01.07.1959

PARTISANENPhrasenlos ins Auge

Der Werwolf, das in Großdeutschlands
großer Zeit vorzugsweise auf alliierte Invasoren dressierte Fabeltier national sozialistischer Propaganda, zeigt wieder seine Zähne. Die Unterabteilung "Personal und Innere Führung" - Chef: Oberst Henning Wilcke - im Führungsstab der Bundeswehr hat das längst totgeglaubte Geschöpf am schwarzrotgoldenen Halsband aus dem Untergrund hervorgezerrt.
Des Obersten Wilcke Innere Führungs -Gehilfen mochten nicht "der Realität aus dem Wege gehen" und prüften deshalb allen Ernstes die Frage, ob sie das Abendland auch dann noch retten könnten, "wenn der Feind das Land besetzt hat".
Antwort: "Es müssen Kampftechniken in der Abwehr entwickelt werden, die im Zusammenwirken mit dem konventionellen und atomaren Kriegspotential der freien Welt die bolschewistische Vergewaltigung - auch in einem besetzten Land - so weit als möglich verhindern."
Was damit gemeint war, stand in der "Information für die Truppe", einer Sammlung von Lehrmaterial, mit der die Führungsstab-Unterabteilung des Obersten Wilcke allmonatlich die "staatsbürgerliche Bildung und psychologische Rüstung" der Bundessoldaten dirigiert. In diesem amtlichen Leitfaden hieß es: "Die Art des kommunistischen Kampfes, der hinterhältig und gewaltsam geführt wird und sich solcher Mittel bedient, die dem freien Menschen aus tiefster Seele fremd und widerwärtig sind, zwingt ihn aber, sich auf diese Kampfart einzustellen."
So erfuhren die Kommandeure und Kompaniechefs der Bundeswehr, daß sie ihre Rekruten zu listigen Partisanen umschulen müssen, die im Ernstfall - wenn Sowjet-Armisten an Rhein und Ruhr residieren -
- Widerstandszellen organisieren,
- Brennstofflager vernichten,
- Bahnanlagen sprengen und
- Besatzerposten unumlegen".
Die Grammatik dieses Partisanen -Lateins lieferte ein Offizier der eidgenössischen Miliz, ein Hauptmann von Dach, der unter dem Titel "Der totale Widerstand" eine wahrhaft perfekte "Kriegsanleitung für jedermann" entworfen hatte. Oberst Wilckes "Information für die Truppe" über Dachs Partisanenbrevier: "Kein Satz in diesem Buch, das von einem Schweizer für Schweizer geschrieben wurde, ist für uns uninteressant . . . Ein Schweizer Hauptmann hat den Mut gehabt, einmal entschlossen zu Ende zu denken, in welcher Situation sich die europäischen Völker befänden, wenn der Osten in einem Kriege zunächst erfolgreich wäre."
In der "ersten Phase" demokratischen Widerstands gegen sowjetische Eindringlinge muß sich der Lehrbuch-Partisan des Milizhauptmanns von Dach in Geduld üben und "die Bevölkerung erst wieder zu Atem kommen" lassen:
- Die Zeit arbeitet für dich.
- "Beobachte den Gegner und studiere
seine Eigenart.
- "Sortiere die Bevölkerung wie folgt:
a) Wer kommt als aktiver Mitarbeiters
in Frage?
b) Wer schwankt?
c) Wer verhält sich passiv?
d) Wer ist zum Gegner übergegangen?"
In der "zweiten Phase" formieren sich die Widerstands-"Zellen", Maximalstärke: Zehn Widerständler. Strenges Gebot: "Die Chefs kennen nur die Mitglieder ihrer eigenen Zelle sowie die anderen Zellenchefs, nicht aber deren Zellenmitglieder." Die "Zellen" schließen sich zu "Kreisen" zusammen, richten Kurierverbindungen ein und trainieren besondere "Sektionen" für Spezialaufträge.
Erst in der "dritten Phase" wird es Ernst. Hauptmann von Dach schreibt vor:
- "Die Bevölkerung über das zweckmäßige Verhalten dem Gegner gegenüber instruieren.
- "Verfolgte Personen dem Zugriff der
Polizei entziehen durch Warnung, Be
günstigung der Flucht, Versteckthalten.
- "Untergrundinformation der Bevölkerung über die Wahrheit organisieren.
- "Spitzel und Agenten lokalisieren.
- "Sabotage anlaufen lassen.
- "Verräter und Spitzel durch Gegenter
ror niederhalten. (Es muß ebenso ge
fährlich sein, für den Feind zu arbeiten,
wie gegen ihn.)
- "Den passiven und aktiven Widerstand
so lange aufrechterhalten, bis die Be
setzungsmacht durch Ereignisse, die
außerhalb unserer Einflußmöglichkeiten
liegen, so weit geschwächt ist, daß zu
sammen mit den Kleinkriegsdetache
menten zum offenen Aufstand geschrit
ten werden kann..."
Was Wunder, daß der Milizhauptmann von Dach auch Rat für den Werwolf weiß, der dabei in die Fangeisen der Sowjet-Armee gerät: "Wenn dich mehrere Beamte des Staatssicherheitsdienstes im Verhörkeller zusammenschlagen, darfst du nicht
in ihrer Mitte stehen bleiben. So könnten alle gleichzeitig auf dich einschlagen. Versuche eine Ecke des Raumes zu erreichen. So können nur noch zwei, drei Mann gleichzeitig auf dich einprügeln. Der Rest ist sich gegenseitig selbst im Wege."
Und: "Versuche nicht, dich möglichst lange aufrecht zu halten. Markiere den 'toten' oder 'schwerverletzten' Mann. Laß dich auf den Boden fallen und rolle dich auf den Bauch. So sind deine empfindlichen Organe im Mittelpunkt eines schützenden Rippen- oder Knochenkäfigs. Ziehe zudem das Kinn an und versuche, die Nierengegend durch Anpressen der Ellenbogen zu schützen."
Der Schweizer Werwolf-Stratege unterschlägt keineswegs, was den in die Falle gegangenen Bundeswehr-Werwolf sonst noch erwartet:
- "Einzelhaft.
- "Dunkelhaft.
- "Einschließen in
Kleinzellen, soge
nannten stehenden
Särgen, die ein Sitzen
oder Liegen unmög
lich machen.
- "Schlafentzug, indem
du durch Wächter im
mer wieder geweckt
wirst, wenn du ein
nickst.
- "Allgemeine Mißhandlungen, wie Prü
gel, Zähneeinschla
gen, Ausreißen der
Finger- und Zehen
nägel, Antupfen mit
brennenden Ziga
retten.
- "Zermürbung durch
Greuelnachrichten,
Hunger, Kälte, Durst."
Kommentierte die "Information für die Truppe" des Bundeswehr-Obersten Wilcke: "Das Buch ist voll praktischer Anleitungen. Die Erfahrungen der Widerstandsbewegung in allen Ländern Europas, von der Zeit der Französischen Revolution bis zur Tätigkeit der EOKA in Zypern, sind hier zusammengefaßt und verarbeitet. Dem militärischen Führer, der die
traditionelle Ausbildung durchlaufen hat, werden hier vielfach ganz neue Perspektiven eröffnet. Das Buch sieht einer harten Wirklichkeit phrasenlos ins Auge."
Nicht im Auge hatten die Bonner Werwolf-Propagandisten bei diesem phrasenreichen Lobspruch, daß sich des Milizhauptmanns von Dach Kleinkriegspiel an das im Jahre 1942 verfaßte sowjetamtliche "Partisanen-Handbuch" anlehnt und daß man Kleinkrieg eben nur unter bestimmten soziologischen und geographischen Bedingungen führen kann.
Das modernste Standardwerk über die Sowjet-Armee, die von dem amerikanischen Sowjet-Experten Garthoff herausgegebene "Soviet Military Doctrine", kommt jedenfalls nach einer Analyse der sowjetischen "Partisanschtschina" des letzten Krieges zu dem Schluß: "Eine solche Kriegführung ist eng an Agrarländer und bewaldete Gebiete gebunden. Der Aufstand in Warschau zeigt die Ohnmacht einer städtischen 'Partisanen'-Aktion."
Werwolf-Propagandist Wilcke: "Roll dich auf den Bauch"

DER SPIEGEL 27/1959
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