26.08.1959

ERSTER WELTKRIEGDepeschen-Bluff

Anfang 1917 griff Robert Lansing, kriegswilliger Außenminister des damals noch neutralen Amerika, zu einer List, um das widerstrebende Land in den Ersten Weltkrieg hineinzuziehen. Der Minister bat den Senator Hitchcock zu sich, einen der führenden Kriegsgegner im Kongreß, der bis dahin den Plänen Lansings schärfsten Widerstand entgegengesetzt hatte.
Als der Senator am Nachmittag des 28. Februar gegen 16 Uhr 20 das Büro Lansings betrat, erhob sich der Minister mit einem Schriftstück in der Hand. Das Telegramm mit geheimnisvollen Chiffre -Zahlen in seiner Hand, so erklärte Lansing dem Senator, stamme von dem deutschen Außenminister Arthur Zimmermann und sei an den deutschen Gesandten in Mexiko gerichtet.
Hitchcock las: "Ganz geheim. Selbst zu entziffern. Wir beabsichtigen am ersten Februar uneingeschränkten U-Boot-Krieg zu beginnen stop Es wird versucht werden Vereinigte Staaten trotzdem neutral zu erhalten stop Für den Fall daß dies nicht gelingen sollte schlagen wir Mexiko auf folgender Grundlage Bündnis vor stop Gemeinsam Krieg führen stop Gemeinsam Friedensschluß stop Reichliche finanzielle Unterstützung und Einverständnis unsererseits daß Mexiko in Texas New Mexico Arizona früher verlorenes Gebiet zurückerobert stop Regelung im einzelnen Euer Hochwohlgeboren überlassen stop."
Das Berliner Telegramm ordnete weiterhin an: "Sie wollen vorstehendes dem (mexikanischen) Präsidenten Carranza streng geheim eröffnen und Anregung hinzufügen Japan von sich aus zu sofortiger Beitretung einzuladen und gleichzeitig zwischen uns und Japan zu vermitteln stop Zimmermann."
Kommentierte Senator Hitchcock: "Ein feiger Streich der Deutschen!" Wie diesem führenden Isolationisten, so erging es den meisten Amerikanern - ihr Widerstand gegen den Kriegseintritt schmolz angesichts eines Landes, das offensichtlich bemüht war, das kleine Mexiko gegen die Vereinigten Staaten aufzuputschen. "Wir müssen nun einsehen", leitartikelte die pazifistische Chicagoer "Daily Tribune", "daß Deutschland uns als Feind betrachtet." Und der Publizist Viereck schrieb später, das Zimmermann-Telegramm habe der Deutschfreundlichkeit in den Vereinigten Staaten ein Ende bereitet.
Wie das Geheimtelegramm des deutschen Außenministers in die Hände Robert Lansings geriet, hat jetzt die englische Amateurhistorikerin Barbara W. Tuchman in einem Buch* dargestellt, in dem jene Affäre zum erstenmal detailliert beschrieben wird.
Die Zimmermann-Affäre erweist sich in dem Bericht Barbara Tuchmans als einer jener Glücksfälle, die schon manchem US-Präsidenten den Schritt in einen unpopulären Krieg erleichtert haben. Wie der japanische Überfall auf Pearl Harbor den Weltkrieg-II-Präsidenten Roosevelt vom Alpdruck der isolationistischen Gallup -Polls befreite (im Sommer 1941 waren nur 19 Prozent aller befragten Amerikaner kriegsbereit), so räumte auch die Veröffentlichung der Zimmermannschen Depesche die letzten pazifistischen Hindernisse beiseite.
Urteilt die englische Historikerin: "Würden die Amerikaner ohne das Telegramm kriegsbereit gewesen sein? Wahrscheinlich nicht ... Die Deutschen hätten vielleicht noch etwas anderes getan, wodurch die Amerikaner in den Krieg hineingezogen worden wären. Aber angesichts der späten Stunde des Krieges hätte ein andauerndes Zögern der Amerikaner die Alliierten gezwungen, einen Verhandlungsfrieden mit Deutschland zu schließen. In diesem Sinne hat das Zimmermann-Kabel den Lauf der Geschichte geändert."
Verwunderlich bleibt allerdings, daß die Veröffentlichung des Zimmermannschen Elaborats in der amerikanischen Öffentlichkeit einen derartigen Schock auslösen konnte. Seit Jahren hatten nämlich die Massenblätter des Landes berichtet, Deutschland wolle die Mexikaner zu einem Krieg gegen die USA aufhetzen und in Mexiko U-Boot-Stützpunkte einrichten.
"Deutschland will", so notierte sich Lansing schon am 10. Oktober 1915, "das innenpolitische Chaos in Mexiko so lange am Kochen halten, bis die USA gezwungen sind, in Mexiko einzumarschieren."
Tatsächlich glaubte Staatssekretär"** Arthur Zimmermann, der Leiter der deutschen Außenpolitik, mittels der mexikanischen Bürgerkriegsarmeen die Vereinigten Staaten von einem Eintritt in den Ersten Weltkrieg abhalten zu können: Je unruhiger es an der mexikanisch-amerikanischen Grenze sei, desto geringer werde Washingtons Interesse am europäischen Krieg sein. Und die zahlreichen Rebellenführer in Mexiko waren für Geld nur allzu gern bereit, ihre Armeen gegen die Yankees marschieren zu lassen.
Am bereitwilligsten zeigte sich der Rebellenchef Pancho Villa, dessen Horden ein Gebiet beherrschten, das dem wilhelminischen Meisterdiplomaten besonders interessant erschien: die Provinzen an der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Zudem hatten er und der deutsche AA-Chef einen gemeinsamen Wunsch: Beide sehnten eine Militärintervention der USA in Mexiko herbei - Zimmermann, weil Washington dadurch von Europa abgelenkt würde, Villa, weil er sich davon neue Rekruten für seine erschöpfte Armee versprach.
In der Nacht des 9. März 1916 schlug Pancho Villa los. Mit 400 Reitern sprengte er über die Grenze und verwüstete das US-Städtchen Columbus. "Bin sicher, daß Villas Überfall in Deutschland fabriziert wurde", telegraphierte der amerikanische Botschafter in Berlin an das State Department.
Gleichwohl erfüllte der Banditenstreich seinen Zweck: Präsident Wilson ließ die amerikanische Armee alarmieren und - nach vorheriger Benachrichtigung des mexikanischen Präsidenten - Nordmexiko besetzen. Die bloße Anwesenheit uniformierter Yankees in Mexiko genügte, die alten Ressentiments gegen den nördlichen Nachbarn zu schüren.
Bald zeigte sich freilich, daß Villa keineswegs der einzige Bundesgenosse der Wilhelmstraße war. Im Frühjahr 1916 kam der amerikanische Vizekonsul in der nordmexikanischen Stadt Monterey der Verschwörung eines deutschen Konsuls und mexikanischer Offiziere auf die Spur. Laut Barbara Tuchman war "eine Revolution geplant, die in Texas beginnen, sich über New Mexico, Arizona, Kalifornien, Nevada, Colorado und Oklahoma ausbreiten und dieses ehemals mexikanische Territorium zu einer unabhängigen Republik von Mexikanern. Negern und Indianern machen sollte".
Derartige Projekte hielt der Chef des Auswärtigen Amts keineswegs für phantastisch. Arthur Zimmermann glaubte sogar allen Ernstes, daß er auch die Deutschamerikaner für den großen mexikanischen Aufstand einspannen könne. "Denken Sie an die halbe Million ausgebildeter Deutscher in Amerika, die eines Tages gemeinsam mit den Iren einen Aufstand machen könnten", herrschte er einmal den US-Botschafter Gerard an. Konterte der Amerikaner: "In diesem Falle werden wir auch eine halbe Million Laternenpfähle haben, um sie aufzuhängen!"
Der letzte Überlebende dieser Meisterpolitik - Franz von Papen - will zwar heute von jenen mexikanischen Projekten nichts mehr wissen (Papen: "Man sollte mich ... doch nicht für so töricht halten, diesen Zimmermann-Plan in irgendeiner Form unterstützt zu haben"); die englische Autorin Barbara Tuchman mißt jedoch dem Mexiko-Abenteuer Arthur Zimmermanns, das vor allem von der Obersten Heeresleitung gefördert wurde, keine geringen Erfolgschancen bei.
Indes, was sorgfältiger Vorbereitung bedurft hätte, wurde Anfang 1917 von den Kriegern der Obersten Heeresleitung zunichte gemacht. Während Zimmermanns Verhandlungen mit Mexikos schwankendem Präsidenten Carranza noch im Anfangsstadium steckten, beschlossen plötzlich Ludendorff und Hindenburg, den uneingeschränkten U-Boot-Krieg zu eröffnen, also auch die neutrale Schiffahrt lahmzulegen. Für den deutschen AA-Chef war es kaum zweifelhaft, daß die neutralen USA auf diese Provokation schärfstens reagieren würden.
Um so notwendiger wurde es dann, die mexikanische Karte gegen die drohende US-Intervention in Europa auszuspielen. Zimmermann befahl dem deutschen Gesandten in Mexico City, dem Präsidenten Carranza die Bündnis-Frage zu stellen und eine Entscheidung zu erzwingen. Der Gesandte sollte dabei den Mexikanern die Rückeroberung jener Gebiete in Aussicht stellen, die ihr Land im 19. Jahrhundert verloren hatte.
Zimmermann, so interpretiert Barbara
Tuchman aufgrund deutscher Akten, glaubte "nicht einen Augenblick daran, daß Mexiko Texas und die anderen (ehemals mexikanischen) Staaten zurückerobern könne; aber er kalkulierte, Carranza werde der Verlockung nicht widerstehen können. Da für Mexiko die Rückeroberung der alten Grenzen auf dem Spiele stehe, werde Carranza alles unternehmen, um Japans Unterstützung zu erhalten. Und Zimmermann war sicher, daß Japan die Chance ergreifen würde, falls man ihm eine Invasionsbasis in Mexiko garantierte."
Der kecken Zukunftsvision des deutschen Staatssekretärs entsprach denn, auch die Sorglosigkeit, mit der er das fatale Telegramm auf den Dienstweg brachte. Dem Herrn der Wilhelmstraße kam niemals der Verdacht, daß der Gegner vielleicht den deutschen Geheimcode kenne. Zimmermann sandte das Telegramm - auf drei verschiedenen Wegen - an die deutsche Botschaft in Washington zur Weiterleitung nach Mexico City.
Die drei Telegramme landeten am 17. Januar 1917 allesamt in Londons geheimnisvollem "Raum 40", der Dechiffrierabteilung des britischen Marinegeheimdienstes. Sie zu entziffern, war für die Spezialisten von Raum 40 kein unlösbares Problem, denn England besaß einige deutsche Codebücher:
- Im Dezember 1914 hatten englische Fi
scher die Eisenkiste eines gesunkenen
deutschen Zerstörers gefunden, die den
Codeschlüssel für den Verkehr zwischen
Berlin und den Marineattachees enthielt.
- Britischen Nahost-Agenten war im
Februar 1915 das deutsche diploma
tische Codebuch Nr. 13 040 in die Hände
gefallen.
- Fast zur gleichen Zeit hatte der ge
bürtige Österreicher Alexander Szek im
Auftrage des britischen Geheimdienstes
das Codebuch einer deutschen Funk
station in Brüssels Rue de la Loi ab
geschrieben.
Als die Dechiffreure von Raum 40 das Zimmermann-Telegramm enträtselt hatten, erkannte der Chef des britischen Marinegeheimdienstes, Admiral Sir Reginald Hall, welche Munition in seine Hände gelegt war. Barbara Tuchman: "Zimmermann hatte dem Raum 40 einen Hebel geschenkt, mit dem man die Vereinigten Staaten in Bewegung setzen konnte." Sir Reginald meldete seinen sensationellen Fund dem britischen Außenministerium.
Der Geheimdienst-Admiral war vorsichtig genug den Amerikanern nicht zu verraten, daß er die Geheimnisse des deutschen Telegrammverkehrs kannte. Hall entschied, niemand dürfe erfahren, wann und wie Zimmermanns Telegramm in britische Hände gelangt sei. Er konstruierte vielmehr die Fiktion, die Depesche sei durch mexikanische Mittelsmänner in seinen Besitz gekommen. Um diese Fiktion glaubhaft zu machen, benötigte er jenes Telegramm,das tatsächlich in Mexiko eingetroffen war und wahrscheinlich zusätzliche Bemerkungen der deutschen Botschaft in Washington enthielt, die Zimmermann mit der Weiterleitung der Depesche beauftragt hatte.
Hall beorderte seinen Chefagenten in Mexiko, den sogar die schier allwissende Historikerin Tuchman nur "Mr. H." zu nennen vermag, eine Kopie des in Mexiko eingetroffenen Telegramms zu besorgen. "Mr. H." gelang es, eine Kopie des Hauptpostamts von Mexico City zu ergattern; sie enthielt die von Hall vermuteten Zusatzbemerkungen der Washingtoner deutschen Botschaft. Kurz darauf spielte der Admiral der US-Botschaft in London die "mexikanische Version" des Zimmermann-Telegramms zu.
"Hoffentlich begehen die törichten Deutschen bald eine große Torheit", hatte US -Außenminister Lansing wenige Wochen zuvor in sein Tagebuch geschrieben. Jetzt lag ihm das Zimmermannsche Telegramm vor, das seine Hoffnungen erfüllte.
Arthur Zimmermann aber blieb sich bis zum bitteren Ende treu. Als noch einige wenige Amerikaner an die Möglichkeit glaubten, das Telegramm sei vielleicht eine Fälschung, zerstörte der AA-Chef auch diese letzte Illusion amerikanischer Isolationisten. Fragte ihn der amerikanische Korrespondent Hale auf einer Pressekonferenz des Auswärtigen Amts in Berlin: "Eure Exzellenz werden doch sicherlich diese Geschichte dementieren?" Zimmermann: "Ich kann sie nicht dementieren. Sie ist wahr."
* Barbara W. Tuchman: "The Zimmermann Telegram"; Verlag Constable, London; 1959; 244 Seiten; 18 Shilling.
** Da die Bismarck-Verfassung keine Reichsminister kannte, trugen die Leiter der Ministerien den Titel Staatssekretär.
Deutscher AA-Chef Zimmermann <1916)
"500 000 Laternenpfähle stehen bereit"
Mexikanischer Rebellenführer Villa (3. v. r.), Kameraden: Berlin gab das Signal

DER SPIEGEL 35/1959
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