14.01.1959

MITTELAMERIKA / KUBA-REVOLUTIONFidelito aus dem Busch

Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.
David Ben-Gurion
An der Reling der zwanzig Meter langen Dieseljacht "Granma", die in den ersten Dezembertagen des Jahres 1956 quer über das Karibische Meer auf die dschungelüberwucherte Südostspitze Kubas zutuckerte, drängten sich 82 junge Männer. Sie kamen nicht zur Erholung in das tropische Touristenparadies Mittelamerikas; sie waren aus jahrelangem mexikanischem Exil aufgebrochen, um den Diktator ihrer Heimatinsel, den Staatspräsidenten-General Fulgencio Batista, zu vertreiben.
Als das Boot in einer einsamen Bucht vor Anker gegangen war und die jugendlichen Bravados sich eben bereit machten, barfuß an Land zu waten, brach die Hölle über ihnen los. Kampfflugzeuge der kubanischen Luftwaffe setzten zum Tiefflug an und empfingen die unerwünschten Heimkehrer mit Bomben und Bordwaffensalven. Die "Granma" versank im Küstensumpf, mit ihr Waffen, Proviant und Ausrüstung der Rebellen. Wer den Strand lebendig erreichte, wurde von den längst alarmierten Armeepatrouillen Batistas gejagt.
Nur zwölf Männer entkamen, darunter ihr Anführer, der 29jährige Fidel Castro, ein hünenhafter Rechtsanwalt mit schwarzem Piratenbart und feuchtem Existentialistenblick. Halb verhungert, mit nackten Beinen, einer Maschinenpistole am Gurt, fanden sich die verunglückten Konquistadoren im kochenden Dschungel des Bergmassivs Sierra Maestra wieder. Sie schworen, den Kampf für die Freiheit ihrer Heimat unerbittlich fortzusetzen und sich nicht eher zu rasieren, als bis die Batista-Tyrannei zerschlagen sei. Die abenteuerlichste Unternehmung des letzten Halbjahrhunderts begann.
Während am Fuße der Sierra Maestra Armeepatrouillen vergebens darauf warteten, daß Castro und seine Männer, vom Hunger getrieben, aus ihren schlangen- und moskitobevölkerten Schlupfwinkeln herauskriechen würden, schlichen sich Hunderte von jungen Leuten aus ganz Kuba - Bauernsöhne, Studenten, Arbeiter - in die Berge und rotteten sich unter Castros Kommando zu einer fanatischen Partisanengruppe zusammen. Der Guerillakrieg gegen eine 30 000 Mann starke, mit modernen amerikanischen Waffen ausgerüstete Armee züngelte hoch.
Die Bereitschaft der bärtigen Freiheitsdesperados, sich mit einer Diät aus Wurzeln und Schlangenfleisch zu begnügen, änderte freilich nichts daran, daß ihre militärischen Erfolge lange Zeit hindurch gering blieben. Fidel Castro verstand es dennoch, von sich reden zu machen. In kurzen Abständen lieferte er der internationalen Presse Sensation auf Sensation. Er hatte begriffen, daß man der freien Welt einen Freiheitskampf, der nicht ins antikommunistische Klischee paßt, allein durch Publicity verkaufen kann.
Nur um die Worte "Batista ist tot" und "Freiheit" in den Äther zu brüllen, besetzten seine Männer die Sendestation von Habana; sie drangen bis ins Präsidentenpalais vor, um den kubanischen Diktator zu ermorden; sie überfielen Züge und Omnibusse, entführten bei Gelegenheit fünfzig Amerikaner, steckten Zuckerfabriken in Brand und enterten Transportschiffe der Regierung. Einer ihrer Versuche, ein Passagierflugzeug der Kubanischen Luftfahrtgesellschaft zu kidnappen, schlug fehl, und siebzehn Menschen, darunter fünf Rebellen, stürzten in den Tod.
Der größte Propagandacoup glückte dem Revolutions-Chef Castro im Februar vergangenen Jahres. Wenige Stunden vor dem Autorennen um den "Großen Preis von Kuba" ließ er den argentinischen Favoriten des Rennens, Juan Manuel Fangio, aus einem Hotel in Habana entführen. Erst als die Schlagzeilen der Weitpresse gedruckt waren und der berühmte Gashebeltreter seine Schuldigkeit als Reklamepuppe getan hatte, gaben die Rebellen ihn wieder frei.
Fulgencio Batista zeigte sich solchem Nervenkrieg nicht gewachsen. Er konnte zuletzt nicht mehr unterscheiden, wer sein Freund und wer sein Feind war. So ließ er denn Offiziere und Politiker auch seiner nächsten Umgebung scharenweise einkerkern, weil er sich einbildete, sie wollten ihn stürzen. Und als die Rebellen ihre ersten größeren militärischen Erfolge meldeten, gab er - am Neujahrstag 1959 - den Kampf auf und floh ins Ausland, obwohl seine Truppen militärisch noch längst nicht geschlagen waren.
Fünfundzwanzig Monate nachdem die Dieseljacht "Granma" an der Oriente-Küste gestrandet war, zogen Castros bärtige Dschungel-Krieger, als Freiheitshelden bejubelt, in die kubanischen Städte ein. Sie hatten bewiesen, daß eine Handvoll Idealisten auch die raffinierte Maschinerie eines modernen Polizeistaates besiegen kann.
Auf der Zucker- und Tabakinsel Kuba mit ihren 6,5 Millionen Seelen vorwiegend spanischen Geblüts war von Fulgencio Batista in der Tat eine Blutherrschaft errichtet worden, wie sie seit den Tagen der spanischen Konquistadoren in der Neuen Welt nicht mehr existiert hatte. Zeugnisse des Grauens, die man westlich des Eisernen Vorhangs sonst nur bei verspäteten KZ-Prozessen zu hören bekommt, gelangten ungeachtet einer strengen Zensur in die internationale Presse.
Schrieb Sonderkorrespondent Claude Julien im Pariser "Monde" über Batistas Regierungsmethode: "Die Gefängnisse füllen sich, immer mehr Menschen verschwinden spurlos ... Ein europäischer Diplomat kann nicht mehr schlafen, weil sein Domizil neben einer Polizeistation liegt, aus der jede Nacht die Schreie der Gefolterten aufsteigen. Die Mönche eines Klosters in der Provinz versammeln sich zum Gebet zu der Stunde (am frühen Morgen), zu der die jungen Leute, die entmannt werden sollen, ihre Henker anflehen. Der Polizeichef von Santiago verübt die Kastration Verdächtiger und Schuldiger mit eigener Hand . . . Es ist unmöglich, hier die Photos (von Verstümmelten) zu beschreiben, die ich gesehen habe ... Es ist eine Regierung durch Kastration."
Die "New York Times" berichtete von zu Tode gefolterten Oppositionsverdächtigen, die in manchen Orten "zur Abschrekkung" morgens an den Laternenmasten baumeln; von Vergeltungsangriffen der Batista-Luftwaffe auf Siedlungen im Rebellen-Gebiet. In einem Dorf fiel "der größere Teil der Bevölkerung, mehr als 200 Männer, Frauen und Kinder, den Bomben und dem Bordwaffen-Beschuß zum Opfer". Und der "New Yorker" resumierte: "Wahrhaftig, die Dinge unterscheiden sich kaum von den Zuständen in der alten Kolonial-Ära."
Trotz solcher Berichte weigerte sich Washington jahrelang, den permanenten Belagerungszustand im unmittelbaren Weichbild des US-Kontinents, eine knappe Halbtagsdampferfahrt von der Südspitze Floridas entfernt, zur Kenntnis zu nehmen. Das State Department half dem Diktator von Habana vielmehr bei der Niederschlagung von Streiks und Rebellionen. Es zog den Status quo jedem Abenteuer vor, denn
- auf Kuba leben mehr als 10 000 amerikanische Staatsbürger;
- die US-Wirtschaft hat dort mehr als eine Milliarde Dollar investiert;
- das Tropeneiland spielt in der Außenhandelsbilanz der Vereinigten Staaten eine gewichtige Rolle; es deckt unter anderem mehr als ein Drittel des amerikanischen Zuckerbedarfs.
Die Bürger Nordamerikas sind mit der 1492 von Kolumbus entdeckten Insel aber auch durch sentimentale Erinnerungen verbunden: US-Soldaten haben bei der Geburt des unabhängigen kubanischen Staates Hebammendienste geleistet.
Die Geschichte der sentimentalen Beziehungen zwischen dem nordamerikanischen Mammutvolk und den Insulanern im Karibischen Meer begann im Jahre 1898, als auf Kuba wieder einmal eine mörderische Rebellion der Studenten, Bauern und Plantagensklaven gegen die vierhundertjährige spanische Kolonialherrschaft ausgebrochen war.
Als die Spanier Truppenverstärkungen aus dem Mutterland heranschafften, um den Freiheitsdrang der Kubaner im Blut zu ersticken, schrie die amerikanische Öffentlichkeit "Foul!" und stellte sich spontan auf die Seite der Rebellen. Sie gab damit der Washingtoner Regierung das Signal für eine außenpolitische Aktion, bei der sich wirtschaftliche Interessen mit dem Kampf für humanitäre Ziele in idealer Weise verbinden ließen.
Im April 1898 erklärte US-Präsident Mc-Kinley der königlich-spanischen Regierung den Krieg, nachdem das provozierend auf der Reede von Habana ankernde amerikanische Schlachtschiff "Maine" aus bis heute ungeklärten Gründen in die Luft geflogen war. Ein amerikanisches Freiwilligen-Regiment, die legendären "Rauhreiter" (Rough Riders), landete im Osten Kubas mit dem Cowboy-Lied "There'll be a bot time in the old town tonight" (etwa: Heute gibt's Rabbatz im Städtchen) und trieb unter dem Kommando des späteren US-Präsidenten Theodore ("Teddy") Roosevelt die Spanier ins Meer.
Zum Verdruß der kubanischen Freiheitskämpfer erklärten die Amerikaner nach ihrem Sieg über die Spanier, das hunger- und seuchengeplagte, von Natur aus anarchische Inselvolk sei unmöglich imstande, sich ab sofort selbst zu regieren. Die Zuckerinsel Kuba wurde das erste Opfer amerikanisch-demokratischer Re-education.
Fast drei Jahre lang, bis 1902, verwaltete ein US-Militärgouverneur die Insel. Ein parlamentarischer Rat arbeitete unter amerikanischer Anleitung eine nach amerikanischem Vorbild modellierte Verfassung aus und übte sich in rechtsstaatlichen Umgangsformen.
Aber auch im Jahre 1902 wurden die Kubaner nur als bedingt geheilt und auf Bewährungsfrist in die Unabhängigkeit entlassen. In dem amerikanischen Freigabe-Gesetz fand sich eine Zusatzklausel ("Platt-Amendment"*), die für Washington das Recht in Anspruch nahm, auf der Insel nach eigenem Gutdünken zu intervenieren, "sobald es zum Schutze der Unabhängigkeit Kubas sowie einer das Leben, Eigentum und die individuelle Freiheit der Einwohner gewährleistenden Regierung" erforderlich sei.
Als die Kubaner sich weigerten, das Platt-Amendment in ihre Verfassung aufzunehmen, probierten die Amerikaner zum erstenmal - und sogleich mit Erfolg - einen charakteristischen Kunstgriff ihrer kommenden Weltpolitik aus. Den Kubanern wurde bedeutet, "daß die weitere Wirtschaftshilfe (auf die Kuba dringend angewiesen war) von der Annahme des Amendments abhänge" - mit diesen Worten registrierte der kubanische Historiker Martin Aróstegui den Vorgang, der den Insulanern zur Einsicht verhalf.
Die pädagogische Vorsicht der Amerikaner erwies sich freilich als nur zu begründet. Bereits der erste kubanische Präsident, Estrada Palma, versuchte, seine Amtsperiode durch Wahlschiebungen zu verlängern. Die Opposition revoltierte, und das US-Marinekorps eilte 1906 herbei, um Palma zu verjagen. Allein, als die Nachfolger Palmas es noch ärger trieben, verzichteten die US-Umerzieher auf weitere militärische Aktionen und bauten stattdessen ihre wirtschaftliche Position auf Kuba aus: Nach den amerikanischen Befreiern kam das amerikanische Kapital, um das große Zuckergeschäft zu tätigen.
Das feudalwirtschaftliche System der "colonos", der Plantagenbesitzerkaste, hatten die Amerikaner vorsichtshalber fortbestehen lassen. Zum Teil übernahmen sie es sogar in eigener Regie und organisierten überall auf der Insel kapitalkräftige Zuckergesellschaften, die schließlich nahezu den gesamten Zuckerhandel Kubas an sich rissen. Resümierte die "Amerikanische Enzyklopädie" mit lexikalischer Unbestechlichkeit: "Die ausländischen Zuckergesellschaften... wurden die neuen Kolonialherren, ohne allerdings die Verantwortlichkeiten der Regierung zu tragen."
Diese Verantwortlichkeiten zu tragen, war die Aufgabe einheimischer Parteien und Präsidenten. Sie hatten die Farce von der Freiheit und Souveränität Kubas zu inszenieren, komplett mit Militärparaden, Hymnen und patriotischen Reden zum alljährlich am 20. Mai wacker zelebrierten "Unabhängigkeitstag". Aus Rücksicht auf die Empfindlichkeiten sowohl des kubanischen als auch des amerikanischen Volkes legten die Zuckergesellschaften darauf den größten Wert. Das kostete viel Geld, denn nur durch Geld war zu erreichen, daß bei der klaffenden Diskrepanz, zwischen den Verfassungsparagraphen und der Wirklichkeit die demokratische Show laufen konnte ohne daß die konkreten Interessen der Zuckerherren gestört wurden.
Auch das spanische Kolonialregime war kein Hort der Unbestechlichkeit gewesen. Nun aber wurde die Korruption allumfassend. Ihren Höhepunkt erreichte sie alle vier Jahre am Wahltag. Der altgediente Lateinamerika-Korrespondent Norman Lewis vom "New Yorker" erinnert sich: "Die Wahlen waren eine Art afrikanisches Zauberritual, an das niemand mehr so recht glaubte, das aber trotzdem weiterhin ausgeübt wurde, aus naiver Gewohnheit ... Die Stimme eines Arbeitslosen kostete damals einen Peso ..."
Solange das nötige Geld vorhanden war, ging alles gut. Am Ende des Ersten Weltkriegs kletterte der Zuckerpreis auf 22 Cents je Pfund, und der Wirtschaftsboom der zwanziger Jahre brachte den kubanischen Feudalen und ihren amerikanischen Partnern ungeahnte Vermögen ein. Das Ende war der Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929. Das Pfund Zucker brachte nicht einmal mehr einen halben Cent. Amerikanische und kanadische Banken konfiszierten überschuldete Plantagen, Scharen von Arbeitslosen durchstreiften die Insel.
Mit den fallenden Gewinnen fiel auch die demokratische Fassade, und die Gewalt kam zum Vorschein. Präsident Gerado Machado, auf dem Höhepunkt der Konjunktur 1925 an die Macht gekommen, verwandelte sich aus einem landesväterlichen "Reformer" in einen Diktator, den ersten echten, den Kuba seit der Befreiung hatte. Von Totschläger-Kolonnen ließ er aufbegehrende Arbeiter und Studenten lynchen, ohne daß es ihm allerdings gelang, der wachsenden Unruhe Herr zu werden.
Aus dem Massenelend heraus entbrannte ein umstürzlerischer Wettlauf zwischen links und rechts; auf der einen Seite die Intellektuellen und die Arbeiter, die das System ausrotten wollten, auf der anderen Seite die kubanischen Feudalen, die mit der Parole, an allem Unglück sei nur die ausländische Zinsknechtschaft schuld, den Volkshaß ins Nationalistische abzubiegen trachteten, um sich ihre alten, an die Amerikaner verlorenen Machtpositionen zurückzuerobern.
Dazwischen stand die Armee, die - obschon von Intrigen zersetzt - doch das Machtmittel war, ohne das keine der beiden Seiten gewinnen konnte. Das alte Regime wankte, und zum erstenmal hatten ehrgeizige untere Dienstgrade die Chance, sich ganz nach oben durchzuboxen. Es war die Stunde des Sergeanten Fulgencio Batista, der "ein Diktator aus dem Volk und für das Volk" werden wollte.
Aus dem Volk kam er tatsächlich: Als Sohn eines armen Halbblut-Bauern wurde er 1901 in der Provinz Oriente geboren. Die Eltern starben, ehe er dreizehn Jahre alt war. "Fulge" - wie ihn seine Kumpane nannten - ging auf Wanderschaft und schlug sich als Bananenpflücker, Zuckerrohr-Schnitter, Barmixer, Barbier, Ladenschwengel und als Bremser bei der Eisenbahn durch.
Indes, die Sturm-und-Tramp-Periode wich einem lebhaften Verlangen nach Ordnung und regelmäßigen Mahlzeiten. Es trieb ihn zu den Fahnen, und die Armee wurde ihm - wie den meisten überzähligen Söhnen seines Landes - zur Heimat. Daß er gleichwohl als Sonderfall zu betrachten war, bewies der zwanzigjährige Rekrut Batista durch die regelwidrige Art, in der er auf die Routine des Berufssoldaten reagierte: Er las Stapel von Büchern und dichtete insgeheim. Er meldete sich zu einem Kurzschrift-Lehrgang und wurde Armee-Stenograph im Feldwebelrang. Rasch erwarb er sich durch den Umgang mit Geheimdokumenten und Stabsoffizieren fundierte Kenntnisse in den Spielregeln der Militär-Kamarilla.
Ende der zwanziger Jahre wurde Sergeant Batista als Protokollführer zu Militärprozessen gegen Machados politische Gegner abkommandiert. Was er dort sah und stenographierte, erfüllte ihn vollends mit Abscheu gegen seine Vorgesetzten. "Dieses Erlebnis bewog ihn (Batista), sich der A.B.C. anzuschließen, einer der vielen Gruppen, die den Sturz des Präsidenten Machado im Schilde führten", schrieb kürzlich die "New York Times".
Die Armee war durch Machados Terror und nicht minder durch drohende Soldkürzungen demoralisiert. Sergeant Batista manövrierte sich in die strategische Position eines Stabsschreibers in Camp Columbia, der hauptstädtischen Garnison. Von dort aus zog er im verdrossenen Unteroffizierskorps seine Fäden und hielt den Kontakt zum Revolutionskomitee der Studenten.
Am 12. August 1933 rief das Revolutionskomitee den Generalstreik gegen "Schlächter-Diktator" Machado aus. Die Junta der Offiziere ließ Madhado im Stich und hielt die Armee in der Kasernen - aus Angst, die Flinten könnten in der falschen Richtung losgehen, und in der Hoffnung, nach dem Sturz des Diktators mit amerikanischer Unterstützung einen neuen Mann aus ihrer Mitte ans Ruder zu bringen.
Washington, alarmiert durch den Generalstreik, handelte bereits. Der frisch inaugurierte Präsident Franklin Delano Roosevelt fürchtete, daß ein radikalistischer Umsturz auf Kuba den roten Hahn auf die gesamte lateinamerikanische Dépendance der USA setzen könnte. Er schickte seinen Berater Sumner Welles* und den Lateinamerika-Spezialisten Adolf Berle nach Habana. Ihr Auftrag: Diktator Machado auszubooten und einen gemäßigt-reformerischen Nachfolger einzusetzen.
Der erste Teil ihrer Mission war simpel: Machado kam ihnen schon entgegengeflogen, im seither klassischen Abgang lateinamerikanischer Bonzen - mit der Staatskasse an Bord nach Miami. Mehr Kopfzerbrechen bereitete den beiden Amerikanern der zweite Teil ihrer Aufgabe; denn der ältliche, milde Dr. Céspedes, der mit ihrer Unterstützung zum provisorischen Präsidenten ausgerufen wurde, erwies sich als unfähig, auf der Insel geordnete Zustände herzustellen.
Hinrichtungskommandos der Studenten- und Arbeiterräte fingen an, Großgrundbesitzer an die Wand zu stellen. Und schließlich meuterte die Armee - nach einem dreisten, von Sergeant Batista ausgeheckten und ausgeführten Coup. Angelpunkt seines Plans war der Umstand, daß die kubanischen Offiziere privilegiert waren, außerhalb der Kasernenareale in Privatwohnungen zu nächtigen. Am Abend des 3. September 1933, als die Offiziere nach Hause gegangen waren, gab Sergeant Batista den Unteroffizieren vom Dienst im ganzen Land telephonisch das Stichwort: "Die Spieße übernehmen das Kommando." Im Hauptquartier Camp Columbia bei Habana ließ eine Handvoll verschworener Feldwebel das Tor von verläßlichen Leuten besetzen. Als die Offiziere am nächsten Morgen zum Dienst erschienen, fanden sie sich ausgesperrt.
Unter Verwünschungen retirierten sie in das Hotel Nacional (das Absteigequartier des durch seinen Mißerfolg deprimierten Duos Welles und Berle), immer noch "in dem Glauben", wie Korrespondent Norman Lewis berichtete, "daß die Vereinigten Staaten niemals eine offene Meuterei in ihrer anerkannten Einflußsphäre dulden würden". Batista schickte einen Trupp Soldaten hinterher, um die Offiziere zu entwaffnen.
Vornehmlich den mittlerweile vor Habana ankernden amerikanischen Kriegsschiffen war es zuzuschreiben, daß Batistas revolutionärer Elan zunächst ins Stocken geriet. Aber der Studentenführer Grau San Martin, Batistas Verbündeter, wetterte um so stürmischer gegen den "Yankee-Imperialismus", verjagte den greisen Céspedes und drängte zur Attacke auf die Offiziere. Um nicht selbst überrannt zu werden, gab Batista das Feuer auf die belagerten Vorgesetzten frei.
Seine Soldaten beschossen das Hotel Nacional aus alten französischen 7,5-cm-Kanonen. Als die US-Kriegsschiffe im Hafen keine Anstalten machten, einzugreifen, kapitulierten die inzwischen auch von Welles und Berle verlassenen Offiziere. Etliche von ihnen wurden umgebracht, der Rest degradiert und verbannt.
Fulgencio Batista, eben zweiunddreißig Jahre alt, ernannte sich zum Obersten und Stabschef. Der Revolutionsrat wählte Grau San Martin zum Präsidenten, der sogleich unter der Devise "Kuba den Kubanern" ein "Regierungsprogramm für das arbeitende Volk" sowie Maßnahmen zur Kontrolle des ausländischen Kapitals proklamierte.
Aber auch nach dem Verzicht auf die militärische Intervention gebot die US-Regierung noch über ein Mittel gegen lateinamerikanische Exzesse, dessen Wirksamkeit längst erprobt war: Washington verweigerte der Regierung des Sozialdemokraten Grau San Martin die diplomatische Anerkennung.
Die Nichtanerkennung durch Washington ursprünglich als Sanktion gegen undemokratisches Verhalten gedacht - verbreitete unter den Latinos Entsetzen, weniger der moralischen Verdammung als der verheerenden materiellen Folgen wegen, die sich daraus für die Verwünschten ergeben konnten.
Kaum war daher der amerikanische Bannfluch verkündet, als Batista von der Revolutionsbewegung abfiel und zu den Feudalen nach rechts herumschwenkte. "Ich bin ein Idealist", beteuerte er, "aber ein praktischer."
Der praktische Gesichtspunkt war, daß die Rechtsgruppen im fortgeschrittenen Verfallsstadium ihres Systems nur noch mit Hilfe der Armee weiterregieren konnten. Umgekehrt konnte die Armee nur im Bündnis mit den Feudalen alle Macht im Land usurpieren. Der Stenograph Batista diktierte.
Washington segnete den Pakt mit diplomatischer Anerkennung, Gewährung einer großzügigeren Zucker-Importquote und einer besänftigenden Geste an das kubanische Nationalgefühl. Die Platt-Interventionsklausel wurde aufgehoben.
Der Rest der Notreparatur am System war Batistas Geschäft. Er bot dem Zuckerkartell gegen Überlassung von staatlich-wirtschaftlichen Korruptionspfründen Schutz vor Unbilden wie etwa dem Zuckerarbeiterstreik von 1935, den er von der Armee brutal niederschlagen ließ. Und er sorgte obendrein für den verfassungsmäßigen Aufputz: für einen Kongreß samt Abgeordneten und einen zivilen Präsidenten.
Dennoch gab es dauernd Schwierigkeiten mit den "politicos", die nicht verwinden konnten, daß sie ihre Macht und ihre Pfründe an die Armee verloren hatten. So verschliß Armeechef Batista in sechs Jahren nicht weniger als sieben provisorische Präsidenten: Aber es war nicht das allein, was ihn verdrießlich stimmte.
Die Erinnerungen des Erfolgs suchten ihn heim. Der kleine Sergeant war nun ein starker Mann in einer Hermann-Göring-Phantasie-Uniform, mit reichen Freunden und einem eigenen Maniküristen. Doch oft genug entfloh er aus den feinen Klubs, um mit seinen alten Kommiß -Kumpanen aus der Flasche zu saufen und sich der guten alten Rebellentage zu entsinnen. Er sehnte sich danach, seine ehemaligen Mitproletarier an seinem Aufstieg partizipieren zu lassen, statt sie von der Straße zu prügeln. Denn er litt an der Schwäche aller Diktatoren: Er wollte geliebt sein, mehr noch, er wollte als Stifter wahrer Demokratie in die kubanische Geschichte eingehen.
Insgeheim sann er schon über eine neue Verfassung nach, als ihm Washington zu Hilfe kam. Präsident Roosevelt fing gerade an, mit seiner "Politik der guten Nachbarschaft" den zweiten großen Umerziehungsversuch an den Latinos zu unternehmen. Er war der Meinung, daß die Existenz halbfaschistischer Regimes im eigenen Lager Grünspan auf dem Schild der Weltdemokratie sei, mit dem sich Amerika soeben erneut wappnete.
Batista fuhr 1938 nach Washington und erzählte dem Herrn im Weißen Haus von seinen Demokratisierungsplänen. Der große Kaminplauderer entbot ihm den herzlichsten Zuspruch, und die Kubaner - Volk wie Feudale - erkannten ihren Diktator nicht wieder. Der gewandelte Batista half Gewerkschaften gründen, und ehe sich das Zuckerkartell von seiner Überraschung erholen konnte, hatte er die kommunistische. Partei legalisiert und zu robuster Kampfkraft hochgepäppelt. Er stellte sich 1940 als Präsidentschaftskandidat und krönte seine Bekehrung mit einem spektakulären Wahlsieg.
Aus lauter Übermut versuchte er, seine sozialen Wahlversprechungen auch noch zu halten. Um den Armen geben zu können, schröpfte er die Reichen mit Einkommensteuern, einer bis dahin auf Kuba unbekannten Einrichtung. Von ihm angespornt, erzwangen die Gewerkschaften höhere Löhne.
Doch die Unternehmer, durch die Kriegskonjunktur gerade wieder zu Kräften gekommen, revanchierten sich mit Preissteigerungen, die alle Lohnerhöhungen und Sozialleistungen zunichte machten. Dem Neodemokraten Batista blieb nichts anderes übrig, als das Wiederwahl-Verbot zu honorieren, das er selbst auf Drängen Roosevelts (der sich dreimal wiederwählen ließ) in die kubanische Verfassung eingefügt hatte. Kaum 43 Jahre alt, zog er sich 1944 auf sein vorsorglich ausgelagertes Millionenvermögen nach Florida zurück.
Er ließ sich von seiner ersten Frau aus Feldwebel-Tagen scheiden und tröstete sie - wie eine amerikanische Zeitschrift es ausdrückte -"mit einer der nettesten Gesten, die je ein aktiver, vitaler Mann, der eine jüngere und hübschere Partnerin wünschte, bezeigt hat: Er fand Elise mit einem zwölfstöckigen Mietshaus ... und acht Millionen Dollar in bar ab". Er heiratete die attraktive Marta Fernández, hatte mit ihr vier Söhne, ruderte in den sonnigen Florida-Lagunen und bedachte sein seltsames Schicksal.
Es zeigte sich rasch, daß ein ähnliches Schicksal auch dem Nachfolger Batistas, dem Intellektuellen Grau San Martin, beschieden sein sollte. In zynischer Resignalion praktizierte der Revolutionsführer von 1933 die einzige gesicherte Freiheit eines kubanischen Politikers, die Freiheit, zuzulangen. Und er und seine Partei langten so ungeniert zu wie keine Regierung vor ihnen, nicht zuletzt, weil das Wiederwahl-Verbot Batistas ihnen nur vier Jahre Zeit ließ, ihre Altersversorgung sicherzustellen.
Die Selbstbedienungsmethode erreichte eine gewisse Vollendung, als am 10. Oktober 1948 Graus engster Parteifreund, der Erziehungsminister Jose Alemán, mit einigen Gehilfen und vier Lastwagen seines Ministeriums in den Hof des kubanischen Schatzamts rollte. Mit Koffern bewaffnet, stiegen sie aus und steuerten dem Kassenraum zu.
"Was wollt ihr tun, den Staatsschatz plündern?", scherzte ein Wachtposten. "Quién sabe?" ("Wer weiß?"), grinste Alemán. Drinnen packten seine Leute Bündel von 1000-Dollar-Noten, 19 Millionen Dollar insgesamt, in ihre Koffer. Unbehelligt gelangte Alemán zum Flugplatz und startete mitsamt der Beute in einer bereitstehenden Chartermaschine nach Miami.
Indes, Grau San Martin und sein Nachfolger Carlos Prio Socarrás zeigten sich dem Volk und der Opposition gegenüber großmütig. Auch Batista profitierte von ihrer Großmut: Er ließ sich im Juni 1948 in absentia zum Senator wählen und kehrte im gleichen Jahr nach Kuba zurück, wo man auf eine demokratische Show gerade besonders viel Wert legte.
Jedem stand es frei, nach Herzenslust zu schimpfen und zu enthüllen - so auch einem gewissen Eduardo Chibas, der im Fernsehen einen Minister der Korruption zieh und versprach, dafür in der nächsten Sendung Beweise beizubringen. Zwar fand er die Beweise nicht, doch das kubanische TV-Publikum hatte dennoch seine Sensation: Vor den Kameras jagte sich der zerknirschte Chibas eine Kugel in den Bauch.
Diese Art der Meinungsfreiheit trug allerdings kaum zur Stabilisierung des Systems bei, zumal die Politiker - im stolzen Bewußtsein, vom Volk gewählt zu sein - auf die Gunst der Armee glaubten verzichten zu können.
So holte sich Fulgencio Batista in der Nacht zum 10. März 1952 die Macht ohne Blutvergießen zurück. Mit einigen karrierehungrigen Offizieren fuhr er im Schutze der Dunkelheit nach Camp Columbia. Vor dem Tor der Garnison lehnte sich sein Fahrer aus dem Fenster der Limousine und rief: "Hier ist Batista! Seid ihr auf unserer Seite?" Die Wache zögerte keinen Augenblick, sich der Revolte anzuschließen.
Binnen einer Stunde hatte man die regimefreundlichen Stabsoffiziere in ihren Betten überrumpelt und festgenommen. Dann ließ Batista die Mannschaften wecken und rüttelte sie mit einer markigen Ansprache auf: "Wir sind das Gesetz!" Ihrer Treue versicherte er sich durch das älteste militärische Erfolgsrezept: Er verdoppelte ihren Sold.
Batista ließ seine Landsleute keine Stunde lang darüber im Zweifel, daß er den pseudo-demokratischen Tingeltangel verschrotten und diesmal als Diktator regieren wolle. Eine seiner ersten Amtshandlungen war das Verbot der kommunistischen Partei, die er einst selbst hatte installieren helfen.
Washington leistete den Offenbarungseid über den "Bankrott politischer Ideen" ("New Republic"), zu dem es durch Batista gezwungen wurde. Es hatte der Absicht Batistas, das innere Leben Kubas mit dessen unbewältigter Problematik antikommunistisch zu sterilisieren und für die Dauer des Ost-West-Konfliktes auf Eis zu legen, nichts Nennenswertes mehr entgegenzusetzen und bot ihm also Unterstützung und Freundschaft an.
Gerade in dem Augenblick freilich, da es für den Diktator wie für Washington nur noch darum ging, Ruhe, Ordnung und Status quo aufrechtzuerhalten, gerieten Ruhe, Ordnung und Status quo schwerer in Gefahr als je zuvor. An Stelle des Tiefkühlschlafs entstand auf Kuba "der erste echte Maquis nach Art der Untergrundbewegungen im Zweiten Weltkrieg, der in der amerikanischen Hemisphäre organisiert wurde", wie "New Yorker"-Korrespondent Norman Lewis feststellte.
Die Aufstandsbewegung, die ein lateinamerikanischer Freischärler entfesseln wollte, begann zunächst auf die gewohnte Art mit einer der wirrköpfigen Attacken, mit denen kubanische Studenten seit einem Jahrhundert immer wieder gegen das Gitter anrennen, das sie von der angebeteten Thusnelda "Freiheit" trennt. Eine Handvoll Rebellen stürmte am 26. Juli 1953 gegen die Militärkaserne von Santiago de Cuba. Ihr Anführer war Fidel Castro, ein damals fünfundzwanzigjähriger Rechtsanwalt, großgewachsen, schwarzhaarig, bester spanischer Abstammung.
Im Gegensatz zu Fulgencio Batista, der von seinen Eltern als Hemdloser in die Welt geschickt wurde, stammt Castro aus einer begüterten Familie. Sein Vater war ein reicher Zuckerpflanzer in Mayari (Provinz Oriente), der seinem Sohn, als er 1957 starb, rund 300 000 Mark hinterließ. Fidelito besuchte mehrere Jesuiten-Schulen und studierte ab 1945 in Habana Rechts- und Verwaltungswissenschaften.
Im Sommer 1947 beteiligte er sich an einem - erfolglosen - Aufstand gegen die Diktatur in der Dominikanischen Republik. Vater Castro war über die umstürzlerischen Ambitionen seines Sohnes derart empört, daß er ihm kurzerhand den Monatswechsel strich und das Haus verbot. Student Fidelito freilich änderte seinen aufsässigen Lebensstil nicht: Er geriet noch oft mit der Polizei in Konflikt, bevor er 1950 zum Doktor der Rechte promovierte.
Als Rechtsanwalt in Habana machte sich der damals knapp 23jährige Dr. Castro bald einen fast legendären Namen, indem er - nach seinen Worten - gern als "Verteidiger der Armen und Unterdrückten" auftrat, denen er grundsätzlich kein Honorar abforderte. 1952 glaubte er prominent genug zu sein, um für einen Parlamentssitz kandidieren zu können. Doch just in jenem Jahr riß Fulgencio Batista zum zweitenmal die Macht an sich, und die Wahlen wurden abgeblasen. Rechtsanwalt Castro stieß wieder zu seinen rebellischen Kommilitonen von früher und führte sie schließlich zum Handstreich auf die Kaserne von Santiago.
Sein verlorener Haufen wurde zusammengeschossen. Castro entkam zunächst, wurde gejagt und begegnete keinem geringeren als dem Erzbischof von Santiago, der in einem Auto des Weges kam. Der geistliche Herr übergab den Rebellen persönlich der Polizei, nachdem er sich feierlich hatte zusichern lassen, daß Castro vor ein ordentliches Gericht und nicht kurzerhand an die Wand gestellt werde.
Fidel Castro bekam fünfzehn Jahre Zuchthaus zudiktiert, wurde jedoch kurz darauf von Batista begnadigt. Es war die letzte großmütige Geste des Diktators. Er hatte gehofft, Castro werde - einmal über die Jugendtorheiten hinaus - ein nützlicher Bürger und Opportunist werden und so anderen Heißspornen ein dämpfendes Beispiel geben. Der Diktator irrte. Castro ging nach Mexiko und kehrte im Dezember 1956 mit 81 Getreuen, die er für den Guerilla-Krieg ausgebildet hatte, nach Kuba zurück.
Nach dem Landeunternehmen, das nur zwölf der 82 Männer überlebten, ließ Batista den Rebellen Castro für tot erklären. Doch schon ein halbes Jahr später mußte der Diktator einen großen Teil seiner 30 000-Mann-Armee in die Ostprovinz der Insel schicken. Junge fanatische Kubaner hatten sich unter Castros Führung zu einer Partisanenarmee von fast zweitausend Mann zusammengerottet. In kleinen Gruppen, beständig in Bewegung, entrissen sie dem Diktator mit verwegenen Überfällen und Sabotageakten die Herrschaft über weite Gebiete der Provinz Oriente.
Zugleich bildeten sich Untergrundgruppen in den Städten bis hinüber nach Westen, nach Habana. Unbeachtet von der Welt und mit der Bravour einer von Weltkriegen verschonten Generation nahm "die Jugend zusammen mit den besten Elementen des Volkes" ("New York Times") einen erbarmungslosen Kampf gegen Batista auf.
Was Fulgencio Batista, der ursprünglich als Sozialreformer begonnen hatte, ihnen entgegensetzte, war die perfideste Machtmaschine westlich des Eisernen Vorhangs, eine monströse Kombination aus Gestapo, Gangstersyndikat und Betriebskampfgruppe, durch die der Diktator seine persönliche Herrschaft so eng mit dem alten Wirtschaftssystem verschmolz, daß nur noch ein totaler Umsturz - oder gar keiner - möglich erschien.
Für Batista hing alles davon ab, die für ihn strategisch günstige Geographie der schmalen Insel auszunutzen und deren westlichen Teil mit der Hauptstadt Habana gegen die Rebellion abzuriegeln. In der Gewißheit, daß sich das Volk von Habana zweimal überlegen werde, ob es den Generalstreik-Aufrufen der Fidelisten folgen soll, machte er die Hauptstadt zu einem von Touristen-Dollars ausgehaltenen Freudenhaus, mit dem Terror als Zuhälter.
Batista organisierte die Einheitsgewerkschaft CTC zu einer Faust-im-Nacken-Gang, die sämtliche Arbeitsmöglichkeiten kontrollierte. Besserbezahlte Jobs waren nur durch streikbrechende Ergebenheit gegenüber den Batista-hörigen CTC-Bossen zu erlangen. Bürger mit öffentlichem Einfluß, Kaufleute und Friseure, wurden als Agenten und Spitzel gedungen..
Die traditionellen Peso-Quellen - obschon ergänzt durch das von den Polizisten gegen Gewinnbeteiligung betriebene Lotteriegeschäft und den Importschmuggel, den die Armee in ihren Transportmaschinen abwickelte - versagten freilich vor dem Millionenbedarf dieses Spitzel-Apparats. Ein Mann namens Meyer Lansky half dem Diktator aus der Verlegenheit, an der er leicht hätte scheitern können. Meyer Lansky zog den rettenden Touristen- und Glücksspiel-Boom in Habana auf. Kein Kubaner war darüber verwundert, daß Meyer Lansky einst vom Washingtoner Kongreß als "einer der sechs mächtigsten Gangster der US-Unterwelt" und Finanzier des notorischen "Murder Incorporated"-Rings gekennzeichnet worden war.
Der Diktator stutzte die kubanischen Gesetze so zurecht, daß sie die Eröffnung eines legalen Kasinos in jedem Etablissement Hotel oder Nachtklub-gestatteten, das mehr als eine Million Dollar wert war. Er bot großzügige Regierungsdarlehen für Hotel-Kasino-Projekte und gewährte neuen Spielsälen Körperschaftssteuerfreiheit für zehn Jahre. Er strich die Importzölle für Hotel-Baumaterial und Spielgeräte. Batistas Arbeitsminister - dessen Bruder sich einen fetten Anteil an einer Spielhölle sicherte - erklärte amerikanische Croupiers und Kartenmischer zuvorkommend zu "Technikern", denen eine zweijährige steuerfreie Arbeitserlaubnis in Kuba zusteht.
Zehn Spielbanken umfaßte das Habaneser Glücksspiel-Imperium, das Batista, Lansky & Co. im Rekordtempo etablierten und das in der vergangenen Woche, von den neuen Herren Kubas zerschlagen wurde. Bisher hat noch kein Außenstehender zu erraten gewagt, wie hoch Batistas Ertrag aus der riesigen Bargeld-Zentrifuge gewesen ist, die den US-Touristen magisch anzog, sobald er die Insel betrat. Eine Kasino-Lizenz soll unter der Hand mindestens 250 000 Dollar gekostet haben.
Geld, Entschlossenheit und die 30 000-Mann-Armee Batistas vermochten freilich die Rebellen in der Provinz nicht niederzuringen "Die Soldaten Batistas glauben nicht an die Gerechtigkeit ihrer Arbeit". sagte Castro. "Sie sind nicht bereit, für 35 Dollar im Monat zu sterben." In der Tat zeigte sich, daß viele Offiziere und Soldaten der Regierungsarmee zu dem nicht enden wollenden Dschungelkrieg immer weniger Neigung verspürten: Statt den Kampf mit den Rebellen zu suchen, gingen sie ihm aus dem Wege.
Im April vergangenen Jahres hielt Fidel Castro dann den Zeitpunkt für gekommen, die Rebellion durch einen Aufruf zum Generalstreik auch in die Hauptstadt Habana zu tragen. Aber Diktator Batista hatte sich rechtzeitig mit drakonischen Verordnungen abgeschirmt: Entlassung aller Streikenden Gefängnisstrafen für Ladenbesitzer, die ihr Geschäft schließen, und Straffreiheit für alle Bürger, die einen Streikenden, erschießen. Seine Betriebskampfgruppen bewaffnete er mit 3500 Gewehren, die er von seinem Nachbardiktator in der Dominikanischen Republik, Rafael Trujillo, bezogen hatte.
Castros Generalstreik brach zusammen. Verlorene Rebellenhaufen, die strategische Punkte der Hauptstadt zu stürmen versuchten, verbluteten im Feuer der Panzerwagen Batistas. In wenigen Tagen ließen in Habana mehrere Hundert Aufständische ihr Leben.
Der Batista-Terror bewirkte, daß die jungen Männer Kubas sich nunmehr in Scharen zu den Rebellen schlugen und daß auch Soldaten und Offiziere der Regierungstruppen in steigender Zahl überliefen. Die Plantagenbesitzer der von den Aufständischen beherrschten Provinzen zahlten mehr oder minder freiwillig den ihnen auferlegten Zuckerzoll an Castro und gaben ihm dadurch die Möglichkeit moderne Waffen zu kaufen. Der einstige Rebellenhaufen wuchs sich mehr und mehr zu einer regulären Armee aus, die amerikanische Berichterstatter im vergangenen Herbst auf mindestens 10 000 Mann schätzten.
In den letzten Tagen des Jahres 1958 stellte sich Castro mit seinen Freiwilligenverbänden den Regierungstruppen erstmals in offener Feldschlacht. Da die Zuckerernte auf Kuba unmittelbar bevorstand, hatte er beschlossen, "die Taille des Landes abzuschnüren": Er setzte zur Eroberung der im Zentrum Kubas liegenden Stadt Santa Clara an, um die Insel zu halbieren und auf diese Weise alle Zuckertransporte aus den reichen Ostprovinzen zu stoppen.
Während Rebellen und Regierungstruppen sich in den Straßen Santa Claras blutige Mann-gegen-Mann-Gefechte lieferten, zogen im Süden der Insel die ersten Dschungel-Krieger in Santiago de Cuba ein. In diesem Augenblick verlor Diktator Batista die Nerven und gab auf.
"Um dem Lande weiteres Blutvergießen zu ersparen", setzte er sich zusammen mit seinem erst im November gewählten Nachfolger auf dem Präsidentenstuhl Andres Rivera Aguero, und zahlreichen politischen Gesinnungsgenossen in die Dominikanische Republik ab, wo ihn Diktator Trujillo, der schon Argentiniens Ex-Diktator Perón beherbergt, mit offenen Armen aufnahm.
Batistas überstürzte Flucht hatte zur Folge, daß Armee und Polizei schon wenige Stunden später zu den Rebellen überliefen. Das durch Terror und Korruption längst morsche Regime fiel auch an jenen Orten zusammen, die Castros Rebellen noch gar nicht zu Gesicht bekommen hatten. Nach kurzen Disputen erkannten alle politischen Gruppen der Insel den von Fidel Castro bestimmten vorläufigen Präsidenten Dr. Manuel Urrutia an.
Der Rebellenführer selbst, der nach der kubanischen Verfassung für eine Präsidentschaft noch um dreieinhalb Jahre zu jung ist, ließ sich von Urrutia zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte ernennen. Auf das Regierungsgeschäft legt er zur Zeit angeblich keinen Wert: "Aufgabe unserer Generation ist es, Revolutionen zu machen", erklärte er in einem Appell an kubanische Politiker. "Wir sind aber nicht in der Lage zu regieren. Das ist eure Aufgabe."
Gleichwohl hatte Dr. Castro es sich nicht versagt, schon während seines mexikanischen Exils für den fernen Tag seiner Machtübernahme ein Regierungsprogramm zu formulieren, dessen sozialreformerische Tendenzen zumal den Nordamerikanern beträchtliches Unbehagen bereiteten. Das Programm forderte unter anderem:
- Verstaatlichung der kubanischen Versorgungsbetriebe, die mit amerikanischem Kapital finanziert sind;
- Aufteilung der großen, zum Teil Amerikanern gehörenden Zucker- und Tabakplantagen;
- Konfiszierung aller "durch eine korrupte Regierung erworbenen Vermögen";
- "Verteilung" von 30 Prozent aller Industrieunternehmen an kubanische Arbeiter.
Vornehmlich dieses Regierungsprogramm war der Grund dafür, daß Washington lange Zeit hindurch jeden Kontakt mit den Rebellen ablehnte und sich offen auf die Seite des Diktators stellte. Als jedoch die Praktiken Batistas immer brutaler wurden und das um Helden verlegene amerikanische Publikum sich - wieder einmal - für die Sache der kubanischen Rebellen erhitzte, mußte das State Department seine Haltung revidieren: Im März vergangenen Jahres verhängte Washington ein Waffenembargo gegen den Diktator von Habana.
Es traf sich gut, daß auch Kubas Rebellenchef mittlerweile in sich gegangen war und eingesehen hatte, daß selbst ein Castro-Regime auf die Dauer nicht ohne das Wohlwollen der Amerikaner gedeihen kann. Castro wies seine Soldaten an, alle US-Bürger fortan "mit ausgesuchter Höflichkeit" zu traktieren und distanzierte sich öffentlich von den Rundfunkreden seines hitzigen Bruders Raúl, der am liebsten alle Yankees aus dem kubanischen Inselparadies austreiben möchte und den Briten vor einigen Wochen sogar "den Krieg erklärte", weil englische Firmen Batista mit Waffen versorgten.
In Washington ließ Castro durch seinen Gefolgsmann, den Diplomaten Ernesto Betancourt, überdies offiziell erklären, er beabsichtige keinesfalls, ausländisches Eigentum zu verstaatlichen oder gar zu konfiszieren. Beschwichtigte Betancourt die Amerikaner: "Castro ist doch selbst Plantagenbesitzer. Welches Interesse sollte er daran haben, irgend jemanden zu enteignen?"
Die Vereinigten Staaten, deren Außenministerium sich nach dem Sieg der kubanischen Revolution zunächst noch reserviert zeigte, haben das Castro-Regime am Mittwoch vergangener Woche anerkannt; zugleich wurde bekannt, daß Amerikas Batista-freundlicher Botschafter in Habana abberufen werden soll. Die einflußreiche "New York Times", die schon oft Entscheidungen Washingtons vorweggenommen hat, prophezeite, daß Amerika den neuen Herren auf Kuba weder seine Freundschaft noch seine Dollars versagen wird. Schrieb das Blatt nach sentimentalen Elogen auf den "Freiheits-Helden" Castro: "Kuba wird in den kommenden Monaten unsere Hilfe sehr brauchen. Sie sollte mit Großzügigkeit und Verständnis gewährt werden."
* Benannt nach dem amerikanischen Senator Thomas Platt, der 1898 für die amerikanische Intervention auf Kuba eintrat und später die US-Zuckergesellschaften der Insel organisierte.
* Später Staatssekretär im State Department; 1940 durch seine europäische Friedensmission bekanntgeworden.
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Geflohener Diktator Batista*: Dachte praktisch
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* Mit seiner zweiten Frau.

DER SPIEGEL 3/1959
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