25.03.1959

GEHEIMDIENSTEDer Killer

Am 28. September 1956 krepierte in den Geschäftsräumen des Hamburger Waffenhändlers Schlüter eine Bombe und verwandelte ein halbes Stockwerk zu Schutt.
Am 3. Juni 1957 krepierte unter dem Auto desselben Waffenhändlers eine Bombe und tötete Schlüters Mutter.
Am 1. Oktober 1958 krepierte eine Haftladung am Rumpf des im Hamburger Hafen liegenden Schiffes "Atlas" und setzte das Schiff auf Grund.
Am 5. November 1958 wurde in Bonn der Algerier Ait Ahcene aus einem fahrenden Auto mit Maschinen-Pistolen zusammengeschossen.
Am 3. März 1959 krepierte in Frankfurt eine Haftladung unter dem Wagen des Waffenhändlers Georg Puchert alias Captain Morris, tötete Morris und zertrümmerte alle Glasscheiben im Umkreis von 70 Metern.
Keines dieser fünf Gewaltverbrechen, die nur dank glücklicher Zufälle nicht mehr als zwei Todesopfer forderten, ist bisher von der bundesdeutschen Kriminalpolizei aufgeklärt worden. Freilich kann man den Kriminalisten ihre Erfolglosigkeit in diesen Fällen kaum vorwerfen: Sie haben es bei diesen Bombenlegern und Pistolenschützen nicht mit ordinären Verbrechern zu tun, sondern mit Funktionären, die sich der Sympathie, des Schutzes und der Hilfe von Behörden und Institutionen eines der Bundesrepublik verbündeten Staates erfreuen: Frankreichs.
Wie Frankreich selbst ist auch die Bundesrepublik zu einer Art Nebenschauplatz des schmutzigen Krieges in Algerien geworden, auf dem Organisationen der radikalen Algerien-Franzosen, unterstützt von Beamten der Sureté und anderer staatlicher Einrichtungen der République Francaise, ungehemmt Bombenattentate und Feuerüberfälle inszenieren, als gelte in Hamburg, Frankfurt und Bonn für sie ebenso nur nacktes Faustrecht wie in den Eingeborenenvierteln von Algier, Oran und Constantine.
Die Kriminalschmöker-Methoden, deren sich die Bombenleger des Nato-Verbündeten mit Erfolg und bislang ungehindert in der Bundesrepublik bedienen, werden besonders deutlich am Fall des Georg Puchert, der von Tanger quer durch Europa bis nach Frankfurt gejagt und dort mittels einer Haftladung aus dieser Welt entfernt wurde.
Georg Puchert, ein Baltendeutscher, bei seinem Tode 43 Jahre alt, hatte im Krieg der Kriegsmarine gedient und dabei seine Liebe zum Meer und zu den Hafen-Nixen entdeckt. 1945 strandete er in Hamburg.
Nachdem die Währungsreform seinen Plänen, ein hanseatisches Speditionsgeschäft aufzubauen, Einhalt geboten hatte, versilberte er sein gesamtes Hab und Gut, kaufte sich einen seetüchtigen Kutter und segelte mit Frau und siebenjähriger Tochter gen Süden. Eines Tages gingen die drei in Tanger vor Anker. Georg Puchert versuchte dort zunächst, sich seine Erfahrungen im Hamburger Speditionsgewerbe nutzbar zu machen, doch als Deutsche wurden die Pucherts ausgewiesen.
So lebte die Familie Puchert drei Jahre lang in dem kleinen Kutter auf der Reede von Tanger ohne feste Wohnung. Man ernährte sich von Zigarettenschmuggel, bis Frau Puchert auf den Einfall kam, die Staatsangehörigkeit zu wechseln. Als gebürtige Engländerin beschaffte sie aus London Pässe, mit denen die Familie endlich an Land gehen konnte. Man fand eine hübsche Wohnung und war endlich nach langer Odyssee dabei, ein bürgerliches Leben aufzubauen, als der Krieg in Algerien begann.
Von den ersten Tagen der algerischen Rebellion an, im November 1954, bis zu seinem Tode in Frankfurt am 3. März 1959 hat Georg Puchert mit den algerischen Rebellen zusammengearbeitet, teils aus echter Sympathie für die Freiheitskämpfer, teils aus verständlichen Revanchegelüsten gegenüber jenen Franzosen, die seine Familie zu dreijährigem Zwangsaufenthalt auf dem Kutter verurteilt hatten.
Er organisierte für die wachsende Rebellenarmee den Nachschub an Proviant, Ausrüstung, Waffen und Munition, zunächst nur als Spediteur, dann als Mittelsmann in Tanger und schließlich, als, die Franzosen ihm seine zwei Schmuggel-Kutter, die er inzwischen erworben hatte, an einem Tage in die Luft sprengten, seit Mai 1958 als beauftragter Aufkäufer der algerischen Rebellen in Westeuropa.
In jener Zeit zog sich Puchert unter dem Decknamen "Captain Morris" neben den Sympathien der Algerier und Marokkaner auch den tödlichen Haß einer Gruppe von kolonialfranzösischen Aktivisten zu, die als Geheimorganisation "Rote Hand" die Preisgabe der nordafrikanischen Besitzungen Frankreichs zu verzögern trachten.
Die Rote Hand, auf deren Konto mehr als ein Dutzend spektakulärer Anschläge kommen, hat ihre eigenen Methoden entwickelt: Sie sucht ihre Opfer nach dem Maßstab der größten Abschreckungs- und Propagandawirkung aus, beobachtet sie sorgsam und versucht dann zunächst einmal, sie einzuschüchtern und "umzudrehen".
Nach diesem Schema wurde auch bei Georg Puchert verfahren. Der vorletzte Akt des Dramas - einschüchtern und umdrehen - begann an einem Abend im Advent, bald nachdem Captain Morris in Begleitung einer Dame, die er einem seiner Geschäftsfreunde ausgespannt hatte, dessen Wohnung in der Frankfurter Lindenstraße zu einem vorweihnachtlichen Schaufensterbummel verließ.
Captain Morris war noch nicht weit gegangen, als zwei Gestalten aus dem Schatten eines Hauseingangs glitten. Sekunden später spürte er die kalte Schnauze eines Colts im Genick, doch Morris, der mit Maschinenpistolen handelte wie andere Leute mit Lutschbonbons, war solchen Situationen durchaus gewachsen. "Geh' schon vor, ich komme gleich nach", flüsterte er der Dame im Natur-Persianer zu, die gehorsam und ohne den geringsten Argwohn seinem Wunsch folgte.
Vor Morris hatte sich inzwischen ein mittelgroßer, vierschrötiger Mann aufgebaut und sich ihm als "Pedro" vorgestellt. Über sein Gesicht zog sich vom rechten Jochbein bis fast zum Mundwinkel eine deutlich erkennbare Messernarbe.
Dieser Pedro erklärt, während Morris immer noch zwischen Hemdkragen und Haaransatz den Colt des anderen spürt, den Zweck des Stelldicheins. Es soll eine letzte Warnung sein: Wenn Morris nicht bereit sei, seine Waffeneinkäufe einzustellen, dann werde es ihm genau so gehen wie dem Hamburger Waffenhändler Otto Schlüter, der zu den Lieferanten des Captain Morris zählte.
Morris fragt, was ihm geboten werde, falls er seine Geschäfte mit den Freialgeriern einstelle. Der andere wird gesprächig. Er verspricht dem Morris das Blaue vom Himmel: viel Geld, Ersatz für die verlorenen Schiffe, die der französische Geheimdienst ihm 1957 in die Luft sprengte, Ersatz für den kommenden Verdienstausfall und Schutz vor der möglichen Rache der Nordafrikaner.
Morris spürt immer noch den Druck im Genick und geht auf das Angebot ein. Der Mann in seinem Nacken läßt die Pistole sinken. Morris reibt sich den Hals. Man verabredet ein zweites Treffen für den Dienstag der darauffolgenden Woche. Puchert-Morris war noch einmal davongekommen.
Am nächsten Tag, Sonntag, dem 7. Dezember 1958, fuhr Puchert nach Bonn, um seine algerischen Freunde zu unterrichten und um Schutz zu bitten. Als er am folgenden Dienstagabend wieder auf dem Frankfurter Hauptbahnhof eintraf, warteten dort bereits Pedro und dessen Revolvermann.
Es gelang ihm abermals, die beiden zu vertrösten, doch Pedros Anrufe in der Lindenstraße mehrten sich. Die Drohungen wurden dringlicher und massiver. Einmal deutete Pedro an, daß auch Pucherts siebzehnjährige Tochter Marina, die in Tanger zurückgeblieben war, gefährdet sei. Puchert kabelte nach Tanger und bat Tochter Marina, sofort nach Frankfurt zu kommen. Ende Januar traf das Mädchen auf dem Flughafen der Mainmetropole ein.
Etwa vier Wochen nach jenem Frankfurter Adventsabend saßen zu Bonn in der Fürstenstraße 4, in der Bar "Igel", einige grell-elegant gekleidete Gestalten eng um einen Tisch geschart. Einer war der Frankfurter Pedro.
Die Tischrunde tuschelte leise in französischer Sprache und lachte dröhnend. Plötzlich verstummte sie: Ein neuer Gast hatte in Begleitung einer Dame das Lokal betreten - Puchert, der zufällig die Bar aufgesucht hatte, um sich nach Geschäftsverhandlurgen im Godesberger Hotel Dreesen noch zu erfrischen. Pedro und Puchert nickten einander zu.
Die Ganoven am Tisch gegenüber verspürten beim Anblick des neuen Gastes das dringende Bedürfnis zu zahlen und zu gehen. Puchert zog ein Stück Papier aus der Tasche und reichte es seiner Begleiterin. Auf dem Zettel standen Namen. "Das ist die Abschußliste jener Jungen", erklärte Puchert seiner Freundin. An der Spitze der Liste stand "Captain Morris", dann folgten die Namen zweier Godesberger Vertreter einer belgischen Waffenfirma, Muermann und Seidenschnur, und ein Münchner Waffenhändler namens Bodirsky. Vier Wochen später erhielt diese Liste eine makabre Authentizität.
Am Morgen des 3. März, um 9.12 Uhr, stieg Puchert in der Guiollettstraße im Frankfurter Westend in seinen dort geparkten sandgrauen Mercedes 190 mit der Zollnummer 140 Z 32 - 74. Der Wagen hatte die ganze Nacht über an dieser Stelle gestanden, fünf Minuten Fußweg von Pucherts Wohnung in der Lindenstraße entfernt.
In demselben Augenblick, in dem der Motor anspringt, reißt eine Detonation den schweren Wagen auseinander. Im Umkreis von 70 Metern zerspringen die Fensterscheiben, Passanten werden zu Boden geworfen, Puchert sinkt blutüberströmt über dem Lenkrad zusammen. Sein Oberkörper drückt auf die Hupe und löst damit einen Dauerton aus, der erst verstummt, als man den tödlich Verletzten mit abgerissenem Bein und zerfetztem Unterleib vom Lenkrad zurückzieht.
Die Attentäter hatten genau unter dem Fahrersitz des Wagens eine magnetische Haftladung angeklebt und an einem kurz gespannten Draht ein Bleigewicht befestigt, das locker auf das Auspuffrohr des Wagens gelegt worden war. Beim Anlassen des Motors begann der Auspuff zu vibrieren, das Gewicht fiel herunter und löste den Zünder aus.
Für den Fall, daß der Versuch, ein Opfer "umzudrehen", mißlingt und das dadurch ausgelöste Attentat glückt, sehen die Spielregeln der Roten Hand vor, daß alle unmittelbar Beteiligten auf vorher festgelegten Fluchtwegen türmen, einige nicht Beteiligte mit hieb- und stichfestem Alibi aber zurückbleiben und dafür sorgen, daß der Anschlag auch eine möglichst große Propaganda-Wirkung erzielt: Sie haben telephonisch einige sonst noch unbekannte Einzelheiten an Polizei, Staatsanwaltschaft oder Presse zu melden, das Opfer in düstersten Farben zu schildern und zugleich neue Anschläge zu prophezeien.
So geschah es auch bei dem Anschlag auf Puchert. Noch ehe die Polizei die Identität des verstümmelten Toten festgestellt hatte, wurden die Redaktionen der Frankfurter Zeitungen von einem Mann angerufen, der ihnen den Namen des Bomben-Opfers nannte. Der anonyme Anrufer bezeichnete sich als Sprecher eines privaten Kreises, "der nicht will, daß Deutschland zum Tummelplatz für Leute vom Schlage Pucherts wird".
Dieser anonyme Anrufer, dem es anscheinend sympathischer ist, wenn die Bundesrepublik ein Tummelplatz von Bombenlegern wird, war der Diplom -Volkswirt Wolfgang Simon, Frankfurt, Mithrasstraße 12, Telephon 52 48 03. Simon selbst behauptet freilich, von den Hintergründen des Falles nichts zu wissen und nur Informationen eines ihm bekannten Nordafrikaners anonym weitergegeben zu haben. . .
Anrufe dieser Art haben bisher bei keinem der Attentate auf deutschem Boden gefehlt, den Feuerüberfall auf den Algerier Ait Ahcene in Bonn ausgenommen, der freilich auch insofern außerplanmäßig verlief, als das Opfer versehentlich mit dem Leben davonkam.
Allerdings konnte es sich damals der französische Geheimdienst-Oberst Mercier, der an dem Attentat auf Ait Ahcene mindestens mittelbar beteiligt war, nicht versagen, den nächsten Anwärtern auf Bomben und Kugeln der Roten Hand einige handfeste Drohungen zukommen zu lassen. Zu den so Gewarnten gehörten auch Puchert in Frankfurt und einer seiner Geschäftsfreunde in Stuttgart.
Puchert erlebte kurz nach dem Anschlag auf Ait Ahcene noch eine andere unangenehme Überraschung: Der Tankwart einer Bonner Garage entdeckte beim Waschen von Pucherts Wagen einen geladenen Revolver in einer Türtasche und alarmierte die Polizei, die den Puchert zu einer gründlichen Vernehmung holte.
Oberkommissar Heuchert vom 14. (politischen) Kommissariat der Bonner Kriminalpolizei kann sich entsinnen, daß Georg Puchert auf ihn einen vorzüglichen Eindruck machte, so daß er ihn bedenkenlos auf freiem Fuß beließ und auf den folgenden Montag, den 11. November, 9 Uhr,
wieder zu sich bestellte. Der erfahrene Kriminalist täuschte sich nicht: Puchert erschien pünktlich zur zweiten Vernehmung und wurde schließlich mit einer Ordnungsstrafe wegen unerlaubten Waffenbesitzes entlassen.
Puchert mußte entlassen werden, obgleich einer seiner früheren Lieferanten teils vor, teils nach dem Attentat auf Ait Ahcene an die Frankfurter Kriminalpolizei, die Bonner Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamtes und an die Bonner Marokkanische Botschaft Schreiben gerichtet hatte, in denen er detailliert über Pucherts Tätigkeit berichtete: "Georg Puchert, auch Morris genannt, wohnhaft Tanger/ Marokko, 7 rue Vermeer, verheiratet, ein Kind... beschäftigte sich im Laufe der letzten Jahre mit Tabakschmuggel von Tanger über Malta nach Italien. Er besorgte auch Waffen und Munition für die algerischen Aufständischen . . .
"Seit Ende Juli 1958 befindet sich Puchert alias Morris in Deutschland. Bis dahin war er... Waffen- und Munitionsaufkäufer für die FLN (die algerische Freiheitsarmee) in Südeuropa gewesen, von jetzt an war er dasselbe in Deutschland."
Über die Geschäftskontakte Pucherts berichtete der ehemalige Vertreter belgischer Waffenfirmen der Kripo: "Puchert . . . unterhält seit seiner Ankunft in Deutschland Beziehungen zu dem Hamburger Waffenhändler Otto Schlüter... Puchert alias Morris kauft überall, wo er Ware erhält, folgendes zu folgenden Preisen: Pistolen, 9 mm, Verkaufspreis an die FLN 40 USDollar, Munition 9 mm je 1000 Schuß 65 US-Dollar. Er hat ferner Angebote eingeholt für Phosphor-Patronen, für Signalpistolen, Sprengkapseln mit und ohne elektrische Zünder, Zündschnüre, Handgranaten aller Art und sonstiges Sprengmaterial."
Über die Abnehmer der von Puchert in der Bundesrepublik aufgekauften Mordinstrumente heißt es: "Das von Puchert... aufgekaufte Material wird abgeliefert an die in Deutschland tätige Sondergruppe der FLN, deren Chef ein Dr. Serghini, Dozent für Sprachwissenschaften... ist. Dieser fährt einen Mercedes 190 SL, graublau mit Bonner Kennzeichen, Bonner Agent dieser Gruppe ist ein... Ben Hassan, bisher ... Bonn, Endenicher Allee 30, 1. Stock . ..
Die Motive des wohlinformierten Briefeschreibers, der deutsche Behörden auf Puchert hetzen wollte, werden verständlich, wenn man in seiner ersten Mitteilung vom 10. Oktober 1958 liest: "Puchert hat angegeben, es sei ihm gelungen, eine deutsche Firma zu finden, die unter Umgehung von Zoll- und Grenzpolizei belgische Maschinenpistolen nach Deutschland bringt, zu einem Preis von 42 US-Dollar das Stück." Der Informant vertrat nämlich selbst belgische Waffeninteressen in Deutschland, konnte oder wollte aber nicht zu diesem Preis liefern.
Diese Hinweise machten auf die deutschen Sicherheitsbehörden wenigEindruck: Sie wußten, daß die meisten Geschäfte des Puchert und seiner algerischen Freunde legal durchgeführt wurden. Viel besorgter waren Polizei und Innenministerium über die rüden Methoden, mit denen die französischen Geheimdienste gegen den Waffenhandel angingen. Bei allen Attentaten waren unbeteiligte Bundesbürger aufs schwerste gefährdet worden.
So fand Anfang Januar im Bundesinnenministerium eine Aussprache zwischen Vertretern der deutschen und der französischen Sicherheitsbehörden statt. In dieser für die Franzosen peinlichen Konferenz sagten die Franzosen zu, daß künftig Attentate auf bundesdeutschem Boden unterbleiben würden. Dafür versprach man von deutscher Seite eine tatkräftige Unterstützung der französischen Bemühungen im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten.
Etwa zur gleichen Zeit brüsteten sich im Bonner "Igel" bereits die Leute der Roten Hand mit den Vorbereitungen des Anschlags auf Puchert. Zugleich wurde das Netz um Puchert und seine Freunde enger gezogen.
Im Laufe des Februar verstärkten sich die Anzeichen dafür, daß die Geduld der Gegner Pucherts zu Ende ging. Nur durch äußerste Vorsicht und raffinierte Haken und Finten konnte Puchert seine Verfolger vorübergehend abschütteln. Fast bedauerte er es, seine bildhübsche 17jährige Tochter Marina von Tanger nach Frankfurt geholt zu haben, und bemühte sich, sie nichts von der Gefahr merken zu lassen, in der er - und vielleicht auch sie - schwebten. Nur einmal verriet er seine Besorgnisse. Er bat das Mädchen, ihm eine Unterschriftsprobe zu geben: Er wollte ihr die Verfügung über seine Bankkonten ermöglichen, falls ihm etwas zustoße.
Diese Unterschriftsprobe, die sinnigerweise auf einem Prospekt für Maschinengewehre vollzogen wurde, fand später die Kripo sorgsam abgeheftet in Pucherts Akten. Auf dem gleichen Zettel hatte Puchert handschriftlich vermerkt, daß man im Falle seines gewaltsamen Todes nach zwei Männern fahnden solle, deren Aussehen und Gewohnheiten er genau beschrieb.
Am 27. Februar schließlich begann die Rote Hand die Schlinge zusammenzuziehen. Am Abend dieses Tages schrieb Puchert einen Drei-Zeilen-Brief an einen algerischen Freund. Die deutsche Übersetzung dieser Mitteilung lautet: "Bin sehr beunruhigt, werde verfolgt. Hatte eine böse Überraschung (Mercier). Muß Dich dringend sprechen."
Der Hinweis auf den aus der Schweiz in Zusammenhang mit dem Selbstmord des schweizerischen Bundesanwalts Dr. Dubois ausgewiesenen und in der Bundesrepublik durch seine Verbindung mit den Ahcene-Attentätern stark kompromittierten französischen Spezialisten der Algerier -Abwehr kann dreierlei bedeuten: Entweder hat Puchert den Obersten Mercier selbst gesehen oder sogar gesprochen oder aber Merciers Frankfurter Beauftragten, den speziell auf den Waffennachschub der Algerier angesetzten muselmanischen Jugoslawen Suliman Besic. Merciers oder Besies Verhalten könnte Puchert den Eindruck vermittelt haben, daß die Zeit für Verhandlungen mit der Gegenseite und die Gelegenheit zu neuerlicher Verzögerungstaktik vorbei war.
Es gibt aber noch eine dritte Möglichkeit. Vielleicht war Puchert wieder jenem Mann begegnet, den er schon im Januar zu mitternächtlicher Stunde im Bonner "Igel" in Pedros Begleitung gesehen und erkannt hatte: dem baumlangen kräftigen und übereleganten Jean Viari, Ex-Inspektor der französischen Geheimpolizei von Casablanca, einem der gefährlichsten Aktivisten der Roten Hand, mit einem Hang zum Alkohol und zu zweifelhaften Lokalen.
Der etwa 37 Jahre alte, fast wie ein Nordafrikaner aussehende Franzose führt den Beinamen "le tueur", "der Killer". Er wurde in den letzten Wochen in Bonn und Beuel, in Köln und Berlin, zwischendurch aber immer wieder in Frankfurt gesichtet, wo er und seine Freunde in einem Espresso-Cafe nahe der Hauptwache verkehren, einem Lokal, das als besonderen Vorzug zwei Ausgänge nach verschiedenen Seiten besitzt.
Puchert ging zu dieser Zeit nur noch schwerbewaffnet aus dem Haus; seinen Wagen stellte er allabendlich in eine verschlossene Garage. Doch am Abend des 2. März unterlief ihm ein Fehler. Er fühlte sich krank, wollte Zeit sparen und ließ deshalb ausnahmsweise seinen Wagen auf der Straße stehen, vorsichtshalber jedoch in gut fünf Minuten Entfernung von seiner Wohnung.
Dieser Leichtsinn wurde ihm zum Verhängnis. Während Georg Puchert seine Grippe zu kurieren trachtete, klebte die Rote Hand die Haftladung unter seinen Wagen.
Das Begräbnis für Georg Puchert, genannt Captain Morris, bezahlte die algerische Freiheitsarmee.
Bomben-Opfer Puchert alias Morris.
Der Tod am Auspuffrohr
Bonner "Igel-Bar": Das Narbengesicht zahlte und ging
Zerbombter Puchert-Mercedes, Puchert (zugedeckt): Noch Mord Anruf

DER SPIEGEL 13/1959
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Der Killer

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