06.05.1959

BECKETTDas Leben ein Tonband

Einziger Akteur in dem neuesten Stück von Samuel Beckett - dem Monodram "Das letzte Band" - ist ein alter Mann mit Tonbandgerät. Der Einakter von knapp einem Dutzend Seiten "Krapp's Last Tape" wurde letzten Winter im Londoner Royal Court Theatre gespielt und soll während der nächsten Berliner Festwochen im Schillertheater zum erstenmal deutsch aufgeführt werden; Ende Mai wird das Stück in der Vierteljahresschrift des S. Fischer Verlags "Die Neue Rundschau" zu lesen sein.
Der in Paris lebende, meist französisch schreibende Ire Samuel Beckett, 53, hat mit seinen vielgespielten Dramen "Warten auf Godot" und "Endspiel" Zuschauern und Kritikern unentwegt Rätsel aufgegeben. Auf einigen Bühnen wurden Bekketts Versuche als Clownerien, auf anderen als Beinah-Mysterienspiele inszeniert.
Das neue Stück beginnt mit der Bühnenanweisung: "Eines Abends, spät, in der Zukunft." Gezeigt wird die Behausung eines zermürbten alten Mannes namens Krapp. Er ist schwerhörig, sehr kurzsichtig - trägt aber keine Brille -, spricht mit eigentümlich krächzender Stimme. In speckigen Kleidern, unrasiert, sitzt er an einem kleinen Tisch, dessen zwei Schubladen sich zum Zuschauerraum hin öffnen. Auf dem Tisch steht das Tonbandgerät mit Mikrophon; Pappschachteln mit Tonbändern liegen umher.
Wie "Warten auf Godot" und "Endspiel" beginnt auch "Das letzte Band" mit einer stummen Szene, einem umständlichen Zeremoniell. Krapp sitzt regungslos, stößt einen Seufzer aus, schaut auf die Uhr, wühlt in seinen Taschen, zieht einen Briefumschlag hervor, steckt ihn wieder ein, zieht ein kleines Schlüsselbund hervor, hebt es dicht an die Augen, wählt einen Schlüssel, steht auf und begibt sich zur Vorderseite des Tisches. Er bückt sich, schließt die erste Schublade auf, nimmt eine Spule heraus, besieht sie, verschließt die Schublade und steckt die Schlüssel in seine Tasche.
Das stumme Spiel des alten Krapp geht weiter: Er schält die Banane, läßt die Schale fallen, rutscht darauf aus, "holt sich eine zweite Banane, starrt vor sich hin. Dann geht er zur Hinterbühne, läßt Korken knallen. Nach einer Weile kehrt der Alte mit einem Register zurück. Er sucht eine Eintragung, findet sie, lächelt: "Schachtel drrei - Spule fünf." Wiederholt genießerisch: "Spuuule!" Er liest die Eintragungen im Register: "Mutter endlich in Frieden ... Hm ... Der schwarze Ball ... Leichte Besserung der Darmtätigkeit ... Hm ... Denkwürdiges - was?" Er schaut genauer in das Register: "Aequinoktium, denkwürdiges Aequinoktium", zuckt die Schultern und liest dann: "Abschied von der..." - jetzt blättert er um - "Liebe."
Dreißig Jahre zuvor, an seinem 39. Geburtstag, hat Krapp dieses Band besprochen. Der Alte beugt sich über das Gerät, schaltet ein und lauscht - vornübergelehnt, Ellenbogen auf dem Tisch, die Ohrmuschel mit der hohlen Hand am Lautsprecher - seiner kräftigen, recht feierlichen Stimme von damals:
"Neununddreißig Jahre heute, kerngesund wie ... eine Eiche, abgesehen von meiner alten Schwäche, und intellektuell wahrscheinlich auf dem ... Kamm der Welle - oder beinahe. Feierte das verhängnisvolle Geschehnis, wie in den letzten Jahren, ruhig in der Weinstube. Keine Menschenseele. Saß mit geschlossenen Augen am Feuer, die Spreu vom Weizen scheidend. Kritzelte einige Notizen auf die Rückseite eines Briefumschlags. Froh, wieder in meiner Bude zu sein ..."
Das Band läuft weiter. Es reproduziert eine Meditation über Spreu und Weizen: "Der Weizen, was mag ich nur damit meinen... ich nehme an, daß ich die Dinge meine, die der Mühe wert, wenn aller Staub - wenn all mein Staub sich gelegt hat. Ich schließe die Augen und versuche, sie mir vorzustellen."
Aber statt dieses Zukunftsbildes bringt das alte Band Betrachtungen Krapps über noch frühere Bandaufnahmen: "Habe gerade ein altes Jahr abgehört, blindlings herausgegriffene Streifen. Ich habe nicht im Buch nachgeprüft, aber es muß mindestens zehn oder zwölf Jahre her sein. Zu der Zeit muß ich noch dann und wann mit Bianca in der Kedar Street gelebt haben ... Schauerlich, diese Ausgrabungen, aber sie sind mir oft ... eine Hilfe, bevor ich mich anschicke, von neuem ... Rückschau zu halten. Kaum zu glauben, daß ich jemals dieser junge Dachs war. Diese Stimme! Mein
Gott! Und die Sehnsüchte! Und die Vorsätze! Vor allem weniger zu trinken. Siebzehnhundert von achttausendsoundsoviel vergangenen Stunden in Kneipen verplempert..."
Noch weitere gute Vorsätze aus der Vergangenheit werden laut: "Pläne für ein weniger ... aufreibendes Geschlechtsleben." Erinnerungen an die letzte Krankheit des Vaters, an den Tod der Mutter folgen. Dann ein Zwischenspiel von melancholischer Komik: Krapp, der beim Abhören des alten Bandes auf ein ihm unverständliches Wort gestoßen ist - vom "Witibtum" der Mutter ist die Rede -, schleppt ein riesiges Wörterbuch herbei und liest nach, was dieser Ausdruck bedeutet: "Stand - oder Stellung - einer Person, die Witwer oder Witwe ist oder
- bleibt." Er wiederholt: "Ist oder bleibt?"
Beugt sich wieder über das Lexikon, liest: "Dichter Witwenschleier ... Auch beim Tier, besonders bei einem Vogel ... der Witwen- oder Webervogel ... Schwarzes Gefieder des Männchens." Krapp blickt auf, wiederholt: "Der Witwenvogel!"
Er läßt das Band weiterlaufen. Nach Berichten von anderen, alltäglichen Erlebnissen ist die Rede von einer "denkwürdigen Nacht im März, am Ende der Mole, im heulenden Wind", einer "Erleuchtung". Worin diese Erleuchtung bestanden hat, wird nicht deutlich. Denn Krapp unterbricht an dieser Stelle, läßt das Band vorlaufen bis zur Schilderung eines Liebeserlebnisses; diese Passage hört Krapp sich dreimal an.
"Sie lag auf den Planken ausgestreckt, mit den Händen unter ihrem Kopf und geschlossenen Augen. Gleißende Sonne, eine leichte Brise, angenehm plätscherndes Wasser. Ich merkte einen Kratzer an ihrem Oberschenkel und fragte sie, wie sie dazu gekommen sei. Beim Stachelbeerpflücken, sagte sie. Ich sagte noch einmal, ich fände es hoffnungslos und verfehlt, weiterzumachen, und sie nickte, ohne die Augen zu öffnen. Ich bat sie, mich anzuschauen, und nach einem Moment ... tat sie es, aber
ihre Augen waren nur Schlitze, der grellen Sonne wegen. Ich beugte mich über sie, damit sie im Schatten wären, und sie öffneten sich. Ließen mich ein. Wir trieben ins Schilf und blieben stecken. Wie die Rohre sich seufzend bogen unterm Bug! Ich sank auf sie nieder, mein Gesicht in ihren Brüsten und meine Hand auf ihr. Wir lagen regungslos da. Aber unter uns bewegte sich alles und bewegte uns, sanft, auf und nieder und von einer Seite zur andern."
Zu dieser romantischen Reminiszenz spricht Krapp - nach neuer alkoholischer Stärkung - einen Kommentar auf Band: Er holt eine neue Spule aus der Schublade, zieht den Briefumschlag aus der Tasche, liest, was auf der Rückseite steht, legt den Umschlag auf den Tisch, schaltet das Gerät ein, räuspert sich und beginnt:
"Hörte mir soeben den albernen Idioten an, für den ich mich vor dreißig Jahren hielt. Kaum zu glauben, daß ich je so blöde war. Gott sei Dank ist das wenigstens alles aus und vorbei. Was sie für Augen hatte!" Krapp schweigt, merkt erst nach einer Weile, daß er das Schweigen aufnimmt, schaltet ab, starrt auf den Umschlag, zerknüllt ihn und wirft ihn weg.
Dann nimmt der Alte seine letzten Kommentare auf: "Nichts mehr zu sagen, nicht einmal Piep. Was ist schon ein Jahr, heutzutage? Bitteres Wiederkäuen und steinharter Stuhl. Schwelgte im Wort Spule. Spuuuule! Glücklichster Moment der letzten fünfhunderttausende.
Zum Schluß, nach Erinnerungen an Effie (Briest), die ideale Geliebte aus einem Buch (von Theodor Fontane) - "Hätte mit ihr glücklich sein können, da oben an der Ostsee" -, an Fanny, eine weniger ideale, wirkliche Geliebte - "klappriges altes Hurengespenst" -, und nach einigen anderen aufzuckenden Gedanken- und Gefühlsfetzen ermuntert sich Krapp: "Ach, sauf deine Flasche leer und leg dich in die Falle. Setz die Faselei morgen fort. Oder laß es dabei bleiben."
Endlich, nach langer Pause, beugt er sich über das Gerät, reißt das Band heraus, wirft es weg, legt das Band "Abschied von der Liebe" auf und spielt sich noch einmal die Liebesszene im Schilf vor. Seine Lippen bewegen sich lautlos mit: "... auf und nieder und von einer Seite zur andern ...
"Hier beende ich diese Rolle. Schachtel drei, Spule fünf. Vielleicht sind meine besten Jahre dahin. Da noch eine Aussicht auf Glück bestand. Aber ich wünsche sie nicht zurück. Jetzt nicht mehr, da dies Feuer in mir brennt. Nein, ich wünsche sie nicht zurück."
Krapp starrt vor sich hin. Das Band läuft weiter, in der Stille; Vorhang.
In seinem erst 1958 aus dem Nachlaß veröffentlichten Prosastück "Der Radardenker" schrieb der Arzt und Dichter Gottfried Benn 1949: "Wir werden sein, wir sind: Alte animistische Rudimente und die neue technische Realität. Jeder ist einbegriffen - aber niemand kann mehr sein als etwas allgemeine Gültigkeit mit Zeichen von Situationärem." Die Ankündigung trifft auf Becketts alten Krapp zu.
Nicht zutreffend hingegen erscheint angesichts dieser von politischen und soziologischen Grenzen unabhängigen Menschheitslage - wie Benn und Beckett sie projizieren - das Urteil von Georg Lukacs: Der heute 74jährige marxistische Literaturkritiker erklärte vor einiger Zeit, daß der in Beckett zutage tretende Avantgardismus tief unkünstlerisch, ja antikünstlerisch sei und daß - wie es in Lukacs' Schrift "Wider den mißverstandenen Realismus" heißt - "die Verzerrung des Menschen, das Antikünstlerischwerden der menschlichen Beziehungen ein notwendiges Produkt der kapitalistischen Gesellschaft ist".
Autor Beckett
... der Abschied von der Liebe,
"Das letzte Band" in London*: Auf Spule fünf...
* Patrick Magee als Krapp.

DER SPIEGEL 19/1959
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