01.07.1959

MORITZ PFEIL:NEANDERTAL

"Schlechte Methoden erledigen sogar eine gute Sache" George Kennan
Was die Bundesrepublik Deutschland an ihrer Spitze seit einem halben Jahr erlebt, wäre, da gibt es kein Vertun, in keinem anderen modernen Industrie -Staat möglich; nicht in den Vereinigten Staaten oder in England, aber auch nicht in der Sowjet-Union und nicht einmal im Staate Ulbrichts. Man muß den Geist in das Königreich Jemen schweifen lassen oder in die Vergangenheit an den Hof des nun in Allah ruhenden Glaui Pascha, um die Farben zu finden, mit denen zur Charakterisierung unserer politischen Zustände gepinselt werden müßte.
Den Hauptakteur selbst trifft selbstverständlich kaum irgendwelche Schuld. Zehn Jahre lang ist jeder seiner Geniestreiche allseits beklatscht worden - im Ausland, weil er als Erfüllungsgehilfe der offensichtlich gottgewollten deutschen Spaltung schlechthin unentbehrlich schien (Adenauer: "Gromyko hat mir mit seinem Berlin-Ultimatum einen großen Dienst erwiesen"); in Deutschland, weil er in den Wahlen als imponierende Galionsfigur des Strebens nach risikolosem Geldverdienen tatsächlich nicht zu ersetzen war.
Der 83jährige muß an der Welt verzweifeln, wenn er plötzlich gewahr wird, daß die dürren Witzchen, die durchsichtigen Ränke, die groben Unwahrheiten (die er immer unbefangener glaubt) und die beduinenhaftesten Treubrüche nicht mehr verfangen. Zehn Jahre ist ihm (und uns) das alles, von Libet. Eselsritten, Boccia und Krimis übersonnt, mit Doktorhüten und Zeitungsschmalz gelohnt worden.
Mit Bismarck hat man ihn verglichen, der Deutschland nicht unter dem Beifall der Nachbarn zertrennt, sondern gegen die Widerstände der Nachbarn zusammengetan hat. Sogar die 54 Stufen zu seiner Rhöndorfer Rosenvilla mußten herhalten, um die Überlegenheit der Adenauerschen Weitsicht und Außenpolitik zu demonstrieren.
Wie denn, so wäre er denn nicht erst jetzt, in diesem Frühjahr, zu absoluter Verantwortungslosigkeit entbunden worden? Er hat erst jetzt angefangen, mit den staatlichen Institutionen Kegel zu spielen, das ist wahr. Aber er hat seit zehn Jahren qualitativ nichts anderes getan, indem er atavistisch-patriarchalisches Gestammel an die Stelle demokratischer Diskussion Setzte. Seine erbarmungswürdigen Wahlreden, die er "erfrischend" findet, haben aus der Bundesrepublik ein politisches Neandertal gemacht.
Die CDU-Großkopfeten sehen in diesen Tagen, was es heißt, sich mit Adenauer sachlich auseinandersetzen zu müssen. Wie haben sie gejubelt, wenn Argumente der Opposition in die Leere seines zur Auseinandersetzung nicht mehr bereiten Geistes fielen! Wie waren sie selbst willig, zugunsten preisgekrönter Senilität abzudanken.
Die Demokratie ist eine mindestens so ernste Sache wie das Recht. Nicht zufällig gibt es keinen Richter in Deutschland, der älter ist als 68 Jahre. Der Mensch über 70 neigt dazu, ein Rechthaber zu sein, der Widerspruch nicht hören, sondern nur lächerlich machen will. Er verliert das Verhältnis zur Unwahrheit, wenn seine Wahrheitsliebe ohnehin schwach ausgeprägt ist.
Bismarck, man verzeihe den Vergleich, war mit 74 Jahren nicht mehr imstande, die ihm verfassungsmäßig zustehende Stellung zwischen der Krone und dem Kabinett ohne Eklat auszufüllen. Er konnte, allenfalls noch mit einem 90jährigen Kaiser regieren, der nur aufmuckte, wenn es um "seine Regimenter" ging. Und der britische Premier Gladstone, der sein letztes Kabinett mit 82 Jahren bildete, war ein Mann von tief verwurzelter Moral und unbeugsamer Rechtlichkeit. Anders als Adenauer konnte er so gut wie gar nicht mehr hören.
Es war also nicht Pech, wenn der erste westdeutsche Regierungschef nach Hitler, über 75 Jahre alt, die demokratische Diskussion absurd machte - nur Form und Methode waren ungewöhnlich -, sondern beinahe ein Normalfall. Er diskutierte nur mit Personen, die direkt von ihm abhängig waren, und auch dann nur über Fragen der Taktik. Es gibt wohl keinen Deutschen oder Ausländer, der sich rühmen konnte, mit Kanzler Adenauer über eine zu treffende Entscheidung ein politisches Gespräch geführt zu haben.
Das Instrumentarium der Außenpolitik, dessen Fehlen er bei Ludwig Erhard bemängelt, hat er selbst nie handhaben können, ja, er hat es sich nicht einmal angeeignet, wie ein Vergleich zwischen seinen ersten Auslandsinterviews vor zehn Jahren und der Unglückskette der letzten Wochen zeigt. Geschätzt, etwa vom Freund Dulles und vom Feind Chruschtschew, war nicht sein Urteil, sondern die Unerschütterlichkeit seines Vorurteils.
Diese Starrheit entsprach nicht etwa perfider Taktik, jedenfalls nicht in erster Linie, sondern einer überaus einleuchtenden Notwendigkeit: Er hatte und hat nicht das intellektuelle Rüstzeug, um in einer politischen Diskussion zu überzeugen, ja, er kann seine Erkenntnisse nicht einmal artikulieren. Der Historiker wird in den Reden des deutschen Bundeskanzlers vergebens etwas anderes suchen als gängigste Mode-Weisheiten, die ihm darum desto lieber vom Munde gepflückt wurden.
Das sagt nun freilich nichts über die Richtigkeit einer Politik. Aber 20 Jahre Adenauer würden genügen, die Demokratie in diesem Land an Hungerödemen eingehen zu lassen. Freilich, was der demokratischen Diskussion bei längerer Amtsdauer hätte zum Verhängnis werden können, war seine größte Stärke: sein Alter, das für ihn nicht Schiffbruch bedeutete (um den Aphorismus des Schriftstellers de Gaulle umzukehren); sein Alter hat ihn erst flottgemacht.
Einen derart wortarmen Platitüden -Kanzler im Alter von 60 Jahren hätte selbst das deutsche Volk schwerlich goutiert, es sei denn einen General. Kein Rex-Harrison-Hut hätte die gelinde fernöstlichen Züge und den kahlgeschorenen Kopf anziehender machen können, keine physische Großtat des Nicht-Sportlers wäre verzeichnet oder gar photographiert worden. Wir müssen, auch wenn er das nicht liebt, über sein Alter sprechen. Denn sein Alter hätte beinah den Schiffbruch unserer zweiten Republik bedeutet.
Als "Baumeister der jungen deutschen Demokratie", wie ihn Magnifizenzen und Leitartikler gefeiert haben, wird er nun wohl doch nicht ins Geschichtsbuch eingehen. Drei Militärgouverneure werden sich wahrheitsgemäß in den Ruhm teilen. Die Selbstentlarvung einer Legende war vollständig und kam noch zur Zeit.
Ob er "Deutschland wieder groß gemacht hat", wie Wirtschaftsbosse und Gemüsefrauen fast ein Jahrzehnt lang einträchtig beteuert haben, wird vielleicht nicht erst die Geschichte, sondern schon das nächste Jahrzehnt lehren.
Von Moritz Pfeil

DER SPIEGEL 27/1959
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