23.12.1959

USA / LEBENSMITTELGefährliches Geflügel

Als sich die amerikanische Nation im vergangenen Monat anschickte, den Feiertag des "Thanksgiving" mit dem traditionellen Verzehr von Truthahn und Preiselbeeren zu krönen, schwächte Gesundheitsminister Arthur Flemming den Appetit seiner Landsleute mit einer bestürzenden Verlautbarung. Ein beträchtlicher Teil der Preiselbeer-Ernte war mit einem Unkrautvertilgungsmittel verseucht, das die staatlichen Lebensmittelüberwacher als gesundheitsschädlich einstuften: Der Unkrauttöter hatte bei Tieren Krebserkrankungen ausgelöst.
"Über Nacht", meldete das Nachrichtenmagazin "Newsweek", "wurde jede Preiselbeere im Lande suspekt." Die Gemischtwarenhändler entfernten die Preiselbeer -Konserven aus ihren Regalen, hysterische Konsumenten ersuchten die Behörden um Auskunft, was sie denn nun überhaupt noch essen dürften, und ein ganzer Industriezweig (Jahresumsatz der Preiselbeer -Branche: über 200 Millionen Mark) wähnte sich ruiniert. In dem alsbald aufflammenden Streit über die Frage, ob der Warnruf des Gesundheitsministers berechtigt gewesen sei, blieb es der angesehenen "New York Times" vorbehalten, den Kern des Problems anzusprechen. Nach Ansicht des Blattes offenbarte das Preiselbeer-Dilemma nämlich auf dramatische Weise die Gefahren, "die auf der Anwendung giftiger Chemikalien in der amerikanischen Landwirtschaft beruhen".
Kurz vor Weihnachten hat sich nun erwiesen, wie begründet solche Besorgnis ist. Auf Drängen des US-Gesundheitsministeriums bieten die amerikanischen Händler jetzt keinerlei Geflügel mehr an, das mit Hilfe des synthetisch herstellbaren Geschlechtshormons Stilbestrol gemästet worden ist. Grund: Wissenschaftler der Lebensmittelüberwachungsbehörde haben festgestellt, daß Stilbestrol bei Versuchstieren Krebs hervorruft, wenn es dem Futter über längere Zeit beigegeben wird,
Die Lebensmittelüberwacher hatten das Mittel erst 1947 für die Tierzucht freigegeben, nachdem zweijährige Untersuchungen es als sicher erscheinen ließen, daß keine Hormon-Reste in den Tierkörpern zurückbleiben. Während auch bei späteren Kontrollen keine Stilbestrol-Spuren in Hammel- oder Rindfleisch entdeckt wurden, konnten die Wissenschaftler jedoch kürzlich bei Geflügel Hormon-Rückstände nachweisen. Sie fanden Stilbestrol in den Nieren, der Leber und der Haut der Tiere.
Freilich würde ein Mensch nur den Bruchteil eines Milligramms Stilbestrol zu sich nehmen, äße er beispielsweise einen ganzen Kapaun samt Haut, Leber und Nieren. Demgegenüber verordnen amerikanische Ärzte ihren Patienten zuweilen Dosen von 15 Milligramm der Hormonsubstanz, manchmal sogar von 125 Milligramm täglich. Nach besonders langwierigen Behandlungen kam es "in ganz seltenen Fällen" (so das Nationale Krebsforschungs -Institut) zu Krebserkrankungen, doch ist umstritten, ob die Hormon - Injektionen tatsächlich die Ursache waren.
Obwohl diese Indizien "dürftig" ("Time") anmuteten, hielt es das amerikanische Gesundheitsministerium für ratsam, von den Züchtern die Zusicherung einzuholen, daß Stilbestrol zumindest in der Geflügelproduktion nicht mehr verwandt wird. Zugleich erklärte sich das Ministerium bereit, sämtliches Geflügel aufzukaufen, das mit Hilfe des Hormons bisher gemästet wurden ist.

DER SPIEGEL 52/1959
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