25.11.1959

DÜSSELDORFRussische Lady Macbeth

Bereits im Programmheft ("Diese Aufführung ... ist weder ein Politikum, nicht als Pro und nicht als Kontra, noch soll man in ihr die Sensation einer ,verbotenen Frucht' suchen") trachtete die "Deutsche Oper am Rhein" zu verhindern, daß die in Düsseldorf am vorletzten Sonnabend für Deutschland erstaufgeführte Oper "Lady Macbeth auf dem Lande" zum Schaden des russischen Komponisten Dmitrij Schostakowitsch als Streitobjekt im Kalten (Kultur-)Krieg mißbraucht würde.
Die 1934 in Leningrad uraufgeführte, nach einer Milieunovelle des russischen Klassikers Nikolai Leskow (1831 bis 1895) geschaffene "Lady Macbeth von Mzensk" (so der eigentliche Titel) brachte Schostakowitsch den Unwillen der kommunistischen Kunstdiktatoren ein. Die temperamentvolle Oper wurde zunächst in der Sowjet-Union wie auch in der westlichen Welt (mit Ausnahme Hitlerdeutschlands) als Meisterwerk angesehen und überaus beifällig aufgenommen.
1936 aber, so berichtet der Musikkritiker Andreas Graf Razumovsky, besuchte Stalin in Begleitung Molotows die patriotische Oper des zweitrangigen Komponisten Iwan Iwanowitsch Dserschinski "Der stille Don" (nach dem Roman von Michail Scholochow) und zeigte sich folgenreich von ihr angetan. Kurz darauf behängte die höchstoffizielle "Prawda" Schostakowitschs "Lady Macbeth" unter der Überschrift "Chaos statt Musik" mit den (auch aus der Nazizeit bekannten) Vokabeln volksfremd, nihilistisch, pessimistisch, dekadent; außer musikalischer "Verzerrung" wurden dem am Libretto beteiligten Komponisten Verfälschungen der Novelle Leskows vorgeworfen.
Die allzu leidenschaftliche Heldin, der Weibsteufel Katharina, hatte die maßgebenden Stellen nicht so recht davon überzeugen können, daß diese "Lady" besonders gut in einen - von Schostakowitsch damals angeblich geplanten - vierteiligen Opernzyklus über die Freiheit der russischen Frau hineinpasse (als dessen nächste Heldin die Zarenmörderin Sofja Perowskaja agieren sollte).
Mit der parteiamtlichen Verdammung geriet der damals 30jährige Schostakowitsch in eine verwirrende Laufbahn: Abwechselnd unterwarf er sich, begehrte er auf, gelobte er, fürderhin volksnah zu tönen, mutete er den Ohren der Sowjetmenschen neue Dissonanzen zu; abwechselnd wurden ihm Kakophonien (Mißklänge) vorgeworfen oder Preise verliehen.
In letzter - nachstalinistischer - Zeit allerdings leistete er sich vehemente Angriffe auf spießproletarische Kunstlenkung und- doktrinäre Erstarrungen des "sozialistischen Realismus" und machte sich auch öffentlich stark für größere schöpferische Freiheit und künstlerische Experimente.
So ließ ihn die "Prawda", die zwanzig Jahre zuvor den "Formalisten" angeschwärzt hatte, 1956 in ihren Spalten plädieren: "Die willkürliche Auslegung des Begriffs - Formalismus und sein Mißbrauch diskreditieren häufig in den Augen der-Öffentlichkeit das schöpferische Suchen der Komponisten, hemmen es und bringen es manchmal ganz zum Stillstand. Das wirkt sich besonders verheerend auf das Schaffen der Jugend aus."
Gegenüber dem eigenen Jugendschaffen zeigte sich der Stalinpreisträger Schostakowitsch weniger wohlmeinend. Schon 1950 hatte er gegen eine in. Kassel geplante Inszenierung seiner "Lady Macbeth" protestiert - diese Oper- sei ein schwaches Werk. Und auch als neuerdings die Düsseldorfer ihre Absicht anmeldeten, Schostakowitschs Frühwerk aufzuführen, das "in der Geschichte des modernen Musiktheaters einen wichtigen, für unsere Kenntnis wesentlichen Platz einnimmt" ("Die Generalintendanz"), legte der Komponist zunächst Veto ein mit der Erklärung, er arbeite an einer Neufassung der Oper. Verhandlungen führten schließlich zu jenem Kompromiß, der die Inszenierung am Rhein denkwürdig macht: Sie ist die von Schostakowitsch ausnahmsweise und ausdrücklich erlaubte weltletzte Aufführung der "Lady" erster Hand.
Leskow-Schostakowitschs russisch-rustikale "Lady Macbeth von Mzensk" hat mit ihrem von William Shakespeare geschaffenen Vorbild die auch vor mehrfachem Mord nicht zurückschreckende Hemmungslosigkeit gemein sowie die nächtlichen Erscheinungen, die ihr schuldbeladenes Gewissen symbolisieren. Im übrigen strebt die Gattin des frühmittelalterlichen schottischen Heerführers Macbeth entschieden nach Macht und Geltung, während die in spätzaristischen Verhältnissen lebende und leidende Kaufmannsfrau Katharina Ljwowna Ismajlowa vorwiegend jene Befriedigung sucht, auf die der stattliche Knecht Sergej (das Problem familiär umschreibend) anspielt: "Daß Ihr noch kein Kindchen habt, erlaubt mir die Frage, hat das nicht eine ganz bestimmte Ursache?"
Dieweil Katharinas schwächlicher Gemahl Zinovy nach einem Dammbruch eine seiner Mühlen inspizieren muß, brechen in seinem Haus alle Dämme der Gesittung: Katharina erliegt auf offener Bühne Sergejs kraftvollem Charme und stellt dabei die - rhetorische - Frage: "Warum, warum, Sergej, ich hab doch einen Mann." Als der aber überraschend nach Hause kommt, wird er von seiner Frau und dem Knecht ermordet; Leiche ab in den Keller ("Mach schnell, Sergej, ach küsse mich!").
Vorher hat schon Zinovys Vater, der lüstern-grausame Boris, der vergeblich hinter seiner Schwiegertochter her war und den in flagranti ertappten Knecht vor Katharinas Augen und den Augen des Düsseldorfer Publikums auspeitschen ließ, dran glauben müssen: Katharina tat Gift in sein Abendbrot ("Was ist mir?" - "Hast Pilze gegessen!"). Doch während Herrin und Knecht Hochzeit feiern, entdeckt ein Betrunkener im Keller den allzu sorglos versteckten toten Zinovy. Unter wiederholtem Absingen der Worte "Hier stinkt es" alarmiert der rechtliche Finder die Polizei.
Der vierte Akt zeigt das verurteilte Paar auf dem Polizei-Floß unterwegs in die Verbannung. Sergej wendet sich von Katharina ab und einer jüngeren Mitgefangenen zu. Für diese entschmeichelt er Katharina ein Paar Strümpfe. Die "Lady", von Gewissensbissen und Eifersucht geplagt, kämpft mit der Nebenbuhlerin; beide stürzen in die Wolga und ertrinken.
Der Kritiker und Komponist Edmund Nick ("Das kleine Hofkonzert") kommentierte in der "Welt" die von Bohumil Herlischka nicht gerade zimperlich inszenierte Düsseldorfer Aufführung: "Es wurde ein Erfolg des brutalen Opern-Realismus ... Der Verismus, mit dem eine durch einen Bettvorhang nur halbverhüllte Notzuchtszene musikalisch illustriert wird, gehört zum ... Degoutantesten, wofür die Musik je in Anspruch genommen wurde." Noch entschiedener urteilte der "unabhängige" Düsseldorfer "Mittag": "In einer Bettszene erweist sich Schostakowitsch als Meister der musikalischen Pornographie."
Schostakowitschs Musik, von der "eine eigenartig neurotische Suggestions- und Faszinationskraft" ausgehe (auch in der "fürchterlich genialen Musik der Verführungsszene"), sei "voller Brutalitäten, Banalitäten und expressionistischer Kraftmeierei", fand Andreas Razumovsky in der "Frankfurter Allgemeinen," - und lobte dann sachkundig: "Wenn auch ... der Hang zu höhnischer Parodie und Groteske gelegentlich zu überwuchern droht, nötigt die Komposition als Ganzes heute nach fünfundzwanzig Jahren doch größte Bewunderung ab."
Die Kölner "Deutsche Zeitung" charakterisierte das zugleich Fesselnde und Abstoßende der Oper mit der Formel: "Walzerpersiflage und hektischer Galopp, Volksliedfetzen und Songansätze, freier Flüsterton und altrussisch verbrämter Chor, ein Pandamonium an östlichem Opernexpressionismus." Den zwiespältigen Eindruck, den das Bühnenwerk des von den Neutönern der zwanziger Jahre (Hindemith, Krenek, Alban Berg) wie auch von dem Spätromantiker Gustav Mahler beeinflußten Schostakowitsch macht - "Er leidet immer noch unter Mahleria", witzeltern damals seine Freunde -, umschrieb der Kritiker Heinrich Lindlar im Düsseldorfer Programmheft mit den Worten: Die Musik "beunruhigt, auch wo sie fasziniert, und sie reizt, auch wo sie bedenkenlos wird".
Wohl kaum auf das Konto solcher subtilen Zwiespältigkeit sind die wenigen Pfiffe und Pfuis zu buchen, durch die in Düsseldorf ein stürmischer Schlußbeifall erst "zu höchster Gewalt entfacht wurde" ("Die Welt").
Ob in absehbarer Zeit ein Vergleich mit der vom Komponisten verheißenen Umformung der "Lady Macbeth" möglich sein werde, bezweifeit Kritiker Razumovsky: "Allzulang" schon gehe die Sage von ihr, der "vermutlich wesentlich weniger interessanten" Neufassung. Fürs kommende Frühjahr hat Schostakowitsch, der im vergangenen Januar mit einer Operette, "Moskau, Tscherjemuschki", wieder von sich reden machte (SPIEGEL 15/1959), erst einmal etwas anderes in Aussicht gestellt: ein Werk zu Ehren Lenins, dessen Geburtstag sich am 22. April zum 90. Male jährt.
Schostakowitschs "ady Macbeth auf dem Lande"*: Musikalische Pornogrophie?
Tonsetzer Schostakowitsch (1959)
Notzucht noch Noten
* Erika Wien als Katharina Ljwowna Ismajlowa, Rudolf Francl als Sergej in der Düsseldorfer "Deutschen Oper am Rhein".

DER SPIEGEL 48/1959
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