01.07.1959

USA / LONG-DYNASTIEDer Irre von Baton Rouge

Gott verdammt, Gott verdammt, Gott verdammt", fluchte der Gouverneur und suchte einen rechten Schwinger auf der Kinnlade des Sheriffs zu landen: "Zum Teufel, ich gehe da nicht rein."
Doch alles Fluchen, alles Boxen, alles Strampeln half nichts: Drei Polizeibeamte zerrten ihren Landeschef Earl K. Long aus seiner Dienst-Limousine, verstauten ihn in ihrem Funkstreifenwagen und brausten ab ins Irrenhaus.
Amerikas legendärer einziger Diktator Huey ("Kingfish") Long starb vor 13 Jahren in seiner Hauptstadt Baton Rouge auf den Stufen seines Capitols unter den Kugeln eines Attentäters. Nun sitzt sein Bruder und Amtsnachfolger Earl K. Long in der Gummizelle. Doch die Dynastie der Longs von Louisiana ist damit noch nicht am Ende: Der Sohn des ermordeten Huey und Neffe des übergeschnappten Earl, der demokratische Senator Russell B. Long, hat bereits angedeutet, daß er bei den nächsten Gouverneurswahlen kandidieren will.
Die Dynastie Long hat das sumpfige Louisiana in den korruptesten Staat Amerikas verwandelt. Huey bestallte einst keinen Staatsbeamten, ohne sich von ihm bei Dienstantritt eine undatierte Rücktrittserklärung geben zu lassen; Earl bezeichnete seinen Kongreß als "bestes Parlament, das mit Geld zu kaufen ist".
Louisiana blieb unter den Longs einer der US-Staaten mit dem geringsten Durchschnittseinkommen. Aber: Es erhielt ein glanzvolles Straßennetz; kühne Stahlkonstruktionen schwingen sich über die Sümpfe; die Schulen des Staates gehören zu den besten Amerikas; alles in ihnen ist kostenlos, vom Frühstück bis zum Lesebuch. Die Lehrer werden gut bezahlt; die Pensionen sind hoch.
"Gib den Leuten etwas, was sie sehen und fühlen können", lautete Hueys Regierungs- und Wiederwahl-Rezept; Bruder Earl übernahm es in toto. Die Zutaten für diese politische Buttercremetorte bezogen beide aus der gleichen Quelle - von den Reichen des Landes.
"Soak the rich", hatte Huey verkündet: Zapft die Millionäre an. Durch staatliche Kommissionen konnten die Brüder Long über die Geschicke der Alkohol-, Öl- und Holz-Industrie des Staates bestimmen. Aber beide hüteten sich, im Namen der Armen so stark zu zapfen, daß etwa nichts übriggeblieben wäre - für die Reichen und für die Longs.
Huey baute Anfang der dreißiger Jahre eine Kopie des Weißen Hauses in Baton Rouge: "Damit ich mich eines Tages in Washington zu Hause fühle." Earl war für seine bacchantischen Feste bekannt, zu denen er seine Gäste in Maschinen der Nationalgarde antransportieren ließ. "Bevollmächtigung?", fragte er höhnisch. "Quatsch, ich bin der Vollmachtgeber aller Vollmachtgeber. In diesem Fall bin ich Cäsars Frau, und die konnte, wie man weiß, nichts Falsches tun." Nach einer gewonnenen Wahl speiste er 10 000 Gäste in seinem Amtssitz mit Freibier und freien Würstchen; im Arbeitszimmer des Gouverneurs konnten junge Mütter unentgeltlich ihren Babys die Windeln wechseln.
Die Gier nach Geld und Macht war beiden in die Wiege gelegt. Sie wurden im ärmsten hügeligen Nordzipfel des Landes, in Winnfield, geboren, und ihr Vater
predigte ihnen, obwohl er selbst durch Verkauf seines wertlosen Landes an eine Eisenbahngesellschaft zu einigem Wohlstand gelangt war: "Es sollte eine Revolution geben. Was kümmern sich die Reichen um die Armen. Ihre Frauen kämmen nicht einmal das eigene Haar."
Huey war zwei Jahre älter als Earl. Obgleich ein großmäuliger Feigling, der stets seinen Bruder im Stich ließ, wenn er selbst eine Rauferei angezettelt hatte, beherrschte er den Jüngeren vollkommen. Ein Leben lang segelte Earl im Kielwasser Hueys.
Kaum verkaufte Huey als Jüngling Backpulver an die Farmersfrauen, trottete Earl mit Ofen-Politur und Wunder-Medizinen hinterdrein. Huey studierte die Rechte- auf seinen Fersen folgte Earl. Huey stieg in die Politik ein; an seinem Rockschoß hing Earl.
"Ich kann allen alles verkaufen", pflegte Huey von sich zu sagen. Am besten verkaufte er sich selbst. Mit 34 Jahren war er Gouverneur. Eine seiner ersten Amtshandlungen bestand darin, seinen Bruder mit einem hochbezahlten staatlichen Anwaltsposten zu betrauen. Während der Wahlkampagne hatte er versprochen, just diesen Posten abzuschaffen, um mit dem eingesparten Geld ein neues Tbc-Hospital zu bauen. Zum erstenmal erschien damals Earl K. Longs Photo in der Zeitung. Unterschrift: "Das neue Tbc-Hospital."
"Jedermann ein König!" - "Jedermann soll alles mit allen teilen!" Das waren die Parolen Huey Longs für seine Wähler. Im Parlament hatte er zwei noch einfachere Mittel der Überredung: cash oder Drohungen.
Als einmal ein Gesetzentwurf durchfiel, betrat Huey, von seiner Leibwache begleitet, gelassen das Parlament zu einer zweiten Abstimmung. "Teufel", sagte er, "hier gibt es 69 Stimmen; das ist mehr als genug." Mann für Mann traten die Abgeordneten vor und änderten ihre Stimmabgabe, als seien sie rheinische Christdemokraten.
Anfang der dreißiger Jahre stellten sich bei Huey Long Zweifel ein, ob das jähzornige Temperament seines Bruders für die Popularität des diktatorischen Regimes nützlich sei. In einem Abstimmungs-Kampf hatte Earl seine kräftigen Zähne in den Hals eines Abgeordneten versenkt "und kaute, bis er losgerissen wurde" ("Time"); einem anderen Gegner der Long-Dynastie biß er einen Finger ab.
Huey trennte sich von Earl, der ihn daraufhin öffentlich einen "spitzbäuchigen Feigling" nannte und der Korruption bezichtigte. Erst kurz vor dem Tode Hueys versöhnten sich die beiden wieder.
Huey Long, inzwischen auch zum Senator gewählt (den von ihm eingesetzten Gouverneur benutzte er derweil als Botenjungen), wurde 1935 von einem Arzt erschossen, dessen Schwiegervater er durch die Behauptung ruiniert hatte, in seinen Adern fließe Negerblut.
Arm in Arm mit Hueys Sohn Russell, dem derzeitigen Senator, stellte sich Bruder Earl daraufhin den Wählern von Louisiana als Erbe des Toten. Dreimal wurde er gewählt.
Da ihm die Faszination fehlte, die von seinem großen Bruder ohne Zweifel ausgegangen war und Huey Long zeitweilig zur echten und bisher einzigen inneren Gefahr für die amerikanische Demokratie hatte werden lassen, gefiel sich Earl K. Long als Gouverneur in der Rolle des volkstümlichen "Ole Earl", der sich auf einer Pressekonferenz mit seinen Fingern die Zähne säuberte und der einen Nachmittag damit verbrachte, vor Fremden auf eine feindselige Zeitung zu spucken.
Die Familie Long und ihr Clan hatten es sich dreißig Jahre leisten können, Louisiana ohne Rücksicht auf die Entwicklung im übrigen Amerika als Erbdynastie zu regieren. In den dreißiger Jahren ignorierten sie Isolationismus und New Deal, in den vierziger und fünfziger Jahren McCarthyismus und Rassenstreit.
Doch in diesem Monat erwies sich nun beim letzten Problem, daß "Ole Earl" seine Möglichkeiten überschätzt hatte. Um seine bröckelnde Hausmacht neu zu zementieren, brachte er einen Gesetzentwurf ein, der den weißen und farbigen Sumpfbewohnern und Hinterwäldlern Louisianas
- seit je die zuverlässigste demokratische Reserve der Dynastie - die Wahlbeteiligung künftig erleichtern sollte. Long wollte sie von der Pflicht entbinden, vor der Eintragung in die Wahllisten den in Louisiana vorgeschriebenen Bildungstest abzulegen.
Unruhe breitete sich unter den Weißen des Südstaates Louisiana aus. Als klar wurde, daß der Gesetzentwurf keine Mehrheit finden würde, begann Earl, wie einst sein Bruder Huey, seinen Cadillac mit Maschinenpistolen zu bestücken und heftiger denn je zu trinken.
Nach einer ausgedehnten Party zog er rauchend, Whisky aus einer Coca-Cola-Flasche nuckelnd und vor sich hinkichernd in die entscheidende Sitzung des Parlaments. Während der Debatte unterbrach er die Redner mit lauten Fragen an seinen Buchmacher: "Wie sind die Quoten, Jesse?"
Dann kletterte er schwankend selbst ans Mikrophon. Zu den auf der Zuschauertribüne sitzenden Schulkindern und Nonnen gewandt, die gekommen waren, um eine staatsbürgerliche Lektion zu erhalten, grunzte er: "Ich habe nach meiner Bibel geschickt, aber sie ist nicht rechtzeitig gekommen. Laßt mich und die Schulkinder und die guten Nonnen schwören, daß wir keine Unanständigkeiten sagen, solange es möglich ist."
Es war "Ole Earl" nicht lange möglich. Mit heiserer Stimme und wässerigen Augen, die falschen Zähne bleckend, verteidigte sich der Gouverneur gegen den Vorwurf, "niggerfreundlich" zu sein:
"Um 1908 oder 1906 hatte ich einen Onkel, der getötet wurde. Es war ein guter Mann, gut zu seiner Familie und er lehrte mich das Reiten. Eines Nachts war er betrunken, ging runter in die farbigen Quartiere von Winnfield. Er jagte mit Fußtritten einen Nigger aus dem Bett und stieg hinein zu dessen Frau. Der Nigger regte sich so auf, daß er meinen armen Onkel erschoß."
Nach dieser Ansprache des Gouverneurs vertagte sich das Parlament und trat am nächsten Tag zu einer Sondersitzung wieder zusammen, um die Entschuldigungen "Ole Earls" entgegenzunehmen.
Mit dem Text einer ausgearbeiteten Entschuldigungsrede betrat Long auch tatsächlich das Podium. Doch bald hatte er den Wisch in seiner Hand vergessen und begann, das aufsässige Parlament abzukanzeln. Einen Abgeordneten nannte er "Dago", einen anderen "Dillinger". Beide verließen, Tränen in den Augen, den Saal.
Allein, der Gouverneur war noch nicht am Ende: "Mein Bruder Huey sagte mir einmal, niemand könnte für möglich halten, was ein Mann tun würde, um Gouverneur zu sein. Er würde alles tun, außer Mord." "Ole Earl" nahm einen langen Schluck aus der Coca-Cola-Flasche: "Ich habe Erfahrung, wie man Gouverneur ist. Ich weiß, wie man Würfel spielt. Ich weiß, wie man Poker spielt. Ich weiß, wie man in die Baptisten-Kirche hinein- und herauskommt und wie man Pferde reitet. Ich kenne das Öl- und das Gas-Geschäft. Ich kenne die öffentlichen und die verbotenen Straßen. Ich weiß, wie es ist, drinnen und draußen zu sein..."
Die Parlamentssitzung endete mit einem Gebet. Pfarrer Percy Sanders bat um Vergebung "für einige der Dinge, die wir erlebt haben". Es gab keinen Zweifel mehr: Gouverneur Earl K. Long war verrückt. Familie und Ärzte setzten ihn unter Drogen und transportierten ihn in eine Nervenheilanstalt nach Texas. Doch schon wenige Tage später kehrte der Patient zurück, um sich freiwillig einer längeren Kur in einem Sanatorium in New Orleans zu unterziehen.
Nur wenige Stunden hielt Earl K. Long es dort aus. Dann machte er sich wieder auf den Weg in seine Hauptstadt Baton Rouge. Angeblich um sich zu erholen, aber niemand zweifelte daran, daß er in Wahrheit seine Amtsgeschäfte wiederaufnehmen wollte. Seine entsetzte Ehefrau benachrichtigte den nächsten Richter. Ein Einweisungsbefehl in eine Heilanstalt wurde an alle Streifenwagen zwischen New Orleans und Baton Rouge gefunkt. Die Sheriffs stoppten ihren Gouverneur und führten ihn ab.
Ermordeter Gouverneur Huey Long
Dompteur des "besten Parlaments...
Entmachteter Gouverneur Earl Long
... das mit Geld zu kaufen ist"

DER SPIEGEL 27/1959
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