01.07.1959

FRANKREICH / ALGEREIN-KRIEGFindet nicht statt

Am 25. August 1958, morgens 2.30 Uhr, rissen Bombenexplosionen und Pistolenschüsse Frankreichs Bürger aus dem Schlaf. In dem Mittelmeerhafen Marseille sowie in über zwanzig anderen Orten standen riesige Öllager in Flammen. Gleichzeitig wurden Polizeistationen, Munitionsdepots und Rüstungsfabriken angegriffen. Es gab Tote und Verwundete. Die algerischen Rebellen hatten ihre Drohung wahrgemacht und den seit vier Jahren in Nordafrika schwelenden Krieg mit einer Welle sorgfältig vorbereiteter Sabotage-Akte in das französische Mutterland getragen.
Mit den Ereignissen jener Nacht hatte sich jüngst das Handelsgericht von Narbonne zu beschäftigen; denn damals brannten auch die Tanks der Petroleum-Gesellschaft "Purfina" im benachbarten Port-La-Nouvelle. Sie enthielten über drei Millionen Liter Treibstoff, die durch den Sabotage-Akt der algerischen FLN (Nationale Befreiungsfront) vernichtet wurden.
Der in Port-La-Nouvelle entstandene Schaden wurde später mit 130 284 120 Franc (etwa 1,1 Millionen Mark) beziffert, doch 34 Versicherungsgesellschaften weigerten sich, ihn zu ersetzen. Was die Direktoren der Purfina eine"gewöhnliche Brandstiftung" nannten, war für die Versicherungen eine Kriegshandlung, die sie von allen Leistungen entband.
Die Handelsrichter von Narbonne standen damit vor einer kniffligen Aufgabe. Sie sollten eine Entscheidung fällen, die Frankreichs höchste politische Instanzen bisher vorsichtig umgangen hatten: Ist der Kampf der algerischen FLN - juristisch gesehen - ein Krieg oder nicht?
Ihr salomonischer Spruch lautete: "Es ist nicht möglich, davon zu sprechen, daß ein solcher Tatbestand (Krieg oder Bürgerkrieg) zur Zeit des Anschlags in Port-La -Nouvelle oder der Umgebung erfüllt gewesen sei."
Einer Beurteilung der Ereignisse in Algerien war das Provinz-Gericht damit behutsam ausgewichen. Für das offizielle Frankreich 'findet in Nordafrika - weil "nicht sein kann, was nicht sein darf" - seit fünf Jahren kein,Krieg, sondern eine Revolte statt. Zwar bindet diese "Revolte" eine französische Armee von 500 000 Mann und hat die algerischen Rebellen bisher etwa 50 000 Tote gekostet, doch sind diese Ziffern für Frankreichs Regierung ebensowenig entscheidend wie die Tatsache, daß die Truppen der FLN uniformiert auftreten.
Die juristische Formel von der Revolte würde die französische Regierung vermutlich erst dann aufgeben, wenn es ihr gelänge, ihre Verbündeten davon zu überzeugen, daß in Algerien ein kommunistisch dirigierter "Angriff von außen" im Gange ist. Damit wäre für die Nato der "Verteidigungsfall" - also die Notwendigkeit militärischer Unterstützung Frankreichsgegeben, weil die nordafrikanischen Departements, staatsrechtlich ein Teil des Mutterlandes, zu den in die Allianz einbezogenen Gebieten gehören.
Während die französische Umgangssprache längst den "Krieg in Algerien" kennt - auch den Narbonner Handelsrichtern ist diese Vokabel in ihre Urteilsbegründung geraten -, nimmt die Regierung mancherlei Ungemach in Kauf, um eine Sprachregelung aufrechtzuerhalten, die mit der Wirklichkeit nicht mehr übereinstimmt. Sie stiftet zwar eine Militär-Medaille für ihre Algerien-Kämpfer, erklärt jedoch, diese Auszeichnung werde für die "Befriedung" verliehen. Sie sichert durch den Mund ihres Ministers Triboulet den (Militär- und Zivil-)"Opfern des Terrorismus", zu denen auch die Geschädigten algerischer Attentate im französischen Mutterland gehören, staatliche Hilfe zu, vermeidet aber, sie formell als Kriegsopfer zu bezeichnen.
Dieses juristische Zwielicht ließ die von Purfina verklagten Versicherungsgesellschaften hoffen, sie würden in Narbonne leichtes Spiel haben, zumal sie sich prominente Anwälte zur Verteidigung ihres Geldes bestellt hatten. Die Pariser Advokaten Jacques Isorni und Rene Floriot kramten ein Gesetz vom 13. Juli 1930 hervor, wonach ein auswärtiger Krieg, ein Bürgerkrieg, Aufstände sowie "Volksbewegungen" den Versicherungsfall ausschließen.
Verkündeten die Anwälte vor Gericht: "Das Gesetz ist klar. Es gibt kein Rechtsproblem... Niemand kann daran zweifeln, daß diese Sabotage-Akte ein Teil des algerischen Krieges sind."
Dennoch kamen die biederen Provinz-Richter von Narbonne nach vier Verhandlungswochen zu dem Schluß, daß die 34 Versicherungsgesellschaften jene 130 Millionen Franc Schadenersatz nebst Zinsen an Purfina zahlen müssen.
- Sie erklärten Anfang vergangener Woche: "Der Terror-Akt gegen das Treibstofflager der Purfina in Port-La-Nouvelle wurde nur von zwei Individuen unternommen und unterscheidet sich von Kriegshandlungen und Aufständen dadurch, daß die Tat heimlich durch eine Bewegung hervorgerufen wurde, die örtlich nicht Herr der Lage war und deren Mitglieder für sich allein gehandelt haben, um danach sofort wieder in den Untergrund zu verschwinden."
- Wenige Wochen zuvor hatten sich 18 FLN-Mitglieder vor dem Militärgericht in Marseille wegen ihrer Anschläge auf die südfranzösischen Treibstoff-Lager im August vergangenen Jahres zu verantworten. Ihr Anführer Mesian sagte stolz: "Ich beanspruche die Verantwortung für diese Sabotage-Akte. Ich betrachte mich als Soldat und als Kriegsgefangener."
Die Handelsrichter von Narbonne belehrten dagegen die Versicherungsgesellschaften, jene Terror-Akte der FLN seien weder ein Aufstand noch eine Volksbewegung oder gar ein Bürgerkrieg. "Der Aufstand'setzt eine Massenbewegung mit (dem Ziel) einer Revolte gegen die bestehende Ordnung voraus", dozierten sie. "Davon kann im vorliegenden Fall keine Rede sein."
Die Handhabe für ihre Berufung mag das Gericht den Anwälten der Versicherungsgesellschaften jedoch mit einem anderen Satz geliefert haben, in dem es heißt: "Die Versicherer haben, obwohl sie hierauf besonders abzielten, keine hinreichenden Beweise dafür erbracht, daß der Anschlag von einer Volksbewegung ausging." Nach dem Gesetz von 1930 sind Volksbewegungen "durch illegale Handlungen gekennzeichnet".
Den findigen Advokaten Isorni und Floriot bleibt es nun überlassen, in der Berufungsverhandlung die FLN als Volksbewegung abzumalen, die auf beiden Ufern des Mittelmeeres ihre militanten Anhänger hat. Gelingt ihnen das, so werden die Richter glauben müssen, daß es dem FLN-Untergrundkämpfer Mesian in Port-La-Nouvelle nicht darum ging, allein die Purfina zu treffen, sondern den französischen Staat, der den Algeriern die Unabhängigkeit verweigert.

DER SPIEGEL 27/1959
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/1959
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FRANKREICH / ALGEREIN-KRIEG:
Findet nicht statt

Video 00:54

Surfvideo aus China Ritt auf der Gezeitenwelle

  • Video "David Cameron im Interview: Bereue ich es? Ja!" Video 01:42
    David Cameron im Interview: "Bereue ich es? Ja!"
  • Video "Klippenspringerin Anna Bader: Da oben bin ich unantastbar" Video 04:39
    Klippenspringerin Anna Bader: "Da oben bin ich unantastbar"
  • Video "Buhrufe in Luxemburg: Boris Johnson schwänzt Pressekonferenz" Video 01:01
    Buhrufe in Luxemburg: Boris Johnson schwänzt Pressekonferenz
  • Video "Umweltschützer in Wales: Ich gebe auf - und vielleicht solltet ihr das auch" Video 06:29
    Umweltschützer in Wales: "Ich gebe auf - und vielleicht solltet ihr das auch"
  • Video "Angriff auf saudi-arabische Raffinerie: Es kann die gesamte Region anzünden" Video 03:36
    Angriff auf saudi-arabische Raffinerie: "Es kann die gesamte Region anzünden"
  • Video "Riskantes Projekt in Russland: Erstes schwimmendes AKW am Ziel" Video 01:08
    Riskantes Projekt in Russland: Erstes schwimmendes AKW am Ziel
  • Video "Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer" Video 00:44
    Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer
  • Video "Portrait über Jürgen Grässlin: Warum deutsche Rüstungskonzerne einen Lehrer fürchten" Video 15:18
    Portrait über Jürgen Grässlin: Warum deutsche Rüstungskonzerne einen Lehrer fürchten
  • Video "Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt" Video 01:07
    Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt
  • Video "Videoreportage zu Mobbing: Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt" Video 08:28
    Videoreportage zu Mobbing: "Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt"
  • Video "Videoumfrage zu Mobbing: Die haben mich bis nach Hause verfolgt" Video 03:43
    Videoumfrage zu Mobbing: "Die haben mich bis nach Hause verfolgt"
  • Video "US-Polizeivideo: Verfolgungsjagd endet im Mülleimer" Video 01:11
    US-Polizeivideo: Verfolgungsjagd endet im Mülleimer
  • Video "Unwetter in Spanien: Es war plötzlich alles überflutet" Video 01:32
    Unwetter in Spanien: "Es war plötzlich alles überflutet"
  • Video "Erosion an der Elfenbeinküste: Unsere Toten verlassen uns schon" Video 03:44
    Erosion an der Elfenbeinküste: "Unsere Toten verlassen uns schon"
  • Video "Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg" Video 02:13
    Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg
  • Video "Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle" Video 00:54
    Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle