18.03.1959

„SIEGT MAL SCHÖN“

THEODOR HEUSS, 75, meditierte bei einer Rede, die er vor Offizieren und Offiziersaspiranten in der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg-Blankenese hielt, über die tiefere Bedeutung eines in der Presse vielzitierten Ausspruchs, mit dem er als Manövergast im Herbst 1958 die Grenadiere der Bundeswehr zur Feldübung animiert hatte:
"Es ist mir etwas Seltsames passiert: Beim Abschied von einer Soldatengruppe, mit der ich mich in Fragen und Antworten gut unterhalten hatte, sagte ich fröhlich: Nun siegt mal schon. Wuppdich, ein Pressemann ist in der Nähe, und als berufsmäßiger, wenn freilich unbewußter Großlieferant von goldenen Worten, der ich nun einmal bin, fand ich das in den Zeitungen und stand nun selber vor einem eigentümlichen Phänomen: Bist Du mit diesem Wort nun, das zum Siegen ermuntert, ein Militarist geworden oder bist Du ein scherzender Ironiker geblieben, der die ganze Sache nicht recht ernst nimmt? Ich habe, da ich von derlei nicht sehr viel halte, keine Demoskopie veranstaltet, wie diese lockere Bemerkung bei der hohen Generalität, wie sie bei der Truppe angekommen ist ... Aber ich habe darüber nachgedacht, was es eigentlich mit diesem Nun-siegt-mal-schön auf sich haben könnte, und diese Nebenher-Bemerkung, in einer heiteren Laune gesprochen, zeigt mir doch, daß das Wesentliche darin aufgeklungen ist, ganz unbewußt, nämlich: Der Siegeswille steckt im Element des Soldatischen, zumal in Schlachten und Kämpfen, die die Chance haben, in die Geschichte einzugehen, und wovon vielleicht die Enkel noch erzählen werden, daß ihr Großvater dabei gewesen ist - und eine Voraussetzung jener Chance, daß sie in die Geschichte eingehen, ist dies, daß es dem Soldaten gelingt, den Sieg über sich selber zu gewinnen. Auch in den Strapazen eines Manövers, wie ich das sah bei einer Truppe, die einen harten Nachtmarsch hinter sich gehabt hat, über Müdigkeit und Hunger hinweg, im Ernstfall über Ängste und Unsicherheiten, wo die Bezugnahme auf den Feldwebel oder den Hauptmann oder den Major oder gar den Obersten technisch und moralisch versagt. Aber mit dieser Bemerkung verirre ich mich vielleicht in Situationen, die im technifizierten Krieg Heldenlegenden für fragwürdige Schulbücher liefern."

DER SPIEGEL 12/1959
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