25.02.1959

BELGIEN / KOHLENKRISEDas Ende der Schonzeit

Seit in den belgischen Kohlenrevieren die Gendarmerie mit Panzerwagen patrouilliert und streikende Bergleute Bahngeleise aufreißen und umgekippte Kohlenloren über die Straßen legen, haben westeuropäische Zechenleute ein lehrreiches Beispiel dafür vor Augen, was eine schludrige Kohlenpolitik anrichten kann.
Der belgische Streik, der inzwischen die gesamte Wirtschaft des Landes und die Existenz seiner Regierung gefährdete, hat sich Freitag, den 13. Februar, an einem vergleichsweise harmlosen Vorgang entzündet.
Der Nationale Kohlenrat, in dem Regierung, Unternehmer, Gewerkschaften und Verbraucher vertreten sind, hatte am 9. Februar die Stillegung von zehn Zechen des südbelgischen Reviers Borinage empfohlen, die sich über zwei Jahre hinziehen soll. Die Belegschaften, zusammen 6500 Mann, will man in andere Zechen oder geeignete Arbeitsplätze überführen.
Sofort bildete sich daraufhin in der Borinage eine "Action Commune" (Gemeinsame, Aktion), die alle Bergleute zum wilden Streik aufrief. In der Action Commune führten zwar die Sozialisten das Wort, aber es machte auch die Masse jener kleinen Geschäftsleute mit, die von den Lohntüten der Kumpel leben. Sie schlossen ihre Läden, Lokale, Werkstätten und selbst die Kinos und gaben so der Aktion das Aussehen eines Generalstreiks. Zwei Tage später hatte der Ausstand das benachbarte Revier von La Louvière erfaßt, am letzten Wochenende ruhte fast der gesamte belgische Bergbau.
Sogleich begannen Politiker, Gewerkschaften und Zechenunternehmer, sich gegenseitig die Schuld an der prekären Situation zuzuschieben. Dabei kam der Schwarze Freitag der Borinage keineswegs so unerwartet, wie es die allgemeine Aufregung erscheinen läßt.
Die fünf belgischen Kohlenreviere, die mit Ausnahme des Gebietes Kempenland alle mit schlechten Abbauverhältnissen zu kämpfen haben und überdies vorwiegend wenig gefragte Magerkohle fördern, können nicht mit den deutschen und französischen Abbaugebieten konkurrieren. Sie haben die höchsten Gestehungskosten der Montan-Union und müssen deshalb ihre Magerkohle für 143 Mark je Tonne verkaufen, während eine Tonne entsprechender Ruhrkohle 103 Mark einbringt. Die Förderkosten der Borinage wiederum halten die absolute Spitze.
Diese natürlichen Nachteile wiegen um so schwerer, als es der belgische Bergbau nicht verstanden hat, sie durch unternehmerische Phantasie auszugleichen. Die 58 ,fördernden Zechen werden von 52 verschiedenen Gesellschaften betrieben. Bei solcher Schrebergärtnerei kann es nicht verwundern, daß Anlagen zur Kohleverarbeitung - etwa Brikettfabriken oder Verkokungsöfen - fast völlig fehlen, obwohl sie die Konkurrenzfähigkeit der schwer absetzbaren belgischen Kohle wesentlich steigern würden.
Da die belgischen Gruben auch technisch verwahrlost und vielfach geradezu lebensgefährlich sind - 262 Bergleute kamen allein bei dem Grubenbrand in Marcinelle am 8. August 1956 ums Leben -, haben sich die Einheimischen mehr und mehr aus dem Bergbau zurückgezogen. So kommt es, daß von- den 6500 Entlassungs-Aspiranten der Borinage nur etwa 30 Prozent Belgier sind, der Rest Italiener, Griechen, Jugoslawen, Spanier. Ihre Arbeitserlaubnis gilt nur für die Zechen, so daß sie jeden neuen Schwächeanfall des belgischen Bergbaus als unmittelbare Existenzbedrohung empfinden. Die Plakate in italienischer Sprache, die bei den Protestmärschen der Streikenden überwogen, zeigten nur zu deutlich, woher die Revolutionsstimmung kommt.
Angesichts dieser chronischen Leiden hat die Montan-Union dem belgischen? Partner von Anfang an ein Ausnahmerecht zugebilligt, dessen Hauptziel es war, eine Sanierung zu ermöglichen. Dem deutschen und holländischen Bergbau übertrug man die zweifelhafte Ehre, durch Hilfszahlungen das Rettungswerk der Belgier mitzufinanzieren. Die Umlage wurde mittels
einer Belastung von zunächst 55 Pfennig, später 15,25 Pfennig je Tonne Ruhr- und Hollandkohle erhoben. Aus deutschen Kassen strömten bis heute rund 200 Millionen Mark in die belgische Misere. Alles in allem erhielt der Bergbau seit 1945 vier Milliarden Mark, ohne daß sich etwas änderte.
Wo die Gelder geblieben sind, wollen die Sozialisten jetzt mit Hilfe einer -Großen Anfrage im Parlament klären. Fest steht jedenfalls, daß auch unter der früheren sozialistischen Regierung van Acker - seit dem vorigen Herbst regiert eine christlichliberale Koalition - nichts für die Rationalisierung getan worden ist.
"Die mangelnde Kontrolle erleichterte jede Art von Hochstapelei, und die Subsidien waren eine Art unverdiente Rente (für die Unternehmer)", klagte vergangene Woche ein belgischer Sozialist im Pressedienst der deutschen Sozialdemokraten. Der Präsident der Hohen? Behörde der Montan-Union, der Belgier Finet, ebenfalls Sozialist, bedauerte schon 1956 nach der Katastrophe von Marcinelle, daß er kein "Regiment Ardennen-Jäger" zur Verfügung habe, mit dem er seine renitenten Landsleute zur Einsicht bringen könne.
In der Tat ist das Verschleppen der belgischen Sanierung ein wenig ruhmreiches Kapitel für die Montan-Europäer in Luxemburg. Es beweist ihre Unfähigkeit, notwendige Maßnahmen durchzusetzen und Krisen zu verhindern, also gerade das zu tun, wofür sie eigentlich da sind.
Daß nun die bisher verabsäumten Maßnahmen zu spät und zu abrupt doch noch ergriffen werden, hat seinen Grund in einer Torschlußpanik der Betroffenen. Die "unverdienten Renten" aus der Tasche des Ruhrbergbaus sind nämlich am 10. Februar vergangenen Jahres versiegt, an dem Tag, der vertraglich als Ende der Schonzeit für die belgischen Zechen festgesetzt war. Seitdem ist das Gefühl" daß nun etwas geschehen müsse, noch durch die allgenleine Kohlenkrise angefacht worden, die den kranken belgischen Bergbau naturgemäß besonders hart getroffen hat.
Mit fast sieben Millionen Tonnen Kohle häuft sich schön ein Viertel der belgischen
Jahresproduktion um die Fördertürme auf, womit der deutsche Haldenbestand im Verhältnis um das Zweieinhalbfache und der französische um das Doppelte übertroffen wird. Wenn man die Produktion nicht einschneidend drosselt, werden bis zum Jahresende weitere sieben Millionen Tonnen aufgekippt sein. Die Zahl der Feierschichten hat im letzten Jahr mit 20 pro Mann ebenfalls die deutschen Schwierigkeiten - sechs Feierschichten je Mann - weit in den Schatten gestellt. Für das laufende Jahr erwartet man ein Steigen der Feierschichten auf 52 für jeden Bergmann.
Die politische Begleitmusik aus Brüssel klingt denn auch ominös genug. Die Regierung Eyskens hat einen Hilferuf nach Luxemburg gesandt und fordert die Verkündung des Notstandes nach Artikel 58 des Montan-Union-Vertrages. Das würde eine Abriegelung aller sechs Länder der Union von fremden Kohlenimporten und ein straffes System von begrenzten Förderquoten für den ganzen westeuropäischen Bergbau bedeuten.
Einem solchen Superkartell möchten die aufgescheuchten belgischen Gewerkschaften - christliche und sozialistische in schöner Eintracht - gleich die Verstaatlichung zur Seite stellen. Noch nie waren, ihre Erfolgschancen so groß wie heute.
Gendarmen und Wasserwerfer gegen Streikende: "Leider keine Ardennen-Jäger"

DER SPIEGEL 9/1959
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 9/1959
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BELGIEN / KOHLENKRISE:
Das Ende der Schonzeit

  • Erstmalig gefilmt: Die Schildkrötenknacker
  • Europawahl: Wer wählt wen?
  • Fridays for Future goes global: Studenten unterstützen Schüler
  • Video zu Therea Mays Rückzug: Die Premierministerin, die aus der Reihe tanzte