19.08.1959

ENGLAND / GEHEIMPAPIEREDie schwarzen Tagebücher

Der "Daily Express"-Reporter Rene Mac-Coll blickte gespannt auf, als ein Beamter des britischen Innenministeriums in das Zimmer trat und eine grüngestrichene Metallkiste auf den Tisch stellte. Langsam, als sei er sich der historischen Bedeutung des Augenblicks bewußt, öffnete der Beamte die Kiste. Auf ihrem Boden lagen fünf unansehnliche Manuskripte - Tagebücher, die 43 Jahre lang Großbritannien in Atem gehalten hatten und am Montag der vergangenen Woche zum erstenmal für die Öffentlichkeit freigegeben wurden.
Schrieb Reporter MacColl später: "Da lagen die Bücher, deren Existenz so oft angezweifelt, so wütend bestritten worden war. Die Bücher, derentwegen man sich fast ein halbes Jahrhundert befehdet hatte. Die Bücher, die eine Selbstanklage menschlicher Perversion darstellen."
Es waren die sogenannten schwarzen Tagebücher des britischen Exdiplomaten Sir Roger Casement, jenes irischen Nationalisten, der im Ersten Weltkrieg mit den Deutschen paktiert und am 3. August 1916 um 9 Uhr 15 an einem Galgen des Londoner Gefängnisses Pentonville sein Leben beschlossen hatte - für die Briten ein Verräter, für die Iren ein Märtyrer ihres später erfolgreichen Freiheitskampfes gegen die Engländer. Unter dem Beifall ganz Englands hatte Innenminister Butler dem Unterhaus Ende Juli zugesagt, die Casement-Tagebücher sollten nicht mehr länger der Öffentlichkeit vorenthalten werden.
Indes, leicht war Butler diese Konzession nicht gefallen, denn vier Jahrzehnte lang gehörte es zu den ungeschriebenen Regeln des britischen Innenministeriums, keinen Fremden an die Tagebücher des Sir Roger Casement heranzulassen, ja nicht einmal ihre Existenz zuzugeben. Zur - bedingten - Freigabe der Tagebücher sah sich Butler erst gezwungen, nachdem Casements Diarium von dem britischen Journalisten Peter Singleton-Gates* in Amerika und Frankreich veröffentlicht worden war.
Durch die jahrzehntelange Schweigetaktik der britischen Innenminister sollte offenkundig in Vergessenheit geraten, daß mit den Tagebüchern des irischen Nationalisten Casement eine der größten Intrigen englischer Kabinettspolitik verbunden war. Die Geschichte begann 14 Monate vor der Verhaftung des Iren, Anfang 1915, als Detektive von Scotland Yard die Wohnung Casements in der Londoner Ebury Street durchsuchten.
Dabei fanden die Polizisten auch einen Koffer mit fünf Tagebüchern, die Casement während seiner Dienstzeit als britischer Konsul in Belgisch-Kongo und in Brasilien geführt hatte. Die Tagebücher enthüllten Sir Roger Casement nicht nur als einen irischen Patrioten, sondern auch als einen Homosexuellen, der nicht müde geworden war, seinen abseitigen Umgang bis ins unappetitlichste Detail zu beschreiben.
"Casements Tagebuch zeigt, daß er sich jahrelang den schwersten sodomitischen Praktiken verschrieben hat", stellte ein vertrauliches Memorandum des britischen Innenministeriums fest. "In den letzten Jahren scheint er den vollen Kreislauf sexueller Degeneriertheit geschlossen und sich von einem Pervertierten zu einem Invertierten entwickelt zu Haben, ähnlich einer Frau oder einem Pathologen, der Befriedigung daraus zieht, daß er Männer anlockt und sie überredet, ihn zu mißbrauchen."
Der Polizeikommissar Basil Thomsen, als Leiter der Sonderabteilung von Scotland Yard oberster Spionenjäger Englands, erkannte sofort, welche gefährliche Waffen ihm mit den Tagebüchern in die Hände gefallen waren. Er war entschlossen, sie rücksichtslos gegen den "Verräter" Casement einzusetzen. Die Gelegenheit dazu bot sich, als Casement mit einem deutschen U-Boot an der irischen Küste landete und - durch einen enttäuschten Freund verraten - von der britischen Polizei verhaftet wurde.
Kaum stand Casement vor seinen Richtern, des Hochverrats angeklagt, da ließ ihn Basil Thomson wissen, er habe es in der Hand, Casement moralisch zu vernichten. Doch Sir Roger bekannte sich gelassen zu seinen Tagebüchern und widerstand allen Pressionen. Zwar verurteilte ihn das Geschworenengericht wegen erwiesenen Hochverrats zum Tode, gleichwohl konnten Casements einflußreiche Freunde in der englischen Gesellschaft und in Amerika gute Gründe für eine Begnadigung anführen:
- Casement wurde aufgrund eines englischen Gesetzes aus dem Jahre 1351 verurteilt, dessen normannisch-französischer Urtext nach dem Urteil vieler Experten falsch übersetzt worden war.
- Der Staatsanwalt des Casement-Prozesses, Sir Frederick Smith, war ein alter politischer Gegner Casements, der noch wenige Jahre zuvor genau denselben Schritt erwogen hatte, dessentwegen er für Casement die Todesstrafe beantragte: den deutschen Kaiser zu einer Intervention in Irland zu bewegen.
- Aussicht auf eine Begnadigung eröffnete
auch der Fall des australischen Obersten Lynch, der im Burenkrieg gegen seine britischen Landsleute gekämpft hatte und zum Tode verurteilt worden war, dann jedoch begnadigt wurde und zum Unterhausabgeordneten avancierte.
In diesem Stadium aber, da mit einer Begnadigung Casements gerechnet werden konnte, holte Basil Thomson zum Schlag gegen den Iren aus. Er ließ von seinen Polizisten in nächtlichem Blitzeinsatz die Casement-Tagebücher abtippen und vervielfältigen, getreu dem Vorschlag des juristischen Beraters des Innenministeriums: "Laßt der Justiz ihren Lauf und benutzt diese Tagebücher, damit Casement die Rolle des Märtyrers verwehrt bleibt."
Thomson ließ die Tagebuch-Kopien einigen Politikern, Kirchenmännern und Zeitungsredaktionen zuspielen, vor allem aber jenen beiden Männern, auf die es besonders ankam: dem britischen König Georg V., der Casement begnadigen, und dem US-Botschafter Page, der zugunsten Casements intervenieren konnte. Die Spekulation auf die moralischen Vorurteile der Zeit erwies sich als erfolgreich. Die Empörung über den Homosexuellen Casement verschloß dem König wie dem Botschafter den Mund.
Nach der Hinrichtung Casements ließ Thomson seine Polizisten abermals ausschwärmen, um die Tagebuch-Kopien wieder einzuziehen. Dem klugen Polizeimann entging allerdings, daß eine Kopie nicht nach Scotland Yard zurückkehrte. Und diese Kopie sollte 43 Jahre später auch die kunstvollste Schweigepolitik des britischen Innenministeriums aufweichen.
Im Mai 1922 erhielt der englische Journalist Peter Singleton-Gates, Mitarbeiter des Londoner "Evening Standard", die polizeiamtliche Version der Casement-Tagebücher nebst einem Verhörprotokoll aus den Polizeiakten. Der Journalist weigert sich noch heute, den unbekannten Spender zu nennen; er sei, sagt Singleton-Gates, "eine ziemlich hochgestellte Person in London" gewesen.
Kaum aber hatte sich in der Fleet Street herumgesprochen, daß Singleton-Gates die Tagebücher Casements veröffentlichen wolle, da intervenierte das Innenministerium. Der Journalist wurde im Home Office unter massiven Druck genommen. Er mußte nicht nur das polizeiliche Verhörprotokoll ausliefern, sondern ihm wurden auch zwei Jahre Gefängnis angedroht, falls er nicht den Namen seines Spenders verrate. Da er seinen Informanten nicht preisgeben wollte, mußte er den unvermeidlichen Ausweg wählen: Singleton-Gates verzichtete auf die Veröffentlichung des Buches.
Gleichwohl gab der britische Journalist nie seinen Plan auf, die Tagebücher an die Öffentlichkeit zu bringen. In England war ihm freilich der Weg verbaut: Ein amtliches Schreiben des Innenministeriums hatte schon 1925 allen Verlagen Londons angekündigt, die Publizierung der Casement-Tagebücher werde auf den schärfsten Widerstand des Ministeriums stoßen. So blieb dem Briten Singleton-Gates nichts anderes übrig als die Flucht ins Ausland.
Anfang 1959 erschienen in einem Pariser und in einem New Yorker Verlag die Tagebücher Sir Rogers. Sie beschäftigten die britische Öffentlichkeit derart, daß Englands unorthodoxer Innenminister Butler schließlich konzedieren mußte, die Tagebücher zumindest für Publizisten und Historiker freizugeben. Butlers Entschluß beantwortete zugleich die Frage nach der Echtheit der Tagebücher. Casement selber hatte sich stets zu ihnen bekannt.
Urteilt Peter Singleton-Gates: "Ich habe das Buch geschrieben, weil ich Sir Roger Casement für einen mutigen Mann hielt. Wäre der Mut nicht so selten in der Welt, dann wäre mein Buch schon vor 34 Jahren erschienen."
* Peter Singleton-Gates und Maurice Girodias: "The Black Diaries"; Grove Press Inc., New York; 1959; 536 Seiten; 7,50 Dollar.
Irischer Freiheitskampfer Casement (1916)
Unappetitliche Details

DER SPIEGEL 34/1959
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/1959
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ENGLAND / GEHEIMPAPIERE:
Die schwarzen Tagebücher