02.09.1959

KUBA / CASTROUnheilbar romantisch

Unter einem großen Mangobaum dicht am Flugplatz von Trinidad hockte inmitten einer Gruppe bärtiger Männer Dr. Fidel Castro, Nationalheld Kubas und Ministerpräsident der Revolutionsregierung von Habana. Schon seit fünf Stunden wartete der einstige Rebellenchef in seinem Versteck und beobachtete nervös das Rollfeld. Erst als gegen Mitternacht eine zweimotorige C-46 mit dem Hoheitszeichen der Dominikanischen Republik zum Landen ansetzte, gab er sich ruhiger.
Kaum war die Flugzeugbesatzung ausgestiegen, begann sie - zusammen mit einigen auf dem Rollfeld wartenden Gestalten - Waffen- und Munitionskisten auszuladen. In diesem Augenblick brachen die Männer unter dem Mangobaum in den Ruf "Nieder mit Fidel" aus. Castro selber schrie lautstark und fröhlich mit.
In der folgenden Nacht wiederholte sich die gleiche Szene. Wieder landete eine C-46, wieder wurden Waffen ausgeladen. Diesmal aber gab Fidel Castro, als der Pilot eben die Propeller angeworfen hatte, den Befehl, das Feuer zu eröffnen. Die Waffenschmuggler kapitulierten, nachdem zwei von ihnen gefallen waren und sie sich auch von ihren vermeintlichen Helfershelfern-attackiert sahen.
Am nächsten Tag erfuhr Kubas Bevölkerung aus dem Munde des Regierungschefs, daß der Inselstaat einer großen Gefahr entronnen sei. In einer fünfstündigen Fernsehrede schilderte Premier Castro, wie es seinen Männern gelungen sei, eine von langer Hand geplante. Invasion abzuwehren, die Diktator Rafael Trujillo in der Dominikanischen Republik zusammen mit Anhängern des gestützten Batista-Regimes vorbereitet habe.
Als den eigentlichen Helden der geglückten Abwehrschlacht gab Castro freilich nicht sich selber, sondern einen Amerikaner, den Major der kubanischen Armee, William Morgan, aus. Ihm sei es schon im Februar dieses Jahres gelungen, mit den Verschwörern innerhalb und außerhalb des Landes Verbindung aufzunehmen und ihnen einzureden, er selber sei ein erbitterter Castro-Gegner.
Morgan habe seine Rolle so perfekt gespielt, daß Diktator Trujillo ihn zum Chef der konterrevolutionären Bewegung ernannt und insgesamt sechs Waffensendungen - vier davon per Schiff - an ihn adressiert habe. Premier Castro: "Hätten wir die Sache noch zwei Wochen geheimhalten können, wäre uns Trujillo mit seiner ganzen Armee in die Hände gefallen."
Der neueste Robin-Hood-Streich Castros und sein gestenreicher Fernsehkommentar verfehlten ihre. Wirkung nicht: Kubas leicht entflammbare Bevölkerung begeisterte sich wieder einmal für den smarten Nationalhelden und bedachte ihn mit stürmischen Ovationen.
Aus einer Pressekonferenz, die Major Morgan abhielt, ging freilich ein interessantes Detail hervor, das Premier Castro wohlweislich verschwiegen hatte: Morgan gab unumwunden zu, bei seinen zahlreichen Kontakten mit Gegnern der Revolutionsregierung - Industriellen, Zuckerplantagenbesitzern und entlassenen Offizieren - immer wieder zur Revolte gegen Castro aufgerufen zu haben.
Auch seien die Waffensendungen aus der Dominikanischen Republik erst eingetroffen, nachdem man Diktator Trujillo weisgemacht habe, er - Morgan - kämpfe an der Spitze einer Rebellentruppe gegen die Soldaten Castros und halte die Stadt Trinidad bereits besetzt. "Wir sind im Vormarsch",hatte Morgan an Trujillo gekabelt, "aber wir schaffen es nicht allein. Schickt eine dominikanische Legion."
Ungewollt bestätigte Major Morgan, was die ausländischen Korrespondenten längst geargwöhnt hatten daß Fidel Castro selber die Verschwörung gegen sich in Szene gesetzt hatte, um seinen innenpolitischen Mißerfolg zu bemänteln.
Die innenpolitischen und wirtschaftlichen Verhältnisse auf Kuba sind dem 34jährigen Revolutionshelden nämlich inzwischen längst über den Kopf gewachsen.
Als er am Neujahrstag 1959 die Macht in Habana übernahm, war das Land zwar vom Bürgerkrieg zerrissen, hatte aber - auf den Kopf der Bevölkerung gerechnet - das zweithöchste Einkommen in ganz Lateinamerika -, nicht zuletzt, weil amerikanisches Investitionskapital in steigendem Maße auf die Zuckerinsel floß, die sich zudem dollarschwere US-Touristen zum Lieblingsferienziel erkoren hatten.
Der nordamerikanische Kapitalstrom versiegte, als Castro die Enteignung der Zuckerindustrie und die Aufteilung der großen Plantagen ankündigte; die Touristen - nach dem Zucker die wichtigste Einnahmequelle der Insel - blieben weg, als er, vorübergehend, die Spielkasinos schloß.
Seine Hoffnung, neue amerikanische Dollarquellen zu erschließen, zerstörte Castro selber: Auf seiner Amerikareise im April prahlte er, die Enteignung auch der amerikanischen Plantagenbesitzer sei beschlossene Sache und nicht mehr rückgängig zu machen. Er warnte die USA, sich in kubanische Angelegenheiten einzumischen und trat so selbstherrlich auf, daß Washington wenig Lust verspürte, der neuen Habana-Regierung eine Anleihe zu gewähren. Kommentierte ein Beamter des State Department: "Es stört uns nicht so sehr, daß er heftig anti amerikanisch ist. Daran sind wir gewöhnt. Aber er ist so unheilbar romantisch...
Durch eine Reihe weiterer Kurzschlußaktionen vervollständigte Premier Castro das ökonomische Desaster der Zuckerinsel, die heute auf 2,3 Millionen Arbeiter 760 000 Arbeitslose zählt:
- Er jagte 30 000 Soldaten und Offiziere
der früheren Batista-Armee davon, die
ihm nicht zuverlässig genug erschienen.
- Er entließ am 31. März 50 000 Beamte
und Angestellte (vornehmlich Anhän
ger des Batista-Regimes) unter dem
Vorwand, die Verwaltung müsse re
organisiert werden.
- Er versetzte der kubanischen Zucker
industrie einen schweren Schlag, indem
er zahlreiche Großplantagen in unren
table Abschnitte von 25 Hektar auf
teilte.
Im Juni wurde erstmals offenbar, daß sich nicht einmal die Dschungelkumpane von einst über den innenpolitischen Kurs einig sind: Als der amerikanische Botschafter in Habana offiziell "ernste Bedenken" gegen die kubanischeLandreform anmeldete, traten fünf Minister der Revolutionsregierung zurück. Wenige Wochen später hatte Fidel Castro auch mit dem von ihm selbst nominierten Staatspräsidenten Urrutia Streit.
Castro inszenierte daraufhin eines seiner beliebten Spektakel-Stücke: In einer Fernsehansprache - sie dauerte diesmal nur drei Stunden - eröffnete der Ministerpräsident dem Volk von Kuba mit Tränen in den Augen, daß er sein Amt nunmehr niederlegen müsse, zu viele Feinde sabotierten sein großes Aufbauwerk.
Durch seine pseudo-dramatische Geste zwang Castro den ihm unbequem gewordenen Staatspräsidenten, ebenfalls zurückzutreten. Der Volksheld selber ließ sich acht Tage später wieder auf seinen Posten zurücknötigen.
Wie damals gelang es Castro auch bei seinem neuesten Coup, die Zahl seiner politischen Gegner weiter zu dezimieren: In ihrer Begeisterung über den geglückten Schlag gegen die Konterrevolutionäre nahmen die Kubaner gelassen in Kauf, daß eine neue Verhaftungswelle durch das Land ging, von der rund viertausend tatsächliche und mögliche Castro-Gegner erfaßt wurden.
Volksheld Castro
Die Regierung ...
Doppelagent Morgan (r.), Kamerad
... bestellte ein Komplott

DER SPIEGEL 36/1959
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