01.07.1959

KONFERENZENÜber allen Gipfeln Ruh'

War es bisher ein unumstößlicher
Glaubenssatz der westlichen Außenämter, daß allein der Sowjet-Boß Chruschtschew aus eitlen Prestige-Gründen zum Gipfel strebe und deshalb für ein Tete-à-tete mit Eisenhower einen angemessenen "Preis" zahlen solle, so zeigt sich nun, daß auch Amerikas Verbündete von solcher Eitelkeit nicht frei sind.
Der flinken Feder von Miss Flora Lewis, Korrespondentin der "New York Times" in Bonn, blieb es vorbehalten, nicht nur die boshaften Interview-Sticheleien des westdeutschen Regierungschefs gegen seinen Wirtschaftsminister zu verbreiten, sondern bald danach auch seinen Wunsch nach einer westlichen Gipfel-Konferenz an prominenter Stelle zu verkünden. Der Kanzler, so war Anfang vergangener Woche auf der ersten Seite des angesehenen amerikanischen Blattes zu lesen, befürworte eine Zusammenkunft der Regierungschefs der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, Frankreichs und der Bundesrepublik - noch ehe die Genfer Außenminister-Konferenz am 13. Juli wieder zusammentritt - mit dem Ziel, eine spätere Begegnung mit Sowjetrußlands Nikita Chruschtschew "sorgfältig vorzubereiten".
Alt-Stratege Adenauer ist nicht der einzige, der nach dem "Männerstreit" mit Kronprinz Erhard und dessen aufgebrachten Anhängern sein ramponiertes Prestige "auf dem Gipfel" wieder aufpolieren lassen möchte. Vor ihm hat schon Nachbar de Gaulle dezent ähnliche Wünsche in Washington angemeldet in der Hoffnung, das ärgerliche Gezänk um die atomare Gleichberechtigung Frankreichs durch ein Wort unter "Kriegskameraden" zu beenden.
Eine Konferenz mit dem amerikanischen Präsidenten soll den Bürgern der V. Republik demonstrieren, daß der alternde General an ihrer Spitze die "Grandeur" Frankreichs wiederhergestellt hat, während der rheinische Kanzler die weltpolitische Szene sucht, um vor seinen Wählern wieder in der Rolle des großen Staatsmannes zu agieren, dessen Rat den Führungsmächten der westlichen Welt unentbehrlich geworden sei.
Als aus Amerika die Nachricht eintraf, Eisenhower sei begierig, mit Charles de Gaulle zusammenzutreffen, um die Meinungsverschiedenheiten über die gemeinsame Verteidigung des Westens aus dem Wege zu räumen, war man in Paris Erleichtert. "Er (de Gaulle) und ich sind alte Freunde", hatte der amerikanische Präsident auf seiner wöchentlichen Pressekonferenz gesagt. "Ich hoffe deshalb, daß wegen des besonderen Charakters der Probleme . . . vielleicht zwei Regierungschefs, die gleichzeitig alte Kriegskameraden sind, eine Lösung finden können, die sonst nicht aufgetaucht wäre."
Frankreichs gaullistische Zeitungen druckten das Präsidenten-Wort wie eine Siegesnachricht. Sie sahen darin einen ersten Erfolg der französischen Erpressungspolitik (SPIEGEL 25/1959) gegenüber der Nato. Aus der Journalisten-Frage Nr. 16 im Weißen Haus wurde innerhalb weniger Tage ein Konferenz-Projekt, das man in Paris offiziell "warm" begrüßte. Eisenhower und de Gaulle, so hieß es, sollten sich zunächst unter vier Augen aussprechen, später könne dann Englands Premier Macmillan hinzugezogen werden.
in diesem Stadium trat "New York Times"-Korrespondentin Flora Lewis in Aktion und meldete Adenauers Gipfel-Wünsche an. Begründung: Es gebe immer noch "ernsthafte Meinungsverschiedenheiten" zwischen Großbritannien und den anderen westlichen Regierungen über die Frage, wie künftig gegenüber der Sowjet-Union verfahren werden solle, und die Außenminister seien zu beschäftigt, uni nebenbei auch noch die westliche Politik zu koordinieren.
Dieser Hieb gegen den britischen Premier, der auch in den zahlreichen Kanzler-Interviews wiederkehrte, lähmte in England jäh das Interesse an einem westlichen Gipfel-Treffen. Die Londoner "Times" lakonisch: "Das scheint eine seltsame Art zu sein, die Einheit zu erreichen, die er (Adenauer) wünscht."
Auch die Franzosen fanden bald heraus, daß es der amerikanische Präsident nicht gar so eilig hatte, ihrem Staatschef die Hand zu schütteln. Zwar liegt in Paris seit Monaten eine Einladung vor, die es dem General gestatten würde, zu einem Staatsbesuch nach Washington zu reisen, doch der peinlich auf die Reputation Frankreichs bedachte de Gaulle schützt protokollarische Gründe vor, die ihm eine solche Reise verbieten: Die letzte francoamerikanische Begegnung auf höchster Ebene, so ließ die Pariser Regierung durchblicken, sei durch den Amerikabesuch des Präsidenten Coty, de Gaulles Amtsvorgänger, herbeigeführt worden. Jetzt sei das amerikanische Staatsoberhaupt an der Reihe, in der V. Republik offiziell Besuch zu machen.
Dazu Eisenhower: "Ich habe den Plan
- falls mich irgendein Anlaß nach Europa führen sollte -, eine besondere Anstrengung zu unternehmen, um mit ihm (de Gaulle) zusammenzutreffen."
Demnach wird Frankreichs General-Präsident noch eine Weile auf die große Schau warten müssen, die ihn gleichberechtigt neben dem Staatschef der amerikanischen Atommacht zeigen würde. Erläuterte "New York Times" die Hintergründe: '.Das Problem (der französischamerikanischen Differenzen) ist widerspruchsvoll, weil es so leicht ist, mit den französischen Wünschen zu sympathisieren, aber so schwierig, sie zu befriedigen."
Den Katalog der französischen Forderungen, die angesichts der "Gefahr einer atomaren Gipfel-Konferenz ohne Frankreich" ("Paris-Presse") erörtert werden müßten, hatten Frankreichs regierungsfreundliche Blätter rasch noch einmal ausgebreitet:
- Aufnahme in den Atom-Klub,
- Bildung eines Dreier-Direktoriums für
die Nato (USA, Großbritannien, Frankreich) sowie
- volle Unterstützung der französischen
Algerien-Politik durch die Verbündeten.
Der ebenfalls nach Gipfel-Prestige dürstende westdeutsche Kanzler fand in einem "Life"-Interview verständnisvolle Worte für die Forderungen seines französischen Freundes, aber aus Washington kamen untrügliche Zeichen, daß man im State Department für eine Eisenhower-Reise nach Europa vorerst keinen Anlaß sieht. Zu einem westlichen Gipfel-Treffen, so ließ man Bonn wissen, müsse außer Adenauer am Ende auch der italienische Regierungschef eingeladen werden. Für ein Monstre-Gespräch zu fünft aber habe man kein gewichtiges Thema.
So wenig Dwight D. Eisenhower geneigt ist, "ohne ein gewisses Maß an Fortschritten in Genf" (US-Außenminister Herter) mit dem sowjetischen Regierungschef zu einer pompösen Gipfel-Schau zusammenzutreffen, so wenig ist er offenbar auch bereit, auf innerpolitischen Nöten beruhende Prestige-Wünsche seiner Verbündeten zu erfüllen und deren persönliche Eitelkeiten zu honorieren. Auch sie müssen einen "angemessenen Preis" zahlen, wenn sie dem amerikanischen Präsidenten die Hand drücken wollen. Das wird sich besonders de Gaulle noch vorrechnen lassen müssen.
Kommentierten US-Diplomaten in Washington Frankreichs Minderwertigkeits-Komplexe: "Der Status der Gleichheit mit Großbritannien und den USA ist etwas, was man erreichen, aber nicht bloß behaupten kann."
Evening Standard, London
"Schrecklich, wie sich diese Briten benehmen ..."

DER SPIEGEL 27/1959
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