25.11.1959

MARIO LANZAÄrztliche Mitteilungen

Als der italo-amerikanische Sänger Alfredo Cocozza im vergangenen Monat in einem Krankenhaus zu Rom starb, kolportierte die italienische Boulevardpresse absonderliche Gerüchte um den Tod des Tenors. Es hieß, er sei das Opfer einer allzu forcierten Abmagerungskur geworden, und auch die Münchner "Abendzeitung" unterrichtete ihre Leser, der Sänger habe sich "zu Tode gehungert".
Diese Version mochte durchaus glaubwürdig erscheinen: Denn Alfredo Cocozza, der unter dem Bühnennamen Mario Lanza eine wechselvolle Karriere als Opern-Tenor, Leinwand-Barde ("Der große Caruso") und Schnulzen-Interpret ("Be my Love") bewältigt hatte, sah sich in der Tat des öfteren zu rigorosen Fastenprozeduren genötigt. Insbesondere vor größeren Filmprojekten mühte sich der von abnormer Freßlust geplagte Sänger, sein Catcher-Gewicht von zuweilen 270 Pfund auf eine photogene Körperfülle herabzutrimmen.
Auch für seinen neuen Film "Lache, Bajazzo" - so meldete die Münchner "Abendzeitung" unter Berufung auf italienische Presseberichte - habe Lanza 90 Pfund abnehmen wollen. Durch den raschen Gewichtsverlust sei besonders sein Herz entscheidend geschwächt worden.
Indes, schon in der nächsten Ausgabe meinten sich die Münchner Redakteure korrigieren zu müssen. "Mario Lanza", so schrieb die "Abendzeitung" nunmehr, "starb nicht an den Folgen einer Abmagerungskur..., sondern soll das Opfer einer falschen Behandlung geworden sein. Der Münchner Arzt Dr. F., der Mario Lanza während seines Erholungsaufenthalts in Bayern behandelte und der genaue Kenntnisse über den plötzlichen Tod von Mario Lanza in Rom besitzt, enthüllte der ,Abendzeitung' die Hintergründe."
Wegen dieser Enthüllungen droht jetzt einem Münchner Prominentenarzt eine peinliche Verhandlung vor dem ärztlichen Standesgericht. Die Ärzteschaft wirft ihm vor, die Schweigepflicht verletzt zu haben.
Offenbar dank der Auskünfte des ominösen "Dr. F." nämlich konnten die "Abendzeitung"-Journalisten ihren Lesern nicht nur den beachtlichen Nahrungsmittelverschleiß des Sängers illustrieren ("zum Frühstück sechs Steaks", "innerhalb von vier Minuten vier Liter Bier"), sondern auch mitteilen, Mario Lanza habe Dr. F. im Juni vergangenen Jahres mit einem "schweren Leberschaden" aufgesucht und sei dann in das Park-Sanatorium Walchensee eingeliefert worden. Dr. F. habe den Patienten dort häufig besucht, um sich über Lanzas Gesundheitszustand zu informieren.
"Der Tenor war ein äußerst schwieriger Patient", zitierte das Blatt den Dr. F. "Unsere Hauptsorge war es, ihm radikal den Alkohol zu entziehen ... Immer wieder suchte er Möglichkeiten und Gelegenheiten, sich Alkohol zu beschaffen, den er wie Wasser in sich hineingoß... Einmal gelang es dem Patienten sogar, sich aus dem Sanatorium zu stehlen ... Als man ihn nach fünf Minuten entdeckte, hatte er eine Flasche Schnaps bis auf einen winzigen Rest ausgetrunken."
Im Sanatorium habe man auch versucht, so berichtete die "Abendzeitung" weiter, den Sänger in einen Heilschlaf zu versetzen, um ihm "die ersten schweren Tage einer Entziehungskur" zu ersparen. Das Experiment sei jedoch fehlgeschlagen, denn Mario Lanza habe nach den üblichen Beruhigungsspritzen nicht einmal gegähnt. "Aber zu große Dosen Medikamente konnten wir ihm nicht geben", zitierte das Blatt den Enthüller Dr. F., "seine Leber hätte es nicht ausgehalten."
Nach den Informationen der Zeitung verließ Lanza das Sanatorium im August 1958 ("Es ging ihm wesentlich besser, aber geheilt war er nicht"), mußte sich dann aber im Winter in Rom wieder in ärztliche Behandlung begeben. "Dr. F. hat jetzt aus Rom erfahren", so schloß das Enthüllungs-Opus der Gazette, "daß man Mario Lanza entgegen seinen (Dr. F.s) Warnungen acht Tage vor seinem Tode in einen Heilschlaf mit einer Superdosis an Medikamenten versetzte. Diese Fülle von Medikamenten hat Mario Lanza nicht vertragen ... (Er) ist im Heilschlaf gestorben."
Der Bericht über die näheren Umstände des Lanza-Exitus löste sofort eine heftige Kritik aus. Zunächst distanzierte sich, der leitende Arzt des Park-Sanatoriums von dem Artikel; dann nahmen auch der Ärztliche Kreisverband München und die Landesärztekammer gegen die Veröffentlichung Stellung.
Die Standesvertreter rügten: "Die Enthullungen eines Arztes über eigenartige Lebensgewohnheiten eines Kranken
stehen in krassem Widerspruch zu den Arztpflichten. Die Ärzteschaft lasse es nicht zu, daß das Vertrauen der Kränken durch derartige Veröffentlichungen . erschüttert werde - ebensowenig, wie die italienische Ärzteschaft es dem Leibarzt des verstorbenen. Papstes Pius XII., Galeazzi-Lisi, nachgesehen habe, daß er Details über den Todeskampf des katholischen Oberhirten bekanntgegeben habe. Der fragliche Arzt (Dr. F.) werde daher zur Rechenschaft gezogen.
In der Tat estattete die Ärztekammer wenig später Anzeige beim ärztlichen Standesgericht, einer Gerichtsbarkeit für die Heilberufe, die durch Gesetzesbeschluß -vor einigen Jahren in Bayern errichtet wurde. Vor diesem Gericht, das sich aus einem Berufsrichter als Vorsitzendem und zwei Ärzten als Beisitzern zusammensetzt, soll sich nun in Kürze der Dr. F. verantworten: der Münchner Arzt Dr. Friedrich Frühwein.
Der 39jährige Society-Mediziner, der am Maximiliansplatz eine vornehme Praxis unterhält und als Hausarzt führender Münchner Hotels in der Regel illustre Patienten betreut, bestreitet keineswegs,der Informant der "Abendzeitung" gewesen zu sein, Am 9. Oktober, zwei Tage nach Lanzas Tod, gewährte er der "Abendzeitung" - Reporterin Christa Christiansen ein Interview, und zwar unter der Bedingung, daß weder sein Konterfei noch sein Name erscheine. Anschließend fuhr Frühwein zur Hirschjagd in die oberbayrischen Berge.
Nach dem erholsamen Weidmanns-Wochenende besorgte er sich unverzüglich die letzte Sonnabendausgabe der "Abendzeitung". Erinnert sich Frühwein: "Als ich las, was aus unserer Unterhaltung geworden war, war ich empört und erschüttert. Ich kann nur versichern, daß ich keine Äußerung gemacht habe, die über die gesetzlichen Grenzen hinausgegangen sein könnte. Ich habe mir jedes Wort überlegt."
Demgegenüber kann sich die Reporterin Christiansen entsinnen, der Arzt habe viel Zeit für sie gehabt und sei "sehr auskunftsfreudig" gewesen. Sie sei sogar erstaunt gewesen, welche Details ihr der Mediziner geschildert habe - etwa, daß Sänger Lanza den Münchner Arzt bei guter Laune mit "Dear good Doc" anzureden pflegte, in mißlicher Stimmung sich aber eines
Gossenvokabulars bediente ("Shit on you").
Der Arzt behauptet nun, er habe seine Schweigepflicht, die er wie das Beichtgeheimnis achte, in keiner Weise verletzt. Vielmehr seien Tatsachen, die entweder allgemein oder aber der "Abendzeitung" bekannt gewesen seien, mit Teilen seines Interviews zu dem umstrittenen Artikel vermengt worden. Frühweins Anwalt Dr. Georg Graf argumentiert, daß die Klage der Ärztekammer nicht genügend fundiert sei und jeder Schlüssigkeit entbehre.
Die "Abendzeitung" mühte sich unterdessen, ihren Lesern das Eß- und Trinkwunder Mario Lanza in einer ganzen Serie von Artikeln ("Die Geschichte eines Mannes ohne Maß") zu erläutern., So zitierte das Blatt den Inhaber einer Würstchenbude auf dem Berliner Kurfürstendamm: "Ich habe... noch nie einen Mann gesehen, der wie er (Mario Lanza) zwölf große Curry-Würstchen auf einen Sitz schafft."
Tenor Lanza: Geschichten vom Mann ohne Maß

DER SPIEGEL 48/1959
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