01.07.1959

Zahnarzt am Scheideweg

Sogleich sein erster Versuch, auch als Autor von Salonkomödien zu reüssieren, hat dem 54jährigen englischen Schriftsteller Graham Greene ("Der dritte Mann") einen breiten und nachdrücklichen Erfolg eingebracht. Die Komödie "The Complaisant Lover" - zu deutsch etwa "Der verbindliche Liebhaber" -, die in der vorletzten Woche, noch kurz vor dem Ende der Theatersaison, im Londoner Globe Theatre aufgeführt wurde, ist vom Publikum und im wesentlichen auch von der Kritik mit besonderem Applaus quittiert worden.
In seinen Prosaschriften hatte sich Greene, der in den zwanziger Jahren zum katholischen Glauben konvertiert ist und sich religiösen Themen verpflichtet fühlt, ohnehin bereits einige Male recht weltliche Abwechslung verschafft, zum Beispiel durch das Abfassen spannender und grausamer Kriminalromane. Die bisherigen Theaterstücke Graham Greenes aber und einige dramatische Greene-Bearbeitungen waren von religiösen Ideen umwölkt.
In dem Schauspiel "Der letzte Raum" zum Beispiel stand ein neunzehnjähriges Mädchen namens 'Rose zwischen ihrem Glauben und verbotener Liebe zu einem verheirateten Mann - dieses Stück endete mit Selbstmord. Greenes zweites Stück, "Das Geheimnis", beschäftigte sich sogar mit einem Wunder: Der Held hat sich als Junge erhängt, ist gestorben und wieder zum Leben erwacht. In einem dritten Stück - einer Dramatisierung des renommierten Greene-Romans "Die Kraft und die Herrlichkeit" - geht es um die geistige Errettung eines dem Whisky verfallenen Priesters.
Dem jetzt im Londoner Globe Theatre gestarteten "Verbindlichen Liebhaber" ist dagegen vom religiösen Bekehrungseifer des Konvertiten Greene nichts anzumerken: Es handelt sich um "eine gute französische Schlafzimmer-Farce", wie die "Times" sich ausdrückt.
Das etwas heikle Thema der Komödie wird sogleich zu Beginn deutlich gemacht. "Engländer", so muß sich ein liebestoller Backfisch belehren lassen, "ziehen ihre Freunde und ihre Klubs ihren Frauen vor, aber sie haben große Ausdauer und großes Pflichtbewußtsein. Der Liebhaber entbindet den Ehemann seiner Pflicht. Und dann können Sie beobachten, daß sich ohne diese, hm, Mühe eine wunderbare Bruder-und-Schwester-Beziehung (zwischen den Eheleuten) entwickeln kann. Es ist sehr rührend. Und verdammt langweilig für den Liebhaber."
Greenes Stück begnügt sich im wesentlichen damit, diese theoretische Anmerkung in der Praxis vorzuführen: Victor Rhodes, ein vermögender, ewig fachsimpelnden Zahnarzt in den Vierzigern, hat sich seit fünf Jahren um seine schöne, jüngere Frau Mary, mit der er sechzehn Jahre verheiratet ist und von der er zwei Kinder hat, nicht mehr recht gekümmert. Sie langweilt sich und findet in einem Amsterdamer Hotel Trost an der Seite ihres Londoner Nachbarn, des unverheirateten Buchantiquars Clive Root.
Ehemann Victor, bis dahin unvorstellbar blind, erfährt von diesem Seitensprung seiner Frau und schlägt eine Dreieckslösung vor. Clive soll anerkannter Hausfreund werden und gelegentlich diskret mit Mary verreisen dürfen.
Victor lädt also, um alles ins Lot zu bringen, den Buchhändler ein: "Keine Party, nur wir drei, wir machen eine gute Flasche Wein auf." Doch der Liebhaber reagiert in der Wirklichkeit anders als in der Theorie; er will mit keinem anderen teilen und bleibt aus, Frau Mary neuerlich ihrer Langeweile überlassend.
Die bescheidene Handlung ist immerhin auf eine so geschickte Weise dialogisiert, daß die "News Chronicle" diese Greene -Komödie als "das erfolgreichste Werk, das uns dieser brillante Dramatiker bisher beschert hat", feiern kann. Das Blatt findet, als Dialog-Autor werde Greene nur von dem russischen Dichter Anton Tschechow ("Die Möwe") übertroffen.
Die übrigen Kritiker aber waren mehr als von den Dialogen von dem Thema der Komödie fasziniert. Mit einer Anspielung auf Shaws Drama "Der Arzt am Scheidewege" erklärte der "Daily Telegraph", Greenes "Zahnarzt am Scheidewege" sei "ein sehr aufrichtiges Stück", und sogar die zurückhaltende "Times" entdeckte orakelhaft "ernste englische Untertone".
Gegen diesen, wenn auch nur hauchzarten Vorwurf, daß Greenes Thema in irgend für Engländer repräsentativ sein könnte, nahm allerdings der "Evening Standard" seine Landsleute energisch in Schutz. "Verzichten und sich Hörner aufsetzen lassen", schrieb das Blatt, "entspricht nicht der Natur eines englischen Zahnarztes."
Szenenbild* "The Complaisant Lover": Hörner abgebogen
* Ralph Richardson und Phyllis Calvert als
Ehepaar Rhodes, Paul Scofield als Clive Root.

DER SPIEGEL 27/1959
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/1959
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Zahnarzt am Scheideweg

  • Dokuserie Russlands härteste Jobs: Ein Abwehrspieler als Bodyguard
  • Seltene Aufnahmen: Video zeigt Zebra mit Punkten
  • "Rambo 5: Last Blood": Blutiger Abschied
  • Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke