01.07.1959

SIEBEN-JAHR-PLANApel mit der Trillerpfeife

Volle vier Seiten des vom "Völkischen Beobachter" übernommenen Monstre -Formats füllte das SED-Zentralblatt "Neues Deutschland" mit einem Referat, dessen Titel selbst in sowjetzonalen Funktionärsgehirnen nicht eben konkrete Vorstellungen auszulösen vermochte: "Sozialistische Rekonstruktion - Hauptkettenglied zur Lösung der Aufgaben des Siebenjahrplanes". Das Marathon-Referat war vom Genossen Erich Apel, Leiter der Wirtschaftskommission beim Politbüro, verfaßt worden und Mittelpunkt einer voraufgegangenen Sitzung des Zentralkomitees gewesen.
In dieser Sitzung nun diskutierten Pankows Spitzendialektiker allerdings eine Situation, die ebenso simpel und klar wie der Referats-Titel,geschraubt und nebulös war. Es ging nämlich um die Verwirklichung der prahlerischen Beschlüsse des Fünften SED-Parteitags vom vergangenen Sommer. Damals terminierte Ulbricht den bevorstehenden "ökonomischen Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus" auf das Jahr 1961. Inzwischen aber war dem hintersten Kommunisten aufgegangen, daß die DDR-Wirtschaft in ihrer gegenwärtigen Verfassung einfach außerstande ist, die gesteckten Ziele zu erreichen.
Also bedurfte es drastischer Reformen, angemessen "der bisher größten und kompliziertesten Aufgabe, die wir uns in der Entwicklung der Industrie gestellt haben". Für diese Reformen hatte Walter Ulbricht persönlich das Code-Wort "Sozialistische Rekonstruktion" kreiert.
Und weil seine Genossen sich darunter beim besten Willen nichts vorstellen konnten, hatte er ihnen schon im Juli erläutert: "Der Inhalt der sozialistischen Rekonstruktion besteht... in der Zusammenfassung der Herstellung gleicher oder gleichartiger Erzeugnisse oder wichtiger Bestandteile in einem Betrieb beziehungsweise in einer möglichst geringen Zahl von Betrieben ... die den relativ geringsten Aufwand an Investitionen, Material und Arbeit, das heißt eine hohe Produktivität gewährleisten."
Obgleich Ulbrichts bombastische Definition nichts anderes besagte als die betriebswirtschaftliche Klippschulweisheit, daß der Gesamterfolg von der rationellen und rentablen Arbeitsteilung abhängt, waren seinen theoretischen Einsichten offenbar in der DDR-Wirklichkeit keine Taten gefolgt. Denn zehn Monate nach dem Parteitag fühlte sich Erich Apel gedrängt, den ZK-Mitgliedern zu offenbaren, daß nur "durch eine grundsätzliche Änderung unseres Arbeitsstils". Fortschritte möglich seien.
Das war das halbe Eingeständnis der ökonomischen Niederlage. Wie nämlich "unser Arbeitsstil grundsätzlich" reformiert werden soll, wußte auch Wirtschaftsplaner Apel nicht. Statt dessen schärfte er seinen Zuhörern und den Lesern des "Neuen Deutschland" ein, daß der "Übergang von der kapitalistischen Zersplitterung zur sozialistischen Spezialisierung" beschleunigt werden müsse. Hörer und Leser, seit Jahren an Imperative gewöhnt, nahmen das geduldig zur Kenntnis.
Freilich hatte Genosse Apel in bewährter pädagogischer Manier vor den Tadel das Lob gesetzt. Er rühmte den "hervorragenden Aufschwung der Arbeitsaktivität" sowie den "Optimismus und den großen Elan", der die Werktätigen beflügelte, "bis zum 30. April 1959 eine Steigerung der industriellen Bruttoproduktion von 12,4 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres" zu erzielen.
Jedoch selbst das gleichmäßige Weitersteigen von Optimismus und Elan würde, so unkte Apel, nicht ausreichen, die Doppelaufgabe zu erfüllen, die der DDR -Volkswirtschaft gestellt ist:
- In dem 1958 verkündeten Siebenjahr
plan den angemessenen "Beitrag zum
Wettstreit des gesamten sozialistischen
Lagers mit den fortgeschrittensten ka
pitalistischen Ländern" zu leisten und
- die Produktion so zu steigern, daß bis
zum Jahre 1961 eine Westdeutschland
ebenbürtige Pro-Kopf-Versorgung der
Bevölkerung erreicht wird.
Nun wäre es fraglos das Einfachste, durch Modernisierung des Produktionsapparats den Abstand zum internationalen Standard zu verringern. Indes, die sozialistische Rekonstruktion soll möglichst ohne Aufwand erfolgen. Staats- und Wirtschaftsfunktionäre, die den Mut hatten, Investitionsmittel anzufordern, wurden alsbald beschuldigt, das Opfer "ideologischer Unklarheiten" geworden zu sein.
Lediglich an einigen industriellen Schwerpunkten braucht das zur Modernisierung nötige Kapital nicht durch stramme Haltung ersetzt zu werden. Apel nannte Zahlen: Für das laufende Jahr sollen 14,7 Milliarden Mark (Ost) Investitionsmittel zur Verfügung stehen (das wären 20 Prozent mehr als im Vorjahr). Apel: "In den ersten vier Monaten sind 620 Millionen Mark mehr in unserer Volkswirtschaft investiert worden als im gleichen Zeitraum des Jahres 1958."
Aber Apel verschwieg, daß über Einsatz und Verteilung dieser Mittel nicht etwa die DDR-Wirtschaftsplaner befanden und befinden, sondern jener Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, dem sich die Staaten des Warschauer Pakts als dem Gegenstück zur Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC) unterstellen mußten.
Der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe sieht seine primäre Aufgabe durchaus nicht darin, den Pro-Kopf-Verbrauch in der DDR über den der übrigen Länder des Ostblocks hinaus zu steigern. Er fördert kommunistische Globalpläne, die nur zum Teil unmittelbar wirtschaftliche Ziele haben, zum andern Teil aber militärischen und außenpolitischen Zwecken dienen.
So empfahl der Dialektiker Apel denn über vier Riesenzeitungsseiten hin als probateste sozialistische Rekonstruktionsmittel
- "straffe Disziplin" und
- "die ständige Verwirklichung des Spar
samkeitsprinzips".
Und weil nach leninistischem Prinzip Kontrolle besser ist als Vertrauen, entwarf Apel auch gleich noch ein breit gefächertes Überwachungssystem, mit dessen Hilfe die sozialistische Rekonstruktion - deren praktischen Inhalt keiner kennt - beaufsichtigt werden soll.
Zunächst appellierte Apel an die, Partei: "Um kurzfristig eine scharfe Wende zur qualifizierten Leitung und Organisation der Arbeit herbeizuführen ... kommt es in der gegenwärtigen Entwicklungsperiode mehr denn je darauf an, die führende Rolle unserer Partei . . . durchzusetzen." Sodann wurden die Betriebsgewerkschaftsleitungen verwarnt, die bisher nur wenig Neigung zeigten, sich als Einpeitscher beim ökonomischen Wettlauf der DDR mit der Bundesrepublik zu betätigen: "Die Gewerkschaftsleitungen, die... den sozialistischen Wettbewerb mangelhaft organisieren und unterstützen, müssen einer ernsten Kritik unterzogen werden."
Schließlich aber bestimmte der Genosse Erich Apel, wer fortan für die wirtschaftliche Zukunft der DDR maßgebend sein soll. Um ganz sicher zu gehen, daß die ebenso geheimnisvolle wie heikle Aufgabe der sozialistischen Rekonstruktion richtig angepackt wird, schob er die Verantwortung nicht weniger als fünf ganz verschiedenrangigen und nicht koordinierbaren Stellen zu:
- der Staatlichen Plankommission;
- der Vereinigung Volkseigener Betriebe,
die im vergangenen Jahr die Geschäfte
der aufgelösten technischen Ministerien
übernahm;
- den Leitern der Betriebe;
- den Wirtschaftsräten der Bezirke;
- den Kreisplankommissionen, die "kom
plex-territoriale Volkswirtschafts- und
Finanzpläne" auszuarbeiten haben.
Apels Zuhörern im Zentralkomitee wurde jedenfalls deutlich, daß die Hauptlast der sozialistischen Rekonstruktion von der revolutionären Arbeiterklasse getragen werden muß, die durch Mehrproduktion schleunigst den schon immer latenten Kaufkraftüberhang beseitigen soll, den die Lohnerhöhungen der letzten Monate noch gefährlich gesteigert haben.
Den Lesern des "Neuen Deutschland" wiederum, die hart genug waren, sich durch das Phrasengestrüpp bis zum Kern von Apels sozialistischer Rekonstruktion durchzukämpfen, blieb eine dialektische Pointe und eine wirtschaftliche Erkenntnis.
Die Pointe: Zur Verwirklichung eines Projekts, dessen Sinn "rationellste Organisation und höchste Produktivität" sein soll, erschließen Ulbrichts Planer neue Funktionärsschichten.
Die Erkenntnis: Der Pro-Kopf-Verbrauch in der DDR, der über das proletarische Existenzminimum in den vergangenen Jahren schnell hinausgewachsen ist, wird den kapitalistischen Pro-Kopf-Verbrauch dank der tätigen Funktionärshilfe auch bis 1961 nicht erreichen.
Rekonstrukteur Apel
Investieren ist reaktionär

DER SPIEGEL 27/1959
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/1959
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SIEBEN-JAHR-PLAN:
Apel mit der Trillerpfeife

  • Queen's Speech: Elizabeth II. verliest Johnsons Pläne
  • Stillgelegtes Kraftwerk: Vier Kühltürme gleichzeitig gesprengt
  • Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch
  • Hightech-Mode für Gehörlose: Musik fühlen statt hören