Neue Zürcher Zeitung": "Die verbreitetste Version lautet, Schepilow sei ein Chruschtschew -Mann und Gromyko ein Molotow-Mann";
ebenso erschien "Die Tat", ein anderes Schweizer Blatt, mit der Schlagzeile: "Chruschtschew verliert einen Turm". Der Turm war Schepilow.
Auch in England kommentierte der liberale "Manchester Guardian": "Die Ernennung Gromykos, der lange mit Molotow zusammengearbeitet hat, sieht wie ein Sieg der Molotow-Gruppe aus, die im allgemeinen als stalinistisch und anti-chruschtschewistisch gilt."
Wenige Monate später las man es anders. Schepilow habe "auf schamlose Weise ein doppeltes Spiel getrieben", tönte es nun aus Moskau. Als Anhänger der "parteifeindlichen Molotow-Malenkow -Gruppe" wurde der gestürzte Minister Anfang Juli 1957 aus allen Parteiämtern entfernt. Chruschtschew, der in dem zu Spott und Verschlagenheit neigenden Mann ein williges Werkzeug für seine Außenpolitik gefunden zu haben glaubte, sah sich getäuscht. Schepilow, einmal in den "inneren Kreis" der Kreml-Gewaltigen eingedrungen, hatte das Spiel um die Macht interessanter gefunden als die sture Ausführung von Parteibefehlen. Damit schlug die Stunde für Andrej Gromyko, den Rudergänger für jeden Kurs.
Der Apparatschik des sowjetischen Außenamts hatte sich bisher diskret im Hintergrund gehalten. Er beging keinen diplomatischen Fauxpas, verstieß nie gegen die Strenge protokollarischer Sitten und verfocht - was für seine Chefs besonders wichtig war - niemals eigene Ideen. Aber Gromyko gab, wie schon Englands Kriegspremier Churchill notierte, Stalin und Molotow die Stichworte für ihr freundlich-mißtrauisches Geplänkel mit den angelsächsischen Alliierten. In seinen amerikanischen Lehrjahren machte sich der junge Botschaftsrats ein harter, unermüdlicher Arbeiter, der weder rauchte noch trank, als "rechte Hand" des Sowjet-Botschafters Umanski beliebt. Im Sommer 1941, als Umanski abgelöst wurde, führte Gromyko die Botschaft drei Monate als Geschäftsträger, ehe der wieder aktivierte ehemalige Außenminister Litwinow eintraf, von dem der Kreml glaubte, er werde als "Westler" die amerikanische Wirtschafts- und Waffen-Hilfe für die von den großdeutschen Armeen arg bedrängte Sowjet-Macht rascher mobilisieren können.
Mit Umanski ging das gesamte Personal der Botschaft - nur der junge Gromyko blieb, den auch Botschafter Litwinow für unentbehrlich hielt. 1943 löste Gromyko den doppelt so alten Litwinow ab und wurde mit 34 Jahren der jüngste Botschafter, den der Kreml je ernannt hatte, überdies auf dem wichtigsten Auslandsposten, den es für die Sowjet-Union in jenen Jahren zu besetzen gab.
Der dunkelhaarige, gedrungene Mann wurde in Washington bald zum begehrten Gast illustrer Cocktail-Parties in der Blütezeit russisch-amerikanischer Kriegskameradschaft, obwohl er selten redete und fast nie lächelte. Politische Teenager schwärmten von seiner blaßgelben Hautfarbe, die den Schreibtisch-Funktionär verriet, und von seinen dunklen, kalten Augen unter buschigen, schwarzen Augenbrauen.
Drei Jahre lang blieb Gromyko ' Botschafter in Washington und zugleich Gesandter in Kuba. Er reiste viel und fehlte auf keiner der großen Kriegskonferenzen. 1943 in Teheran, 1945 in Jalta und in Potsdam war er der unentbehrliche Gehilfe Molotows, ein wandelndes Lexikon, das stets alle gewünschten politischen, wirtschaftlichen oder juristischen Daten parat hatte.
Der sowjetische Diplomat soll in einem Dorf namens Gromyki in der Nähe der bjelo-russischen Stadt Gomel geboren sein. Von dieser Ortsbezeichnung leitet Gromyko auch wie neun Zehntel der übrigen Dorfbewohner seinen Namen ab. Andere Quellen sprechen allerdings davon, Andrej sei in der Großstadt Minsk zur Welt gekommen.
Solche Widersprüche gehen vermutlich auf einige Retuschen zurück, die an der Biographie des Andrej Andrejewitsch vorgenommen wurden, seit er zur Spitzenklasse der Sowjet-Hierarchie gehört. Seine soziale Herkunft wurde, den Gepflogenheiten des Arbeiter- und Bauern-Staates entsprechend, als "kleinbäuerlich" etikettiert, damit sich der Genosse Minister standesgemäß im Kreise seiner kommunistischen Kollegen bewegen kann.
Andrejs Vater soll jedoch ein zaristischer Staatsrat gewesen sein, der im Gouvernement Smolensk amtierte. Er entging dem Fegefeuer der Revolution und des Bürgerkrieges und ernährte seine Familie später als Buchhalter, Zeichenlehrer und Winkeladvokat. Der Staatsrat a.D. sorgte für eine gute Schulbildung seines Sohnes, der damals ein Musterschüler war, so wie er später in den Diensten des Sowjet -Staates ein Muster-Diplomat wurde.
Andrej Gromyko studierte am Landwirtschaftlichen Institut in Minsk. Dort erwarb er 1934 sein Diplom als "Agrar-Ökonom" mit einer Arbeit über "Die Wirkung der Jahresbilanz auf den Saatbetrieb".
Der frisch diplomierte Gromyko fiel mit diesem Opus angenehm auf. Er durfte weiterstudieren - diesmal am Lenin-Institut für Ökonomie in Moskau. Zwei Jahre später vollendete er seine Dissertation:
"Scheinkonjunktur als Mittel zur Überwindung von Wirtschaftskrisen". Sein Lehrmeister war der ungarische Wahl-Russe,
bolschewistische Wirtschaftstheoretiker und Stalin-Berater Professor Eugen Varga. Sein Doktorvater wurde das einflußreiche Politbüro-Mitglied Andrej A. Schdanow, der spätere Leiter der Komintern und zeitweilige Rivale Malenkows im Kampf um Stalins Nachfolge.
Der 27jährige Doktorand, dem wenig später eine Professorenstelle übertragen wurde, quälte sich in seiner Arbeit rechtschaffen damit, die marxistisch- leninistische Theorie mit der ökonomischen Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Der von den Erzvätern des Marxismus seit langem zum Untergang verurteilte Kapitalismus hatte im Jahre 1936 gerade die ärgste Weltwirtschaftskrise überwunden und ging, insbesondere in den Vereinigten Staaten,einer neuen Blüte entgegen. Gromyko enthüllte jedoch, gehorsam den Ideen Schdanows folgend, daß dieser neue Konjunkturaufschwung nur ein Truggebilde sein könne, also den Endsieg des Kommunismus nicht aufhalten werde.
Ob solcher hervorragender wissenschaftlicher Leistungen empfahl Genosse Schdanow den strebsamen Gromyko zur Verwendung
im Auswärtigen Dienst. Als Premier Molotow am 3. Mai. 1939 das Außenamt übernahm, machte er den begabten Professor am Institut für Weltwirtschaft und Weltpolitik der Akademie der Wissenschaften der UdSSR zum Leiter seiner Amerika -Abteilung. Erst dreißig Jahre alt, wurde Gromyko einer der wichtigsten Diplomaten der Sowjet-Union. "Sein Aufstieg war meteorenhaft", schrieb die amerikanische
"New York Times".
Die dralle, resolut dreinschauende Lydia D. Gromyko, geborene Griwewitsch, die ihren- Gatten auch diesmal an den Genfer See begleitet hat, teilte die steile Karriere ihres Mannes - sie lernte ihn bereits während seiner Studienjahre in Minsk kennen
- ohne eigenen politischen Ehrgeiz zu entfalten. "Sie ist die Mutter meiner Kinder", pflegt der Minister reserviert zu sagen, sobald von jener Rolle die Rede ist, die Madame Gromyko gelegentlich bei Diplomaten-Tees und -Modenschauen spielt, ohne allerdings der weiblichen Erfolge teilhaftig zu werden, deren sich Gromykos Sekretärin Nina Griasnowa in Genf schmeicheln durfte. Sohn Anatolij ist heute 28 Jahre alt, die blonde Tochter Emilia 22.
Anatolij bereitete Vater Andrej vor Jahren einigen Kumnmer, als er sich - damals 20 Jahre jung - in New York in die hübsche Jeanne Saverson verliebte. Von Moskau aus schrieb Anatolij der amerikanischen Studentin glühende Liebesbriefe. Sie machten der 1951 noch mit stalinistischer Strenge gehandhabten sowjetischen Postzensur solchen Kummer, daß man Vater Andrej alarmierte. Der stellvertretende Außenminister mußte eingreifen, um seines Sprößlings erotische Abweichung von der Parteilinie zu korrigieren.
Während Dean Acheson, Georges Bidault, ja sogar Anthony Eden, solange sie noch Außenminister ihrer Länder waren, von den fachkundigen Redakteuren des Londoner Herrenmodenblattes "Tailor & Cutter" gelegentlich wegen ihrer Kleidung kritisiert wurden, hat Gromyko noch nie einen solchen Tadel einstecken müssen. Seine "Eleganz in Kleidung und Haltung", lobte die amerikanische Kolumnistin Dorothy Thompson, hebe sich wohltuend von der vieler seiner westlichen Kollegen ab. Gromyko bevorzugt einfarbige, meist blaue Anzüge. In New York und London zeigte er sich bei großen Empfängen lieber im Frack oder Smoking als in der goldbetreßten Diplomaten-Uniform der Stalin -Ära.
Der wortkarge Mann mit dem "trockenen, fast schottischen Witz" ("New York Times") hat sich, insbesondere in den Augen amerikanischer Zeitungsleser, auch einige effektvolle Hobbys zugelegt, die dem diplomatischen Schwerarbeiter - er soll an manchem Konferenztag 120 Seiten lange Berichte nach Moskau kabeln - gut zu Gesicht stehen. So wird von ihm berichtet, er spiele gern Schach und (wie Ulbricht) Volley-Ball, sammle Briefmarken, gehe Angeln und lese zu seiner Entspannung die Klassiker der Weltliteratur. Shakespeare, Goethe und Balzac seien seine Lieblingsautoren.
Der Minister schätzt jedoch auch profanere Vergnügen und ist ein eifriger Kinogänger. Während einiger Pariser Konferenzen saß er abends lieber in einem kleinen Boulevard-Theater, statt sich auf offiziellen Empfängen zu langweilen. In Amerika erkor er einst Douglas Fairbanks jr. zu seinem Lieblingsstar. Nach herzlichem Händedruck verriet er ihm, auch der große
- damals noch lebende - Stalin schätze die Fairbanks-Filme sehr.
Im März 1946 erhielt Gromyko jenen Auftrag, der ihn für die Amerikaner zum ewigen Nein-Sager, zum "Njet-Mann" stempelte: Er wurde ständiger Delegierter der Sowjet-Union im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Zuvor hatte er bereits an der Gründungskonferenz der Uno Mitte 1945 in San Francisco teilgenommen und als Delegierter der UdSSR im Uno-Exekutivausschuß gesessen. In den nächsten Jahren demonstrierte er den weltfriedensseligen, von ihrem Atombomben -Monopol zehrenden Amerikanern, wie virtuos er, den Befehlen Moskaus gehorchend, auf der Klaviatur dieser internationalen Organisation zu spielen verstand.
Gromyko wurde für Amerika zum "Symbol sowjetischer Halsstarrigkeit" ("Newsweek"), zum "Roboter des Kalten Krieges. Andere amerikanische Blätter entrüsteten sich, der Njet-Mann, der bis 1948 im UN -Sicherheitsrat 26mal sein Veto eingelegt hatte, sei das größte Hindernis für eine gedeihliche Zusammenarbeit mit der Sowjet-Union, und das britische Reuter-Büro meldete sogar fälschlich seinen Rücktritt.
Der heftig angefeindete Sowjet-Diplomat bewies in jenen Monaten einen grimmigen Humor. Auf einer Party in New York brummte er, während er finster in den herniederprasselnden Regen hinausstarrte:
"Auch das wird die ,New York Times' morgen wieder dem Gromyko ankreiden."
"Veni, vidi, veto", witzelte man im Uno -Hauptquartier - frei nach Julius Cäsar - über den mit "granitener Feierlichkeit" ("New York Herald Tribune") durch die Reihen seiner diplomatischen Kollegen schreitenden Mann, der seine zornigen Reden mit slawischen Sprichworten und Mark-Twain-Zitaten würzte. Sein "Ausmarsch" Anno 1946 aus der Persien -Debatte des Weltsicherheitsrates, die für die Sowjet-Union unbequeme Tatsachen ans Licht brachte, bereicherte die Terminologie der Uno-Funktionäre um einen neuen Fachausdruck. "Einen Gromyko machen", hieß es fortan, wenn jemand auftauchenden Unannehmlichkeiten mit bitterböser Miene aus dem Wege ging.
So viel Tapferkeit im Kalten Krieg wurde in Moskau nicht nur mit dem Orden des Roten Banners belohnt, verliehen für ausgezeichnete, dem sowjetischen Staat auf dem Gebiet der Diplomatie geleistete Dienste", der seit November 1948 Gromykos breite Brust schmückt, sondern auch mit einer wohlverdienten Beförderung.
Am 5. März 1949 erklomm der bolschewistische Karriere-Diplomat die nächste Stufe: Er wurde Erster Stellvertreter des zum Außenminister avancierten ehemaligen Generalstaatsanwalts Wyschinski, ein Amt, das Gromyko nach seiner Botschafterzeit in London im April 1953 zum zweiten Male übernahm, als Molotow wiederum die Geschäfte des Außenministeriums führte. Dem "Neuen Kurs" entsprechend, verwandelte sich der steife Njet-Mann des Kalten Krieges damals in einen frostigen Apostel der "friedlichen Koexistenz".
Als Reisebegleiter Bulganins und Chruschtschews lernte Gromyko in den Jahren 1955 und 1956 jenes scheue Mona-Lisa -Lächeln, mit dem er in diesem Sommer zuweilen auch seine Genfer Gesprächspartner beglückt. Gromyko lächelte in Belgrad, als sich Tito und Chruschtschew in die Arme sanken. Er lächelte in Burma, Afghanistan und Indien, als die großen Kreml-Herren, mit Blumenketten geschmückt, dem Neutralisten Nehru die Hände schüttelten. Er war dabei, als die beiden Moskowiter am englischen Hof Visite machten. Er erlebte auch das große Lächeln von Genf im Juli 1955, als sich Eisenhower und Chruschtschew zum ersten Male auf dem Gipfel begegneten.
Eine echte "Gromykiade" spielte er 1955/56 als Leiter der Sowjet-Delegation bei den Londoner Abrüstungsverhandlungen im Unterausschuß der Vereinten Nationen. Über lange Monate hinweg lieferte Molotows Stellvertreter seinen vier Gegenspielern (USA, Großbritannien, Kanada und Frankreich) ein kunstvolles Scheingefecht, bei dem er feinfühlige Diplomatie und plumpe Propaganda virtuos mischte.
Der einstige Njet-Mann führte mit Eisenhowers "Friedensminister, Harold Stassen vertraute Zwiegespräche, weckte zarte Hoffnungen und wischte gleichzeitig die Luftinspektionspläne des amerikanischen Präsidenten als "Spionage" vom Tisch. Von Zeit zu Zeit zauberte er aus seinen unergründlichen Taschen neue Abrüstungsprojekte hervor, während er rabiate Attacken gegen die Westmächte ritt, "weil einige Leute sich nicht von ihren Atomwaffen trennen wollen".
Die Londoner Abrüstungsgespräche waren geheim, aber die Sowjet-Agentur Tass veröffentlichte ein Interview mit dem russischen Chef-Delegierten, und der kommunistische "Daily Worker" druckte Gromykos Reden am Konferenztisch. "Grober Geheimnisbruch"', zürnte das britische Foreign Office, während die Sowjets gelassen einen Pluspunkt buchten.
Als die Sowjet-Union ihre erste interkontinentale Fernrakete erfolgreich erprobt hatte, die ihr zum ersten Male einen Rüstungsvorsprung vor den USA sicherte, erlahmte ihr Interesse an dem Londoner Plan-Spiel. Wieder war ein Kurswechsel fällig. Diesmal war der erfahrene Apparatschik im Außenamt, der einstige Schdanow -Protegé und spätere Molotow-Schüler Andrej Gromyko, der richtige Mann, um die von Chruschtschew gewünschte Schwenkung zu vollziehen. Die Politik sowjetischer Raketen-Stärke begann.
Während der Suez-Krise, als noch Schepilow amtierte, fielen am 5. November 1956 die ersten dunklen Drohungen mit sowjetischen Fernlenk-Waffen. Ein Jahr später umkreisten russische Sputniks den Erdball. Ein weiteres Jahr darauf, im November 1958, begann das zermürbende Spiel mit Berlin. Zu Weihnachten erklärte Außenminister Gromyko düster, die geteilte Stadt könne zu einem "neuen Sarajewo" und zum Ausgangspunkt eines "großen" Krieges werden.
Diese Politik, zu der Gromyko die Erfahrungen seiner neun Amerika-Jahre beigesteuert haben mag, zielt darauf ab, für den Rest dieses Jahrhunderts die Herrschaft über den Erdball mit der amerikanischen Weltmacht zu teilen. Dazu ist ein zweites Gipfel-Treffen notwendig, nicht als ein da capo des großen Lächelns, sondern als eine Demonstration sowjetischer Macht. Genf ist dafür nur ein Vorspiel.
Das Geschäft des Drohens und Lockens betreibt Premier Chruschtschew mit zahllosen Reden und Reisen meist allein, den diplomatischen Kleinkram überläßt er seinem Außenminister und dessen Stab. Für Chruschtschew sind die Regierungschefs die weltpolitischen Schwergewichtler, die Außenminister dagegen mehr oder weniger wertvolle Spezialisten.
Die bisher höchste Anerkennung wurde dem Spezialisten Gromyko in einem Gespräch zuteil, das der sowjetische Regierungschef im Frühjahr mit seinem britischen Gast, Premier Harold Macmillan, in Moskau führte. "Wenn ich Gromyko Order erteile, sich auf einen Eisberg zu setzen",
behauptete Chruschtschew, "so wird er darauf sitzenbleiben, auch wenn er anfriert, bis ich ihm befehle herunterzusteigen..."
Der Apparatschik auf dem Eisberg - das ist in der bilderreichen Sprache des großen Nikita die Perfektion der vom Parteipräsidium ferngesteuerten sowjetischen Außenpolitik.
Wörtlich: "Präsidium des Zentralkomitees der KPdSU", das seit dem 19. Parteikongreß Im Oktober 1952 an die Stelle des Politbüros trat. Es wird ebenso wie das Parteisekretariat
("Sekretariat des Zentralkomitees der KPdSU")
von einer Vollversammlung des Zentralkomitees "organisiert". Erster Sekretär im Parteisekretariat ist Nikita Chruschtschew. Alle zehn Sekretäre, sind gleichzeitig entweder Vollmitglieder oder Kandidaten des Parteipräsidiums.
* Die internationale kommunistische Bewegung war seit 1919 der von der sowjetischen KP gesteuerten Komintern unterstellt, die 1943 während des Zweiten Weltkriegs von Stalin aufgelöst wurde. An ihrer Stelle entstand 1947 das Kominform das 1956 für kurze Zeit verschwand, jedoch bereits 1957 wiedergegründet wurde. Die Komintern und das Kominform I kontrollierten alle kommunistischen Parteien der Erde, das 1957 gegründete Kominform II beschränkte sich auf die Parteien der zwölf Ostblock-Länder.
** Andrej Gromyko hat einen Ersten Stellvertreter Wassilij W. Kuznezow, der als zeitweiliges Mitglied des Parteipräsidiums über einen größeren Einfluß in der Partei-Hierarchie verfügen soll als sein heutiger Vorgesetzter, sowie vier stellvertretende Außenminister: Wladimir Semjonow, Georgij Puschkin, Walerian Sorin und Nikolai Firjubin. Sorin wirkte als erster Sowjet -Botschafter in Bonn, Semjonow und Puschkin waren als Botschafter bei der DDR-Regierung tätig. Von den 17 Abteilungen des Außenministeriums beschäftigen sich sechs ausschließlich mit europäischen Fragen.
Musterschüler Gromyko: Ein gewisses Lächeln
Algemeen Handelsblad, Amsterdam
Dienstanzug für jeden Kurs
Volkskommissar Trotzki
Von den Barrikaden ...
Volkskommissar Tschitscherin
... ins diplomatische Spiel ...
Volkskommissar Litwinow
... der kapitalistischen Mächte
Außenminister Molotow
Vom Hitler-Pakt ...
Außenminister Wyschinski
... über den Kalten Krieg ...
Außenminister Schepilow
... zur Koexistenz
Kommunist Gromyko, Bankier Baruch: Sowjetische Außenpolitik konzentriert sich ...
London-Botschafter Gromyko
... auf die Gegensätze der Kapitalisten
Sowjet-Außenministerium in Moskau: Verlor Chruschtschew einen Turm?
Gromyko-Sekretärin Nina (r.)
Kommen, sehen, protestieren
Gromyko-Gottin Lydia: Die Person interessiert nicht
Gromyko, Chef, Gestrauchelte*: Kiebitz beim Spiel um die Macht
* Auf der Genfer Gipfel-Konferenz 1955 (von links nach rechts): Zum Außenminister avancierter Sowjet-Diplomat Gromyko, gestürzter Verteidigungsminister Marschall Schukow, gestürzter Erster stellvertretender Ministerpräsident und Außenminister Molotow, Parteisekretär Chruschtschew - heute auch Regierungschef - und gestürzter Ministerpräsident Bulganin.

DER SPIEGEL 31/1959
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