01.07.1959

BONN„GEISTIG NICHT MEHR SO GANZ DABEI“

In den Interviews, die Bundeskanzler Adenauer in den letzten Wochen ausländischen Zeitungsleuten gegeben hat, sagte er - nach den amtlichen stenographischen Protokollen - unter anderem wörtlich:
Im Jahre 1914 war die englische Flotte so groß wie die beiden nächst größten Flotten der Welt zusammengenommen. Im Jahre 1914 waren die Vereinigten Staaten ein Schuldnerland. Im Jahre 1914 war die deutsche Armee die stärkste der Welt. Im Jahre 1914 waren an Großmächten in Europa Frankreich, Italien, Deutschland, England und selbstverständlich Rußland. Alles hat sich gewandelt: Alles hat sich seit 1914 gewandelt. Und deswegen bedarf eigentlich die Menschheit einmal einer Ruhepause. Ich bin der festen Überzeugung - ich will mal sehr vorsichtig sein -, der Prozentsatz derjenigen Menschen in der Welt, die geistig nicht mehr so ganz dabei sind, hat zugenommen.
Ich hätte auch nicht geglaubt, daß ich Kanzler werde. Ich wollte Oberbürgermeister in Köln sein. Da bin ich von den Engländern wegen erwiesener Unfähigkeit abgesetzt worden. Ich habe dem Generalkommandanten, der mir das verkündet hat, später gesagt: Sie sind der Vater der CDU. Ich wollte überhaupt nicht in den Parlamentarischen Rat, da hat man mich in Düsseldorf gedrängt, und so ist die Sache weitergegangen . . .
Aber dann kam die Angelegenheit Dulles. Ich hatte zunächst geglaubt, daß Dulles im Amt bleiben würde, daß er auf jeden Fall an der Genfer Konferenz teilnehmen könne, wie er es vorhatte und wie er es mir geschrieben hatte. Ich hatte mich von deutscher medizinischer Seite unterrichten lassen, daß die Krebskrankheit bei hohem Lebensalter - und Dulles war ja immerhin 71 Jahre alt - zum Stillstand kommen kann. Ich glaubte, nachdem er nach Florida gefahren war - er ist ja dort sogar geschwommen -, daß die Krebskrankheit zum Stillstand gekommen sei und daß er also vorläufig im Amt bleiben würde.
Im nächsten Jahr finden ja in Amerika sowieso Wahlen statt und dann würde sich so oder so in der Regierung etwas ändern. Aber dann kam der plötzliche Umschlag, der plötzlich für mich unerwartete Verfall. Es traf mich wie ein harter Stoß. Gleichzeitig zeigte der Beginn der Genfer Konferenz, daß die Russen wieder ihr altes Spiel spielten. Gromyko wartete auf den Tod von Dulles, der ja nun abzusehen war und ja auch bald eintrat.
Wenn die Konferenz in Genf von mir abhinge, so würde ich eine Pause von drei bis vier Wochen vorschlagen. Ich bin nicht für einen Abbruch,
sondern für eine Pause. Die Zeit ist ein guter Helfer. Vergessen Sie nicht, daß die Verhandlungen über den Waffenstillstand in Korea länger als ein Jahr gedauert haben und diejenigen über den Abzug der Truppe aus Österreich noch länger. Wenn Leute sich fünf Wochen einander gegenübersitzen und nichts als leeres Stroh gedroschen haben, dann werden sie einander leid und dann ist es an der Zeit, daß man eine Pause macht und zu Hause mit seiner Regierung überlegt: Wie sollen wir es fertigkriegen, doch zu einem relativ günstigen Ergebnis zu kommen?
Vergessen Sie nicht, daß Chruschtschew, der, wie Stalin, der Chef der Partei und der Chef des Staates ist, noch niemals an einer Gipfelkonferenz teilgenommen hat.* Seine Gegenwart würde seine persönliche Stellung in der UdSSR nachdrücklich verstärken. Und wenn, seit Stalin, er der erste Chef der Sowjetunion wäre, der zu einer Gipfelkonferenz ginge, nun wohl, dann müßte er jetzt in Genf den Preis bezahlen.
Alle Völker haben Krieg geführt, aber die meisten Kriege in der Welt hat Rußland im Laufe der Jahrhunderte geführt. Sie kennen alle nicht die russische Geschichte, die kennt man viel zu wenig, auch die russische Geschichte unter dem Zaren.
Die Russen sind meiner Meinung nach an einer Verständigung interessiert, weil sie den Siebenjahresplan, den Chruschtschew so feierlich verkündet hat, durchführen müssen. Sie müssen den Lebensstandard ihres Volkes heben, und wenn der Siebenjahresplan daneben gerät, dann glaube ich, daß Chruschtschew nicht gleichzeitig immer weiter aufrüsten und den Siebenjahresplan durchführen kann. Er muß wählen. Dann wird er wahrscheinlich, wenn er die Gewißheit bekommt, daß er keinen Angriff zu befürchten hat, bereit sein, ernsthaft zu verhandeln.
Eisenhower hat schon oft erklärt, daß er nicht ohne gewisse Erfolge auf eine Gipfelkonferenz gehen wird. Nach meiner Meinung wird er diesen Standpunkt, den ich für richtig halte, auch durchhalten. Wenn die USA es nicht tun würden, dann haben sie schon von vornherein ein erhebliches Stück Terrain verloren und preisgegeben. Nun waren von Anfang an die verschiedenen Mächte nicht der gleichen Ansicht. Großbritannien hat erklärt, wir wollen auf alle Fälle zu einer Gipfelkonferenz kommen. Darauf spielt Chruschtschew, auf diese Gegensätze zwischen den beiden angelsächsischen Mächten. Durch diese Spaltung in den westlichen Lagern fühlt Chruschtschew sich in seiner Position gefestigt. Vor einer Gipfelkonferenz müßten diese Differenzen zwischen den freien Völkern beseitigt sein. Man muß die Briten überzeugen. Schließlich muß doch auch jeder einsehen, daß nicht jeder mit seiner eigenen Ansicht durchkommen kann. Man muß sich doch überzeugen lassen, und man muß da etwa sagen: Es ist besser, einig zu sein für alle, als uneins zu sein.
Diese Meinungsverschiedenheiten waren auch schon vor dem Tod von Dulles vorhanden. Ich bin aber überzeugt, er (Dulles) hätte sie schnell wieder zusammengekriegt.
Und so ausgezeichnet Präsident Eisenhower ist und fest auf dem Boden der Politik steht, und so gut auch Herr Herter ist, so hat er natürlich nicht das Ansehen für Konferenzen, das Dulles gehabt hat, so daß dadurch doch unsere ganze Stellung etwas geschwächt ist.
Ich habe Gromyko in Washington gesagt, er möchte Chruschtschew sagen, er solle nicht immer davon reden, daß ich in die Hölle käme. Ich würde ja das Vergnügen haben, dort mit ihm zusammenzutreffen. Ich habe Gromyko gesagt, er solle nicht immer von der Hölle sprechen, sondern vom Himmel.
* Chruschtschew hat 1955 an der Gipfelkonferenz in Genf teilgenommen.
Süddeutsche Zeitung
In des Kanzlers Kopf

DER SPIEGEL 27/1959
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