01.07.1959

INSTRUMENTEKonzert auf Blechkanistern

Mit blutroten Luftkissen, einer schimmernden Glasröhren-Batterie auf schreibmaschinenartigem Sockel und gräserförmig gebündelten Stahldrähten vor schwarzem Hintergrund ist die Schutzhülle einer Schallplatte dekoriert, die in den Schaufenstern französischer Läden auf Käufer hofft. Ihre Aufschrift "Structures Sonores" ist mit der Übersetzung "Tönende Strukturen" nicht hinlänglich entschlüsselt: "Structure" heißt "Bau(art), Gefüge, Anordnung".
Schulmeisterlich belehrt aber die Rückseite der Papphülle, daß auf der Schallplatte völlig neuartige Musik festgehalten sei, die von völlig neuartigen Instrumenten stamme. Während Orchesterinstrumente sonst "größtenteils auf zwei akustischen Prinzipien: den schwingenden Saiten . . . und den tönenden Röhren" basierten, seien die hier verwendeten "Schwingungen von Metallstäben bisher niemals systematisch ausgenutzt worden . . ."
Initiatoren dieser neuen Art von Kunstgeräusch sind die Brüder Francois und Bernard Baschet, die sich seit Jahren in Paris mit der Herstellung und Perfektion ihrer "Structures Sonores" abgeben. Nicht die "schwingenden Saiten" (der Streichinstrumente, des Klaviers) und nicht die "tönenden Röhren" (der Holz- und Blechblasinstrumente, der Orgel) haben es den Baschets angetan: Sie laborieren mit schwingendem Metall, dessen "innere Töne" sie - nach ihren Erklärungen - "hervorbringen, modulieren und in die Luft ausstrahlen".
Die "inneren Töne" eines, angeschlagenen silbernen Löffels, zum Beispiel, vermag der nach Großväterart Experimentierende als schönen, tiefen Glockenklang zu hören, wenn er den Löffel an einer Schnur mit den Zähnen festhält und sich die Ohren verstopft hat: Die Schnur überträgt ihm direkt, durch Zähne und Kieferknochen, eine Reihe schwächerer - tieferer - Frequenzen, die normalerweise die Luft nicht stark genug in Schwingung versetzen und also dem menschlichen Ohr verlorengehen.
Die Methode der Brüder Baschet basiert darauf, solche "inneren Töne" abgestimmter Stahlstäbe oder -platten - auch Aluminium-Legierungen werden benutzt - durch mechanische Koppelungen hörbar zu machen und die Schwingungen durch Schallkörper zu verstärken, etwa durch aufgeblasene Kissen oder Ballons aus Plastikstoff und "konische Resonanzböden von angemessener Form und Krümmung", wie Experimentator Francois Baschet vorsichtig erklärt.
Die an chemisch-physikalische Versuchsanordnungen gemahnenden Instrumente werden durch Anschlag mit Holzhämmerchen, durch herkömmliche Geigenbögen oder durch Glasstäbe, die mit den Metallstücken fest verbunden sind, zum Klingen gebracht. Anders als etwa bei der - außer Mode geratenen - Glasharmonika tönen aber nicht die Gläser; sie rufen nur die Vibration und das Tönen der Metalle hervor. Die Glasstengel werden mit angefeuchteten Fingern gestreichelt und in Schwingungen versetzt, die sich auf die stählernen Klangkörper übertragen. Die Feuchtigkeit hat dabei etwa die gleiche Funktion wie das Kolophonium auf dem Geigenbogen.
Der Pariser Gitarrist Francois Baschet experimentierte mit Luftschallkissen schon 1945. Damals startete er zu einer mehrjährigen Tournee, die ihn bis nach Tahiti führte, und ersetzte - zur Erleichterung des Gepäcks - den Resonanzboden seiner Gitarre durch einen aufblasbaren Plastiksack; das pneumatische Instrument klang nicht übel. Nach Paris zurückgekehrt, begann Baschet mit seinen Metallversuchen. Sein älterer Bruder Bernard - er ist Ingenieur - protegierte das Vorhaben.
Der Rundfunkdirigent und Komponist Jacques Lasry, der "schon seit langem nach einem neuen musikalischen Ausdrucksmittel suchte", war ungemein von den "Strukturen" angetan, die ihm von den beiden Baschets im Laboratoriums-Keller vorgeführt wurden. Er schloß sich der Arbeitsgemeinschaft an und holte auch seine - ebenfalls musikausübende - Frau Yvonne dazu.
"Meine Frau und ich brauchten drei Jahre, bis wir einwandfrei auf den Instrumenten spielen konnten", erzählt Lasry. In der weiträumigen Wohnung Lasrys stehen heute ungefähr 15 leicht zerlegbare und transportable "Strukturen" von etwa Klaviergröße. Offizielle Namen gibt es noch nicht. "Wenn wir unter uns ein Instrument ,Kristall 33' oder 'Blechamplifikator' nennen", berichtet Francois Baschet, "so sind das rein technische Bezeichnungen."
Die Strukturisten haben bislang drei Dutzend Konzerte veranstaltet, acht Filme vertont und mehrere Rundfunk- und Fernsehprogramme geboten; während der Weltausstellung traten sie im Französischen Pavillon auf; im Juli wird eine Sendung beim deutschen Fernsehen (Frankfurt) vorbereitet. Die Eheleute Lasry bedienen je zwei Strukturen" gleichzeitig, die Brüder Baschet begnügen sich mit je einem Instrument.
Die vorgeblichen Qualitäten der "Structures Sonores" sind auf fünf Langspielplatten zweier Pariser Firmen nachzuprüfen; die Platten enthalten Kompositionen Jacques Lasrys und Lasry-Bearbeitungen klassischer Werke. Johann Sebastian Bach ist mit der "Sicilienne" (aus der 2. Sonate e-Moll für Flöte) und mit einem Choral vertreten.
In der Zubereitung einer Violinsonate von Henry Eccles (gestorben 1735) vertritt eine "Kristallstruktur" die Violine; die Begleitinstrumente Klavier - statt Cembalo - und Violoncello behielten ihre Funktionen.
Für eine Paraphrase Lasrys über die symphonische Dichtung "Mazeppa" von Franz Liszt werden außer "Strukturen" auch Schlagzeug und Klavier benutzt. Der Hörer, der darauf wartet, Liszts Themen wiederzuentdecken, dürfte beim Anhören allerdings eher das Gefühl haben, in einem Maschinensaal einem Konzert auf Blechkanistern beizuwohnen.
Tatsächlich können die "Structures" -Instrumente weder mit dem ausgeglichenen Klang einer Geigenkantilene noch mit den vollen Tönen einer Orgel konkurrieren. Die Töne schwingen sich sehr langsam ein und ebben, nach stoßartigem Anschwellen der Lautstärke, schnell ab. Jeder Ton klingt störend in seiner höheren Doppeloktave nach. Leicht bildet sich die Vorstellung, eine asthmatische, in einem halligen Raum gespielte Orgel zu hören.
Der Komponist Lasry - "Das Fauchen der Dampfmaschine -hat den Hufschlag
'des Pferdes ersetzt" - sieht denn in den monströsen Instrumenten auch eher ein Mittel zur Interpretation modischneuartiger Musiken, "denn", so sagt er, "es ist doch paradox, daß man im 20. Jahrhundert auf Instrumenten aus dem 18. Jahrhundert spielt".
Erfinder Baschet möchte dagegen aus naheliegenden Gründen die Anwendbarkeit seiner Instrumente nicht auf moderne Musik eingeschränkt, aber auch die herkömmlichen Instrumente nicht verdrängt wissen: "Wenn man im Flugzeug reisen kann, so heißt das noch lange nicht, daß man alle Pferde abschlachten muß."
Musiker Lasry, "Tönende Strukturen": Bach im physikalischen Versuch

DER SPIEGEL 27/1959
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