01.07.1959

CHINAMILLIONEN VERLOREN IHREN NAMEN

Zum erstenmal ist es Korrespondenten des unabhängigen amerikanischen Nachrichtenmagazins "U. S. News & World Report" gelungen, authentische Einzelheiten über das Leben in einer chinesischen Volkskommune zu ermitteln*. Sie interviewten die 32jährige Studentin Tschen Tschi aus Thailand, die in einer Kommune nahe der südchinesischen Stadt Tschautschou arbeitete. Studentin Tschen Tschi gehört zu den Auslandschinesen, die auf den Hochschulen und Akademien Rotchinas studieren, nach Ihrem Studium jedoch In ihre Wahlheimat zurückkehren.
FRAGE: Fräulein Tschen Tschi, wie ist es Ihnen in der Volkskommune ergangen?
TSCHEN TSCHI: Als Auslandschinesin brauchte ich nicht meinen Namen aufzugeben und dafür eine Nummer anzunehmen, wie alle Bauern bei ihrem Eintritt in die Volkskommunen. Aber ich mußte arbeiten wie die anderen, und ich mußte auch militärische Übungen ableisten.
FRAGE: Wie begann die Bewegung der Volkskommunen?
TSCHEN TSCHI: Alle Bewohner des Dorfes wurden zu täglichen Versammlungen gerufen, die der Vorsitzende des Sicherheitskomitees leitete. Die kommunistischen Kaderfunktionäre hielten abwechselnd Reden. Jeder sagte dasselbe: Es sei unbedingt erforderlich, sofort mit dem Aufbau der Volkskommunen zu beginnen, um die Produktion zu steigern und den Wohlstand der Nation schneller zu sichern. Diese Versammlungen dauerten in der Anfangszeit vier bis fünf Stunden. Sie sollten zeigen, daß die Kader volle Redefreiheit hatten und daß es auch den Zuhörern freistand, die Argumente zu akzeptieren oder abzulehnen. Ich hatte den Eindruck, die Leute meines Dorfes wollten weder Zustimmung noch Ablehnung zeigen.
FRAGE: Wie war das Essen in der Volkskommune?
TSCHEN TSCHI: Wir bekamen drei Mahlzeiten am Tage, um 6 Uhr, um 11.30 Uhr und um 17 Uhr. Die Hauptnahrung bestand aus Kartoffeln, außerdem gab es zwei Schalen Reissuppe. Um die Essenszeit werden ein großer Kessel mit gekochten, ungeschälten Kartoffeln und mehrere Eimer Reissuppe in die Kantine gebracht. Jedes Kommune-Mitglied empfängt direkt aus dem Kessel seinen Anteil an Kartoffeln. Obwohl man eigentlich nur einmal nachfassen darf, bekommt man praktisch doch immer wieder nach. Es hängt einfach davon ab, wie schnell man essen kann. Dadurch, wird man jedoch gezwungen, wie ein Hund zu schlingen, denn das Essen reicht niemals ganz aus. Was nun die Reissuppe anbelangt, so bekommt man nicht mehr als zwei Schalen.
FRAGE: Mußten Sie in der Kommune schwer arbeiten?
TSCHEN TSCHI: Zunächst ein Wort über das Wettbewerbssystem in den Kommunen. Der Wettbewerb findet zwischen den einzelnen Zügen der Kommune statt. Sobald ein Zug seinen Arbeitsauftrag erhalten hat, muß jeder in der Einheit sein Bestes für den Sieg tun. Eine von allen Mitgliedern besuchte Versammlung entscheidet, wer der Gewinner ist. Der Sieger erhält vom Hauptquartier des Regiments ein taschentuchgroßes Seidenbanner als Trophäe; außerdem wird an die Wand der Zug-Kantine ein rotes Rechteck gemalt, durch das gerade eine Rakete zischt - Symbol unübertroffener Schnelligkeit. Dem zweiten Gewinner malt man ein Auto an die Kantinenwand, was ein langsameres, aber noch immer beachtliches Tempo versinnbildlichen soll. Der dritte Gewinner aber bekommt eine gemalte Schildkröte an die Wand.
FRAGE: Wie wird der einzelne Arbeiter bezahlt?
TSCHEN TSCHI: Die Arbeiter in der Kommune sind in acht Kategorien eingeteilt und werden zweimal im Monat entlohnt. Sie erhalten jeweils in der
- Gruppe 1: Mahlzeiten und ein Juan
(etwa zwei Mark);
- Gruppe 2: Mahlzeiten und 1,20 Juan;
- Gruppe 3: Mahlzeiten für sich und einen Angehörigen, außerdem 1,40 Juan;
- Gruppe 4: Mahlzeiten für sich und
zwei Angehörige, außerdem 1,60 Juan;
- Gruppe 5: -Mahlzeiten für sich und
zwei Angehörige, außerdem 1,80 Juan;
- Gruppe 6: Mahlzeiten für sich und zwei Angehörige, außerdem zwei Juan;
- Gruppe 7: Mahlzeiten für sich und
drei Angehörige, außerdem 2,20 Juan;
- Gruppe 8: Mahlzeiten für sich und
drei Angehörige, außerdem 2,40 Juan. Ein Arbeiter der Gruppe 8 erfährt also eine recht gute Behandlung. Wenn er aber nur einen Angehörigen hat, muß er auf die übrige Nahrung verzichten. Das gilt auch für die Junggesellen der Gruppe 8. Es mag ein Zufall gewesen sein, aber die zwei Gruppe-8-Arbeiter meines Dorfes waren beide Junggesellen.
FRAGE: Müssen die Kinder arbeiten? Gehen sie zur Schule?
TSCHEN TSCHI: Es gibt in unserem Dorf Volks- und Mittelschulen. Die Kinder armer Bauern brauchen kein Schulgeld zu zahlen, müssen aber selber für Schulbücher aufkommen. Dagegen müssen die Auslandschinesen zahlen, und zwar 24 Juan für ein Mittelschul-Semester. In den Volks- und Mittelschulen dauert der tägliche Unterricht nur zwei Stunden. Die restliche Zeit verbringen die Schüler mit Gruppenarbeit unter der Leitung von Lehrkräften, machen Land urbar, öffnen Gräber, säubern den Boden und suchen nach Dünger.
FRAGE: Gibt es Kinderhorte?
TSCHEN TSCHI: Kinder unter drei Jahren sind zu den Kinderhorten zugelassen. Die Eltern geben das Kind am Morgen ab und holen es am Abend wieder. Die Eltern eines solchen Kindes müssen doppelt arbeiten, um seine Ernährung bezahlen zu können; zumindest müssen sie aufpassen, daß sie in keine tiefere Arbeitskategorie als Gruppe 3 geraten. Ist allerdings das Kind älter als drei Jahre, dann macht es seinen Eltern viel Sorgen; das geht bis zum sechsten Jahr, dem Mindestalter für den Kindergarten. Bis dahin muß das Kind zum Arbeitsplatz der Eltern mitgenommen werden oder es wird ein "Niemandskind".
FRAGE: Wie werden die alten Leute in den Volkskommunen behandelt?
TSCHEN TSCHI: Alle alten Menschen ohne Kinder sind in zwei Kategorien klassifiziert, in die Kategorie der sogenannten "fünf Garantien" und in die Kategorie der "drei Garantien". Nur die hilflosesten Menschen kommen in den Genuß der "fünf Garantien", nämlich freier Kleidung, freier Kost, freier Unterkunft, freier Heilbehandlung und kostenloser Bestattung im Todesfall. Die Alten zahlen dafür der Dorfverwaltung einen Monatsbeitrag von fünf Juan. Dagegen gelten die-"drei Garantien" für jene alten Menschen, die zwar noch Angehörige haben, von ihnen aber nicht finanziell unterstützt werden. Für drei Juan im Monat erhalten diese Menschen freie Kleidung, freie Nahrung und freie Unterkunft.
FRAGE: Haben Sie jemals Anzeichen einer Revolte in den Kommunen bemerkt?
TSCHEN TSCHI: Die meisten Mitglieder sind gehorsam, nur wenige Menschen wagen offen zu reden. Ich glaube nicht, daß eine wirkliche Revolte möglich ist. Die ländlichen Gebiete werden von den Behörden wirkungsvoll abgeriegelt. Dorf A weiß nicht, was in Dorf B vorgeht. Es ist verboten. Zeitungen des einen Landkreises in einen anderen Kreis zu versenden.
* Veröffentlicht in Nummer 21/1959 des "U.S. News & World Report", Washington.
Wassertransport in einer Volkskommune
Im Zeichen der Schildkröte

DER SPIEGEL 27/1959
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