27.05.1959

CANNES-PREISUnter falscher Flagge

Ein Eisenbahnzug, auf dessen Türen mit Kreide sechseckige Davidsterne und die Worte "Juden - Nach Polen" aufgemalt sind, fährt langsam aus dem Bahnhof. Der Held, ein deutscher Unteroffizier, der dem Kinogast lediglich unter dem Vornamen Walter vorgestellt wird, "springt von der Rampe, überquert das Gleis und versucht dem Zug den Weg zu versperren. Aber vergebens. Der Zug verschwindet in der dichten, feuchten Finsternis eines Tunnels, der die Menschen verschlingt, um sie nie mehr dem Tag zurückzugeben".
Mit dieser symbolischen Deutung schilderte das Pflichtblatt der ostdeutschen Kommunisten, "Neues Deutschland", den Schluß des Films "Sterne", der den Filmschaffenden der DDR in der vorletzten Woche einen unerwarteten, nur durch die äußeren Umstände milde gedämpften Triumph bescherte. Die Staatsfilmgesellschaft Defa, die mit beachtlichem Fleiß und allerlei Tricks bemüht ist, internationale Anerkennung zu erlangen, vermochte sich mit dem Film nicht nur Zutritt zu den Filmfestspielen in Cannes zu erschmuggeln. Sie wurde sogar, zum Entsetzen der bundesdeutschen Cannes-Fahrer, mit einem Sonderpreis entlohnt, wohingegen Westdeutschlands Traum-Industrielle, die mit dem Praliné-Soldaten-Schwank "Helden" sowie der Fahnenflucht-Story "Kriegsgericht" aufwarteten, undekoriert nach Hause fahren mußten.
Die DDR war gemäß den Festival-Satzungen nicht nach Cannes eingeladen worden, denn an dem Film-Wettbewerb dürfen nur Nationen teilnehmen, die mit dem Gastland Frankreich diplomatische Beziehungen unterhalten. Doch die Defa fand einen Dreh: Sie hatte ihren KZ-Film "Sterne" im vergangenen Jahr als Coproduktion mit der bulgarischen Staatsfilmgesellschaft gedreht, und die beiden Partner einigten sich nun ohne Mühe, das Werk einfach als bulgarischen Festival-Beitrag nach Frankreich zu schicken.
Derartige Manipulationen sind nicht einmal neu, sie wurden beispielsweise - wenn auch aus anderen Gründen - von amerikanischen und französischen Partnern in Venedig geübt. Deutsche Festspielberichter entrüsteten sich allerdings sogleich, als das ostdeutsch-bulgarische Gemeinschaftswerk in Cannes unter bulgarischer Flagge auftauchte. Der Film "Sterne" sei kein bulgarischer, sondern ein ostdeutscher Film, denn der Regisseur - der Sohn des Dramatikers Friedrich Wolf ("Professor Mamlock"), Konrad Wolf -, der Kameramann und die Mehrzahl der Mitwirkenden seien Defa-Leute gewesen. Die Hauptrolle spielte der Film-Neuling Jürgen Frohriep vom Stadttheater Altenburg in Thüringen, seine Partnerin war eine 21jährige Bulgarin namens Sascha Kruschorska.
Der Film schildert die Begegnung zwischen dem deutschen Unteroffizier Walter und einer Jüdin, die ins Vergasungslager Auschwitz transportiert wird. "Es geschieht nicht viel", erläuterte der Kritiker Ludwig Thomé, "ein Arzt wird für eine werdende Mutter verlangt, Medikamente werden entwendet, die Juden werden mit Nahrungsmittelentzug bestraft, dazu ein wenig Partisanen-Tätigkeit, Landserleben usw. Und doch ereignet sich Außerordentliches: inmitten des Hasses, der Geringschätzung von Leben ... der Barbarei ...
erweist sich das Menschliche als etwas Sinnvolles, etwas von höherem Wert...
Diese Produktion ist erheblicher als das Werk der Bavaria: die Sterne überstrahlten in Cannes die 'Helden'."
Auch Festspielteilnehmer aus anderen Ländern beurteilten den Film günstig: "0Die ,Sterne' machten durch ihr fleißiges Ethos eines guten' Deutschland für sich Sympathie", meldete der Berliner Kritiker Friedrich Luft aus Cannes.
Die Mehrzahl der Rezensenten aus der Bundesrepublik sprach dem pseudo-bulgarischen Werk jedoch schlechte Noten zu.
"Anstatt daß die innere Wandlung des Soldaten angesichts der Judendeportation sichtbar gemacht wird", urteilte der Hamburger Rezensent Klaus Hebecker, "beläßt es der mit hanebüchen simplen Dialogen ausgestattete Film bei der puren Liebesgeschichte - die übrigen Juden sind dem Unteroffizier sichtlich schnuppe."
Hebecker fand, "ein großes Thema" sei "unwürdig verfilmt worden". Er deutete den Festspielerfolg als "Achtungserfolg des Themas" und führte ihn zudem auf die Tatsache zurück, "daß kaum jemand der banalen Dialoge gewahr wurde". Ob freilich allein die KZ-Thematik die Entscheidung der Jury beeinflußte, ist ungeklärt. Die Filmbewerter fällten ihr Urteil während einer siebenstündigen Kreuzfahrt auf der Jacht eines Apéritif-Fabrikanten, so daß kaum Details des Preisverteilungs -Matches bekannt wurden.
Es erscheint lediglich gewiß, daß die Interessen der Defa während der entscheidenden Jury-Beratung nachdrücklicher vertreten wurden als die der westdeutschen Filmindustrie. Die Bundesrepublik hatte es nämlich versäumt, die berechtigten Forderungen nach Sitz und Stimmrecht in der elfköpfigen Jury energisch genug anzumelden, in der andere, filmwirtschaftlich unbedeutendere Länder - etwa Spanien, Polen oder auch Griechenland - vertreten waren. So kam es, daß Westdeutschland in der Diskussion, in der die Preisverteilung buchstäblich ausgehandelt wird, wieder einmal nicht mitreden konnte und es den Interessenvertretern der Ostblockländer möglich war, eine Stimmenmehrheit für den kaschierten DDR-Film zu sammeln.
Sascha Kruschorska in "Sterne"
Aus Bonn ein Praliné-Soldat

DER SPIEGEL 22/1959
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