01.07.1959

FERNSEHEN / FERNSEH-SPIEGELWalpurgis-Tagung / Von Telemann

Der Abend des 22. Juni war für Telemann ein ganz besonderer Abend. Bot er ihm doch Gelegenheit, einen Irrtum fahrenzulassen, der ihm bis in die Hochblüte seiner Jahre den Blick getrübt hatte: den Irrtum, daß jemand, der sich statt eines Rumpsteaks lieber eine große Salatplatte bestellt, ein Vegetarier sei.
Die Beobachtungen des Senders Stuttgart beim "9. Kongreß der Ideale", der die Elite der Fleischabschwörer nach Freudenstadt im Schwarzwald geführt hatte, zeigten mit eindrucksvoller Deutlichkeit: Der Vegetarismus, zu deutsch das "Früchteessertum", ist nicht etwa die diätetische Folgerung aus den Erkenntnissen Bircher-Benners, er ist eine Sammelbewegung, die, soweit Telemann es überblicken kann, folgende Teilinteressen vertritt: Ernährung, Naturheilkunde, Förderung des Weltfriedens, wahres Menschentum, Atem- und Freikörperkultur, Impfgegnertum, Abstinenz- und Anti-Nikotinbewegung, ferner die Anthroposophie, die Theosophie, den Spiritismus, den Okkultismus, das Studium unbekannter Flugobjekte und den Tierschutz ("Mein Hund lebt vegetarisch"). Wer also störrisch an der Meinung festhält, mit einem Büschel Suppengrün sei's getan, der wird nie im Leben ein ordentlicher "Vegetus". So bezeichnen die "hohen Geister" den fortgeschrittenen "Früchteesser". Manche sagen auch "Vegan". Das Gegenteil davon heißt "Fleischmann".
Der Vegetus wandert ständig auf den "Höhenpfaden der Menschenseele", bereitet sich seinen Kaffee aus Löwenzahnwurzeln, hält Zwiesprache mit den Bewohnern anderer Gestirne und ist nicht nur dem lieblichen Fleische, sondern auch der fleischlichen Liebe abhold. Sozusagen als Gegenleistung schenkt ihm die dankbare Allmutter Natur immer strahlende Laune (Sprechchor: "Freudigkeit im Herzen!"), die Möglichkeit, 48 Talente zu entwickeln, und die schöne Gewißheit, niemals an Krebs sterben zu können.
Seine, des Vegetus, Abneigung gegen die immer noch verbreitete Unsitte, gebratene,Tierleichenfetzen in sich hineinzuschlingen (ab 1960 soll es damit besser werden), begründete der Kongreßleiter, Professor h.c. Helmuth Th. K. Rall, mit der Länge des menschlichen Darms. Er messe, wie bei den höheren (früchteessenden) Affen, zwölfmal die Körperlänge, erläuterte er, wogegen der Darm des Fleischessers dreimal und der des Alles-Essers zehnmal so lang wie sein Körper sei. Weniger faßlich wußte der Höhenpfadfinder den "harmlosen Kult" zu deuten, den solche ernste Besinnung auf das Baucheingeweide im Gefolge hat.
Dieses Kultes wurde, sofern nicht im Kursaal, unter dem "Pythagoras-Nußbaum" gepflogen, einem schmächtigen Bäumchen, dem niemand anmerkte, daß es schon im Jahre 1953 gepflanzt worden war. Der Grund, warum die weißgewandeten Lichtträgerinnen ein so wenig repräsentatives Ritual-Gewächs umwallen mußten, war den Tagungsteilnehmern zum Glück nicht bekannt: Der nach dem ersten historisch verbürgten Vegetarier benannte Schößling war im rauhen Reizklima Freudenstadts eingegangen, und die mitleidige Kurverwaltung hat ihn, kurz vor der "9 Olympiade der Herzen", durch einen neuen ersetzt.
Von den Früchten des Geistes, die im Kurhausinnern gereicht wurden, beeindruckte Telemann am stärksten der Vortrag einer Priesterin der Mazdaznan-Sekte. Nachdem sie der Zirbeldrüse funktechnische Fähigkeiten zugeschrieben hatte, erklärte sie: ".... In dieser Wende ist dem deutschen Volk - das Volk der Deuter, das Deutervolk - die Aufgabe zugefallen, als erstes Volk durch die Wiedergeburt zu gehen. Und wenn Swedenborg sagt: Am deutschen Wesen wird die Welt genesen, und auch ein Nostradamus hat es gesagt, ein Paracelsus, und viele, viele Großen haben es gesagt, daß das deutsche Volk in dieser Zeitwende aufwachen muß und zum Gottesvolk werden muß, daß es den Auftrag hat, die anderen Völker zu führen..."
Nun müßte eigentlich die Elly Ney Klavier spielen, dachte Telemann. Und richtig, sie spielte (Beethoven).
Noch während der Film lief, klingelten sich im Stuttgarter Studio die Telephone heiß, was bei zeitkritischen Sendungen nicht eben häufig vorkommt. Doch waren es keine beleidigten Vegane, die da anriefen, sondern brave Christenmenschen, die sich durch dieses, wenn auch keusche Walpurgis-Treiben in ihrem rechten Glauben verletzt fühlten. Ein Gastwirt beschwerte sich: Wenn das Fernsehen jetzt die fleischlose Kost' propagiere, so müsse er dies als Geschäftsschädigung betrachten.
"Ich fürchte, ich werde jetzt doch in mich gehen und deutlicher werden müssen", resigniert, Südfunk-Zeitkritiker Dieter Ertel ("Die Kunden der Traumfabrik"). "Man hat es mir ohnehin oft genug nahegelegt." Bis dahin hatte er die Ansicht vertreten, daß der Zuschauer, der ja selbst hören und sehen kann, niemals den Eindruck haben dürfe, als wolle das Fernsehen seinem Urteil vorgreifen. Er meinte: "Alles, was der Zeitkritiker tun sollte, ist, durch die kritische Perspektive des Bildes und durch die Ironie des Textes eine geistige Disposition schaffen, die dem Zuschauer hilft, das Urteil des Filmautors nachzuvollziehen. Es mag sein, daß im breiten Publikum dadurch die kritische Absicht nicht deutlich genug erkennbar wird, aber die andere Gefahr erscheint mir größer."
Telemann aber meint, daß Dieter Ertel das In-sich-Gehen lieber bleibenlassen sollte. Gewiß wird ein Publikum, das unter Ironie nur jenes plumpe Gewitzel versteht, das ihm seine politischen Führer vorexerzieren, gute zeitkritische Reportagen auch künftig weder verstehen noch schätzen. Doch wo käme das Fernsehprogramm vollends hin, wenn es auf sämtliche nationalen Mängel Rücksicht nehmen wollte.
Merke: "Es gibt Leute, die können alles glauben, was sie wollen; das sind glückliche Geschöpfe!" (Georg Christoph Lichtenberg.)
Von Telemann

DER SPIEGEL 27/1959
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