20.05.1959

BUNDESPRÄSIDENTVater ist schuld

"Korfs Geruchssinn ist enorm.
Doch der Nebenwelt gebrichts! -
und ihr Wort: 'Wir riechen nichts',
bringt ihn oft aus aller Form"
Christian Morgenstern: "Palmström"
Der politische Geruchssinn des Kaufmanns und Vizekonsuls außer Dienst Berthold Korff aus Kirchzarten ist nicht weniger enorm als der seines literarischen Namensvetters mit einem "f". Denn dieser Korff aus Kirchzarten bei Freiburg im Breisgau glaubte jüngst etwas zu riechen, was seine Nebenwelt bisher nicht schnupperte: ein angeblich anrüchiges Kapitel in der politischen Vergangenheit des Bundespräsidenten Theodor Heuss.
Dieses Odeur war dem Vizekonsul Korff (Morgenstern: "Korf liest gern, schnell und viel ...") im vergangenen Jahr aus den Seiten 51 bis 55 des Juni-Heftes der stramm rechts-brötlerischen Zeitschrift "Nation Europa" (Coburg) in die Nase gestiegen.
Unter dem teutschen Pseudonym "Udo" hatte dort ein Anonymus, der sich selbst als "jungen Historiker" bezeichnete, ein Buch des Bundespräsidenten aus dem Jahre 1932 besprochen: "Hitlers Weg."*
Nach dem oft erprobten Rezept westdeutscher Rechtsaußenseiter, ihren politischen Gegnern indirekt als Übel anzukreiden, was sie selbst als Tugend empfinden, hatte die Coburger "Nation Europa" sich bemüht, dem Staatsoberhaupt der Bonner Republik mit Hilfe von 20 Zitaten eine damals nachsichtige Einstellung zur NS -Bewegung zu unterschieben.
Udo endete seine Heuss-Besprechung mit dem Satz: "Ich bedauere sagen zu müssen, daß es weder der wissenschaftlichen Verpflichtung noch der nationalen Notwendigkeit entsprach, wenn der gleiche Autor, der 1932 eine kluge, objektive Untersuchung schreiben konnte, sich später einige Verzerrungen und grobe Schlagworte der feindlichen Kriegspropaganda zu eigen gemacht hat."
Nun ist das Heuss-Werk "Hitlers Weg" in der Tat "eine kluge, objektive Untersuchung" der NS-Bewegung, wenn auch nicht in dem Sinne, in dem Jung-Udo es dem Bundespräsidenten anhängen möchte.
Ausdrücklich bemerkte Autor Heuss 1932 in seinem Vorwort: "Die abweichenden Auffassungen systematisch herauszuarbeiten, war nicht die Aufgabe, vor die ich mich gestellt sah." Und später im Text: "Der Verfasser hat nicht die Absicht, Zensuren über eine gute oder schlechte Kinderstube niederzuschreiben."
Angesichts dieser beabsichtigten Wertfreiheit der Heuss-Analyse findet sich daher in dem Buch eine Reihe von Passagen, die - aus dem Zusammenhang gerissen und mit Nachkriegs-Augen gelesen - ungewöhnlich wirken.
Etwa: "Jeden Pazifisten, jeden Kommunisten ließ man reden, Ausländer darunter, denen Takt und Geschmack fehlten - aber für diesen einen Mann (Hitler), dessen lautere Beweggründe nicht in Frage gestellt waren, gab es offenbar die Grundrechte der Verfassung nicht ..." (Seite 12).
Oder: "Die Parteipolemik greift bös daneben, wenn sie (von Hitler) vom 'gewesenen Österreicher', vom 'Ausländer' redet; das sollte eigentlich nicht möglich sein in einer Zeit, da der großdeutsche Gedanke eines der wenigen Güter ist, das über die Parteien hinweg einigende Kraft besitzt ..." (Seite 12).
Auch: "Gleichviel, wie man zu seiner Person und zu seinen politischen Bräuchen stehen mag, es hat etwas Unwürdiges, daß der Mann, auf den Millionen von Deutschen als ihren Führer blicken, kein 'Deutscher' sein soll ..." (Seite 13).
"Daß Hitler bei diesen Anfängen (der NSDAP) besonders gern verweilt, ist verständlich genug - er ist stolz auf das, was daraus geworden, und er hat Grund dazu ..." (Seite 18).
"... Niemand kann der Unverdrossenheit des Mannes die Anerkennung versagen, der, von der Festung entlassen, sorgfältig, zäh, bewußt aus den Scherben ein neues Gefäß zu fügen unternahm und verstand ..." (Seite 5).
"Natürlich würde man Hitlers Leistung nicht völlig gerecht, wollte man in ihm nur den großen unermüdlichen Organisator sehen. Er hat auch Seelen in Bewegung gesetzt und einen zu Opfern und Hingabe bereiten Enthusiasmus an sein Auftreten gefesselt ... (Seite 119).
"Es verknüpfen sich (in Hitlers Ostpolitik) die romantischen Erinnerungen an die großartigen Kolonisationsleistungen des deutschen Mittelalters ... mit der gegenwärtigen und unmöglichen Lösung, die das Versailler System den deutschen Ostgrenzen aufgezwungen hat ..." (Seite 99).
Schließlich: "Die Geburtsstätte der nationalsozialistischen Bewegung ist nicht München, sondern Versailles ..." (Seite 152).
Derartige Heuss-Zitate, die schon vor neun Jahren von sowjetzonalen Presse -Warten ausgeschlachtet wurden, konnten 1933 nicht verhindern, daß dem Joseph Goebbels Ironie und Inhalt des Buches mißfielen: "Hitlers Weg" wurde nach der Machtübernahme 1933 zusammen mit anderen Werken des liberalen Reichstagsabgeordneten Heuss bei der NS-Verbrennungs-Aktion "undeutscher" und "staatsfeindlicher" Schriften mitverkohlt.
Im Jahre 1958 indes erschienen diese Zitate einem der wenigen Leser der Coburger "Nation Europa" ungeheuerlich: dem Vizekonsul a.D. Berthold Korff aus Kirchzarten.
Berthold Korff, 67, ehemaliger Pg., Gauverbandsleiter des Reichskolonialbundes und SS-Standartenführer honoris causa, der von 1936 bis 1941 als Vizekonsul des Königreichs Schweden in Stuttgart amtierte, wurde nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches in die Gruppe der Minderbelasteten eingestuft.
Da das politische Ideal, das dieser Korff nach 1933 ersehnte ("Kaiser Wilhelm mit Reichskanzler Hitler, damit der nicht hätte tun können, was ihm einfiel"), zwar von seinem literarischen Namensvetter mit einem "f" hätte ersonnen sein können, heute jedoch nicht mehr praktikabel erscheint, hat sich der schwedische Vizekonsul a.D. jene Partei zur politischen Heimat auserkoren, der auch Theodor Heuss entstammt. Korff: "Ich bin FDP-Wähler, was soll man sonst tun?"
Nach der Lektüre der Heuss-Besprechung in "Nation Europa" sinnierte Korff: "rUm Heuss wurde der Nimbus gewoben, daß er immer nur dagegen und nie ein Jüngling mit bräunlichem Haar gewesen sei, was doch keine Schande ist." In einem Brief an das Bundespräsidialamt schrieb Korff, er habe in einer Monatsschrift von "Hitlers Weg" gelesen und frage hiermit an, ob Professor Theodor Heuss das fragliche Werk tatsächlich geschrieben habe.
Postwendend antwortete ihm der Persönliche Referent des Staatsoberhaupts und frühere Heuss-Verleger, Ministerialdirektor Hans Bott: "Ihr Brief vom 11. Juli hat hier einige Verwunderung und leichte Heiterkeit erregt."
Hans Bott bestätigte die Autorschaft des Bundespräsidenten, erkundigte sich, in welcher Monatsschrift die Auszüge erschienen seien und schloß: "Etwas seltsam erschien uns die Mitteilung, daß weite Kreise dieser Sache größte Bedeutung beimessen'! Diese weiten Kreise sind uns hier ja nicht fremd. Es sind Querulanten, die geschichtlich ungebildet sind und aus Absicht oder mangelnder Begabung nicht richtig lesen können."
Aus der Antwort des Berthold Korff erfuhr das Bundespräsidialamt daraufhin die Zitaten-Quelle ("Nation Europa"), und schon in seiner Septemberausgabe konnte das Rechtsradikalen-Traktätchen "Nation Europa" einen Beitrag aus ungewöhnlich prominenter Feder veröffentlichen - eine Entgegnung von Theodor Heuss auf die Buch-Besprechung des Jung-Historikers Udo.
Wieder einmal bewies der vielbeschäftigte Bundespräsident, daß ihm in seiner nachsichtigen Güte kein Forum zu abwegig, kein Anlaß zu gering ist, wenn es gilt, Dinge ins rechte Licht zu rücken.
Mit väterlich-sanftem Spott wusch er dem Rezensenten der "Nation Europa" den Kopf: "Lieber Udo, für einen 'Historiker', auch wenn er 'jung' ist, scheint mir diese Darstellung zu kleinkalibrig."
Freimütig gestand der Bundespräsident, daß er - wie von "Nation Europa" ebenfalls behauptet - einst in dem 1940 erstmals erscheinenden "Reich" vorübergehend mitgearbeitet habe:
"Das Reich' wurde gegründet, um in Deutschland auch einer Publizistik ohne Partei-Jargon eine Chance zu geben. Ich wurde von vertrauten Freunden, die dort mitarbeiteten und keine Parteileute waren, um Beiträge gebeten. Ich habe drei oder vier Aufsätze dort veröffentlicht, wesentlich literar- und kunstgeschichtliche Rezensionen.
"Das Unternehmen 'schlug ein', gewiß auch wegen seiner nicht parteigenormten geistigen Ausdrucksweise - der Erfolg war es, der Goebbels veranlaßte, sich dieses Blattes als einer Tribüne zu bemächtigen. Er selber hatte ihn nicht begründet. In seiner Zeit war auch meine sporadische Mitarbeit - und nicht nur meine - selbstverständlich zu Ende. Ich schreibe diese Sätze, weil ich bei anderer Gelegenheit die Erfahrung gemacht habe, daß hier eine Legendenbildung gepflegt wird."
Nach dieser klarstellenden Abschweifung erläuterte der Bundespräsident sodann seine Einstellung zu "Hitlers Weg" und erklärte das Phänomen, daß sein Ekel vor der NS-Bewegung in dem Buch noch nicht ganz klar zutage tritt, in der von ihm bevorzugten Form einer Anekdote:
" ... Udo will wissen, wie ich heute zu der Studie stehe. Da will ich ihm eine kleine Geschichte erzählen. Etwa Ende 1945 sprach mich ein deutschsprechender Amerikaner (kein Emigrant!) mit freundlich lobenden Worten auf das Hitlerbuch an.
"Ich wehrte ab: 'Das Buch liegt schief; daran ist mein Vater schuld.' 'Wieso Vater?'
"'Er hat, selber ein sehr bewegter 'Politiker' bezirklicher Art, mir meine Erziehung bürgerlicher Anständigkeit gegeben, in der das Verbrechen als aktuelle Form des öffentlichen Lebens nicht vorkam. Unsere Phantasie, auch wenn wir einige Übersicht über Greuel des historischen Geschehens besaßen, reichte nicht so weit, das Verbrechen als institutionelle Form staatlichen Wirkens einzusetzen' (der letzte Satz gibt natürlich nicht den Wortlaut der Unterhaltung wieder, sondern seinen Gedankengang).
"Vermutlich hätte ich diese Geschichte längst vergessen, wenn ich nicht von einem anderen Amerikaner, dem sie erzählt worden war, einige Wochen später darauf angesprochen worden wäre."
Mit diesem Heuss-Brief hätte die Affäre nun endgültig als beigelegt betrachtet werden können - wenn nicht in Kirchzarten der schwedische Vizekonsul a.D. und "Nation Europa"-Leser Berthold Korff genüßlich neuen Stoff für einen politischen Briefwechsel mit der Villa Hammerschmidt gewittert hätte.
Unbedachterweise hatte Theodor Heuss In seiner Entgegnung an "Nation Europa" einfließen lassen, er sei überhaupt erst "durch die Zuschrift eines mir unbekannten Mannes" - nämlich den ersten Brief des Berthold Korff - auf die Buch-Besprechung aufmerksam geworden. Diese Formulierung nahm der Vizekonsul a.D. jetzt zum Anlaß, in einem neuen Schreiben an den Bundespräsidenten darauf hinzuweisen, daß in seinen - Korffs - Gesellschaftskreisen nicht die Anrede "Mann", sondern "Herr" üblich sei.
Gleichzeitig lud Korff das Staatsoberhaupt ein, zur Klärung der aufgetretenen Fragen mit ihm einmal ein "Viertele" zu trinken, wenn der Professor im nahen Lörrach bei seinem Sohn weile.
In seiner anscheinend unerschöpflichen Langmut und Geduld antwortete der vielgeplagte Bundespräsident nun auch noch auf dieses Schriftstück in höchsteigener Person. Zwischen "Sehr geehrter Herr Korff (nicht Mann)!" und "Nichts für ungut! Ihr Theodor Heuss" teilte der Staatschef dem Vizekonsul a.D. mit, er könne mit ihm kein "Viertele" trinken, weil er sich nicht mit "Männern" an einen Vierteles-Tisch setze, die als "Herren" daherstelzen wollten.
Damit schloß der sich über mehrere Monate erstreckende Briefwechsel zwischen Theodor Heuss und Berthold Korff, an dem sich erst jetzt die Öffentlichkeit erbauen kann.
Morgenstern: "Korf erfindet eine Art von Witzen, die erst viele Stunden später wirken. Jeder hört sie an mit Langerweile ..."
* "Hitlers Weg. Eine historisch-politische studie über den Nationalsozialismus"; Union Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart-Berlin-Leipzig; 1932; 168 Seiten.
Autor Heuss (1932)
Kein "Viertele" mit Männern ...
Briefpartner Korff
... die als Herren stelzen

DER SPIEGEL 21/1959
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