09.09.1959

GERHARD SCHUMANNUndank rings

Ein "stark angeschlagener älterer Herr", der mit der Welt unzufrieden ist, 'fährt in den Urlaub- und setzt sich in einen Garten. "Gift und Galle", berichtet er, "trieb 'in meinen Säften. Ich sah nur noch Niedertracht und Undank rings." -
Aber plötzlich wird dem Griesgram "das trostlose Einerlei" weggezaubert, "das sich, aus meinem Inneren trüb aufwölkend, über die ganze Welt grau in grau legte". Denn: "Ein Auto fuhr vor. Ein Wildfang fuhr heraus" - freilich nur in den Nachbargarten.
Der entzückte Bericht des griesgrämigen Herrn über das, was er nun, im Nachbargarten zu sehen bekommt, findet sich im Augustheft der Zeitschrift "Buch und Leben", mit der ein in Stuttgart, Zürich und Salzburg lokalisierter Literaturbetrieb, der "Europäische Buchklub", seine rund 200 000. Anhänger kostenlos versorgt. Prominente Mitglieder dieses Buchklubs, der jährlich gegen Monatsbeiträge von 4,20 Mark "6 auserlesene Werke-der gegenwärtigen Weltliteratur" liefert, oder des kooperierenden "Europäischen Phonoklubs" sind die drei Bundesminister Erhard, Seebohm und Würmeling, SPD-Chef Erich Ollenhauer und der Berliner Regierende Bürgermeister Willy Brandt, Martin Niemöller und Werner Krauss, Vico Torriani und Dieter Borsche, Toni Sailer, Boxer Hans Stretz, Zauberer Kalanag.
Bei so erlesenen Literaturabonnenten
darf die,als Bindeglied fungierende Zeitschrift nicht eben leichtgewichtig sein. Sie proklamiert: "Geistige Führer der Gegenwart auf allen Gebieten der. Kunst und Wissenschaft zählen zu den Mitarbeitern der Klubzeitschrift, die über das wesentliche Geschehen in der literarischen Welt unterrichtet."
Die Augustnummer der Klubzeitschrift enthält Aufsätze über den subtilen englischamerikanischen Romancier Henry James
und den Lyriker Georg Trakl sowie eine Zeichnung des Bildhauer-Dichters Ernst Barlach; zu den "geistigen Führern der Gegenwart" rechnet das Heft aber wohl auch den Verfasser der. Betrachtung über die "Urlaubsnixe 'in' Nachbars Garten", Gerhard Schumann, der diese Skizze in die Form eines Briefes an' die "süße Teenager-Aphrodite" von nebenan gebracht hat.
"Keine fünf Minuten später" - nachdem der Wildfang aus dem Auto gefahren ist -, heißt es in Schumanns Brief weiter, bereits im vertraulichen Du, "paradierst du eingenäht, wie man heute sagt, in ein Minimum von Badeanzügle, das dein sowieso ins Auge springendes vollendetes Maßwerk nur noch steigert, wie eine Fassung einen edlen Stein..."
In diesem fettigen Neckton beschreibt Schriftsteller Schumann - "welch ein Augenschmaus für mich..." - erfreut den "Schmollmund", den "schwarzen Wuschelkopf", die "lustigen blauen Augen unter dunklen Wimpern (welch ein Effet)" und das "neugierig schnuppernde Stupsnäschen" seiner Nachbarin, begnügt sich dann aber summarisch - "na, sagen wir, und so weiter ... Es ist alles da .. "- und genießt das Bild, das sich ihm bietet:" "Herumtänzeln, mit dem riesigen weißblauen Gummiball spielen, allein, weil keiner da ist, der mitspielt - (denn der zwar sichtlich erfreute Herr von nebenan auf seinem Liegestuhl kommt ja wohl nicht in Frage, - noch nicht)." - Urlauber Schumann berichtet, wie sein "gut gewachsenes, hübsch erwachsenes Spiel-Kind", sein "meeräugiges Nixlein in Nachbars Gärten" - "ein wenig ball-müd" -, den Effekt veranstaltet, "als Pünktchen aufs I noch eine Zigarette kokett ins Mündchen" zu stecken; was in dem "hübschen Wuschelkopf", in' dem "kecken Herzchen" sich abspiele, wisse er freilich nicht. "Noch nicht." Er kann nur gestehen: "Du bist für meine weltmüden Augen ein Hors d'oeuvre des Lebens. Du hast mir wieder Appetit auf die anderen Gänge gemacht."
Nun hat der 48jährige Schumann einer möglichen Kritik an seinen kaum appetitlichen, jedenfalls geschmacklosen Briefbekenntnissen insofern vorgebeugt, als er bereits ins Maiheft der Klubzeitschrift einen Sechszeiler mit dem Titel "Toleranz" einrückte:
Sei nicht päpstlicher als der Papst,
Solang du hienieden trabst.
Es geht hier nicht ohne Streichungen.
Es gibt auf der Welt keine hundert Prozent.
Selbst der Kompoß kennt
Seine Abweichungen.
Genau diese Aufforderung zur Toleranz dürfte freilich eine Frucht jener Jahre sein, die Schumann das Gefühl gegeben' haben, "nur noch Niedertracht und Undank rings" zu sehen - der Zeit seit dem Ende des Dritten Reiches.
In längstvergangenen Zeiten nämlich hatte Schumann alles andere als Toleranz bereimt. In sieben "Sonetten des Hasses" erklärte er zum Beispiel 1936:
Mag Liebe duldend Großes auch gebären
-Der Haß allein hält es von Hunden rein.
Schumann behauptete damals: "Denn auch den Haß verlieh uns Gott der Herr!" und übernahm es, "der Welt das neue erzne Maß" zu zeigen.
Haß-Prediger Schumann - 1934 -bestätigte das völkische Organ "Reichssturmfahne" dem Schumannschen Kampfdrama "Das Reich" "erschütternde Bilder eines Weltanschauungskampfes auf Tod und Leben" - war in früheren Jahren nationalsozialistischer Studentenführer, SA-Standartenführer, Präsidialrat der Reichsschrifttumskammer und Reichskultursenator, später SA-Oberführer.
Vor Beginn seiner Karriere als nationalsozialistischer Funktionär hatte Schumann nur den Gedichtband "Ein Weg führt ins Ganze" veröffentlicht, nach 1933 machte er sich aber als junger nationalsozialistischer Lyriker" (Franz Lennartz: "Die Dichter unserer Zeit", 1938) um so schneller bekannt. Er erhielt 1935 den "Schwäbischen Dichterpreis", 1936 für den Lyrikband "Wir aber sind das Korn" - Reichsminister Dr. Joseph Goebbels: "ist in allem gekonnt, sowohl was die politische als auch was die persönliche Lyrik anbetrifft" - den "Nationalen Buchpreis". Lennartz: "In ausgereifter, oft hymnischer Form gibt er hier seinem Erleben von Führer, Volk und Reich mitreißende Gestaltung..."
Ob nun Schumanns Gedichtzeilen
Das Reich bricht an. Das Reich wird frei.
Und Deutschland braucht Soldaten
mitreißende Gestaltung beweisen oder nicht - erfolgreich waren sie schon deswegen,
weil Hitler-Jugend,und Schuljugend dieses, entsetzliche Gereime auswendig lernen mußten. Seinen Führer - oder, als makabren Stellvertreter, den Tod - bedichtete Schumann etwa mit der Zeile: "Denn er befiehlt, daß wir gehorchen dürfen."
Folgerichtig hieß denn auch Gerhard Schumanns nächste Gedichtsammlung "Wir dürfen dienen"; in ihr legt der Autor ohne Umschweife "Bekenntnis" ab: Einer: Wir hoben dein Wort gehört!
Chor: Führer!
Einer: Jedes Herz schlägt und schwört!
Chor. Führer!
Einer: Verflucht, wer die Arbeit stört!
Chor- Führer!
Einer: Du bist das Ganze!
Chor: Führer!
Einer: Wir sind dein Teil!
Chor: Führer!
Einer: Dein Werk und dein Reich
Sieg
Alle Heil!
Einer: Sieg
Alle: Heil!
Einer: Sieg
Alle: Heil!!!
In Schumanns (vertonter) Gedichtfolge "Feier der Arbeit" wurde behauptet: Was die tausend Jahre harrten, Zwang der Führer in die Zeit.
Das Gedicht "Hitler" (1936) orakelte: Mit aller Glocken donnernder Gewalt So läutet seine Stimme in die Welt. Die Welt wird hören.
Und Schumann durfte alsbald konstatieren (die beflissen vertonten Verse wurden 3942 im Liederbuch "Deutsche Musik in der Höheren Schule" gedruckt):
Nach tausendjährigen Wunden Hat Blut zu Blut gefunden, Geborsten Wall und Deich! Vom Nordmeer bis zum Brenner Nur flammende Bekenner: Ein Führer, Volk und Reich!
In dem Band "Wir aber sind das Korn" hatte Schumann als Schlußstrophe die Prophezeiung formuliert:
Wir baun des Reiches ewige Feldherrnhallen, Die Stufen in die Ewigkeit hinein. Bis uns die Hammer aus den Fäusten fallen. Dann mauert uns in die Altäre ein.
Als dem Lyriker programmgemäß der
Hammer aus den Fäusten fiel, wurde er allerdings weder in Altären noch sonst irgendwo eingemauert. Gerhard Schumann - "Wenn einer von uns fällt, tritt stumm der nächste vor" - veröffentlichte von 1953 an wieder Bücher, mit allerdings weniger strahlenden Titeln.
Im Kessler Verlag, Mannheim, erschienen "Die große Prüfung" und, 1955, "Freundliche Bosheiten" - worin die Fabrikmarke "Mercedes" auf "versteht es" gereimt wird. "Am besten in diesem gut ausgestatteten Band ... gefiel mir der prachtvolle Vierzeiler 'Würde' ", bekannte der Rezensent der "Deutschen Soldatenzeitung". Der Vierzeiler lautet:
Wenn einer, daß du schier verreckst, Dich in den Hintern treten kann, Und du ihm noch den Stiefel leckst, Das kotzt sogar den Stiefel an.
Im Erscheinungsjahr der "Freundlichen Bosheiten", 1955, errang Schumann immerhin den Lyrikpreis der (heute nicht mehr existierenden) Modezeitschrift "Die Dame", und 1957 legte der Kessler Verlag "Verse aus den vergriffenen Büchern des bedeutenden Lyrikers neu vor"; dieser jüngste Band heißt: "Die Tiefe trägt".
In die Gesellschaft der "geistigen Führer der Gegenwart" hat den Lyriker Schumann - der 1941/42 die Gründungsurkunde eines nationalsozialistischen "Europäischen Schriftsteller-Bundes" mit unterzeichnete aber erst die Zeitschrift des "Europäischen Buchklubs" wieder gebracht.
Gerhard Schumann ist der Geschäftsführer dieses Klubs.
Gründer des "Europäischen Schriftsteller-Bundes" 1941*. Wenn einer von uns fällt ...
Buchklub-Geschäftsführer Schumann
... tritt stumm der nächste vor
* Generalsekretär Carl Rothe, Lyriker Hans Baumann, Gerhard Schumann und Herybert Menzel.

DER SPIEGEL 37/1959
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GERHARD SCHUMANN:
Undank rings

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