15.04.1959

STALINGRADFrei nach Schiller

Bis Wassiljewka stießen die Panzer der
deutschen Armeegruppe Hoth vor; am 23. Dezember 1942 kämpften sie noch einen Brückenkopf über die Mischkowa frei. Doch rund fünfzig Kilometer vor dem eingekesselten Stalingrad brach der Angriff zusammen. Eine letzte Chance blieb der eingeschlossenen deutschen Armee unter ihrem Befehlshaber Paulus: Sie mußte versuchen, zur Armeegruppe Hoth durchzubrechen. Doch Paulus zauderte. Tobte Hoth: "Paulus muß sofort antreten ... Jetzt brennt's. Wir können ihn doch nicht vom Bahnsteig abholen."
Im Kessel von Stalingrad sinnierte zur gleichen Stunde der Kommandierende General des LI. Korps, Walther von Seydlitz -Kurzbach, über Paulus: "Mein Gott, warum zaudert er nur? Wir haben das Ganze doch schon einmal bei Demjansk durchexerziert."
Beide Aussprüche tönen seit der Uraufführung des deutschen Spielfilms mit dem provokanten Titel "Hunde, wollt ihr ewig leben" in der Mitte der vergangenen Woche von den deutschen Kinoleinwänden. Ihre Authentizität ist gleichwohl verbürgt. Der Drehbuch-Autor und Regisseur des Films, Frank Wisbar, 56, der vor drei Jahren aus der Hollywooder Emigration zurückkehrte und in der Bundesrepublik bereits einen Kriegsfilm ("Haie und kleine Fische") inszenierte, hat sich von Hoth und Seydlitz selbst erzählen lassen, wie ihnen damals als Stalingrad-Generälen ums Soldatenherz gewesen ist. Wisbar: "Ich war ja nicht in Stalingrad. Vom Schreibtisch aus war dieses Drehbuch nicht zu machen."
Den Plan zu seinem Stalingrad-Film, behauptet Wisbar, habe er schon an jenem 3. Februar 1943 gefaßt, an dem der Wehrmachtbericht meldete, die in Stalingrad eingeschlossene 6. Armee sei "der Übermacht des Feindes und der Ungunst der Verhältnisse erlegen". Emigrant Wisbar hörte die Botschaft in New York: "Sogar den Amerikanern stockte der Atem."
Der ehemalige ostpreußische Offizier Wisbar, der noch bis 1927 in der Reichswehr diente, sah im Stalingrad-Drama "eine übernationale Tragödie, die Tragödie eines Volkes, das seine Freiheit verliert". Noch in den Kriegsjahren habe er begonnen, ein Drehbuch über die Schlacht von Stalingrad zu schreiben, doch das Manuskript sei unvollendet geblieben.
Die Arbeiten am Stalingrad-Thema bekamen erst Anfang 1957 neuen Auftrieb, als Wisbar nach Deutschland zurückkehrte. Während er das U-Boot-Epos "Haie und kleine Fische" und den Horst Buchholz -Film "Nasser Asphalt" drehte, sammelte er mit dem Eifer eines Archivars alle Veröffentlichungen über Stalingrad, die seit Kriegsende erschienen waren. Eines Tages bekam er den Fahnenabzug eines Romans in die Hand, den ein junger österreichischer Autor, ein ehemaliger Stalingrad -Kämpfer namens Fritz Wöss*, über den Untergang der 6. Armee geschrieben hatte.
Der Titel lautete, in Anlehnung an einen Satz, den Friedrich der Große einer Anekdote zufolge in der Schlacht bei Kolin den weichenden Grenadieren zugerufen haben soll: "Hunde, wollt ihr ewig leben?" (in Wirklichkeit ist der Ausspruch des Preußenkönigs nicht verbürgt). Wisbar fand zwar, das autobiographisch verschlüsselte Buch sei nicht gut geschrieben, aber: "Da sprang mir etwas entgegen, ich hatte plötzlich den Hebel in der Hand."
Wöss schilderte im Illustrierten-Stil, doch glaubwürdig, die Erlebnisse eines Oberleutnants Wisse - so der Deckname für den Autor Wöss -, der als Verbindungsoffizier zur 20. rumänischen Infanterie -Division die Vernichtung der deutschen Stalingrad -Armee erlebt.
Regisseur Wisbar übernahm Fabel und Titel des Romans und machte sich daran, ein zumindest historisch unangreifbares Drehbuch zu verfertigen, wozu zwei weitere Autoren herangezogen wurden: Frank Dimen, der Haus-Dramaturg der Verleihfirma Deutsche Film Hansa, die den Film herausbringen wollte, und der ehemalige PK-Berichter Heinz Schröter, der selbst über Stalingrad-Erfahrungen verfügte. Er war damals aus dem Kessel herausgeflogen worden mit dem Auftrag, ein Propagandawerk über Stalingrad niederzuschreiben; nach Kriegsende veröffentlichte er ein Dokumentarbuch ("Stalingrad ... bis zur letzten Patrone") und einen Band mit Auszügen aus den letzten Feldpostbriefen, die aus Stalingrad herausgeflogen wurden.
Wisbar nahm es auf sich, mit den Generälen zu sprechen, die in seinem Film auftreten: mit
Hoth und Seydlitz, dem Generalstabschef Halder, dessen Nachfolger Zeitzler und dem General Arthur Schmidt, damals Stabschef des Armeeführers Paulus. Stabschef Schmidt, dem der Feldmarschall von Manstein attestiert, er habe versichert, die 6. Armee werde auch noch Ostern 1943 ihre Stellungen halten, versuchte als einziger, dem Regisseur die Stalingrad-Filmpläne auszureden.
Den Befehlshaber der Stalingrad-Armee hat Wisbar allerdings nicht mehr aushorchen können; Marschall Paulus ist vor zwei Jahren im Bett gestorben. Wisbar interviewte statt dessen den Sohn des
Armeeführers, der Briefe seines Vaters hervorkramte und zu den Dreharbeiten kam.
Einen Hinweis für den dramatischen Aufriß des Films, berichtete Wisbar, habe er in einer Buchhandlung in Baden-Baden bekommen. Dort habe ein junges Mädchen Schillers "Wallenstein" gekauft, und dabei sei ihm die Struktur des Films eingefallen: "Auf der einen Seite das 'Lager', nämlich die Masse der Soldaten, auf der anderen Seite die 'Piccolomini' und 'Isolani', nämlich die Generalität."
In diese beiden Gegensätze gedachte Wisbar seine Filmhandlung einzubetten. Dennoch meinte er auf eine Tendenz verzichten zu müssen: "Ich kann mir den Luxus gar nicht leisten." Der Film, in Schwarz-Weiß, sollte "dürr, hart, karg wie eine Wochenschau" werden.
Auf dem Freigelände des Göttinger Film -Ateliers ließ Wisbar eine imposante Kulisse errichten: Aus Holz, Pappe, Gips, Sackleinen und Trümmern baute der Filmarchitekt Walter Haag den Roten Platz von Stalingrad maßstabgerecht und naturgetreu nach. Eine Geländefurche, die den typischen Bodeneinschnitten in der Umgebung von Stalingrad entsprach, entdeckte er im Harz.
Unter den Studenten der Bergakademie in Clausthal-Zellerfeld rekrutierte Wisbar 200 Komparsen als Fußvolk für die Schlachtenbilder und ließ sie von altgedienten Unteroffizieren im Straßenkampf unterweisen. Einen echten Panzer und drei Feldhaubitzen beschaffte Produktionsleiter Meißner bei einer Requisitenfirma in Österreich. Einen zweiten Panzer - des russischen Typs T 34 - ließ er aus Holz und Pappe basteln.
Ursprünglich hatte Wisbar gehofft, Waffen, Geräte und Mannschaften bei der Bundeswehr ausleihen zu können. Die Verhandlungen waren auch günstig angelaufen. Wisbar legte das Drehbuch im Bundesverteidigungsministerium vor, wo beim Filmreferat ein Korvettenkapitän Krug und ein Oberstleutnant von Kaiser sich lobend über die Filmpläne äußerten. Man stellte ihm für die Außenaufnahmen sechs Panzer und 120 Mann Statisten in Aussicht wie auch die Genehmigung, auf einem Truppenübungsplatz zu filmen.
Als Wisbar zwei Wochen später erneut vorsprach, eröffnete man ihm jedoch betreten, es sei "irgendwo eine Störung eingetreten"; in jeder einzelnen Abteilung des Ministeriums sei "ein Riesenkrawall dafür und dagegen" im Gange.
Mit welchem Resultat der Krawall endete, erfuhr Wisbar Anfang Dezember durch Briefe von Franz-Josef Strauß und dessen Generalinspekteur Heusinger. Der Vierstern-General schrieb, er erkenne zwar "die korrekte Grundeinstellung und den tiefen Ernst an, mit dem Sie ... trotz des wenig schönen Titels eine glaubwürdige und wirklichkeitsnahe Gestaltung dieses besonders schwierigen Themas versucht haben".
Jedoch: "Ich stehe aber nicht an, zu bezweifeln, ob es im allgemeinen Interesse liegt, das Problem dieser größten Tragödie des deutschen Heeres erneut aufzugreifen. Wie viele Wunden mögen dadurch wieder aufgerissen werden!" Schließlich: "Nach der ganzen Anlage des Films ist damit zu rechnen, daß er wiederum und leider zu erheblichen Auseinandersetzungen in der Bevölkerung führen wird, eine Wirkung, die - wie mir gesagt wurde - durchaus in Ihrem Sinn läge."
Noch deutlicher konstatierte Franz-Josef Strauß, der behauptet, er sei selbst von November 1942 bis Mitte Januar 1943 im Gebiet von Stalingrad gewesen: "Derartige Filme liegen nicht im Interesse der Bundeswehr, da sie sich meist auf die vordergründige Darstellung von Einzelvorgängen beschränken, ohne ihnen die - vorhandenen - sittlichen Gründe für eine Verteidigungsbereitschaft gegenüberzustellen."
Die Lektüre des Drehbuchs, fuhr Strauß fort, habe wieder seine Auffassung erhärtet, "daß die Zeit für eine überzeugende Gestaltung dieses schicksalgewordenen Geschehens noch nicht reif ist. In jedem Falle bleibt Ihr Unternehmen ein Wagnis, auch und vor allem in politischer Hinsicht. Mit Sicherheit muß angenommen werden, daß es heftige Diskussionen in der Öffentlichkeit auslösen wird. Gerade deswegen aber ist eine Beteiligung der Bundeswehr ... nicht vertretbar."
Die Filmleute fügten daraufhin in die Titelzeile, die im Hinblick auf christdemokratische Empfindlichkeit in "Kerls, wollt ihr ewig leben" umgetauft worden war, wieder die Vokabel "Hunde" ein.
"Nur der Titel provoziert", urteilte Kritiker Klaus Hebecker nach der Uraufführung des Films in der vergangenen Woche, "der Film tut's nicht. Es ist ein vergleichsweise ehrlicher Film. Sachlich, fast unterkühlt ... ein diskutabler Versuch." Allerdings leidet das Stalingrad-Epos an einem Mangel, der trotz aller äußeren Authentizität, auf die Regisseur Wisbar peinlich bedacht war, das Filmgeschehen streckenweise zum Figurentheater degradiert.
Wisbar bevölkerte die Szenerie von Stalingrad mit den vorgeprägten Typen, die dem ideologischen Proporz des deutschen Kriegsfilms seit Jahren entsprechen. Es gibt den guten, idealistischen, tapferen Nationalsozialisten, der am Schluß geläutert wird; den bösen, doch feigen Nazi -Offizier, der am Ende angstschlotternd zum Feind überläuft. Es gibt den wackeren Pfarrer, der mit dem NS-Ordensburg -Zögling Glaubensfragen diskutiert und in diesem Film sogar in einem Verwundetenkeller, einen sturen Unteroffizier durch Kinnhaken unschädlich macht.
Es fehlt auch in Stalingrad nicht der klavierspielende Jung-Offizier, der in einer Schlachtpause eine klassische Pi&ce intoniert, doch schließlich beide Hände verliert. Darüber hinaus existiert, in der Gestalt von Sonja Ziemann, sogar das liebende Russenmädchen, das plötzlich hinter der sowjetischen Front auftaucht und dem verirrten deutschen Helden die Rückkehr zu den eigenen Truppen ermöglicht.
Der bevorzugte Landser-Darsteller des deutschen Films, Peter Carsten, der Kowalski aus "08/15", wurde wieder als bärtiger Kraftfahrer angeheuert, muß sich allerdings, laut Drehbuch, eines zotenfreien Idioms bedienen, wie Wisbar überhaupt den Jargon der Stalingrad-Krieger feiertäglich hergerichtet hat. Und für die Rolle des Oberleutnants Wisse, der dem Autor Wöss nachempfundenen Person, wurde schließlich ein Germanentyp verpflichtet, der sich schon in einer Haupt -Heldenrolle qualifiziert hat: Joachim Hansen, der Jagdflieger Marseille in "Der Stern von Afrika".
Auch die schon fast genormten Effekte deutscher Kriegsfilme verschmähte Regisseur Wisbar nicht. So blendet er von den Wochenschau-Aufnahmen eines deutschen Parademarsches über zu Wochenschau -Aufnahmen von leichenbedeckten Schneefeldern in Rußland; und in dem Verwundetenkeller an der Stalingrad-Front, der mit verstümmelten, stöhnenden Landsern gefüllt ist, tönt die Stimme Görings aus einem Rundfunkgerät, das die Rede vom 30. Januar 1943 überträgt: "Ein Führer hat's getan ... Er allein hat mit seiner Kraft die Ostfront gehalten!"
Ebensowenig erspart der Hollywood -Heimkehrer Wisbar dem deutschen Kinobesucher das Auftreten Adolf Hitlers, der von dem Nürnberger Komiker und Büttenredner Hölzl gespielt wird, "weil er genau die Statur des bömischen Gefreiten hat". Er steht, vorsorglich aus großer Entfernung photographiert, stets im Profil am Fenster und richtet grollende Worte an seine Generäle.
Kommentierte Kritiker Hebecker: "Da ist das dokumentarische Bemühen plötzlich passe, und die Drehbuchseiten knistern vernehmlich." Diese Schwächen können, auch nicht durch die eindrucksvoll inszenierten Kampfszenen und die eingeblendeten Wochenschaubilder wettgemacht werden, die zwar technisch perfekt eingefügt wurden, aber nicht immer nahtlos an das Atelier-Grauen anschließen. "Im Grunde", fand Hebecker, "ist alles auf den Schlußsatz hin inszeniert worden."
Im Schlußbild marschieren der (gute NS-) Oberleutnant und ein Kriegspfarrer in der Gefangenen-Kolonne. "Was wird werden, Herr Pfarrer?" fragt der Offizier. Der Pfarrer: "Ich weiß nicht, aber wir werden viel lernen aus diesem." Darauf ein Landser: "Oder auch nicht." Begeisterte sich Regisseur Wisbar: "Und das hängt dann da in der eiskalten Luft."
Nach dem Schluß-Dialog wird dem Kinobesucher, wenn er ins Freie hastet, ein Zettel in die Hand gedrückt, auf dem die Namen der Mitwirkenden verzeichnet sind. Regisseur Wisbar, den offenbar eine branchenunübliche Ehrfurcht vor dem eigenen Werk ergriffen hat, wollte sein Epos nicht mit gängigen Schauspieler-Namen verunzieren und verzichtete deshalb, was als Unikum gelten darf, auf den Vorspann. Ebenso drang er darauf, daß die Verleihfirma sich den gebräuchlichen Premierenzauber versage. Nach der Premiere, meinte Wisbar, dürften die Darsteller nicht zu den obligaten Verbeugungen vor den Vorhang treten. "Das wäre Blasphemie der übelsten Art."
* Fritz Wöss: "Hunde, wollt ihr ewig leben?"; Paul Zsolnay Verlag, Hamburg-Wien; 599 Seiten; 19.80 Mark.
Autor Wöss
"Kerls" oder "Hunde"?
Regisseur Wisbar: Die Bundeswehr ...
... verweigerte Komparsen: Paulus-Gefangennahme in "Hunde, wollt ihr ewig leben?"

DER SPIEGEL 16/1959
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