21.01.1959

ENGLAND / SPIONAGESeid sorgfäItiger

Können Sie nicht lieber über Tarzan schreiben, anstatt Ihre Nase in solch ein stinkendes Geschäft zu stecken?" Mit diesen Worten versuchte unlängst "Gilbert", einer der undurchsichtigsten Doppel-Agenten des Zweiten Weltkrieges, die englische Schriftstellerin Jean Overton Fuller von ihrem Vorhaben abzubringen, in die Geheimnisse der Weltkriegs-Spionage einzudringen. Doch die Engländerin blieb zäh bei ihrem Plan.
Miss Fuller ist eine von drei Engländerinnen, die ihr Land darüber aufklären wollen, mit welchem Dilettantismus britische Spionage- und Sabotageapparate im Zweiten Weltkrieg gearbeitet und dabei ihre Agenten dem Feinde geopfert haben.
Der Zorn der drei Britinnen gilt einer Geheimorganisation, die Englands Kriegspremier Winston Churchill im Sommer 1940 gegründet hatte. Die "Abteilung für Sonderoperationen" (Special Operations Executive, abgekürzt SOE) sollte unabhängig neben dem offiziellen Geheimdienst auf dem deutsch-besetzten Kontinent Sabotageakte durchführen. Sie unterstand dem Minister für Wirtschaftskrieg, dem Sozialisten Hugh Dalton.
"Setzen Sie Europa in Brand!" befahl der Premier seinem sozialistischen Wirtschaftskrieger, und die Geheimagenten des Dalton überspannten Hitlers Europa mit einem Netz geheimer Widerstandsgruppen, um wie sich der Minister in seinen Memoiren ausdrückt - "Explosionen, Chaos und Revolutionen" zu inszenieren. SOE-Agenten
- trugen maßgeblich zu dem Staatsstreich der jugoslawischen Armee im Frühjahr 1941 bei, durch den der achsenfreundliche Prinzregent Paul gestürzt wurde,
- sprengten die Wehrmachtsanlagen für schweres Wasser in Norwegen, wodurch die deutschen Atombomben-Experimente entscheidend behindert wurden, und
- entführten den deutschen Oberbefehlshaber auf Kreta, General Kreipe.
Als besonders erfolgreich galt die Arbeit der SOE-Agenten im besetzten Frankreich. Die SOE organisierte und bewaffnete die antideutsche Résistance, der General Eisenhower später das Lob erteilte, sie habe den Krieg in Europa um neun Monate verkürzt. Oberst Maurice Buckmaster, früher Chef der SOE-Sektion für Frankreich, kolportierte nach dem Kriege einen angeblichen Ausspruch Hitlers: "Wenn ich nach London komme, weiß ich nicht, wen ich zuerst aufhängen soll - Churchill oder Buckmaster."
Aber schon während des Krieges erhoben prominente Briten Protest gegen die rabiaten Arbeitsmethoden der "Abteilung für Sonderoperationen". Dem erzkonservativen Außenminister Lord Halifax erschien die SOE im Grunde seines Herzens als eine Organisation, deren Existenz ein englischer Gentleman nur mißbilligen könne. "Man sollte Sie überhaupt nicht mehr konsultieren", fuhr ihn einmal der Kolonialminister Lloyd an, als Halifax die Gummisohlen-Praktiken der SOE-Männer bemäkelte. "Aus Ihnen wird niemals ein richtiger Gangster!"
Die britische Regierung sorgte jedoch dafür, daß eine derartige Kritik gegen die Helden des antihitlerischen Widerstands nicht an die Öffentlichkeit drang. Die Geheimakten des nach Kriegsschluß aufgelösten Ministeriums für Wirtschaftskrieg und damit auch der SOE verschwanden in den Tresoren des Foreign Office, das sich standhaft weigerte, interessierten Historikern Quellenmaterial über die Tätigkeit der "Abteilung für Sonderoperationen" zur Verfügung zu stellen,
Die Geheimniskrämerei der britischen Behörden konnte freilich nicht verhindern, daß Gerüchte und bruchstückhafte Informationen über manche Fehlschläge der SOE durchsickerten. So fiel allmählich auf, daß überraschend viele SOE-Agenten, die Oberst Buckmaster in Frankreich eingesetzt hatte, von der deutschen Spionage-Abwehr überwältigt worden waren. Darunter befand sich auch eine Gruppe englischer Agentinnen unter der Leitung einer gewissen Diana Rowden; die Frauen waren dem Sicherheitsdienst in die Hände gefallen und wurden im Konzentrationslager Natzweiler hingerichtet.
Ein Zufall machte jedoch die Sicherheitsvorkehrungen der englischen Regierung zunichte: Diana Rowden war in England mit der Schriftstellerin Elizabeth Nicholas befreundet gewesen, die sich bald für das Schicksal der verschollenen Agentin zu interessieren begann. Zur gleichen Zeit beschäftigte sich auch die Schriftstellerin Jean Overton Fuller mit der Lebensgeschichte einer Schulfreundin, die im Dienste des Obersten Buckmaster gestanden und dafür teuer bezahlt hatte.
Die beiden Autorinnen haben nun das Ergebnis ihrer Nachforschungen in zwei Büchern* niedergelegt, die sofort nach ihrem Erscheinen in England großes Aufsehen erregten. Die Damen Fuller und Nicholas beschuldigen nämlich die Frankreich-Sektion der SOE nicht nur krasser Unfähigkeit, sondern sprechen auch den provozierenden Verdacht aus, die Leiter der SOE hätten 122 Agenten absichtlich dem Feinde geopfert.
Da das Foreign Office den beiden Detektivinnen keinen Einblick in die SOE-Akten gewährte, waren sie gezwungen, bei jenen Briten, Franzosen und Deutschen nachzuforschen, die bereit waren, Aussagen zu machen. Auf diese Weise erfuhren Elizabeth Nicholas und Jean Fuller, daß die Operationen der SOE amateurhaft und die deutschen Abwehr-Organe den Briten "haushoch überlegen" waren.
Als Beweis für den Dilettantismus der "Abteilung für Sonderoperationen" führt Miss Fuller an, daß der Funkverkehr zwischen London und den SOE-Agenten in Frankreich nachlässig überwacht worden sei. Oberst Buckmaster habe verabredet, die in Frankreich gelandeten Agenten sollten in ihren Funksprüchen an vorher genau festgelegten Stellen orthographische Fehler einbauen.
Nachdem es nun dem deutschen Sicherheitsdienst 1943 gelungen war, das für Buckmaster sehr wichtige Agenten-Netz "Prosper" umzudrehen, nahmen die Deutschen den Funkverkehr mit London auf, ohne freilich die Verabredung zwischen Buckmaster und seinen Agenten zu kennen. Die offensichtlich falschen Funksprüche aus Frankreich forderten jedoch das SOE -Hauptquartier nur zu der gelassenen Mahnung heraus: "Ihr habt eure Sicherheitsmaßnahmen vergessen. Seid sorgfältiger."
Oberst Buckmaster schien nicht den geringsten Verdacht zu schöpfen. Obwohl er - wie seine beiden Kritikerinnen meinen auch aus anderen Gründen hätte wissen müssen, daß "Prosper" in die Hand der Deutschen gefallen war, setzte er den Funkverkehr mit der Gruppe fort, verständigte sie über die Ankunft weiterer Agenten und bewirkte so, daß die Neuen sofort bei ihrer Ankunft von einem deutschen Empfangskomitee verhaftet wurden Hinter dieser Katastrophe wittern die kritischen Damen mehr als bloße Fahrlässigkeit. "Man hat mir angedeutet", berichtet Mrs. Nicholas, "daß London doppelt bluffte. Es habe genau gewußt, daß der Sender von den Deutschen übernommen worden war, und es habe ihm eifrig irreführende Informationen übermittelt, um den Feind zu täuschen. London sei sogar - um die Deutschen davon zu überzeugen, daß es den Sender noch in englischer Hand wähne - bereit gewesen, Agenten vorsätzlich zu dem deutschen Empfangskomitee zu schicken und damit die Täuschung aufrechtzuerhalten."
In diesem Punkt differieren allerdings die beiden Autorinnen. Während Mrs. Nicholas an jene Hypothese ("Sie setzt eine grausame Skrupellosigkeit voraus, zu der Engländer selbst im Kriege unfähig sind") nicht recht glauben will, erscheint sie der Jean Overton Fuller keineswegs so unwahrscheinlich. Eine Fahndung in Paris hatte Miss Fuller in dem Glauben bestärkt, daß "Prosper" einer schier unvorstellbaren Intrige zum Opfer gefallen war.
Miss Fuller war einem Mann auf die Spur gekommen, der in dem Verdacht stand, das Agenten-Netz "Prosper" an den Sicherheitsdienst verraten zu haben. Der Mann war ein Doppel - Agent gewesen; als "Gilbert" hatte er für den britischen Geheimdienst gearbeitet, dagegen unter dem Decknamen "Boe 48" Nebendienste für den Pariser Gestapo-Chef, SS-Sturmbannführer Karl Boemelburg, verrichtet.
Der detektivischen Engländerin gelang es schließlich, "Gilbert" - seinen richtigen Namen gibt Miss Fuller nicht preis - in Paris aufzustöbern. "Gilbert" gab zu, im Zweiten Weltkrieg sowohl für die Deutschen als für die Briten gearbeitet zu haben. Er gestand sogar mit geheimnisvollen Wendungen, in der Affäre "Prosper" im höheren Auftrage Londons gehandelt zu haben.
Der höhere Auftrag, der Diana Rowden dem Krematorium von Natzweiler ausgeliefert hatte, stammte nicht - so ließ "Gilbert" durchblicken - von der "Abteilung für Sonderoperationen"; sein Auftraggeber sei vielmehr eine ganz andere Dienststelle gewesen, für die "Gilbert" ebenfalls gearbeitet hatte.
Berichtet Miss Fuller: "Wir erörterten die Möglichkeit, daß in London entschieden worden war, die ganze Sache (Prosper) abzuschreiben und sie nur zum Schein fortzuführen, um auf diese Weise eine andere englische Organisation in Frankreich zu schützen, die auf seriöserer Grundlage aufgebaut war." Wer diese "andere Organisation" war, deutet Miss Fuller vorsichtig an: Es waren die "Regulären", der offizielle britische Geheimdienst MI (Military Intelligence).
Mit anderen Worten: Das englische Kriegsministerium, das Winston Churchill 1940 bei der Gründung der Amateur-Organisation SOE ignorierte, habe sich bitter gerächt und die ahnungslosen SOE-Agenten aufgeopfert, um die Aufmerksamkeit der deutschen Abwehr vom Military Intelligence abzulenken. "Gilbert glaubte aufrichtig", erklärt Miss Fuller, "daß von London ein strategisches Opfer geplant gewesen war." Es kostete 122 Menschen das Leben.
Kaum waren die Enthüllungs-Bücher der beiden Frauen erschienen, da reagierte die englische Öffentlichkeit mit Entrüstung und Erstaunen. "Eindrucksvolle Anklage gegen die Leitung der SOE", fand der konservative "Daily Telegraph", während die superpatriotische "Times Literary Supplement" ärgerlich dozierte: "Gewöhnlich werfen nur Leute Dreck, die mehr über ihr Thema wissen als die Verfasserinnen dieser beiden Bücher." Und Oberst außer Dienst Buckmaster brummte: "Das sind monströse Denunziationen."
Die Erregung in der Öffentlichkeit war so groß, daß die konservative Abgeordnete Irene Ward, ebenfalls Freundin einer verschollenen Buckmaster-Agentin, die Angelegenheit vor das Unterhaus brachte. Ihrer Interpellation war in den letzten Dezembertagen des vergangenen Jahres ein beachtlicher Erfolg beschieden: Das Foreign Office mußte sich zum erstenmal zu dem Zugeständnis durchquälen, es werde einem "Forscher von Rang" die Geheimakten der SOE zugänglich machen.
* Jean Overton Fuller: "Double Webst; Verlag Putnam, London; 256 Seiten; 15 Shilling. - Elizabeth Nicholas: "Death Be Not Proud"; Cresset Press, London; 294 Seiten; 21 Shilling.
Sabotage-Oberst Buckmaster
"Aus Ihnen wird niemals...
Hingerichtete Agentin Diana Rowden
... ein richtiger Gangster"

DER SPIEGEL 4/1959
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