01.01.1959

„DER ADEL IST KEINE ELITE“

In einem Fragebogen des Deutschen Adelsarchivs hat der Schriftsteller Gregor von Rezzori seine Ahnenreihe bis zu den Ururgroßeltern einschließlich aufgeführt. Eine Analyse der Ahnentafel ergab, daß sich in den Handbüchern des Adelsarchivs fünf der Familiennamen, die Rezzori für seine acht Urgroßeltern nennt, nicht nachweisen lassen. Bei den verbleibenden drei Urgroßeltern erwies sich: Die Eltern der einen von Rezzori als Urgroßmutter väterlicherseits bezeichneten Ahnin sind nachweisbar, auch Kinder aus dieser Ehe, doch befindet sich unter den Geschwistern keines mit dem von Rezzori bezeichneten Namen seiner Urgroßmutter. Von den zwei verbleibenden Urgroßmüttern mütterlicherseits wird die eine im Adelshandbuch als unverheiratet verstorben genannt, bei der anderen gilt die Ehe der Eltern als kinderlos. Die Auskunft, die der Direktor des Adelsarchivs gab, lautet im Auszug:
Betr.: Gregor von Rezori d'Arezzo, *1914
Der Unterzeichnete hat mit einer weiteren Facharbeiterin versucht, aus unseren Sammlungen sichere Unterlagen für die von dem Angefragten gegebenen so ausführlichen Nachrichten über seine Abstammung zu geben. Der Erfolg ist leider, wie wir fürchteten, sehr gering.
Die Familie von Rezori d'Arezzo ist in keinem der hier befindlichen, auch österreichischen und italienischen Werken irgendwie nachweisbar. Wohl fanden wir in dem Genealogischen Taschenbuch der adeligen Häuser, Brünn 1892, eine Familie "Edle von Rezori", in dem der Tabak-Hauptfabriks-Oberinspektor Johann Rezori in Laibach durch kaiserliche Entschließung am 1. August 1889 den Namen "Edler von Rezori" erhielt. Das Diplom dieses kaiserlich-österreichischen Adelstandes wurde unterm 28. November 1889 für seine Witwe Anna und deren zwei Kinder Wilhelm und Katharina ausgefertigt, nachdem der Begnadete am 4. September 1889 verstorben war ...
Die mitgeteilte Ahnenreihe erscheint auf den ersten Blick durchaus glaubwürdig. Es hat den Anschein, als ob sich der Angefragte, oder andere Familienmitglieder sich genau mit der Ahnentafel beschäftigt haben ... Bei der Fülle des österreichischen Adels nimmt es an sich kein Wunder, wenn sich die aufgezeichneten Ahnen-Familien und die einzelnen Vorfahren nicht leicht in unserer sehr vollständigen Bücherei auffinden lassen. Der österreichische Kleinadel ist fast unzählig stark.
Aber merkwürdig wirkt es, wenn die aufgeführten Ahnenfamilien zum Teil auch nicht in einzelnen Personen hier nachgewiesen werden können, wie die Freiherrn von Podmanitzky, Freiherrn Schmid von Schmidtberg, die Familie Ritter von Franck-Schlackenwerth, Baron Martinez de Hoz (nach Rezzoris Angaben Familiennamen der Urgroßeltern).
Auf der anderen Seite möchte man wieder annehmen, daß dies eben doch nur mit den österreichischen Verhältnissen, dem früher so riesigen Umfange der österreichisch-ungarischen Monarchie zusammenhängt. Denn die Namen Freiherr von Ow, Freiherr Neugebauer zu Cadan, Freiherr von Puchner usw. waren leicht aufzufinden, aber nun ergibt sich wieder merkwürdige Unklarheit:
Die Gothaer Freiherrnkalender geben zwar die Eltern der geb. Freiin von Ow aus dem Hause "Feldberg", aber diese Eltern Freiherr Honorius auf Felldorf (verkauft 1824), Königlich bayerischer Kämmerer und Ministerialrat, vermählt, wie angegeben, mit einer Freiin von Gumppenberg, nennen als Kinder dieses Ehepaares nur drei Brüder und eine Schwester Amalie, gestorben 1853, unverheiratet. Ausgerechnet die angeblich verheiratete Schwester Maria Franziska (nach Rezzoris Angaben Urgroßmutter väterlicherseits) wird nicht aufgeführt.
Auch die Eltern der angeblichen Frau von Franck, geb. Freiin Neugebauer zu Cadan (nach Rezzoris Angabe Urgroßmutter mütterlicherseits), werden zwar sehr genau aufgeführt, zum Beispiel Freiherrnband 1903 und ebenso auch die Tochter Julie selbst, geboren 1839, aber merkwürdigerweise bis 1911 noch unverheiratet mit Todesdatum unbekannt und eben unverheiratet.
Ganz merkwürdig ist die Frage der urkundlichen Sicherung der Baronin Martinez de Hoz (Clara Lucretia), geb. Freiin von Puchner (nach Rezzoris Angabe ebenfalls Urgroßmutter mütterlicherseits). Deren angebliche Eltern: Anton Freiherr von Puchner finden sich zum Beispiel im Freiherrnkalender 1854. Aber der Vater, zweimal verheiratet und gestorben im Dezember 1852, während die Tochter Clara Lucretia (nach Angaben Rezzoris) am 4. Januar 1853 geboren sein soll. Das wäre immerhin durchaus möglich. Aber es heißt ausdrücklich in diesem Gothaer, wie zum Beispiel auch 1877, daß nur aus erster Ehe des Freiherrn Anton von Puchner mit Antonia, geb. von Stolz, Kinder, die genau aufgeführt werden, vorhanden seien, aus der zweiten Ehe mit Lucretia Gräfin von Salis-Zizers aber keine Kinder. Dem könnte wieder widersprechen, daß es nach der Ahnentafel wieder so aussieht, als ob angeblich die Tochter Clara Lucretia ihre Vornamen, das heißt den zweiten Namen von der etwaigen Mutter der Ehefrau zweiter Ehe führte.
Nach unseren Erfahrungen kann man hier sich doch etwas stark wundern, daß sich diese genealogischen Schwierigkeiten an so verschiedenen Stellen und so ausgeprägt ergeben. Wirft man aber wieder einen Blick auf die so genauen Angaben der Orte, in den letzten Generationen hauptsächlich: Wien, Graz und München, so kann man eigentlich nicht annehmen, daß bei dieser Ahnenaufstellung mit zu viel Phantasie vorgegangen sein soll ...
GEZ. V EHRENKROOK
Oberregierungsrat a. D
Direktor des Deutschen Adelsarchivs
Vignette von Rezzori

DER SPIEGEL 1/1959
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