01.07.1959

CARY-NACHLASSWille zur Erlösung

Als im März 1957 der aus Irland stammende Unterhaltungsschriftsteller Joyce Cary ("Des Pudels Kern") in der Universitätsstadt Oxford starb, fanden seine Nachlaßverwalter außer einem Essay über Kunst und Dichtung eine Reihe von Erzählungen und nicht weniger als fünfzehn unvollendete Romane. Die Abhandlung konnte Cary noch für den Druck redigieren: Sie ist vor Jahresfrist unter dem Titel "Art and Reality" - Kunst und Wirklichkeit in England erschienen (SPIEGEL 18/1958).
Sehr viel größere Schwierigkeiten bieten den Herausgebern des Cary-Nachlasses die Romane: Sie bestehen zum Teil nur aus Fragmenten, von denen es oft mehrere - und verschiedenartige - zu ein und demselben Thema gibt, so daß die Intentionen des Autors nicht selten unklar bleiben. Nur ein einziger Roman konnte bisher so zusammengestellt und herausgegeben werden*, wie es Cary mutmaßlich selber getan hätte, wäre er noch einige Zeit am Leben geblieben.
Autor Cary hat sich mit dem Themenkreis seines Romans "The Captive and the Free" - Die Gefangenen und die Freien so intensiv beschäftigt, wie es seine Krankheit ihm erlaubte; schon seit dem Sommer 1955, eineinhalb Jahre vor seinem Tode, wußte der Romancier, daß es keine Mittel gab, um die Muskelatrophie (Muskelschwund), unter der er litt, zu heilen. Cary, seit je populären religiösen Spekulationen nicht abgeneigt, griff ein älteres Romanprojekt wieder auf und stellte sich die Frage, ob es wohl ein Jenseits gebe und wie ein Jenseits aussehen könnte.
Carys Resümee: "Ich glaube, mein Tod ist mein Ende, und es schmerzt mich, die Welt zu verlassen, es schmerzt mich sehr. Wir haben keine Seele im landläufigen Sinn. Leib und Seele sind beides Erscheinungen des Universums. Sie stellen keine Gegensätze dar - davon bin ich überzeugt." Joyce Cary glaubte offenbar nicht an ein Weiterleben nach dem Tode.
Trotz einer so negativen Beantwortung der Frage nach dem Jenseits - die Negation impliziert, daß es kein Jüngstes Gericht gebe, folglich auch nicht die Strafen für etwaige Sünden - denkt Autor Cary jedoch nicht, daß die Menschen nach Belieben und in jeder Hinsicht freizügig leben könnten. Vielmehr hält er die Furcht vor dem Sterben für- ein Regulativ. Fast alle Figuren in seinen hinterlassenen Romanen verfallen einer hektischen Betriebsamkeit; sie sind ständig in Bewegung, argumentieren miteinander, bedienen sich der Ellbogen, um vorwärts zu kommen, und schreien hysterisch; kaum daß sie sich je auf einen Stuhl niedersetzen.
In dem Roman "The Captive and the Free", mit dessen Fragmenten sich Autor Cary bis kurz vor seinem Tode beschäftigt hat, ist diese verwirrende Flucht in die letztlich sinnlose Tat zu einer Art Laien-Theologie komprimiert: Joyce Cary möchte ausdrücken, daß in einer Welt, die nicht mehr fest an Gott glaubt, bereits der Wille zur Erlösung gut sei. Um diesen Gedanken darzustellen, beschreibt Cary zwei Varianten des solcherart gläubigen Menschen: Die eine ist personifiziert in einem Gesundbeter mit recht abstoßenden Praktiken, die andere in einem außerordentlich einfältigen Pfarrer.
Walter Preedy, der Gesundbeter, ist ein hohlköpfiger, egozentrischer Mensch, der sich mit übersinnlichen Kräften begabt
wähnt, weil seine Umgebung ihn so sieht. In dem Londoner Vorort Pant's Road, wo Preedy als Evangelist wirkt, gilt es als Blasphemie, in Krankheitsfällen einen Arzt zu rufen. Preedy lehrt, dergleichen sei ein religiöser Vertrauensbruch: Die Menschen, die das täten; zweifelten an Gottes Fähigkeit, Wunder zu tun. Obwohl Preedy nie eines verrichtet hat, geht über ihn das Gerücht, er sei ein Werkzeug Gottes.
Dieses Gerücht ist so stark, daß es Preedys tatsächliche Lebensgewohnheiten vergessen läßt. Die Gemeinde sieht darüber hinweg, daß er ein 14jähriges Mädchen genötigt, geschwängert und durch Fahrlässigkeit den Tod des gemeinsamen Kindes bewirkt hat. Daß er danach die unehelichen Beziehungen fortsetzt, wird ebenso hingenommen wie die Erklärung, der Weg zu Gott führe durch die Sünde.
Preedys Gegenspieler ist der anglikanische Pfarrer-Syson, der unter Gottesdienst die peinlich korrekte Befolgung der kirchlichen Gebote versteht. Er bezichtigt Preedy der Scharlatanerie, kommt dabei aber zu Fall. Das bringt ihn auf den Verdacht, möglicherweise stimme auch an seiner eigenen Form des Glaubens etwas nicht. Syson geht in sich und läßt sich durch Preedy bekehren.
Laien-Theologe Joyce Cary glaubt, seine beiden Romanhelden Preedy und Syson seien frei, weil sie sich um ein Glaubensbekenntnis bemühen. Zu dieser Freiheit gibt es für ihn nur noch eine Alternative, die "Gefangenschaft". Gefangene sind -Cary zufolge - alle die Menschen, die aus Bequemlichkeit oder um ihre Karriere zu fördern die traditionellen Denkschemata übernehmen.
Die englische Presse hat Carys Roman "The Captive and the Free", den eine langjährige Cary-Freundin aus den aufgefundenen Fragmenten zusammengestellt und durch Übergänge geschickt bereichert hat, zurückhaltend aufgenommen. "Wir sind in der luftlosen Welt der Allegorie", klagte zum Beispiel die Londoner Wochenzeitung "The Statesman", und der "Spectator" fand, man könne Carys nachgelassenen Roman nur dann richtig verstehen, wenn man sich die lange, quälende und hoffnungslose Krankheit des Autors vergegenwärtige.
* Joyce Cary: "The Captive and the Free"; Verlag Michael Joseph, London; 316 Seiten; 18 Shilling.
Autor Cary
Ärzte verboten

DER SPIEGEL 27/1959
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