05.08.1959

BUDDENBROOKSBonner Bedenken

Mißtrauisch beäugte der Münchner Postbeamte das sorgfältig verschnürte Paket, das ein junger Mann als Wertsendung aufgeben wollte. Die Versicherungssumme von 1000 Mark schien dem Schalterwärter in keiner Weise angemessen für ein Frachtgut, das nur ein Roman-Manuskript enthielt. Widerwillig und erst nachdem der Postkunde auf die einschlägigen Bestimmungen verwiesen hatte, fand sich der Beamte bereit, den Einlieferungsschein auszufertigen. Der Poststempel trug ein Datum aus dem Jahre 1900.
Kurze Zeit später wurde das Manuskript als zweibändiges Werk vom S. Fischer Verlag in Berlin-veröffentlicht. Die Rezensenten waren so skeptisch wie der Postbeamte; nur das "Berliner Tageblatt" schrieb: "Dieser Roman bleibt ein unzerstörbares Buch. Er wird wachsen mit der Zeit und noch von vielen Generationen gelesen werden."
Die Voraussage traf zu. Der Roman erreichte eine Weltauflage von vier Millionen, wurde dutzendfach übersetzt, brachte seinem Verfasser den Nobelpreis ein und dient jetzt - sechs Jahrzehnte nach seinem Erscheinen - als Vorlage für eines der aufwendigsten deutschen Filmprojekte. Titel: »Buddenbrooks".
Rund drei Millionen Mark hat die Göttinger Filmaufbau-Gesellschaft ("Wir Wunderkinder") für die Filmfassung von Thomas Manns Jugendwerk veranschlagt, die gegenwärtig in den Hamburger Real Film-Ateliers gedreht wird. Die Leinwand-Version der "Buddenbrooks" umfaßt zwei abendfüllende Spielfilme, die zu Beginn der neuen Saison - voraussichtlich im November - kurz nacheinander uraufgeführt werden sollen.
Damit kann das westdeutsche Kinopublikum demnächst auch optisch dem "Verfall einer Familie" (Roman-Untertitel) beiwohnen, an dem Thomas Mann den Niedergang des gebildeten Großbürgertums exemplifizierte. "Kein Zweifel", schrieb die "Stuttgarter Zeitung" in der vorletzten Woche, "die deutsche Öffentlichkeit hat sehr interessiert zur Kenntnis genommen, daß hier ihr letzter großer Klassiker verfilmt wird."
Was sich als gute Kunde ausnahm, war das Absignal eines fünfjährigen zermürbenden Filmkrieges, den das "Buddenbrook"-Projekt nur mit Mühe überstanden hatte. Verlautbarte die Produktionsfirma: "Im Vergleich zu landläufigen Filmvorhaben sind die ,Buddenbrooks' eine Rekordstrecke an ungewöhnlichen Strapazen gegangen."
Schon 1954 nämlich war die Verfilmung des anspruchsvollen Dauer-Bestsellers angeregt worden - und zwar von der sowjetzonalen Staatsfilmgesellschaft. Der damalige Hauptdirektor der Defa, Dr. Rodenberg, reiste seinerzeit eigens in die Schweiz, um dem am Zürichsee residierenden Thomas Mann die Einwilligung abzubitten. Der Dichter war "sehr angetan", bedeutete den sowjetzonalen Filmvertretern aber gleich, das Leinwand-Opus müsse in ost-westdeutscher Gemeinschaftsarbeit verfertigt werden.
Die Defa war mit einer Koproduktion einverstanden. Als westdeutscher Partner fand sich alsbald die angesehene "Neue Deutsche Filmgesellschaft" (NDF), die sich der Unterstützung des "Gloria-Filmverleihs" versichert hatte. Die Regie des "Buddenbrook"-Films - sollte Dr. Harald Braun übernehmen, der gerade "Königliche Hoheit" zu gemessener Zufriedenheit Thomas Manns verfilmt hatte.
Bevor die beiden westdeutschen Filmflimen sich in das Ost-West-Geschäft einließen, hielten sie es jedoch für ratsam, ein Unbedenklichkeits-Zeugnis in Bonn einzuholen. Sie konnten darauf verweisen, daß die Abmachungen mit der Defa und Thomas Mann eine werkgetreue Verfilmung der "Buddenbrooks" verbürgten: Nicht nur der Regisseur, auch der Drehbuchautor und mindestens drei Haupdarsteller sollten der westdeutschen Filmbranche entstammen.
Nichtsdestoweniger meldete Staatssekretär Thedieck vom Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen "allerschwerste Bedenken" gegen das Ost-West-Projekt an. Der Staatssekretär glaubte, daß es der Defa bei dieser Produktion gar nicht darauf ankomme, ihre politische Linie durchzusetzen. Sie sei vielmehr daran interessiert, sich mit Hilfe des Namens der westdeutschen Partner-Gesellschaft in der Bundesrepublik "und darüber hinaus in Europa und in der freien Welt 'kreditfähig' zu machen". Habe sie das erst einmal erreicht, so werde sie alsbald versuchen, den koproduzierten Filmen politische Tendenzfilme nachzuschicken. Thedieck: "Mit der Koproduktion würde ein neuer Weg der kommunistischen Infiltration eröffnet werden."
Diese - fragwürdige - Argumentation genügte, die westdeutschen Filmhersteller einzuschüchtern. Das gesamtdeutsche Film-Vorhaben stagnierte. Der Wunsch Thomas Manns, der Film möge zu seinem 80. Geburtstag (1955) in beiden Teilen Deutschlands zu sehen sein, erfüllte sich nicht. "Noch immer kann ich nicht glauben", schrieb er damals an den Defa-Hauptdirektor Rodenberg, "daß ein so vielversprechendes, künstlerisch aussichtsreiches und 'politisch' nicht nur einwandfreies, sondern - nach seinem Maße - sogar der Entspannung dienendes Projekt zu Fall gebracht werden möchte. Das Publikum aller Zonen' hat ein legitimes Interesse am Zustandekommen dieses Films... Was denn eigentlich vernünftiger und logischer Weise der Ausführung des Plans im Wege stehen könnte, frage ich mich vergebens ... Doch kann ich warten..."
Vernunft und Logik kehrten zu Lebzeiten des Dichters nicht mehr ein. Thomas Mann starb am 12. August 1955. Vier Monate später aber meldete die Korrespondenz "Film-Telegramm": "Die Verfilmung von Thomas Manns 'Die Buddenbrooks' in west-ostdeutscher Gemeinschaftsproduktion soll nun doch zustande kommen... Bei dem bundesdeutschen Produktionspartner soll es sich um einen Produzenten handeln, der ... keine Veranlassung mehr sieht, politische Rücksichten auf Bonn zu nehmen."
Der couragierte westdeutsche Produzent war Hans Abich, Chef der Göttinger Filmaufbau GmbH. Abich heute: "Ich hielt den Weg, den NDF und Gloria gegangen waren, für falsch. Wir waren der Meinung, wir könnten das Projekt mit größerem Mut erzwingen. Wir wollten Bonn überhaupt nicht fragen."
Nach langwierigen Beratungen, die teils in Göttingen, teils in Ostberlin geführt wurden; schloß der Filmhersteller im Sommer 1956 in der Tat einen Koproduktionsvertrag mit der Defa. Die Göttinger Filmfirma brachte in die Partnerschaft die Rechte an der Verfilmung des Romans ein, die Abich kurz zuvor von den Erben Thomas Manns erworben hatte. Die sowjetzonale Staatsfilmgesellschaft sollte die Ateliers und die gesamten technischen Einrichtungen zur Verfügung stellen.
Während Abich die produktionstechnischen Vorbereitungen zusammen mit der Defa vorantrieb und schon Schauspieler für, die Hauptrollen engagierte, tat sich unversehens ein ganzer Katalog wachsender Schwierigkeiten vor ihm auf. Die Herstellung des Films in den sowjetzonalen Ateliers war nämlich mit wirtschaftlichen Risiken belastet, die keiner von Abichs Finanziers tragen mochte - jedenfalls nicht, "solange das Film-Vorhaben nicht zumindest stillschweigend von Bonn geduldet wurde" (Abich).
Die widrigen Umstände häuften sich derart, daß Abich zeitweise erwog, das Projekt fallenzulassen. Die Film-Fachblätter berichteten denn auch 1957, daß die "Buddenbrooks" nunmehr von der neugegründeten Produktionsgesellschaft der Regisseure Käutner, Braun und Staudte ("Freie Film Produktion") gedreht würden. Als Verleibfirmen wurden abwechselnd der Gloria-. Europa- und Schorcht-Filmverleih genannt. Kommentierte "Starpress" die' verwirrende Situation: "Die Odyssee dieses Filmstoffes scheint noch nicht beendet zu sein."
Abich selbst hatte sich längst zu der Erkenntnis durchgerungen, daß er der Zustimmung Bonns für sein Vorhaben bedurfte. Im Februar vergangenen Jahres teilte ihm das Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen mit, einer Koproduktion mit der Defa könne "nicht das Wort geredet werden". Begründung: "Formell ist ein solches Geschäft ... deswegen nicht möglich, weil es an vertraglichen Abmachungen im Interzonenhandel fehlt. Darüber hinaus ist die Defa ein staatliches Filmunternehmen der sowjetischen Besatzungszone, dessen Aufgabe es ist, die Weltanschauung des historischen Materialismus in der von Marx, Lenin und Stalin geprägten Form zu propagieren... Ziel der Defa-Propaganda ist es, die bürgerliche Ordnung zu zerstören und die Diktatur des Proletariats vorzubereiten."
Da gab Abich auf. Im Juli 1958 schrieb er der Defa: "Die für uns zuständigen Stellen, von denen wir bei den gegebenen Verhältnissen die offizielle Zustimmung für die Koproduktion des Spielfilms 'Die Buddenbrooks' benötigen, haben diesem Anliegen zu unserem aufrichtigen Bedauern nicht entsprochen. Damit steht fest, daß der ausdrückliche Wunsch Thomas Manns, den Film in einer Koproduktion zwischen Ost und West herzustellen, unerfüllbar und somit der Zweck, den wir mit unseren... Verträgen verwirklichen wollten, unmöglich geworden ist."
Resümiert der Filmhersteller: "Wir hatten die Hoffnung, vielleicht mit den 'Buddenbrooks' eine Bresche in die Tabus der Bundesrepublik schlagen zu können. Es war eine Abnutzungsschlacht."
Dem abgeschlagenen Produzenten blieb nur noch übrig, den rechtlichen Kehraus einzuleiten. Die mit dem Koproduktionsvertrag eingegangenen Verpflichtungen wurden aufgerechnet und ausgeglichen. "Das geschah in fairer Weise", berichtete Abich. "Wir wollten uns nicht den Vorwurf zuziehen, aus politischen Gründen die Defa materiell geschädigt zu haben. Auch die Defa konnte sich der Einsicht nicht verschließen, daß die Verhältnisse sich in den letzten Jahren noch verschlechtert hatten. Die Zeit hat gegen uns und unser Projekt gearbeitet."
Vor einigen Monaten schließlich endete das gesamtdeutsche "Buddenbrook"-Fiasko damit, daß die Erben Thomas Manns die Rechte zur Verfilmung des Romans erneut vergaben - und zwar gesondert an die Bundesrepublik (Filmaufbau Göttingen) und an die Sowjetzone (Defa).
Die westdeutschen Produzenten gingen unmittelbar nach der vertraglichen Neuregelung daran, ihre immer wieder verzögerten Filmpläne nun allein zu verwirklichen. Im Juni, kurz vor Drehbeginn, drohte das Projekt jedoch noch einmal zu scheitern. Harald Braun erkrankte an einer Herzmuskelentzündung und fiel für die Regie aus. Eine Verschiebung der Dreharbeiten schien ohne ruinöse Verluste nicht möglich. Produzent Abich sah sich daher genötigt, in letzter Minute einen neuen Regisseur zu verpflichten. Er entschied sich für Alfred Weidenmann ("Canaris"", Alibi", "Stern von Afrika").
Weidenmann war naturgemäß mit dem Sujet nicht sonderlich vertraut, zugleich aber auch unbelastet von den aufreibenden Jahren der Vorbereitung. Zudem konnte er auf ein ausgefeiltes Drehbuch zurückgreifen, das Erika Mann - die Tochter Thomas Manns -, Harald Braun und der Film-Autor Jacob Geis in dreijähriger Arbeit verfertigt hatten. Erika Mann: "Die Dialoge sind, wenn es nur ging, vom Buch übernommen worden. Das Problem war: genug Thomas Mann und nicht zu viel Thomas Mann."
Einmal mühten sich nämlich die Drehbuch-Verfasser, die Filmsprache soweit wie möglich der Diktion Thomas Manns anzugleichen, zum anderen sahen sie sich genötigt, die umständlichen philosophischen Einlassungen des Dichters auszusparen. Um die Handlung des Films zu straffen, wurde die vier Generationen umfassende Familiengeschichte der Buddenbrooks um eine Geschlechterfolge gekürzt. Das Leinwand-Opus umspannt nur einen Zeitraum von etwa 20 Jahren, während der Roman über mehr als vier Jahrzehnte ausgelegt ist. Hauptdarsteller: Hansjörg Felmy (Thomas Buddenbrook), Liselotte Pulver (Tony), Nadja Tiller (Gerda), Lil Dagover (Konsulin), Werner Hinz (Konsul).
Thomas Mann selbst kannte die Konzeption, aus der das Drehbuch erarbeitet wurde. "Er billigte den Film nicht nur, sondern freute sich auf seine Realisierung" (Erika Mann) - wie denn der Dichter überhaupt eine vergnügliche Neugier zur Schau trug, wenn sich Filmleute seiner Werke bemächtigten. Als die Göttinger Filmaufbau-Produktion im Jahre 1953 "Königliche Hoheit' verfilmte, bedachte er die Hauptdarstellerin Ruth Leuwerik im Familienkreis mit dem Lob, die Dame sei "sehr ansehnlich".
Ungehalten war Thomas Mann nur über die erste Verfilmung eines seiner Werke überhaupt - über die "Buddenbrook"-Fassung, die Gerhard Lamprecht schon 1923 als Stummfilm (mit Adele Sandrock, Peter Esser, Olga Tschechowa) gedreht hatte. Die Lübecker "Vaterländischen Blätter" beschwerten sich damals, der Film sei eine sehr freie Behandlung des Romans, "von dem man nur einige Motive und Figuren übernommen hatte, die zudem alle in die moderne Zeit versetzt waren". Höhnisch erkannte die Zeitung an, daß der Regisseur wenigstens Autos vom Film ferngehalten habe.
Der Stummfilm-Fassung und dem zweiteiligen Leinwand-Opus, das gegenwärtig in Hamburg verfertigt wird, folgt möglicherweise noch ein dritter "Buddenbrook"-Film. Wenn die sowjetzonale Defa nämlich ihre Verfilmungsrechte ausnutzen will, muß sie ihre "Buddenbrook"-Version während der nächsten drei Jahre drehen.
Buddenbrooks-Regisseur Weidenmann Eine Generation eingespart .
Filmszene aus "Buddenbrooks"*: "Ein neuer Weg der kommunistischen Infiltration"
Drehbuch-Autorin Erika Mann
Thomas Manns Erben..*
Produzent Abich
... vergaben das Filmrecht zweimal
* Hansjörg Felmy, Nadja Tiller.

DER SPIEGEL 32/1959
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