01.07.1959

ZÖLIBATNachwuchs-Sorgen

Als "eines der am meisten benutzten
Argumente" in der Diskussion, wie dem Priestermangel beizukommen sei, bezeichnete das vom Missionsinstitut in Mailand herausgegebene Kirchenblatt "Missioni Cattoliche" einen Vorschlag, der von dem in Indonesien wirkenden Apostolischen Vikar Monsignor Van Bekkum stammt. Der Apostolische Vikar - er hat den Rang eines Titularbischofs - hatte bereits vor einiger Zeit auf einem internationalen Kongreß für Pastoralliturgie angeregt, eine neue Zölibatsordnung für den katholischen Klerus zu schaffen. Künftighin, so schlug der Apostolische Vikar vor, sollen zumindest Diakone die Möglichkeit haben, sich zu verehelichen und Kinder zu zeugen.
Das Diakonat ist in der Regel für junge Männer, die sich der Seelsorge verschrieben haben, die letzte Stufe vor dem Empfang der Priesterweihe. Nach gelte,dem Kirchenrecht darf der Diakon mit Erlaubnis seines Bischofs oder Pfarrers die Taufe vornehmen, predigen und auch die Kommunion austeilen. Das Abnehmen der Beichte und die Feier des Meßopfers sind allerdings dem Priester vorbehalten; die Priesterweihe erteilt die katholische Kirche aber nur solchen Kandidaten; die sich zur strengen Einhaltung des Zölibats - also zur dauernden Ehelosigkeit oder zur Enthaltung von einer schon bestehenden ehelichen Gemeinschaft - definitiv verpflichtet haben.
An dieser Zölibatsvorschrift für Priester möchte die katholische Kirche, die sich an die Tradition gebunden fühlt, dem Fortschritt "mit bleiernen Füßen" nachzuhinken, denn auch durchaus festhalten. Nachdem Papst Siricius im Jahre 385 formulierte, die Ehe hindere die Priester an der "Verwaltung des heiligen Amtes", hatte es immerhin im Vatikan noch fast 700 Jahre währender Diskussionen bedurft, ehe Papst Gregor VII. im Jahre 1074 das Verbot der Priesterehe durchsetzen konnte.
Das Zölibat, das einzuhalten sich nicht jedermann gewachsen fühlt, hat aber nachweislich viele junge Männer davor zurückschrecken lassen, den Priesterberuf zu ergreifen. Diese Schicht nun könnte, so lautet der Vorschlag des Monsignor Van Bekkum, durch eine Aufwertung des Diakonats
- durch die Erhöhung von einer bloßen Durchgangsstufe zu einem wichtigen geistlichen Amt
- für seelsorgerische Tätigkeit im Sinne und im Dienste der katholischen Kirche gewonnen werden.
Maßnahmen jedenfalls, die zu einer drastischen Vermehrung der Zahl ihrer Diener führen, scheinen der katholischen Kirche gegenwärtig dringlich zu sein: Nach vatikanischen Statistiken, in denen freilich
stets die Angehörigen anderer Konfessionen mitgezählt sind, muß zum Beispiel in Südafrika ein katholischer Geistlicher 15 300 Einwohner betreuen, in anderen Missionsgebieten durchschnittlich 60 000 Menschen, und in Pakistan sieht sich ein einziger Missionar sogar 232 300 Heiden konfrontiert.
Auch in den europäischen Ländern herrscht, vatikanischen Verlautbarungen zufolge, ein empfindlicher Priestermangel. Nach der Statistik kommen in Deutschland auf einen katholischen Priester 2000 Menschen, wobei wiederum auch die evangelischen Christen und die Anhänger christlicher Sekten mitgerechnet wurden.
Bei diesem Stand der Dinge, so rät nun das Kirchenblatt "Missioni Cattoliche", sei es angebracht, den Plan des Monsignor Van Bekkum, für den auch mehrere prominente Kirchenfürsten, darunter der im vergangenen Jahr verstorbene Kardinal Costantini, plädiert haben, einmal praktisch zu erproben: "Vielleicht haben wir in gewissen deutschen und französischen Diözesen die besten Bedingungen, um die Wirksamkeit (des neuen Diakonats) auszuprobieren."
Zudem - so "Missioni Cattoliche" könnte ein solches aufgewertetes Diakonat "einen kleinen, aber deswegen nicht weniger wichtigen Beitrag für die Wiedervereinigung der katholischen Kirche mit den Ostkirchen darstellen". In der Ostkirche können nämlich Verheiratete die Weihe zum Diakon oder Priester erhalten, nur der Bischof muß unverheiratet sein: Auch für protestantische Pastoren, die verheiratet sind und sich zum Katholizismus bekehren wollen, so meint das Blatt, sei das neue Diakonat ein "geeignetes Kirchenamt".
Sogar im Vatikan bestehen aber Zweifel, ob die Liberalisierung des Diakonenamts wirklich dazu geeignet ist, den Arbeitskräftemangel der katholischen Kirche zu beheben. Es ist nämlich ebensogut möglich, daß angehende Priester, die es bereits bis zum Diakon gebracht haben, in Zukunft auf die Weihen verzichten und Diakon bleiben.
Missionar Van Bekkum, Eingeborene: Heirat erlaubt

DER SPIEGEL 27/1959
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