11.11.1959

FRANKREICH / RENAULT-EXPORTAffäre Dreyfus

Die Boykott-Kommission der Arabischen
Liga - sie bekämpft alle Firmen, die mit dem arabischen Erzfeind Israel Handel treiben - hat nach langen Pressionen auch das Weltunternehmen Renault bezwungen, das mit Israel während der vergangenen Jahre Automobilgeschäfte betrieb. Frankreichs nationalisierte Automobilfirma ließ im vergangenen Monat ihre Partner von der "Kaiser-Frazer of Israel Ltd." in Haifa wissen, daß sie die Geschäftsbeziehungen mit ihnen als beendet ansehe.
Selbst als Präsident Ephraim Ilin von Kaiser-Frazer postwendend ankündigte, er werde auf zwei Millionen Dollar Schadensersatz klagen, falls die Lieferbeziehungen nicht binnen 15 Tagen wiederaufgenommen würden, blieb die Direktion der Renault-Werke bei ihrem Beschluß.
Ephraim Ilin ließ daraufhin alle Diskretion fahren und alarmierte die Presse. Er beschwor die Journalisten, der Weltöffentlichkeit klarzumachen, daß Renault mit dem Abbruch- der Geschäftsbeziehungen zu seiner Firma kleinmütig und feige vor der Boykottbewegung der Araber kapituliert habe. Von seiner Regierung verlangte der Leiter der einzigen Auto -Montagefabrik des Landes eine sofortige diplomatische Intervention. Die Regierung teilte Ilins Besorgnis; denn, so verkündete ein amtlicher Sprecher in Tel Aviv: "Renault war bisher das Banner des Widerstandes gegen den Boykott durch die Arabische Liga*."
Auf die Forderung Israels jedoch, den Entschluß der "Regie Renault" durch eine amtliche Order rückgängig zu machen, erfuhr der israelische Geschäftsträger in Paris, Shneerson, daß die Renault-Werke nach dem Krieg zwar nationalisiert wurden, ihre Gesellschaftsform aber nicht mit einem Staatsbetrieb gleichzusetzen ist. Im 16köpfigen Aufsichtsrat der Firma sitzen allerdings sieben Beamte der französischen, Regierung. Das Gremium hat indes nur eine beratende Funktion und kein Einspruchsrecht gegen Entscheidungen des Renault-Generaldirektors Pierre Dreyfus.
Nach Ansicht des Managers Dreyfus aber lohnt das Geschäft mit Israel nicht länger. Die Renault-Werke hatten die Beziehungen zu "Kaiser-Frazer of Israel" im Juni 1955 aufgenommen. In Haifa montierten seitdem 2500 Arbeiter Renault -Autoteile der verschiedensten Typen, einschließlich Lastwagen und Autobussen, zu fertigen Fahrzeugen, die Kaiser-Frazer auch in eigener Regie vertrieb.
Fertig montierte Automobile lassen die Israelis aus Gründen ihrer chronischen Devisenknappheit nur in kleinen Mengen in das Land. So lieferten Renault und andere französische Firmen im Jahre 1955 nur 500, im Jahre 1958 nur 802 fertige Fahrzeuge. Größere Verkaufschancen konnten sich die Renault-Werke schon darum nicht ausrechnen, weil Kraftfahrzeuge in Israel als ausgesprochene Luxusartikel so hoch besteuert werden, daß beispielsweise ihr Mittelklassenwagen Dauphine über 10 000 Mark kostet.
Am 4. September 1958 schrieb deshalb Generaldirektor Dreyfus an den Präsidenten Ilin, er sei nur unter bestimmten Voraussetzungen bereit, den zum Jahresende 1958 auslaufenden Vertrag auf weitere drei Jahre zu verlängern. Vor allem, so forderte er, müsse die israelische Regierung Importgenehmigungen für jährlich mindestens 2000 fertige Renault-Wagen erteilen.
Dreyfus ließ erkennen, daß dies die mindeste Entschädigung für den wachsenden Lieferausfall sein müsse, den Renault durch den Boykott der arabischen Staaten erleide. In der Tat stand die Firma Renault auf jener arabischen Schwarzen Liste aller Firmen, die mit dem verhaßten Israel Geschäfte betreiben. Sprecher der Arabischen Liga hatten Renault mehrfach aufgefordert, die Lieferungen von Montageteilen nach Haifa einzustellen, wenn das Unternehmen nicht seinen Export in arabische Länder einbüßen wolle.
Über den Vertragszustand nach Eintreffen des Dreyfus-Ultimatums entwickelten die Geschäftspartner in Haifa und Paris sehr bald unterschiedliche Ansichten. Da auch nach dem 1. Januar 1959 in Billancourt am Westrand von Paris weiterhin große Kisten mit Montageteilen Renaults nach Haifa verladen wurden, folgerten die Israelis, der Vertrag gelte unverändert weiter. Andererseits blieb eine abschließende Bestätigung über die Annahme der Forderungen Renaults aus, so daß Pierre Dreyfus sich aller Rechtsverpflichtungen entbunden glaubte.
Zudem waren den Drohungen der Araber inzwischen Taten gefolgt. Einfuhrlizenzen für Renault-Fahrzeuge erteilten die Staaten der Arabischen Liga immer weniger: Statt der immerhin noch 800 Wagen im Jahre 1958 führte zum Beispiel Oberst Gamal Abd el-Nassers Republik 1959 nur noch ein einziges Fahrzeug von Renault ein. Die Geschäftsleitung in Billancourt hatte andererseits errechnet, daß die Länder der Arabischen Liga jährlich bis zu 20 000 Fahrzeuge benötigen und auch wieder zu Käufen in Frankreich bereit sein würden, sobald Renault die Israelis nicht mehr beliefere.
In seiner Aufkündigung des Geschäftsverkehrs mit Kaiser-Frazer im Oktober bat Pierre Dreyfus deshalb um Verständnis dafür, daß "für Renault das einzige Kriterium die Zahl der verkauften Fahrzeuge ist, weil von ihr wiederum die Zahl der Arbeitsplätze abhängt". Der Renault -Chef betonte, der Entscheidung lägen nur diese wirtschaftlichen, nicht aber politische Motive zugrunde. Unter offener Anspielung darauf, daß nur ein Abbruch der Geschäftsbeziehungen die Firma von der Schwarzen Liste wieder herunterbringen kann, schrieb Dreyfus: "Sie wissen, daß es für uns unmöglich ist, an die arabischen Nationen Autos zu verkaufen und gleichzeitig unsere Montagelieferungen an Sie fortzusetzen. Die Gründe dafür kennen Sie genauso gut wie wir."
Obwohl die Israelis inzwischen selbst den Sahara-Minister der V. Republik Jacques Soustelle mobilisiert haben, der dem französisch-israelischen Freundschafts-Komitee vorsitzt, blieb Pierre Dreyfus bei dem abschlägigen Bescheid. Meldungen darüber, daß Renault bereits einen Vertrag über die Lieferung von jährlich 4000 Fahrzeugen an die Vereinigte Arabische Republik" in der-Tasche hat, werden von Renault nicht dementiert.
* Zur Liga gehören: Vereinigte Arabische Republik, Jemen, Irak, Jordanien, Libanon, Saudiarabien, Libyen, Sudan, Marokko und Tunesien.

DER SPIEGEL 46/1959
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