09.09.1959

SÜDAFRIKA / HANDELSBOYKOTTDe Slum-Pater

Südafrikas redegewandter Außenminister Eric Louw hatte jüngst Gelegenheit, seiner langgehegten Feindschaft gegenüber einem hageren Geistlichen der Anglikanischen Kirche neuen Ausdruck zu geben, einem Mann, der für die weißen Rassentrenner in Südafrika nachgerade zu einem Alpdruck geworden ist. Der englische Pater Trevor Huddleston - so schimpfte Rassentrenner Louw - drohe der Südafrikanischen Union mit seinen internationalen Machenschaften großen Schaden zuzufügen.
Der Außenminister spielte damit auf eine Boykottbewegung in Afrika und Amerika an, die seit einigen Wochen das erklärte Ziel verfolgt, die burischen Nationalisten Südafrikas zu einer Mäßigung ihrer robusten Apartheid-Politik zu zwingen. Wo immer Neger wohnen, werden sie aufgefordert, südafrikanische Waren und südafrikanische Transportmittel zu boykottieren. Dazu Louw: "Diese Idee kommt von Pater Huddleston!"
Der im fernen England lebende Geistliche ließ die Herausforderung des Außenministers Louw nicht lange unbeantwortet. Eiferte Trevor Huddleston: "Ich bin in der Tat der Meinung, daß der Handelsboykott eine moralische Waffe im Kampf gegen eine gewisse Rassenpolitik ist. Das habe ich verschiedentlich in meinen englischen Reden ausgesprochen. Wenn einer Gruppe von Menschen in Afrika die verfassungsmäßigen Freiheiten vorenthalten werden, dann muß man eben auf nicht gewaltsame Art dagegen protestieren."
Die Worte des 46jährigen Paters konnten seine Triumphstimmung kaum verbergen, denn zum erstenmal ist es den Gegnern der südafrikanischen Rassenpolitik gelungen, die sonst so selbstsichere Regierung der Union ernsthaft in Verlegenheit zu bringen.
Die Vision eines weltweiten Wirtschaftsboykotts gegen die südafrikanische Regierung hatte den asketischen Mönch und Offizierssohn Huddleston seit jenem Jahr 1943 beschäftigt, in dem ihn die Oberen des anglikanischen Klosters Mirfield als Missionar nach Sophiatown, in die Negerslums von Johannesburg, entsandten. Der hagere Gerechtigkeitsfanatiker lernte rasch die Rassenpolitik Südafrikas zu verachten.
In seinem Bestseller "Nichts zu deinem Trost"* hat der Pater später die Rechtlosigkeit seiner schwarzen Gemeinde beschrieben: zu Tode geprügelte Kirchengänger, von der Polizei verhaftete Schulkinder, gedemütigte Kirchendiener. Huddleston geriet in einen so scharfen Gegensatz zu den herrschenden Mächten in Südafrika, daß er bereit war, die Ungehorsamkeitsfeldzüge der Neger bis zur letzten Konsequenz zu unterstützen.
"Die Unruhen in Sophiatown", polterte Außenminister Louw im April 1956, "sind das natürliche Resultat der verantwortungslosen und aufreizenden Reden des Paters Huddleston und seiner linken Freunde." Und ein anderer Minister stichelte: "Im Mittelalter hätte man einen Mann wie Huddleston auf dem Scheiterhaufen verbrannt!" Die Stellung des Paters war schließlich so unhaltbar, daß ihn seine Oberen aus Südafrika abberufen mußten.
In England aber entfaltete Huddleston einen regen Feldzug für die Emanzipation der südafrikanischen Neger. Unter dem Beifall aller britischen Zeitungen veröffentlichte er mit seinem Erlebnisbericht "Nichts zu deinem Trost" die bisher kompromißloseste Anklageschrift gegen die Rassenpolitik Südafrikas. Auf der Kanzel, an weltlichen Rednerpulten, in den bereitwillig geöffneten Zeitungsspalten verkündigte er seine Parole: Die Neger der ganzen Welt müßten sich zu einer wirtschaftlichen Boykottbewegung gegen südafrikanische Waren zusammentun, um den bedrängten Schwarzen der Union zu helfen.
Dabei machte der streitbare Gottesdiener kein Hehl daraus, daß sein Bild über die Zustände in Südafrika einseitig ist. Huddleston: "Mein Wahlspruch war immer: Handle nur aus dem Impuls heraus!" Ihm ging es darum, die Menschen zu schockieren und zu einer Aktion aufzuputschen - freilich nur mit friedlichen Mitteln. Als ihn Louw beschuldigte, er stachle die Neger zu Gewaltsamkeiten gegen die Regierung auf, protestierte der Pater: "Für einen christlichen Minister schickt es sich nicht, einen Priester des Aufrufes zur Gewalt zu bezichtigen."
Bald zeigte seine unermüdliche Kampagne erste Wirkungen unter den neun Millionen Negern der Union. Im Sommer 1957 traten - zum erstenmal in der Geschichte Südafrikas - Zehntausende schwarzer Arbeiter in den Streik, um ein staatliches Unternehmen unter Druck zu setzen.
Als die städtische Busgesellschaft des Johannesburger Neger-Vorortes Alexandra eine Erhöhung des Fahrpreises anordnete, stieß sie auf den Widerstand der Neger, die fortan zehn Wochen lang zu ihren Arbeitsplätzen marschierten. Vergebens drohte die Regierung, sie werde den Boykott gewaltsam brechen und die Busse aus dem Verkehr ziehen. Die Neger blieben Sieger.
Der Busstreik von Alexandra machte der Regierung in Pretoria deutlich, wie schwer eine wirtschaftliche Boykottbewegung zu bekämpfen ist. Doch Huddleston ließ sich von den ersten Erfolgen nicht täuschen. Unermüdlich predigte er, die südafrikanischen Neger allein könnten den Kampf gegen die weißen Rassentrenner nicht bestehen; von den Negern ganz. Afrikas und von anderen Ländern müsse entscheidende Hilfe kommen.
Sie kam im Dezember 1958, als die Pan-Afrikanische Konferenz in der Goldküsten-Metropole Accra die neun unabhängigen Staaten des schwarzen Erdteils* feierlich aufforderte, gegen Südafrika einen Kalten Krieg zu eröffnen. Mit wirtschaftlichen Sanktionen, dem Boykott südafrikanischer Waren und einem Reiseverbot schwarzer Arbeiter müsse die Union gezwungen werden, ihre diskriminierenden Neger-Gesetze abzuändern.
Der Aufruf von Accra hatte einen unerwarteten Erfolg:
- Anfang Juli brach die Regierung von Jamaika alle Handelsbeziehungen zu Südafrika ab.
- Kurz darauf beschloß der Gewerkschaftskongreß Ghanas, südafrikanische Waren zu boykottieren und die südafrikanischen Schiffe in den Häfen Accra und Sekondi-Takoradi nicht mehr zu entladen.
- Mitte August erklärten die Gewerkschaftsorganisationen Kenias, Ugandas, Tanganjikas und Sansibars auf einer Konferenz, ihre Mitglieder würden ebenfalls einen Massenboykott südafrikanischer Waren und Schiffe durchführen.
Fast gleichzeitig gaben die Führer des Afrikanischen Nationalkongresses, der politischen Organisation des südafrikanischen Negertums, das Signal zu einer Streikbewegung gegen jene Wirtschaftsunternehmen in der Union, die Südafrikas Rassenpolitik unterstützten.
Die Neger wurden durch lange schwarze Listen angewiesen, bestimmte Marken von Zigaretten, Tee, Konserven und Fruchtsäften nicht mehr zu kaufen. Da die Neger der Union immerhin als Konsumenten (sie geben jährlich 500 Millionen Mark für Konsumgüter aus) ins Gewicht fallen, ist der schwarze Boykott geeignet, die südafrikanischen Industriellen schwer zu treffen.
Wie empfindlich der Boykott-Aufruf die Wirtschaft berührte, spürte die Langeberg-Konsumgenossenschaft, eine Konservenfabrik, die doppelt betroffen war. Während der Boykott der ostafrikanischen Gewerkschaften ihren Absatzmarkt in Ostafrika gefährdete, sah die Leitung der Fabrik ihre Produkte gleichzeitig auch von dein Boykott der südafrikanischen Negerkäufer bedroht.
Kaum war daher der Firmenname auf den Schwarzlisten des Afrikanischen Nationalkongresses aufgetaucht, da bot die Langeberg-Konsumgenossenschaft dem Kongreß bereits einen Waffenstillstand an. Unbeirrt von den Protestrufen der nationalistischen Presse standen die Vertreter der Firma den Negern das Recht auf eigene Gewerkschaften zu und versprachen außerdem, sie würden "nicht mehr den Eindruck aufkommen lassen, als arbeite die Firma mit gewissen Polizeiorganen zusammen und bereite führenden Gewerkschaftlern Schwierigkeiten".
Die offensichtlichen Erfolge der interafrikanischen Boykottbewegung bewogen die Regierung in Pretoria, diplomatische Schritte zu unternehmen. Außenminister Louw schickte eine Protestnote nach London und forderte, die Regierung Ihrer Britischen Majestät müsse Kolonien wie Jamaika von ihren handelspolitischen Abenteuern abhalten.
"Das Hauptbemühen der weißen Führer in Südafrika", so ließ sich die "New York Herald Tribune" aus Johannesburg berichten, "ist darauf gerichtet, eine Ausbreitung der Boykottbewegung auf noch weitere Länder zu verhindern. Würde die Bewegung epidemischen Charakter annehmen und auch auf Großbritannien übergreifen, dann würde die Südafrikanische Union gerade dort schwer getroffen werden, wo sie am verletzlichsten ist - am Geldbeutel."
Derartige Besorgnisse haben denn auch Außenminister Louw dazu verleitet, den Pater Huddleston als das Meistergehirn einer internationalen Verschwörung gegen Südafrika zu denunzieren. Der ehemalige Slum-Pater von Johannesburg aber zahlt mit gleicher Münze zurück und hält an seiner Auffassung fest: "Das weiße Südafrika wird sich glücklich schätzen können, wenn es in 50 Jahren noch eine geduldete Minderheitengruppe ist, der man erlaubt, dort zu bleiben, wo sie seit Jahrhunderten lebt."
* Father Trevor Huddleston: "Naught for your Comfort"; Verlag Collins, London; 1956; 256 Seiten; 12 1/2 Shilling.
* Ghana, Guinea, Äthiopien, Liberia, Tunesien, Marokko, Libyen, Sudan, Vereinigte Arabische Republik.
Pater Huddleston: Kalter Krieg gegen die Rassentrenner

DER SPIEGEL 37/1959
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