01.07.1959

ENGLAND / MARAGRETVerklebte Fenster

Mit einer Mammutmesse in Lissabon
und einem pompösen Aufgebot von Gardesoldaten, Flotteneinheiten, einer Prinzessin und historischen Erinnerungen hat jüngst die britische Wirtschaft versucht, ihrem westdeutschen Konkurrenten den portugiesischen Markt abzujagen. Dem Übereifer der britischen Botschaft in Lissabon ist allerdings zuzuschreiben, daß dieser Versuch bisher nur geringen Erfolg hatte.
Die jahrhundertealte Kontrolle über den. portugiesischen Markt hat die Londoner City verloren, seit es den Sendboten des deutschen Wirtschaftswunders gelungen ist, die Briten von der ersten Stelle im portugiesischen Außenhandel zu verdrängen. Schon 1955 galt die Bundesrepublik als der größte Lieferant Portugals. Die Deutsche Industrie-Ausstellung in Lissabon im Frühjahr 1956 machte vollends deutlich, daß die britischen Exporteure ins Hintertreffen zu geraten drohten.
"Die westdeutsche Industrieausstellung", schrieb die Londoner "Times" etwas säuerlich, "unterstreicht nur, wie der deutsche Vorstoß auf dem portugiesischen Markt dem britischen Handel zum Schaden gereicht."
Die Bundesmesse erschien dem britischen Blatt besonders beklagenswert angesichts der Tatsache, '"daß Versuche, eine britische Handelsmesse zustande zu bringen, mangels finanzieller Mittel gescheitert sind".
Erst drei Jahre später hatte die britische Wirtschaft genügend Geld beisammen, um ebenfalls in Lissabon eine Industriemesse zu eröffnen. Als "Hauptziel" der Ausstellung gab die "Times" im Mai dieses Jahres an, die Messe solle "Großbritannien seinen traditionellen Platz als wichtigster Lieferant Portugals zurückgewinnen".
Die "British Industries Fair" sollte nicht nur mit doppelt so vielen Firmen aufwarten wie das deutsche Konkurrenz-Unternehmen von 1956. Noch größere Durchschlagskraft erwarteten sich die Gentlemen der Messe von einigen Demonstrationen, die auf breite Massenwirkung berechnet waren. Auf dem Festprogramm standen nämlich
- ein Besuch der publicity-wirksamen
Prinzessin Margaret,
- die Entsendung eines Geschwaders der
britischen Home Fleet sowie
- eine gemeinsame Parade der Guarda
Nacional Republicana und einiger Einheiten britischer Regimenter, die in den iberischen Freiheitskriegen gegen Napoleon gekämpft hatten.
Was indes als Krönung der Industriemesse gedacht war - der Besuch der königlichen Prinzessin Margaret -, erwies sich als ein arger Fehlschlag. Kaum war bekanntgeworden, die Prinzessin werde nach Portugal reisen, da warnte ein Kreis portugiesischer Emigranten, es sei unschicklich, die Prinzessin einer demokratischen Monarchie ins faschistische Portugal fahren zu lassen, zu einer Industriemesse, "die schon heute jedermann in Lissabon einen britischen Zirkus nennt'.
Als schließlich die Prinzessin am 6. Juni
- acht Tage nach der Messe-Eröffnung -
auf dem Flugplatz von Lissabon aus einer silbergrauen Heron-Maschine stöckelte, wäre sie beinahe von ihren portugiesischen Fans erdrückt worden. Die leidenschaftlichen Südländer umjubelten ihre Heroin derart handgreiflich, daß die Britin Mühe hatte, ihren rosaroten Strohhut und ihren schwarzgestreiften Seidenmäntel vor fremdem Zugriff zu retten.
Indigniert über eine derart undezente Reverenz vor der britischen' Hoheit, beschloß Großbritanniens Botschafter Sir Charles Stirling, den Portugiesen eine Lektion zu erteilen. Sir Charles ließ sich Portugals Polizeichef Jose Passo kommen und bat, die Prinzessin vor jeder weiteren unliebsamen Berührung mit ihren Verehrern zu bewahren. Die Schergen des Passo befolgten den Rat mit totalitärer Gründlichkeit: Wo immer sich der Gast aus England sehen ließ, säuberten die Polizisten zuvor die Straßen und vertrieben die Menschen von Balkonen und Dächern. In einigen Fällen verklebten sie sogar die Fenster mit Zeitungspapier.
Als Margaret das Gelände der Industrieausstellung unweit des Belem-Tors am nördlichen Ufer des Tejo besuchte, durfte kein Portugiese ihrer ansichtig werden. Ebenso ließ Sir Charles Stirling sämtliche portugiesischen Journalisten von dem britischen Schiff verbannen, auf dem Prinzessin Margaret einen Empfang gab.
"Die Portugiesen dürfen wohl nur mit britischer Genehmigung den Tejo befahren", empörte sich Lissabons zweitgrößte Zeitung, "0 Século", während ein anderes Blatt die Margaret-Party ein Bankett nannte, "das Briten für Briten in einem eroberten Land gegeben haben".
Nicht einmal die farbigen Militärparaden in Lissabon vermochten den Fehlschlag der Margaret-Mission wettzumachen. Den Schaden wird die britische Wirtschaft bezahlen müssen. Spottete das amerikanische Nachrichten-Magazin "Time" nach der Beendigung' der Briten-Messe in der vorvergangenen Woche: "Die Westdeutschen haben zwar keine Monarchie, aber sie wollen 1961 wieder eine Industriemesse eröffnen."
Prinzessin Margaret, Begleiter* in Lissabon
In einem eroberten Land?
* Pater José Alver, Superior des Klosters Jeronimos.

DER SPIEGEL 27/1959
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/1959
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ENGLAND / MARAGRET:
Verklebte Fenster

Video 00:54

Surfvideo aus China Ritt auf der Gezeitenwelle

  • Video "David Cameron im Interview: Bereue ich es? Ja!" Video 01:42
    David Cameron im Interview: "Bereue ich es? Ja!"
  • Video "Klippenspringerin Anna Bader: Da oben bin ich unantastbar" Video 04:39
    Klippenspringerin Anna Bader: "Da oben bin ich unantastbar"
  • Video "Buhrufe in Luxemburg: Boris Johnson schwänzt Pressekonferenz" Video 01:01
    Buhrufe in Luxemburg: Boris Johnson schwänzt Pressekonferenz
  • Video "Umweltschützer in Wales: Ich gebe auf - und vielleicht solltet ihr das auch" Video 06:29
    Umweltschützer in Wales: "Ich gebe auf - und vielleicht solltet ihr das auch"
  • Video "Angriff auf saudi-arabische Raffinerie: Es kann die gesamte Region anzünden" Video 03:36
    Angriff auf saudi-arabische Raffinerie: "Es kann die gesamte Region anzünden"
  • Video "Riskantes Projekt in Russland: Erstes schwimmendes AKW am Ziel" Video 01:08
    Riskantes Projekt in Russland: Erstes schwimmendes AKW am Ziel
  • Video "Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer" Video 00:44
    Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer
  • Video "Portrait über Jürgen Grässlin: Warum deutsche Rüstungskonzerne einen Lehrer fürchten" Video 15:18
    Portrait über Jürgen Grässlin: Warum deutsche Rüstungskonzerne einen Lehrer fürchten
  • Video "Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt" Video 01:07
    Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt
  • Video "Videoreportage zu Mobbing: Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt" Video 08:28
    Videoreportage zu Mobbing: "Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt"
  • Video "Videoumfrage zu Mobbing: Die haben mich bis nach Hause verfolgt" Video 03:43
    Videoumfrage zu Mobbing: "Die haben mich bis nach Hause verfolgt"
  • Video "US-Polizeivideo: Verfolgungsjagd endet im Mülleimer" Video 01:11
    US-Polizeivideo: Verfolgungsjagd endet im Mülleimer
  • Video "Unwetter in Spanien: Es war plötzlich alles überflutet" Video 01:32
    Unwetter in Spanien: "Es war plötzlich alles überflutet"
  • Video "Erosion an der Elfenbeinküste: Unsere Toten verlassen uns schon" Video 03:44
    Erosion an der Elfenbeinküste: "Unsere Toten verlassen uns schon"
  • Video "Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg" Video 02:13
    Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg
  • Video "Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle" Video 00:54
    Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle