26.08.1959

ENGLAND / CHURCHILLBück dich, Randolph

Ich wurde am 28. Mai 1911 in London, 33 Eccleston Square, als Sohn armer, aber ehrsamer Eltern geboren."
Die Eltern sind: Der Enkel des Siebten Duke of Marlborough, Weltbeweger Sir Winston, und dessen Frau Clementine, Enkelin des Siebten Earl of Airlie.
Und ihr erster und einziger Sohn, Randolph Frederick Edward Spencer Churchill, dessen unveröffentlichte, noch unvollendete Autobiographie mit dieser Geburtsangabe beginnt, hat es in diesem Sommer unternommen, England durch ein anderes Buch wieder einmal daran zu erinnern, daß die "armen, aber ehrsamen" Churchills die Geschicke des Empire immer noch als eine Art Familien-Hobby betrachten, wenn auch in dieser Generation nicht mehr als Akteure auf der weltpolitischen Bühne, so doch als Kritiker im ersten Rang.
Vollzählig sind die vier Mitglieder des exklusivsten Klubs des Inselreichs - des Klubs der lebenden Premierminister Ihrer Majestät - in die politische Affäre verstrickt: Der Sohn des Kriegs-Premiers (Churchill) hat eine bissige Lebensgeschichte des gescheiterten Suez-Premiers (Eden)* geschrieben, in der peinliche Enthüllungen über den amtierenden Premier (Macmillan) enthalten sind und über die der ehemalige Labour-Premier (Attlee) öffentlich urteilte, sie verrate mehr über die Person des Autors als über Sir Anthony Eden.
Was diese Biographie in der Tat schon rein äußerlich verrät, sind die intimen Bande, die den Autor mit der Historie verknüpfen. Die Titelseite des Buchs zeigt ein Photo, auf dem Randolph Churchill - die Hände in den Hosentaschen vergraben - mit Eden plaudert; die beiden letzten Seiten, enthalten den Text eines privaten Antwort - "Briefes an eine Lady", den Randolph Churchill nach einem Vorabdruck der wichtigsten Kapitel seines Werks im "Daily Express" zur Rechtfertigung seines Unterfangens vor allem auch gegenüber seiner Kusine Clarissa geschrieben hatte - der Gattin des schönen und unglücklichen Sir Anthony.
Derart vertraute Beziehungen zur Weltpolitik sind dem Autor in die Wiege gelegt: Die Geschichte seiner Familie ist Geschichte Englands.
Der Stammvater des Geschlechts, ein tapferer Wirrkopf namens Winston Churchill, wurde 1660 von Karl II. für seinen Kampf gegen den Königsmörder Oliver Cromwell geadelt.
Jenes Churchills Tochter wurde die Mätresse König Jakobs II., ein Sohn Admiral und ein anderer Herzog von Marlborough -Englands ruhmreicher Staatsmann und Feldherr, der zusammen mit Prinz Eugen dem französischen Sonnenkönig Ludwig XIV. ein blutiges Erwachen aus dessen europäischen Hegemonie-Träumen bereitete.
Marlborough starb ohne männlichen Erben. Sein Herzogstitel fiel durch Heirat einer Tochter an eine Familie Spencer, die erst 1817 das Recht erhielt, sich Spencer-Churchill zu nennen.
Anderthalb Jahrhunderte ruhte das Genie der Churchills. Im Großvater Randolph Churchills, Winstons Vater Lord Randolph, brach es wieder durch. Als gefährlichster konservativer Gegner des liberalen Premier Gladstone überwarf sich Lord Randolph wegen einer galanten Affäre mit dem damaligen Prince of Wales, zog sich die Ungunst der Königin zu, wurde als Schatzkanzler der konservativen Regierung des Lord Salisbury durch ein Manöver des Premiers und dessen Neffen Balfour gestürzt und starb 1895 an Gehirnparalyse.
Ihm folgte der größte aller Churchills: "Blut, Schweiß und Tränen"-Winston, der England aus dunkler Nacht zum Siege führte. Und im Kielwasser dieses Vaters, der ihn im Londoner Admiralitäts-Gebäude erzog und dessen 70. Geburtstag der Sohn im Zweiten Weltkrieg auf der schicksalsträchtigen Konferenz zu Teheran zwischen Churchill, Roosevelt und Stalin mitfeierte, schloß Randolph endgültig Duz-Freundschaft mit der Geschichte.
Im diesjährigen Gästebuch seines rosafarbenen Landhauses Stour (20 Zimmer, sieben Bäder) in East Bergholt stehen die Namen britischer Minister neben der Unterschrift Erna Hanfstaengls, der Schwester von Hitlers erstem Auslandspressechef "Putzi". Auf dem Kaminsims liegt eine handschriftliche Notiz des Romanciers Evelyn Waugh; zu Randolph Churchills Bekannten zählt der Chef des amerikanischen Wehrmacht -Führungsstabes, Nathan Twining, ebenso wie der Reeder-Zar Aristoteles Onassis, auf dessen Jacht in diesem Monat außer der Callas auch Vater Winston und Schwester Diana durchs Mittelmeer kreuzten.
Diana, 50, ist genau wie ihre Schwester Mary einem britischen Regierungsmitglied angetraut: Sie, die älteste, heiratete in zweiter Ehe den späteren Verteidigungsminister Duncan Sandys; die jüngste, Mary, 36, ist Gattin des derzeitigen Heeresministers, Christopher Soames. Nur Randolphs dritte Schwester, die Schauspielerin Sarah, 44, fiel aus der Rolle und ehelichte - obgleich ebenfalls zweimal getraut - keinen Politiker.
Ob Chruschtschew oder Eisenhower, ob Gandhi, Tito oder Macmillan: Randolph hat den Großen dieser Welt irgendwann einmal die Hand geschüttelt. Selbst ohne politisches Amt ("Das sind nicht nur saure Trauben; das Unterhaus ist langweilig geworden") ist er zum Playboy der Historie geworden, gewohnt,Weltpolitik beim Mittagessen mitzuerleben und entschlossen, die Geschichte, an der mitzuschreiben ihm versagt ist, zumindest durch skurrile Fußnoten anzureichern.
Diese für einen Journalisten und Schriftsteller gleichermaßen ungewöhnliche Ausgangsposition ließ Randolph Churchills Eden-Biographie, am Vorabend der für diesen Herbst in Aussicht genommenen Neuwahlen, von vornherein zu einem politischen Ereignis werden.
Labour-Lord und Ex-Premier Clement Attlee besprach das Buch im "Observer": "Ein Essay in der Kunst der Anschwärzung."
Labour-Abgeordneter Crossman spottete im "Daily Mirror": "Dieses Buch ist ein Geschenk, für das die Labour Party tief dankbar sein sollte. Mit Randolph Churchills Buch in der einen Hand und der Glanzpapierbroschüre. 'Die Zukunft, die Labour dir bietet' in der anderen, kann der sozialistische Propagandist nun die, meisten kitzligen Fragen beantworten."
Vom Autor-Vater Winston heißt es, er habe nach der Lektüre die Bibel zitiert, wobei offenblieb, ob es die Sprüche Salomonis waren ("Ein närrischer Sohn ist seines Vaters Herzeleid") oder das Evangelium des Lukas ("Mein Sohn, warum hast du uns das getan").
Was Randolph Churchill den Konservativen getan hatte, war die Einreihung Anthony Edens - lange Jahre Glanz und Zierde der Torys - in eine kunstvoll zusammengestellte Galerie politischer Narren, die für die "katastrophale" Politik Englands in jüngerer Vergangenheit verantwortlich seien: "Baldwin, MacDonald, Chamberlain, Hoare, Simon, Halifax und Eden - nennen wir laut die Namen dieser närrischen Stümper."
Randolph Churchill kann sich mit Recht rühmen, nicht erst seit dem mißglückten Suez-Abenteuer ein Eden-Gegner zu sein. "Der letzte politische Modeschrei ist der Kult um Mr. Anthony Eden", schrieb er schon 1933 als Zweiundzwanzigjähriger: "Er erlangte erstmals im letzten Sommer internationalen Ruhm, als eine französische Zeitung entschied, er sei der bestangezogene Engländer. Seitdem tippen politische Propheten und Schlaumeier auf ihn als den nächsten Führer der Konservativen Partei ... Mr. Anthony Eden hat keinen der Vorzüge der Jugend. Er ist gesetzt, nicht leidenschaftlich; respektabel, nicht ungestüm."
Obgleich der sprunghafte, unkonzentriert schreibende Randolph Churchill in seinen scharfpointierten politischen Zeitungsartikeln stets brillanter ist als in seinen Büchern* - auch die Eden-Biographie ist mit endlosen Zitaten aus Parlament und Presse vollgestopft -, atmet das Buch doch die amüsante Boshaftigkeit und die Kenntnis von den Details einer Familien-Fehde.
Clarissa Churchill, spätere Lady Eden, wird als "Bloomsbury career girl" bezeichnet; über drei Seiten hinweg wird das Entstehen eines Streites am Dinner-Tisch zwischen Lady Eden und Lady Pamela Berry berichtet, der Gattin des später Eden-feindlichen " Daily-Telegraph"-Chefredakteurs.
Anthony Edens Schulbesuch in Sandroyd ist eine der wenigen Stationen im Leben des Premiers, die den Beifall Randolph Churchills finden. Denn: "Es war eine fashionable Schule, die in den folgenden Jahren von so unterschiedlichen Charakteren besucht wurde wie Sir Gladwyn Jebb, Mr. Terence Rattigan, König Peter von Jugoslawien und dem Autor."
Allein, der Biograph kann es nicht unterlassen, die Schulzeitung "The Sandroydian" zu zitieren, die im August 1907 schrieb: "Mehrere neue Jungen haben schwimmen gelernt ... nur vier Jungen sind unfähig, zwei Längen zu schwimmen - Eve minor, St. Clair, Eden, Wilson minor -, aber nach ihren mannhaften Anstrengungen zu urteilen ... wird es nicht mehr lange dauern, bis auch sie Erfolg haben werden."
Süffisant fügt Randolph Churchill hinzu: "Spätere Ausgaben des 'Sandroydian' verzeichnen nicht, ob und wann Eden Erfolg hatte, aber es ist bekannt, daß er als Mann ein ausgezeichneter Schwimmer war und dem Sonnenbaden hohen Genuß abzugewinnen vermochte."
Sogar Anthony Edens vielgefeierter Rücktritt als Außenminister des Kabinetts Chamberlain im Jahre 1938 vor dem Münchner Appeasement, der seinen Ruhm begründete, findet vor den unerbittlichen Augen Randolph Churchills keine Gnade. Doziert der Biograph: Es sei gar nicht so sehr die Deutschland-Politik der Downing Street gegenüber Hitler gewesen, die Eden zur Demission veranlaßte, sondern in erster Linie eine Meinungsverschiedenheit über die diplomatische Behandlung Mussolinis.
Nun hat kein Geringerer als Randolphs Vater, Winston Churchill, geschrieben, daß Eden durch seinen Rücktritt damals "die Lebenshoffnung des englischen Volkes" verkörpert habe Und Randolph selbst enthüllt in seinem Buch, daß sein Vater nach einem ersten Schlaganfall 1953 nur darum nicht zurücktrat, weil zu jener Zeit auch Eden im Krankenhaus lag, den er zu seinem Nachfolger ausersehen hatte.
Randolph Churchill zu dieser unterschiedlichen Einschätzung Sir Anthonys durch Vater und Sohn: "In 95 Prozent der Fälle stimme ich mit meinem Vater überein. Dies ist der einzige wichtige Punkt, wo wir gegensätzlicher Meinung sind." Er fügt hinzu: "Ich habe immer die besten Beziehungen zu Anthony gehabt - bis vor kurzem. Seitdem sind sie nicht unerfreulich gewesen, sie bestehen einfach nicht mehr."
Aber nicht nur Sir Anthony Eden, konservatives Idol der dreißiger Jahre, wird so gefleddert. In den Kapiteln über das mißglückte Suez-Abenteuer spielt der gegenwärtig amtierende Premier, Harold Macmillan, eine kurze, aber womöglich noch belastendere Rolle.
Obgleich Randolph Churchill die Anwendung von Waffengewalt im Nahen Osten natürlich nicht prinzipiell mißbilligt - seines Erachtens hätte schon die Entlassung Glubb Paschas durch König Hussein (1956) mit der Entsendung von Truppen beantwortet werden sollen -, gelingt es ihm, mit Akribie und Fleiß nachzuweisen, daß alle Anzeichen für eine englisch-französisch israelische Verschwörung zum Überfall auf Ägypten sprechen.
Als Finanzminister und Mitglied des inneren Kabinetts sei Harold Macmillan in Edens Suez-Pläne eingeweiht worden und habe sie eifrig gefördert. Derselbe Macmillan sei es aber dann gewesen, der schließlich Eden und das Kabinett überredete, dem Ruf der Vereinten Nationen zu folgen und den Kampf unmittelbar vor der Besetzung von Suez einzustellen.
Seit Beginn der Suez-Krise wurden nämlich in New York Pfund-Pakete bis zum Wert von fünf Millionen Dollar zum Verkauf angeboten. Nur eine Mammutanleihe Amerikas konnte eine Abwertung der englischen Währung in letzter Minute verhindern. Zwischen drei und vier Uhr morgens amerikanischer Zeit telephonierte Finanzminister Macmillan um Hilfe nach Washington, wo der krebskranke John Foster Dulles im Hospital lag. In die anschließende Kabinettssitzung hinein erhielt Macmillan die Antwort: Washington war bereit, den Kredit einzuräumen, vorausgesetzt, daß London bis Mitternacht den von der Uno geforderten Waffenstillstand schloß. Macmillan, einer der resolutesten Befürworter der Suez-Aktion, bewog nun die Regierung zur Kapitulation.
Der sozialistische Kommentator Paul Johnson hat ausgesprochen, was in dieser Schilderung Churchills anklingt: "Wenn Macmillan damals nachgedacht hat, dann hätte er erkennen müssen, daß der Wahnwitz, zu dem er Eden erst ermunterte, eine Katastrophe heraufbeschwören könnte, die Eden das Amt kosten mußte. Es war ihm nicht unbekannt, daß wahrscheinlich er selbst dieses Amt erben würde."
Der Labour-Politiker Michael Foot, dem Randolph Churchill 1951 im Wahlkampf um den Unterhaussitz für Devonport unterlag, frohlockte daher über diesen Teil der Eden - Biographie: "Ich kann es kaum erwarten, die Fortsetzung aus derselben Feder zu lesen. 'Aufstieg und Sturz Harold Macmillans' wäre vielleicht noch instruktiver."
Um so empörter reagierten die Konservativen. Lord Coleraine, vor seiner Erhebung in den Adelsstand als Richard Law Minister in Winston Churchills Kabinett, schrieb in der "Sunday Times", das Werk sei für Edens Ruf oberflächlich verheerend, aber auch verheerend oberflächlich.
Und der Abgeordnete Antony Head, während der Suez-Krise Verteidigungsminister, zürnte im Unterhaus: "Ich weiß nicht, welchen Zweck Mr. Randolph Churchill mit seinem Buch verfolgt. Mr. Churchill trägt den heute vielleicht erlauchtesten Namen Englands, und diese Tatsache allein verleiht seinem Buch eine gewisse Autorität ... Ich glaube, daß dereinst die Geschichte diese Episode in Mr. Randolph Churchills journalistischer Karriere als eine Entehrung jenes stolzen Namens ansehen wird, den er trägt."
Wissentlich oder unwissentlich hatte der ehrenwerte Mr. Head in seinem Ausbruch an die Quelle von Glanz und Elend Randolph Churchills gerührt:
Im harten Schatten seines zum Mythos gewordenen Vaters - schwerer noch zu überspringen als der eigene Schatten und wohl geeignet, Meltau gleich das Eigenleben manches Sohnes zu ersticken - hat der Publizist Randolph Churchill eine einmalige Beobachter-Position beziehen können, ohne zu verkümmern. Zugleich entstanden im Vater-Sohn-Verhältnis aber auch all jene Komplikationen, die der Menschheit nicht erst seit Sigmund Freud geläufig sind.
Die Not und nur die Not, der Krieg und nur der Krieg hatten Sir Winston Churchill zum Retter Englands werden lassen. Von der Vernichtung bedroht, riefen seine Landsleute ihn nach Downing Street Nr. 10; in der Stunde des Sieges, auf der Höhe seines Triumphes, wählten sie ihn 1945 wieder ab.
In mediokren Zeiten ist im gesetzten politischen Alltag Englands kein Platz und kein Bedarf für das alle Normen sprengende familiäre Ungestüm der Marlboroughs. Nicht einmal für den legendären Vater - wieviel weniger für seinen mit 48 Jahren noch immer im Schatten lebenden Sohn!
Die im Zeitalter bürgerlicher Wohlfahrtsstaaten notgedrungen auf Flaschen gezogenen Familien-Eigenschaften der Churchills, Temperament und Tollkühnheit, Abenteuerlust und unbändiger Drang zu der Unabhängigkeit hoch im Blute stehender Aristokraten, sind in dieser Situation bei dem Sohn zum Teil umgeschlagen in Launenhaftigkeit und Hochmut, Jähzorn und das Bemühen, um jeden Preis originell zu sein und eigenes Profil zu gewinnen. So wurde Randolph Churchill nicht zum verlorenen, aber zum vergorenen Sohn.
Ein Charakterzug jedoch, der die Marlboroughs stets auszuzeichnen pflegte, war auch ihm geblieben und hat sich mehr und mehr zum dominierenden Faktor seines Wesens entwickelt: Der Scherben mißachtende Mut des Draufgängers.
"Es ist auch für einen Churchill keine Schande, Angst zu empfinden", hatte Vater Winston seinen kleinen Sohn feierlich gelehrt, "aber es ist eine Schande, sie zu zeigen." Wie keine andere Lektion hat Randolph Churchill diesen Rat beherzigt.
Ob er im Zweiten Weltkrieg als Verbindungsoffizier zum jugoslawischen Partisanenchef Tito hinter den deutschen Linien absprang oder als Reporter für den "Daily Telegraph" auf einer Nachtpatrouille in Korea verwundet wurde, ob er als Unterhaus-Abgeordneter mitten im Krieg ketzerisch vor der "pharisäerhaften" Vereinfachung warnte, daß jeder Vichy-Franzose ein Verräter und Faschist sein müsse, oder ob er nach dem Krieg einen Ein-Mann -Feldzug gegen die reichsten und mächtigsten Aristokraten des Landes, die Presselords von Fleet Street, führte: Stets wollte er beweisen - und bewies er - ein ungewöhnliches Maß an physischem und psychischem Mut.
"Sohn, da hast du meinen Speer, meinem Arm wird er zu schwer . . ." sang Friedrich Leopold Graf zu Stolberg im achtzehnten Jahrhundert. Der einzige Speer, den Randolph Churchill aus den greisen Händen seines Vaters empfing, um die Welt in die Schranken zu fordern und Mut zu zeigen, war der Federhalter des Journalisten, den der Alte selbst Anfang des Jahrhunderts geführt hat. Der Sohn verfügt nicht über Sprachgewalt und Pathos Sir Winstons, doch seine Feder ist so spitz und gefürchtet wie nur irgendeine im britischen Journalismus.
Schrieb "News Chronicle" am 12. März 1956 über die Unterhausdebatte anläßlich der Ausweisung des britischen Generals Glubb Pascha aus Jordanien: "Gegen Ende der Debatte äußerte der Abgeordnete Robens die Vermutung, daß Sir Anthony (Eden) sich vielleicht vor dem Churchill -Federhalter fürchte. 'Fürchten? Fürchten?' Sir Anthonys Stimme vibrierte durch alle Oktaven der Entrüstung. Sein gerötetes Gesicht verriet, daß Mr. Robens die Gefühle Mr. Edens zum Kochen gebracht hatte."
Mit seiner Eden-Biographie und seinem vernichtenden Urteil über mehrere konservative Regierungen hat der Tory Randolph Churchill, der als Kolumnist am "Evening Standard" Lord Beaverbrooks pro Artikel etwa 1000 Mark bezieht und das in Fleet Street ungewöhnliche Vorrecht genießt, schreiben zu können, was er will, nur ein weiteres Mal seinen ebenso unbekümmerten wie einträglichen Wagemut als Publizist bewiesen.
Indes, selbst in diesem Sektor lastet der Mythos des Vaters auf dem Sohn. Als Randolph Churchill, damals vierzigjährig, als hochdotierter Kriegsberichter in Korea seinem Vater einmal Auskunft über seine Bezüge gab, murrte der Alte nur, so viel habe er schon mit 20 Jahren als Kriegsberichter im Burenkrieg verdient.
"Wer seinen erwachsenen Sohn schlägt, reizt ihn zur Sünde", sagt der Talmud. Die Züchtigung, Sohn eines genialen Vaters zu sein, ist immer wieder der Pol, um den das Leben Randolph Churchills kreist, der seinen Höhenflug und seine Grenzen bestimmt.
Randolph Churchill vergöttert seinen Vater. Er gleicht ihm frappierend in Gesicht und Gestalt und imitiert ihn unbewußt in Gang und Gesten. Sogar die schwere Hornbrille rutscht ihm zuweilen auf die Nasenspitze, wie, bei Sir Winston, und läßt zwei wässerig-blaue Augen sichtbar werden, die vor keinem Herrn dieser Welt - außer der Königin von England - den Blick zu Boden schlagen.
Der Sohn raucht zwar Zigaretten (Player's Navy Cut) statt der legendären WC -Havanna, doch in der Trinkfestigkeit ist er womöglich noch dem alten Herrn überlegen.
Das Treppenhaus in Stour ist mit Landschafts-Bildern des Amateur-Malers Winston Churchill in Öl tapeziert; in den Wohnräumen des Erdgeschosses stehen Büsten des Staatsmannes umher. So weit die Erinnerung Randolph Churchills zurückreicht, wird sie von der überlebensgroßen Figur seines Vaters ausgefüllt.
Bald nach Randolphs Geburt zog die Familie in das Londoner Admiralitätsgebäude ein, wo die schrecklichen ältesten Kinder des Ersten Lords der Admiralität, Diana und Randolph, erstmalig öffentliches Aufsehen erregten, als sie sich dort im Winter zur Freude der Passanten in weißen Pelzmänteln auf der Freitreppe der Residenz im Matsch wälzten.
Die Nerven jedes neuen Kindermädchens waren spätestens nach einigen Monaten zerfranst. Deren Auszug pflegten Diana und Randolph jedesmal mit triumphalem Zeremoniell zu feiern. Während sie die Gepäckstücke der Nurse von Stufe zu Stufe die Stiegen hinabpoltern ließen, sangen sie im Takt: "Nanny is going, Nanny is going."
Das mißglückte Dardanellen-Unternehmen seines Vaters im Ersten Weltkrieg - der von Winston Churchill 1915 initiierte Versuch, alliierte Truppen am Bosporus zu landen - schrieb sich in Randolphs Gedächtnis als eine Parade ausrückender Truppen ein, der er als Dreikäsehoch von den Fenstern des Admiralitätsgebäudes zuschaute. Auf die Frage, wohin denn die Soldaten zögen, wurde ihm geantwortet: nach den Dardanellen. Ohne den Sinn des Wortes, das ihn zutiefst erregte, zu begreifen, schloß Klein Randolph seine Gebete fortan: "Gott, schütze Mammi und Pappi und die Dardanellen, und laß mich einen guten Jungen werden. Amen."
Im ersten Schuljahr Randolph Churchills fand das Dardanellen-Fiasko noch ein beziehungsträchtiges Nachspiel. Ein Junge, dessen Vater bei den Kämpfen gefallen war, beschimpfte Randolph und nannte Randolphs Vater einen Mörder. Zu Hause wurde der verstörte Sohn über die Zusammenhänge aufgeklärt. "Ich muß leider gestehen", schreibt er in dem fertiggestellten Kindheits-Kapitel seiner Memoiren, "es machte mich unendlich stolz, als mir klarwurde, daß mein Vater ein Boß war, der andere Väter herumkommandieren konnte."
Als Fünfjähriger bekam Randolph einen ersten Brief seines Vaters von der Front in Frankreich: "Bald gehen wir dicht an die Deutschen heran, und dann werden wir scharf auf sie schießen und versuchen, sie zu töten. Das geschieht, weil sie Böses getan und diesen Krieg und allen Kummer verursacht haben."
Die deutschen Zeppelinangriffe auf London verhießen Randolph neue Aufregung: "Wir hatten Zeppeline sehr gern", schreibt er, "und fanden es eine großartige Sache, mitten in der Nacht mit Erwachsenen zusammen aufzustehen."
Wie Anthony Eden besuchte Randolph Churchill die Vorschule Sandroyd bei Cobham. Vater Winston hatte ihm besonders den Umgang mit Max Aitken, dem Sohn Lord Beaverbrooks, ans Herz gelegt: "Es wird Dich vielleicht traurig machen", schrieb bald darauf Randolph aus Sandroyd seinem Vater, "aber der Junge, den ich in der ganzen Schule am meisten hasse, ist Max Aitken." Heute sind Max und Randolph dicke Freunde.
Nach dem Abschluß in Sandroyd und vor Aufnahme eines Studiums in Oxford stellte Winston Churchill seinem Sohn frei, in welcher der klassischen Zuchtstätten des englischen Adels - Eton oder Harrow - Randolph weiteren Schliff erhalten wollte. Traditionsgemäß waren die Churchills eine Etonian-Familie; Vater Winston jedoch war aus Gesundheitsgründen nach dem hochgelegenen Harrow anstatt ins neblige Eton gesandt worden. Randolph wählte Eton. Dort schloß er enge Freundschaft mit seinem 1945 in Burma gefallenen Cousin Tom Mitford, dessen exzentrische Schwestern als enfants terribles der englischen Aristokratie in allen politischen Schattierungen heirateten: Vom Herzog von Devonshire (Deborah) über Faschistenführer Sir Oswald Mosley (Diana) bis zu kommunistischen Fellowtravellern (Jessica). Nancy Mitford wurde berühmt durch ihren Essay über den englischen Adel und dessen eigene Sprache; Unity Mitford genoß in den dreißiger Jahren die besondere Gunst Adolf Hitlers. Randolph Churchill hat für sie alle ein besonderes Faible.
Wohlerzogen und charmant, blendend aussehend (Fürstin Ann-Mari von Bismarck, deren Mann damals Botschaftsrat in London war: "Er sah aus wie ein griechischer Gott") und intelligent (mit neunzehn Jahren unternahm er eine 12 500 -Dollar-Vortrags-Tournee durch Amerika) war Jung Randolph Ende der zwanziger Jahre auf dem Rennplatz von Ascot am Arm der Mademoiselle Chanel ebenso zu Hause wie in den Klubs an der Themse.
Gleich seinem Vater wählte er die journalistische Karriere. 1932, einundzwanzigjährig, berichtete er in der ihm eigenen Mischung von persönlicher Arroganz und politischer Prophetie über Hitlers Aufstieg in Deutschland. "Den ganzen Mittwochnachmittag", so konnte der Leser des "Sunday Graphic" am 31. Juli jenes Jahres erfahren, "verbrachte ich damit, mit Hitler von einer Versammlung zur anderen zu fliegen. Es begann mit einem Lunch auf dein Flugplatz außerhalb Berlins. Hitler, ein Abstinenzler, Nichtraucher und Vegetarier, aß bei dieser Gelegenheit seine bevorzugten Rühreier und Salat. Seine Leutnante und ich stärkten uns mit einem kräftigen Imbiß ...
"Der Erfolg der Nazis bedeutet früher oder später Krieg . . . Sie brennen auf Revanche. Sie sind entschlossen, eine neue Armee aufzubauen. Und es gibt für mich keinen Zweifel, daß sie - haben sie es erreicht - auch nicht zögern werden, die Armee einzusetzen."
In jenem Frühsommer vor der Machtergreifung präparierte Randolph Churchill die Zutaten für die Bereitung eines historischen Leckerbissens - eine Zusammenkunft zwischen den späteren Todfeinden Adolf Hitler und Winston Churchill -, aber das Feinschmecker-Mahl fiel in letzter Minute aus.
Im Verlauf seiner Studien über das Leben seines Ahnherrn Marlborough hatte Winston Churchill die alten Schlachtfelder der herzoglichen Feldzüge in den Niederlanden und in Deutschland abgereist und traf mit Sohn und Reisebegleitung zu einem einwöchigen Aufenthalt in München ein, als sich auch Hitler in der Stadt seines "Braunen Hauses" befand.
Telephonisch verabredete Randolph Churchill mit dem ihm gut bekannten ersten Auslandspressechef Hitlers und späteren Emigranten Ernst ("Putzi") Hanfstaengl ein Treffen zwischen seinem Vater und dem "Führer".
Hanfstaengl traf mit den Churchills zusammen und unterhielt sie mit Klavierspiel und Gesang. (Randolphs Vater W. C.: "Ein lebhafter Bursche . . . , ein trefflicher Gesellschafter und . .. ein Günstling des Führers.") Hitler aber erschien trotz Putzis eindringlichster Vorstellung nicht.
Sowohl Winston Churchill als auch Putzi Hanfstaengl haben in ihren Memoiren* dieser verpaßten geschichtlichen Begegnung ein paar Absätze gewidmet.
Ihre Erinnerungen unterscheiden sich in vielen Einzelheiten, vom Hotel-Schauplatz (laut W. C.: "Regina", laut Hanfstaengl: "Continental") bis zu den möglichen Motiven für Hitlers Fernbleiben. Churchill glaubt, Hitler sei durch einige verächtliche Bemerkungen abgeschreckt worden, die er über den verbohrten NS-Antisemitismus gegenüber Putzi fallen ließ. Hanfstaengl bestreitet, diese Äußerungen überhaupt weitergetragen zu haben, und schreibt, Hitler sei ganz einfach entschlossen gewesen. "sich nicht jemandem auszuliefern, der die Qualitäten besaß, ihm den Auftritt zu stehlen".
Wie dem auch sei - mit der ihm eigenen Kürze zog Winston Churchill in seinen Memoiren das Fazit der Affäre: "So kam es, daß Hitler die einzige Gelegenheit verpaßte, mich kennenzulernen. Als er später allmächtig war, sollte ich mehrere Einladungen von ihm erhalten. Inzwischen hatte sich aber gar manches ereignet, und ich leistete der Einladung keine Folge."
Der Arrangeur der ausgefallenen Begegnung, Sohn Randolph, fragt sich indes noch heute: "Was die beiden wohl voneinander gehalten hätten?"
Schon in diesen Jahren erster journalistischer Triumphe mußte Randolph Churchill erkennen, daß es ihm nie möglich sein würde, den klangvollen Namen seines Vaters zu dessen Lebzeiten abzuschütteln: Als ihm 1934 der Reporter-Coup gelang, den pressescheuen Ex-Kaiser Wilhelm II. in dessen holländischem Exil bei Lunch und Tee auszuhorchen, apostrophierte ihn die "Daily Mail" in einem redaktionellen Vorspruch zu seinem großaufgemachten Interview als "brillanten Sohn eines brillanten Vaters".
Mehrere Versuche Randolph Churchills in den dreißiger Jahren, einen konservativen Unterhaussitz zu erobern, sind gescheitert - nicht zuletzt wegen seiner respektlosen Kritik an der eigenen Partei. Erst im Zweiten Weltkrieg, 1940, wieder unfreiwillig unter dem Rockschoß seines zum Premier gewählten Vaters, zog er ins "House of Parliament" ein. Und wieder suchte er sich durch Flucht in den Mut und nach vorn gegen das Schicksal des nur mitschwimmenden Sohns aufzulehnen: Kaum gewählt, meldete er, der 1938 in das alte Regiment seines Vaters "The Fourth Queens Own Hussars" eingetreten war, sich zur kämpfenden Truppe.
Damit begann ein Lebensabschnitt nach dem Geschmack Randolph Churchills, der ihm Gelegenheit gab, Temperament und Kühnheit der Marlboroughs auszuleben.
Sein kurzes Debüt als Stabs-Major in Kairo endete mit einer Degradierung, nachdem er die dort versammelte Generalität gegen sich aufgebracht hatte. Zusammen mit dem ihm befreundeten Botschafter hatte er hinter dem Rücken seiner Vorgesetzten ein Kabel direkt an seinen Vater abgesandt, in dem er vor dem politischen Unfug warnte, den die Militärs in Nordafrika anrichteten, und für die Entsendung eines Politikers plädierte.
Prompt traf Oliver Lyttelton, Mitglied des britischen Kriegs-Kabinetts, am Nil ein - und der zum Captain degradierte Premierssohn sah sich nach einer amüsanteren Tätigkeit um: Er fand sie bei den noch in den Babyschuhen stekkenden, an altmodischen Fallschirmen hängenden
Kommando - Truppen (S.A.S.) der Armee.
Mit dem "Phantom-Major" David Stirling, dem Gründer des sagenumwobenen S.A.S.- Regiments, karriolte er in einem als Stabswagen des Afrika-Korps Verkleideten Ford nachts durch das von den Italienern besetzte Bengasi, landete später mit einer anderen Kommando-Truppe auf Sizilien und Salerno und sprang schließlich als Verbindungsoffizier zu Titos Partisanen hinter den deutschen Linien in Bosnien ab.
Chef jener Verbindungsmission war der Brigadier und Unterhausabgeordnete Fitzroy Maclean, mit dem Randolph Churchill bereits im S.A.S.-Regiment des "Phantom-Majors" David Stirling* zusammengetroffen war.
Randolph Churchill hatte ihn bei einer zufälligen Begegnung gefragt, was er denn gegenwärtig treibe. Maclean antwortete, er sei zur Zeit Liaison-Offizier bei Tito. "Tito
-wer zum Teufel ist das?", erkundigte sich Randolph, um dann - aufgeklärt - mit Feuereifer sein Mitmachen anzubieten.
Fitzroy Maclean in seinen Memoiren**: "Es schien mir, als ob Randolph eine nützliche Bereicherung unserer Mission darstellen könnte. Es gab einige Jobs, für die ich ihn nie gewählt hätte - beispielsweise eine sitzende Beschäftigung in einem großen Hauptquartier, voll von empfindlichen Stabsoffizieren. Aber für meine gegenwärtigen Zwecke schien er der geeignete Mann. Bei allen Operationen, das wußte ich, war er absolut zuverlässig und besaß sowohl Ausdauer als auch Entschlossenheit. Er war mit scharfer Intelligenz begabt und verfügte über einen beträchtlichen politischen Verstand; auf keines von beiden konnten wir in Jugoslawien verzichten. Außerdem hatte ich - zu Recht, wie sich später herausstellte - das Gefühl, daß er mit den Jugoslawen gut auskommen würde, da seine enthusiastische, zuweilen explosive Lebensart der ihren nicht unähnlich war."
Mit besonderem Vergnügen entsinnt sich Fitzroy Maclean eines Telephongesprächs über die politische Zukunft Jugoslawiens, das er von Algier aus via New York mit London führte. Am anderen Ende saß in Downing Street Nr. 10 Randolphs Vater, Premierminister Winston Churchill. Durch,
Mißverständnis war Maclean der Ansicht, unverschlüsselt sprechen zu können, während W. C. mit der ihm eigenen Vorliebe für alle abenteuerliche Romantik einen besonderen Code benutzte:
Fitzroy Maclean: "Mr. Churchills wohlbekannte Stimme dröhnte brummend und heiser durch den Äther. Gemäß den Instruktionen am Anfang des amtlichen Londoner Telephonbuches begann ich meinen Namen zu nennen. An diesem Punkt schien der Premierminister sonderbarerweise verärgert und forderte mich auf, das Maul zu halten. Ein schlechter Start, fühlte ich. Dann forschte er schnell und überraschend nach, ob ich mit dem Pumpkin (Kürbis) gesprochen hätte. Auf meine höfliche Frage, was er wohl meine, antwortete er nach kurzem Zögern laut flüsternd: Was? Meinen großen dicken General natürlich, sehen Sie nach, sehen Sie nach. Und er fuhr fort, sich zu erkundigen, was ich mit Pippin (Pippingapfel) getan hätte.
"Ich war verzweifelt. Es war mir klar, daß es bei einem von uns piepte. Ich hoffte, nicht bei mir; andererseits war es sehr beunruhigend, sich vorzustellen, daß in diesem entscheidenden Moment des Krieges Mr. Churchill geisteskrank geworden sei. Mir blieb nichts übrig, als zuzugeben, daß ich keine Ahnung hatte, wovon er sprach und was die verschiedenen Gemüsesorten damit zu tun hatten."
Mit der Erkenntnis "Großer Gott, die haben den Code nicht" schaltete sich schließlich die Vermittlung ein. Fitzroy Maclean und sein Premierminister nahmen das Gespräch unverschlüsselt wieder auf. Aber von zwei Code-Worten, die ihn besonders zu erbauen schienen, konnte sich Winston Churchill auch in der folgenden offenen Unterhaltung nicht trennen: Weiterhin bezeichnete er seinen Alliierten Oberbefehlshaber im Mittelmeer, General Sir Henry Wilson, als "Pumpkin" und seinen Sohn Randolph als "Pippin".
Pippins jugoslawische Abenteuer trugen ihm im Reiche Titos den Spitznamen "der unglaubliche Engländer", in England den "Orden des Britischen Empire" ein. "Er verlor nie ein Wort", so berichtet der jugoslawische "Time"-Korrespondent Stojan Pribicevic, "über Kälte, Hunger oder Durst, wunde Füße oder deutsche Kugeln. Aber die Hölle war los, wenn der Partisanen -Barbier versuchte, ihn ohne heißes Wasser zu rasieren."
Ein halbes Dutzend Jahre später, in einem anderen Feldzug, verärgerte Randolph Churchill als Kriegsberichter in Korea den Präsidenten von United Press, Hugh Baillie*, durch ähnliche Arroganz: "Churchill trug eine selbstentworfene Uniform und zog uns wegen unserer Kampf -Kombinationen auf: 'Ihr Amerikaner mögt aussehen wie die Auto-Mechaniker, wenn ihr das wollt', sagte er: 'Ich pflege mich manierlich anzuziehen.' "
Hugh Baillie über Randolph Churchills Besuch in seinem Zelt bei Pusan: "Ich werde nie den Anblick von Randolph Churchill in seiner Spezial-Uniform vergessen, wie er dasaß, Scotch und Wasser aus einer alten Bierdose trank und mit Frank Owen, einem anderen Fleet-Street-Korrespondenten, über Gott und die Welt diskutierte, von der Teilung Irlands bis zur Führung des koreanischen Krieges. Wir anderen gingen fort zum Abendessen, und als wir zurückkamen, fanden wir sie immer noch beim Debattieren, obgleich das Zelt in einem Taifun über ihnen zusammenfiel. Ein Trupp von Soldaten versuchte, das Zelt mit Pfählen zu stützen - mit gelegentlichen Seitenblicken auf die gelehrten Schriftsteller, die in einer halbdunklen Ecke hockten und - mit whiskygefüllten Bierdosen in der Hand - erbittert schwätzten, während Regenrinnsale auf sie herniederleckten."
Nach dem das Siegesjahr 1945 seinen Vater die Ministerpräsidentschaft und ihn wie konnte es anders sein - seinen Parlamentssitz gekostet hatte, war Randolph Churchill endgültig zum Journalismus übergewechselt. 120 anglo-amerikanische Zeitungen druckten eine Artikelserie von ihm über das Nachkriegs-Europa. Der "Daily Telegraph" hatte ihn - zusammen mit dem Kriegsberichter Buckley - nach Korea entsandt.
Randolph Churchill saß gerade im Maronoushi-Hotel in Tokio mit Frau Buckley und dem Reporterstar des "Daily Express", Sefton Delmer, beim Abendessen, als er ans Telephon gerufen wurde. Aus Korea kam die verbürgte Nachricht, Buckley sei gefallen. Churchill winkte Delmer heraus, und die beiden berieten, wie man die Todesnachricht der Witwe überbringen solle.
Sefton Delmer schlug vor, während des gemeinsamen Abendessens zu schauspielern, bis die Gattin des britischen Botschafters herbeitelephoniert worden sei, um die bittere Botschaft zu eröffnen. "Dafür ist sie da, und sie kann es viel besser als wir."
Randolph Churchill aber, getreu den Mut-Lektionen seines Vaters, war entschlossen, es gleich hinter sich zu bringen. Er ging in den Speisesaal zurück. Mrs. Buckley wurde ohnmächtig. Delmer und Churchill transportierten sie im Fahrstuhl auf ihr Zimmer, wo die Botschafter-Gattin den Samariter-Dienst übernahm. Randolph Churchill packte seine Koffer einschließlich einiger Flaschen Whisky, die der durchreisende Sonderbeauftragte Trumans, Harriman, ihm hinterlassen hatte.
Wenige Tage später war er in Korea; und noch ein paar Tage darauf hatte es auch ihn erwischt. Auf einer Patrouille vor den kommunistischen Linien am Naktong-Fluß wurden Randolph Churchill, der amerikanische Korrespondent Frank Emery und ein Soldat durch ein Schrapnell verwundet.
Der junge Emery diktierte einen blutrünstigen Sensations-Artikel: "Es war eine physische und psychische Heimsuchung, die zu beschreiben über meine Kraft geht."
Randolph Churchill, hospitalreif am Bein verwundet; verfaßte vor seinem Abtransport für sein Blatt einen nüchtern geschriebenen Routine-Bericht. Schrieb "Time": "Durch diesen Verzicht auf jeden Heroismus gewann Reporter Churchill die Achtung der anderen Korrespondenten zurück, die er zuvor durch seine hochnäsigen Manieren beleidigt hatte."
Als der verletzte Kriegsberichter auf einer Bahre an Bord eines Flugzeugs getragen wurde, beugte sich ein Soldat neugierig vor und fragte - nicht bedenkend, daß in London zu jener Zeit Labour regierte-: "Sie sind wirklich der Sohn des Premierministers?" Schnaubte Randolph Churchill indigniert: "Well, ich bin jedenfalls kein Sprößling von Clement Attlee."
Eines der wesentlichsten Ergebnisse des Nachkriegs-Journalismus Randolph Churchills war seine ständig steigende Mißbilligung der englischen Massenpresse und seine proportional dazu wachsende Unbeliebtheit bei Verlegern und Kollegen.
Da es den Sohn Winston Churchills nicht schert, was die englische Gesellschaft, geschweige denn die restliche Welt von ihm denkt, trat er auf so viele Füße, zog er an so vielen Nasen wie möglich: "Ich liebe es, reiche und mächtige Leute anzugreifen."
Schon im Krönungsjahr 1953 attackierte er den Freund seines Vaters, den englischen Verleger-Zaren und gegenwärtigen Chef, Lord Beaverbrook, wegen mangelnder Königinnentreue: "Lord Beaverbrook ist immer bereit, Sozialisten und verkappte Kommunisten anzuheuern, um nahezu alle jene Institutionen, die den meisten Engländern heilig sind, zu beleidigen und zu verhöhnen." Dazu Lord Beaverbrook: "Randolph ist ein großartiger Bursche."
Bei anderer Gelegenheit- wies er der
"Daily Mail" eine Fülle von Ungenauigkeiten in einer Serie über seinen Vater nach; die Serie wurde abgebrochen. Er entlarvte einen Witzbold, dem "Sunday Pictorial" (Auflage 5,4 Millionen) aufgesessen war, indem das Blatt dessen Geschichte über die Möglichkeit jungfräulicher Geburt übernommen hatte. Nächstes Opfer: der "Sunday Graphic".
Dieses Organ Lord Kemsleys hatte eine Enthüllungs-Serie "Those Churchill Girls" angekündigt; aber sie wurde nie gedruckt. Im "Spectator" deutete Randolph Churchill an, daß die Veröffentlichung unterblieben sei, weil er dem sehr lebenslustigen Lord Kemsley (Familienname: Berry) ein höchst anzügliches Telegramm gesandt habe: "Wüßte gern, ob ich auf Ihre Mitarbeit rechnen kann für eine Serie, die ich für den 'Daily Mirror' und Glasgows 'Daily Record' plane, unter dem Titel: 'Those Berry Girls'. Freundliche Grüße an Sie und alle Berry Girls."
Randolph Churchills große Stunde im Kampf gegen die von ihm verdammten "Sex and Crime"-Praktiken der englischen Massenpresse
wurde im September 1953 durch eine unscheinbare Einladung der rührenden Miss Christina Foyle zu einem literarischen Luncheon ins Dorchester Hotel eingeleitet. Leichtsinnigerweise hatte Miss Foyle ihn gebeten, anläßlich des Erscheinens der Memoiren des "Daily Mirror"-Chefredakteurs Hugh Cudlipp* die Tischrede zu halten.
Die Luncheon-Gäste kamen auf ihre Kosten. Der Festredner beschuldigte die mächtigsten Presselords von Fleet Street namentlich, das Volk aus Profitsucht mit Pornographie und Verbrechen zu füttern, die Presse zu prostituieren, im Privatleben prominenter Bürger herumzustöbern und nur sich selbst nach dem Motto "Dog Don't Eat Dog" niemals anzugreifen.
Churchill bekundete, daß der "Daily Mirror" - Englands erfolgreichstes Massenblatt - in seinem Haus verboten sei, und erklärte, aus dem Buch des Ehrengastes und Chefredakteurs Cudlipp ergebe sich ein vollständiges Bild des perfekten Fleet -Street-Boß: "Er liest nichts, schreibt nichts und verläßt seinen Bürosessel nur, um hinter einen Redakteur zu schleichen und eine Planke Basa-Holz auf dessen überraschtes Haupt zu schmettern" (was der Vorgänger Cudlipps tatsächlich zuweilen getan hatte).
In zwei weiteren Reden in Manchester und London, in denen er unter anderem dem Chefredakteur der ehrwürdigen "Times", Sir William Haley, ein Stipendium für zurückgebliebene Journalisten anbot, spann Randolph Churchill den Faden fort und erlebte schließlich den Triumph, daß die Massenzeitung "The People" (Auflage über fünf Millionen), der Churchill als mildeste Qualifikation "schwachsinnige Faselei" bescheinigt hatte, den Schweige-Boykott der angegriffenen Organe gegen ihn durchbrach.
"The People" schrieb, Churchill gehöre zu den Partei-Propagandisten, "die es nicht für geraten halten, offen um einen Parlamentssitz zu kämpfen, sondern es vorziehen, als gekaufte Federn gegen Bezahlung voreingenommene Wahlberichte zu schreiben." Damit hatte Randolph Churchill erreicht, worauf er hinauswollte: Nachdem keiner der angegriffenen Verleger und Chefredakteure gewagt hatte, ihn anzuklagen, rief er nun seinerseits wegen Verleumdung ein Gericht an. Der offene Skandal war da.
Nach zweitägiger Verhandlung wurde dem Verlag des "People" von einem Londoner Gericht auferlegt, Schadenersatz an den Kläger in Höhe von 5000 Pfund (58 800 Mark) zu zahlen.
Ganz England verfolgte grinsend, wie Randolph Churchill mit der Miene gekränkter Unschuld vor dem Tribunal alle seine Anschuldigungen wiederholte, Lord Rothermere einen Pornographen schalt ("Ich habe ihn ungeachtet seiner Abirrungen immer gern gehabt"), "Times"-Chefredakteur Sir William Haley als "automatischen Nachrichten-Unterdrücker" bezeichnete ("Er lud mich später zum Essen ein") und zugab, mehrere Minister als "spießige Streber" apostrophiert zu haben ("Ich bin Reporter und muß berichten, was ich sehe und höre").
Selbst der Versuch des "People"-Verteidigers, Gilbert Paull, im Kreuzverhör nachzuweisen, daß auch des empfindsamen Klägers Sprache nicht immer wählerisch gewesen sei, trug zu Randolph Churchills Popularität bei.
Verteidiger: "Glauben Sie, es war eine faire und anständige Sprache, Mr. Attlee 'eine träge kleine Marionette' zu nennen?"
Churchill: "Ja, das war ein recht guter Ausdruck. Er zergeht auf der Zunge."
Zusammen mit seinen drei Reden über die englische Presse gab Sieger Churchill Verhandlungs-Protokoll und Urteil in Buchform heraus*. Aber ehe auch nur ein einziges Exemplarverkauft werden konnte, mußte sich Kreuzzügler Churchill auch noch als Firmen-Gründer betätigen. Denn die mit dem Zeitungsvertrieb verzahnten Großbuchhändler weigerten sich, sein Werk zu verkaufen.
Randolph Churchill gründete die "Dorftrottel GmbH", kaufte zwei Kioske in den großen Londoner Bahnhöfen Paddington und Liverpool Street, und innerhalb weniger Tage war die erste Auflage seines Buches vergriffen.
Das Messingschild der "Dorftrottel GmbH" glänzt noch heute neben der Eingangstür von Randolph Churchills Landsitz Stour in East Bergholt: "Registered Offices of Country Bumpkins Ltd." Hier, im verträumten Geburtsort des britischen Landschaftsmalers Constable, schmiedet der Nachkömmling Marlboroughs seine privaten Feldzugs- und Fehde-Pläne.
Von der Terrasse aus genießt er einen von Constable gemalten Blick; neu hinzugekommen ist nur ein künstlich angelegter Krocket-Rasen, auf dem zwei benachbarte Land-Ladys mit freundlichen Pferde -Gesichtern sich die Zeit vertreiben.
Randolph Churchills Sohn Winston aus erster Ehe (1939 bis 1946) mit Pamela, Tochter des Elften Barons Digby, verbringt hier seine Ferien; er hat Eton hinter sich und tritt im Herbst in Oxford ein. Seine neunjährige Tochter Arabella aus zweiter Ehe lebt mit ihrer Mutter June, Tochter des Obersten Osborne, abwechselnd in Stour und in Churchills Londoner Stadtwohnung, einer ehemaligen Jagdhütte König Karls II.
Der Sohn Winston Churchills - ein bißchen Falstaff, ein bißchen Don Quijote - genießt das Leben des Landedelmanns mit ungebändigter Vitalität. In London pflegt ihm diese Lebensart immer wieder Polizeistrafen wegen unerlaubten Parkens oder etwa eine Wahl zum "unbeliebtesten Gast" durch die Oberkellner der Prominenten -Restaurants einzutragen. In Stour gibt es niemanden, der ihn stört. Ob er in langen Zügen Hustensaft aus der Flasche (dreimal täglich ein Teelöffel) trinkt, Pfeffer in das trotz großer Küchenbesetzung selbstzubereitete Omelett schüttet oder sich beim Abendessen neben dem Tisch auf die Knie wirft, um dem Besucher die Haltung gewisser englischer Politiker gegenüber Moskau zu demonstrieren - alles atmet gewalttätigen Charme. Sein brüllendes Gelächter - Ho! Ho! Ho! - schallt durch sechs Räume; wenn er nur grunzt, eilen Köchin, Sekretärin und Zimmermädchen herbei.
Die bei weitem zartfühlendste Behandlung im Hause erfahren Captain und Mrs. Boycott, ein schwarzes Mops-Ehepaar, das in diesem Sommer ein halbes Dutzend Welpen geworfen hat; Randolph Churchills Sekretärin ist seit Wochen damit beschäftigt, in Englands Archiven nachzustöbern, ob der historische Captain gleichen Namens Kinder gehabt hat, damit der Mops-Nachwuchs die rechten Namen erhält.
Das Mops-Ehepaar verdankt seinen klingenden Namen einem amerikanischen Gastspiel seines Herrn im Jahre 1958, bei dem Randolph Churchill im berühmtesten aller Quiz-Turniere ("Die 64 000-Dollar-Frage") vor dem US-Fernsehen auftrat und versagte. Als Prüfling in Etymologie hatte Churchill zwar die erste Frage nach der Herkunft des Wortes Sandwich mit einem Hinweis auf einen gleichnamigen englischen Grafen beantworten können. Doch schon bei der nächsten Frage wurde er ausgezählt: Er konnte sich nicht auf den Namen eben jenes irischen Gutsverwalters Captain Boycott besinnen, dessen unerträgliches Benehmen von seinen Mitmenschen durch Nichtachtung gestraft wurde und damit eine neue internationale Vokabel schuf.
Trotz dieser Niederlage verwandelte Randolph Churchill schließlich seine US-Stippvisite doch in einen persönlichen Erfolg. Er nutzte nämlich in einer anderen Fernsehsendung die Gelegenheit, Amerika, dem Heimatland seiner Großmutter väterlicherseits, heimzuzahlen, was es in seinen Augen seiner dritten Schwester Sarah angetan hatte.
Sarah Churchill, ehemalige Gattin des Komikers Vic Oliver und des durch Selbstmord geendeten Hofphotographen Anthony Beauchamp, ist neben Randolph der fraglos temperamentvollste Churchill-Sproß.
"Ist sie hübsch?", wollte Englands großer Liberaler Lloyd George einst von dem jungen Winston Churchill wissen, als dessen erste Tochter Diana geboren war: "Das hübscheste Kind, das es je gegeben hat", antwortete Churchill. "Also wie die Mutter?" forschte Lloyd. George. "Nein", antwortete der Vater mit Verve, "sie sieht genau aus wie ich."
So Winston Churchill über Diana - ihre Schwester Sarah ist tatsächlich attraktiv. "Life" widmete ihr das sechste Titelbild, das die Weltillustrierte an ein Churchillsches Familienmitglied vergab; sogar die Familie Roosevelt war damit geschlagen. Sarah lernte bei den Aufnahmen ihren zweiten Mann kennen.
Störrisch wie ein Maulesel - "Mule" wurde sie denn auch von ihrem Vater gerufen -, hat sie es im Lauf der Jahre als Schauspielerin zu einem eigenen Haus in Malibu Beach bei Hollywood gebracht. Und eben dort war sie kurze Zeit vor Randolphs US-Reise und einen Tag, bevor sie in Karel Capeks Stück "The Makropoulos Secret" einen beachtlichen Fernseh-Erfolg errang, von der Polizei wegen Volltrunkenheit verhaftet worden.
Sie hatte das Fräulein vom Amt und verstörte Nachbarn mit obszönen Anrufen belästigt und die anrückenden Hüter der Ordnung, ein Glas Rum in der Hand, mit der Frage begrüßt: "Was, zum Teufel, wollen Sie?"
Die Fahrt zum Gefängnis legte sie trotz polizeilicher Einwände auf dem Schoß eines Schutzmanns zurück, kündigte dabei an, daß die englische "Herrenrasse" die USA auslöschen werde und signalisierte noch durch die vergitterte Gefängnistür hindurch mit zwei gespreizten Fingern das historische V-Zeichen ihres Alten Herrn. Als dann zitierte sie melancholisch Robert Burns:
Wachen und weinen muß ich in gemeiner Haft.
Mein modriges Lager ist von Kummer umhüllt.
Sie bekannte sich schuldig und wurde zu 50 Dollar Geldstrafe oder zehn Tagen Haft verurteilt.
Spaltenlang berichtete Amerikas Presse über diesen Zwischenfall, und eine New Yorker Fernsehstation versprach sich eine besondere Attraktion davon, nun auch noch Sarahs Bruder Randolph zu der Affäre zu vernehmen.
Randolph Churchill wurde deshalb eingeladen, während seines Amerika-Aufenthalts in John Wingates halbstündiger Abendsendung "Night Beat" aufzutreten: Es ist ein Verhör dritten Grades für Prominente. Aufbauend auf der allamerikanischen Abscheu vor Ehrfurcht und Achtung gegenüber Persönlichkeiten, stutzen die Interviewer in diesen Sendungen ihren jeweiligen Ehrengast - ob Politiker, Modeschöpfer oder Millionär - zur perversen Freude des Publikums durch inquisitorische Kreuzfragen von respektheischender Größe auf Normalverbraucher-Maß zusammen. Sie breiten sich in liebevoller Sorgfalt über seine Fehltritte aus, stochern in jeder vermeintlich schmerzenden Wunde und drehen nach dem Schluß der Sendung ihrem vom Piedestal des Ruhms gestürzten Opfer den Rücken zu, wie ein Torero seinein abgestochenen Stier.
Diesmal aber siegte der Bulle; auf der Strecke blieb der Matador.
Kaum hatte Interviewer Wingate zu bohrenden Fragen angesetzt, da mußte er sich von Randolph Churchill sagen lassen, er "spioniere im Privatleben anderer Leute" und kenne offenbar nicht den Unterschied zwischen "passend und impertinent". Die Amerikaner, so fuhr Churchill fort, litten an einer Epidemie des Konformismus. "Jeder will tun, was andere tun. Sie werden erschreckt, eingeschüchtert und sogar herumgeschubst, oft von Leuten, wie Sie es sind."
Der Ausbruch Churchillschen Familientemperaments entlud sich über dem Fernsehstar und seinen Anhängern wie ein Sommergewitter über einer Schar Debütantinnen ohne Schirm.
Und als John Wingate unvorsichtig genug war, sich nach Schwester Sarah zu erkundigen, zuckten zornige Geistesblitze über New Yorks Fernsehschirme.
"Ich würde nicht daran denken, Sie nach Ihren Schwestern zu fragen", wetterte der englische Gentleman. "Ich denke nicht daran, nachzuschnüffeln, was Ihre Schwester getan hat oder was Ihr Vater war. Ich weiß nicht einmal, ob Sie einen Vater haben oder ob Sie wissen, wer Ihr Vater war..."
Groß-Inquisitor John Wingate schnappte nach Luft. Randolph Churchill aber, Whisky aus einer Kaffeetasse nippend, war gerade erst warmgelaufen. "Ich pflege niemals Familienangelegenheiten mit Fremden zu diskutieren. Ich habe nicht die Absicht, es mit Ihnen zu tun. Sie sind für mich ein Fremder, und ich nehme an, daß die paar hundert Leute, die dem Programm dieser kleinen Station zusehen, der nicht einmal ein eigenes Sendenetz zur Verfügung steht, in der Mehrzahl für mich ebenfalls Fremde sind . . . Nächste Frage, bitte!"
Die nächste Fahrt des Randolph Churchill, die der Weltöffentlichkeit je nach Geschmack Stoff zur Erheiterung oder Entrüstung bieten sollte, führte ihn im Frühling dieses Jahres in die entgegengesetzte Richtung: ins feindliche Lager nach Moskau.
In einem offenen Brief an Churchills Verleger Lord Beaverbrook berichtete darüber der Sowjet-Journalist Heinrich Borowik in der Moskauer Illustrierten "Ogonek":
"Churchill empfing mich gegen Mittag (im Hotel National). Ihr Korrespondent war nüchtern, oder jedenfalls schien es so - er war gerade von einem kurzen Spaziergang in der frischen Luft zurückgekehrt ... 'Sagen Sie mir doch bitte Ihre persönliche Meinung über die Wege der Annäherung und der friedlichen Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern?'
"'Eine Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern ist unmöglich und unnötig! Fiddlesticks (Quatsch)!'
"Aber, als Ihr Vater Premier war, existierte doch eine solche Zusammenarbeit...'
"'Es gab sie deshalb, weil es in der Welt damals einen Burschen namens Hitler gab. Jetzt ist er nicht mehr da. Darum ist auch kein Anlaß zur Zusammenarbeit mehr!'
"'Sie sind also mit dem Kalten Krieg einverstanden?'
"'Quatsch! Es gibt überhaupt keinen Krieg, weder einen Kalten, noch einen Heißen. Krieg, das ist, wenn man Leute tötet. Ho! Ho! Ho! Das weiß ich ...' Randolph Churchill näherte sich denn Fenster und hob hoheitsvoll den Arm, um auf den Kreml zu zeigen. Wissen Sie, was sein wird, wenn an dieser Stelle eine Atombombe niedergehen wird? Ho! Ho! Ho! Anderthalb Millionen Menschen werden verschwinden. Mindestens!'
"'Ja, ja, ich verstehe', fuhr Churchill fort, wenn eure Bombe auf London fällt, so wird das auch nicht gut sein.' Er sah wieder auf den Kreml, wandte sich dann brüsk mir zu. Aber seien Sie sich darüber im klaren, nach genau 43 Minuten, 43 Minuten nach Beginn des Krieges werden alle Ihre Städte mit einer Bevölkerung von über hunderttausend Einwohnern vom Erdboden verschwunden sein. Dies sagte mir persönlich General Twining, mein Freund. Ich fragte ihn einmal: Hör mal, Nathan, ich bitte dich nicht, mir militärische Geheimnisse zu verraten, aber sage mir, welche Städte Rußlands planst du zu vernichten? Und Nathan,
mein bester Freund: Hör zu, Randolph, es würde unwirtschaftlich sein, alle Städte bei ihnen zu vernichten. Wir werden die vernichten, wo viel Bevölkerung und Industrie ist...'
"Über den Gentleman Randolph Churchill hat mir übrigens auch eine Stenotypistin aus dem Intourist einiges berichtet. Diese bereits bejahrte Frau erschien bei Ihrem Korrespondenten auf seine Bitte: Er brauche eine Sekretärin, der er englisch diktieren könne. Hier ihr Bericht:
"'Er empfing mich barfuß, in einem aufgeknöpften Pyjama, mit zerwühltem Haar. Dem Aussehen nach ein Greis mit nach allen Seiten abstehenden grauen Haarsträhnen, mit rotunterlaufenen, toten Augen. Churchill war nicht ganz nüchtern, obwohl seine Dolmetscherin mir versicherte, daß er um diese Zeit, das heißt um 10 Uhr morgens, bis zu einer halben Stunde nach dem Aufwachen gewöhnlich keinen Schnaps trinkt. Churchill forderte mich nicht auf, ins Zimmer zu kommen, und ich blieb vor der Türschwelle stehen.'
"'Will ich nicht!', sagte er grob. ,Was wollen Sie nicht?', fragte die Dolmetscherin. 'Die Sekretärin will ich nicht.' Er betrachtete mich von Kopf bis Fuß: 'In der Sowjet-Union gibt es 180 Millionen Einwohner, und der Intourist konnte für mich keine passende Sekretärin finden. Ich will sie nicht!'
"Während eines Empfangs in der britischen Botschaft stand Churchill lange am Fenster und betrachtete den vom Mond beschienenen Kreml. Irgend jemand trat an ihn heran und sagte: 'Nicht wahr, ein schöner Anblick?' - Churchill antwortete, ohne zu zögern: 'Mein Schwager Sandys (Verteidigungsminister Englands) kann diesen Anblick in 38 Minuten vernichten!' ,Das wäre, schade', sagte sein Gesprächspartner. 'W-a-s?!' Auf dem Gesicht Churchills stand äußerste Empörung . . ."
So der "Ogonek"-Bericht über Randolph Churchills Moskau-Fahrt. Er wurde in 79 Ländern zitiert. Bald darauf erhielt der Kreml-Reisende einen Brief aus Moskau, in dem ein anonymer Absender "im Namen aller aufrechten Schriftsteller und Journalisten unseres Landes um Entschuldigung bittet für den Halbstarken-Aufsatz im "Ogonek", von einem Mann, der eine Entehrung des journalistischen Berufs darstellt". Der anonyme Schreiber fügte eine mit Schmäh-Inschriften gegen "Ogonek" übersäte Seite des Magazin-Artikels bei, die - wie er behauptete - mehrere Tage am Schwarzen Brett eines Heimes sowjetischer Journalismus-Studenten ausgehangen habe.
Randolph Churchill selbst entsinnt sich mit polterndem "Ho!Ho!Ho!"-Gelächter seines Ausflugs in das Sowjetreich: "Natürlich habe ich ihnen die Wahrheit gesteckt, aber auch zugesichert, daß wir durchaus mit ihnen leben können, wenn sie erst einmal erwachsen sind und sich benehmen lernen."
"Was General Twining mir tatsächlich gesagt hat", fährt er fort, "war viel besser als das, was ,Ogonek' daraus gemacht hat. Auf meine Frage, welche Art von Zielen - Industriemassierungen, Bevölkerungszentren oder militärische Objekte - er zuerst vernichten würde, antwortete er: 'Well, Mr. Churchill, we are kind of running out of targets' (Bei uns werden Ziele langsam knapp)."
Das sind politische Kraftworte, so recht nach Randolph Churchills Geschmack, und wann immer er die Gelegenheit sieht, dem Kreml ähnliche Sottisen zu stecken, tut er es mit Genuß.
Als er während der Quemoy-Krise anläßlich der Goldenen-Hochzeits-Vorbereitungen seiner Eltern von Pelzmützen-Premier Harold-Macmillan unter vier Augen erfuhr, daß die britische Regierung Amerikas Kurs im Fernen Osten voll unterstützen werde, setzte er sich darum sogar zur Wut seiner journalistischen Kollegen über die Tradition von Fleet Street hinweg, den Ministerpräsidenten in delikaten Affären nicht direkt zu zitieren, und veröffentlichte - des Dementis von vornherein gewiß - die Information im "Evening Standard".
"Es ist vielleicht angemessen, sich daran zu erinnern", tobte daraufhin der Konkurrenz-"Star", "daß Mr. Randolph Churchill einmal schrieb, niemand sei im Churchill -Haushalt je körperlich gezüchtigt worden ... Man wird Mr. Macmillan verzeihen, wenn er dies als Versäumnis betrachtet, denn Randolph war ein böser Bube . . . Bück dich, Randolph."
Solche Erfahrungen haben Randolph Churchill sowenig von seinem freibeuterischen Freimut abbringen können wie die ungezählten Kosenamen, die ihm sein Wirken in allen Ländern eingetragen hatte, vom "rasenden Randolph" in London bis zu "Englands Gegenstück zu Elliott Roosevelt" (dem Tunichtgut-Sohn des toten,Präsidenten) in Washington.
Nach wie vor gefällt sich Sir Winstons Sohn in der Rolle, zu wissen, was die Staatsmänner wissen, und auszusprechen, was sie nicht auszusprechen wagen.
Ein neues Abenteuer dieser Art bahnt sich in dieser Woche an. Randolph Churchill, der die Deutschen sowenig ausstehen kann wie sein Vater, wird anläßlich des Eisenhower-Besuchs im Palais Schaumburg zum erstenmal in die Bundeshauptstadt Bonn reisen.
Was er von Bonns Lieblingsthema - der Wiedervereinigung - hält, hat er bereits in seiner Eden-Biographie zu erkennen gegeben: "Der Autor war einer der wenigen Beobachter der (Genfer Gipfel-) Konferenz (1955), die niemals verstanden, warum die Wiedervereinigung den langfristigen Interessen Frankreichs, Englands oder der Vereinigten Staaten entspräche. Kurz nach dem ersten Kriege wurde Clemenceau die Bemerkung zugeschrieben, die Gefahr für den europäischen Frieden sei, daß zwanzig Millionen Menschen zuviel in Europa lebten - und das Tragische daran, daß sie alle Deutsche seien."
Randolph Churchill darüber zum SPIEGEL: "Es ist nur natürlich, daß die Deutschen die Wiedervereinigung ihres Landes zu erreichen wünschen, und jeder, der die Freiheit liebt, muß wünschen, daß alle Deutschen frei ihre eigenen Entscheidungen treffen können.
"Zur selben Zeit - falls man in den Kategorien der Realpolitik denkt und redet - fällt es schwer, nachzuweisen, daß die Wiedervereinigung Deutschlands im echten Interesse des Westens liegt. 70 Millionen vereinigte Deutsche würden die Balance Europas zerstören und könnten eines Tages eine ebenso große Gefahr für den Westen darstellen wie für Rußland.
"Sowohl der Westen wie der Osten scheint sich darauf eingestellt zu haben, der Wiedervereinigung Deutschlands Lippendienste zu leisten. Aber jeder weiß, daß sie nicht erzielt werden kann außer durch Krieg, den niemand wünscht, oder durch westöstliche Vereinbarungen, die nicht erreichbar sind."
So steht denn zu erwarten, daß nun auch Bonn und seine Wunderkinder am Ende dieses Sommers erfahren werden, woran die Engländer sich im Lauf der Jahre gewöhnt haben, was ihnen vor wenigen Wochen durch die Eden-Biographie aufs neue bestätigt wurde und was der letzte große Chefredakteur des "Punch", Malcolm Muggeridge, unübertroffen formuliert hat:
"Ich möchte Randolph Churchill nicht anders haben ... Auf allen gesellschaftlichen Veranstaltungen läßt sein Eintreffen jedermann in Deckung fliehen . . . Wenn die Entwarnung ertönt und er abzieht, verbreitet sich ein allgemeines Gefühl der Erleichterung. Aber die dazwischenliegende Erfahrung war aufheiternd, zumindest erinnerungswert. Jede Gesellschaft braucht eine Peitsche."
* Randolph S. Churchill: "The Rise and Fall of Sir Anthony Eden"; Verlag MacGibbon & Kee; London; 1959; 327 Seiten; 25 Shilling.
* Randolph-Churchills Schriften: "They Serve the Queen"; "The Story of the Coronation" ; "Fifteen Famous English Homes"; "Churchill His Life in Pholtographs"; "What I Said about the Press".
* Winston S. Churchill: "Der Zweite Weltkrieg", Erster Band, erstes Buch; J. P. Toth Verlag Hamburg; 1949; 443 Seiten. Ernst Hanfstaengl: "Hitler: The Missing Years"; Verlag Eyre and Spottiswoode, London; 1957; 299 Seiten.
* Virginia Cowles: "The Phantom Major"; Verlag Collins, London; 1958; 320 Seiten.
** Fitzroy Maclean: "Eastern Approaches"; Verlag Pan Books Ltd., London; 1956; 412 Seiten.
* Hugh Baillie: "High Tension"; Harper & Brothers Publishers, New York; 1959; 300 Seiten.
* Hugh Cudlipp: "Publish and be Damned"; Verlag Andrew Dakers, London; 1953.
* Randolph Churchill: "What I Said about the Press; Verlag Weidenfeld and Nicolson, London; 1957; 112 Seiten.
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DER SPIEGEL 35/1959
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