29.07.1959

DOYLEWer war Sherlock Holmes?

Sherlock Holmes, Großvater und Vorläufer ungezählter Romandetektive, sei nach dem Vorbild eines deutschen Kriminalisten gezeichnet - mit dieser These frappierte Michael Harrison, Verfasser einer 292 Seiten langen Holmes-Studie, die englische Conan-Doyle-Gemeinde.
Bei dem ausgeprägten Interesse der Briten für bizarre Probleme genügte eine solche Behauptung, um den englischen Zeitungen und Rundfunkstationen tagelang korbweise Briefe ihrer Leser und Hörer zu verschaffen. Nicht nur vermeintliche Rätsel um Poltergeister oder Fliegende Untertassen, sondern auch Fragen, nach welchem Vorbild der britische Arzt Sir Arthur Conan Doyle (1859 bis 1930) seinen pfeiferauchenden Meisterdetektiv Sherlock Holmes entworfen oder ob Holmes überhaupt ein Vorbild gehabt habe, tauchen epidemieartig von Zeit zu Zeit in der britischen Öffentlichkeit auf und werden dann wochenlang mit einer Erbitterung diskutiert wie in Deutschland bestenfalls Vorrundenspiele um die Deutsche Fußballmeisterschaft.
In 58 Kriminalgeschichten, die Conan Doyle veröffentlicht hatte, waren die kriminalistische Kunst und das außerordentliche Kombinationsvermögen des erdachten Privatdetektivs Sherlock Holmes gepriesen worden, dessen Wohnung in der Londoner Baker Street liegt, der in seiner freien Zeit oder während des produktiven Nachdenkens Geige spielt und auftauchende Probleme mit seinem Weggenossen, dem geistig simpleren Dr. Watson, diskutiert.
Einer der ersten Conan-Doyle-Interpreten, der katholische Geistliche Monsignor Ronald Knox, aber auch der Conan-Doyle -Biograph Hesketh Pearson vertraten die These, der Autor Conan Doyle habe sich selber in der Person des Dr. Watson charakterisiert - als einen "geborenen Geschichtenerzähler, eine ehrliche Haut und Verkörperung des Durchschnittsmenschen",
wie Watson in Conan Doyles Büchern beschrieben wird.
Biograph Pearson bot, um dieser These Autorität zu geben, sogar das Zeugnis des Dramatikers George Bernard Shaw auf. Shaw habe auf die Frage, ob Sherlock Holmes und Autor Conan Doyle identisch seien, entrüstet geantwortet: "Was für eine Verleumdung! Sherlock war ein Rauschgiftsüchtiger ohne einen einzigen liebenswerten Zug, und Watson war ein anständiger Kerl!"
Diese Attacke richtete sich gegen diejenigen Mitglieder der ausgedehnten Conan -Doyle-Gemeinde - Doyles Bücher sind in der ganzen Welt, einschließlich des Ostens, in nicht mehr abschätzbaren Millionenauflagen verbreitet -, die bis dahin behauptet hatten, Conan Doyle habe sich in der Person des Detektivs Sherlock Holmes selber darstellen wollen. "Sofern irgend jemand Sherlock Holmes war", erklärte Adrian Conan Doyle, ein Wortführer dieser Gruppe und Sohn des Schriftstellers, "so war es Conan Doyle."
Sohn Adrian machte geltend, sein Vater habe viele charakteristische Zuge und Gewohnheiten Arthur Conan Doyles auf den Romanhelden Sherlock Holmes übertragen, zum Beispiel entstamme der Romandetektiv Holmes - wie der Romanautor Conan Doyle - dem Landadel, beide hätten französisches Blut in den Adern. Zudem verbinde beide eine gewisse Vorliebe, im Schlafrock zu arbeiten, und beide seien unvorstellbar unordentlich.
Daß sein Vater nicht bloß ein mittelmäßig begabter Durchschnittsbürger war, versuchte Adrian Conan Doyle mit einigen
- unbestreitbaren - Tatsachen zu beweisen: Mehrere von Arthur Conan Doyle erfundene, von Sherlock Holmes praktizierte Methoden - wie zum Beispiel die Analyse von Zigarettenresten und die Verwendung von Gips zur Konservierung von Fußspuren - wurden später von der Kriminalpolizei in vielen Ländern tatsächlich angewendet. Zudem habe Conan Doyle, erinnerte sich Sohn Adrian, bei der Aufdeckung eines historischen Justizirrtums
- ein anglo-indischer Rechtsanwalt war als angeblicher Verfasser von Drohbriefen zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt worden - die Hauptrolle gespielt.
Sir Arthur Conan Doyle selbst - er wurde im Jahre 1902 von König Eduard VII. in den Adelsstand erhoben - hat in seiner Autobiographie nur vage Andeutungen über das Vorbild zu seinem Meisterdetektiv Sherlock Holmes gemacht. Er sei, bekannte der Kriminalautor, der außerdem auch Arzt war, von seinem akademischen Lehrer, dem Edinburger Chirurgen Dr. Joseph Bell, und dessen ausgeprägtem Spürsinn tief beeindruckt gewesen.
Michael Harrison nun, der sich als "Sherlock-Ketzer" bezeichnet, will keine dieser beiden Thesen gelten lassen. Er glaubt, daß die Romanfigur Sherlock Holmes eine Synthese aus mindestens drei Faktoren ist - aus Conan Doyles Bewunderung für den amerikanischen Grusel-Autor Edgar Allan Poe ("Unheimliche Geschichten") aus dem Chirurgen Joseph Bell und aus dem deutschen Detektiv Scherer.
"Die Methode von Holmes fand Conan Doyle in den Eigentümlichkeiten von Joseph Bell", erklärt Ketzer Harrison.
"Wendel Scherer aber war es, der ihn zu der Idee einer Detektivgeschichte in der Manier von Poe inspirierte. Und der Charakter Scherers bildete auch die Grundlage für den Charakter von Holmes."
Der deutsche Kriminalist Wendel Scherer hatte 1881 - zu dem Zeitpunkt also, da Conan Doyle zu schreiben anfing - bei der Aufklärung eines Londoner Kriminalfalls von sich reden gemacht. Aus der Baker Street im Londoner Arbeiterviertel St. Luke war eines Morgens ein Bäckermeister namens Urban Stanger verschwunden, ohne ein Spur zu hinterlassen. Nur der Umstand, daß Frau Stanger bereits am folgenden Tag bei dem Gesellen ihres verschwundenen Gatten Trost fand, deutete auf die Möglichkeit eines Verbrechens.
Zwar gelang es Wendel Scherer nicht, Frau Stanger und ihren Geliebten des Mordes an dem verschwundenen Bäckermeister zu überführen, aber der deutsche Kriminalist brachte eine Reihe von Delikten ans Licht, die den beiden Zuchthausstrafen eintrugen. So hatte der Geselle die Unterschrift seines Meisters gefälscht, um von dessen Bankkonto Geld abheben zu können. Frau Stanger wurde wegen Meineids verurteilt. Im ganzen hatte Scherer einen Fall rekonstruiert, der aus einer lückenlosen Indizienkette bestand - genauso wie es Sherlock Holmes zu tun pflegt.
Eine Bestätigung für seine Theorie, daß Sir Arthur durch diese Vorfälle zur Erfindung seiner Sherlock-Holmes-Figur inspiriert worden sei, sieht Michael Harrison in den Namen, die Conan Doyle seinem Romanhelden gab. Conan Doyle, der in Deutschland studiert hatte und des Deutschen mächtig war, habe das Wort Scherer - eine alte Form für Haarschneider - in den englischen Slang übersetzt: Shearlocks heißt soviel wie Haarschneider. Über Scherers Vornamen Wendel, glaubt Harrison, sei Conan Doyle durch eine Assoziation zum Nachnamen seines Meisterdetektivs gekommen: Conan Doyle habe dem von ihm verehrten und in England sehr bekannten amerikanischen Dichter Oliver Wendell Holmes (1809 bis 1894) ein Denkmal setzen wollen. Die Tatsache, daß der wirkliche Wendel Scherer ein in der Baker Street begangenes Verbrechen habe aufklären wollen, habe Conan Doyle berücksichtigt, indem er seine Figur Sherlock Holmes in der Baker Street wohnen ließ.
Ketzer Harrison brachte dadurch alle jene Conan-Doyle-Enthusiasten auf, die von Zeit zu Zeit in den vornehmen Londoner Bezirk St. Marylebone, zur Baker Street pilgern, die Regent's Park mit der Oxford Street verbindet. Seine These, daß Conan Doyle seinen Holmes überhaupt nicht in der vornehmen Baker Street in St.Marylebone habe wohnen lassen, sondern in der ärmlichen Baker Street in St. Luke, aus der jener Bäcker verschwunden war, mußte der Ketzer denn auch widerrufen: Einige Leser hatten ihn auf eine Stelle in einem Roman von Conan Doyle hingewiesen, die besagt, daß Sherlock Holmes vom Fenster seines Arbeitszimmers aus beobachtet, wie Dr. Watson im Postamt in der Wigmore Street verschwindet. Die Wigmore Street liegt aber in St. Marylebone, unweit der Baker Street.
Kriminalautor Doyle (1911): Shearlocks heißt Haarschneider

DER SPIEGEL 31/1959
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