04.06.1973

FERIENPARKSEmma stirbt

Ein rundes Dutzend neuer Badeorte und Ferienparks wird in den nächsten Wochen an der Ostseeküste eröffnet. Schleswig-Holsteins touristischer Bettenberg wuchs um weitere 30 000 Schlafstätten.
Hoteldirektor Joachim Fels, 37, Chef des größten deutschen Ferienzentrums "Damp 2000", rang in seiner Managersuite mit dem Problem "Wen engagieren wir als Anheizer für die dreitägige Eröffnungsfeier? Paul Kuhn verlangt 22 000 Mark, Roberto Blanco könnten wir für die Hälfte haben. Der Pseudo-Russe von der Spree, Ivan Rebroff, täte es nicht unter 30 000 Mark."
Die Startfete des jüngsten Ostseebades vom 11. bis 13. Juni soll ein säkulares Ereignis in der abgelegenen Landschaft zwischen der Eckernförder Bucht und der Schleimündung werden -- mit Spitzenverdienern des deutschen Rhythmus-Gewerbes. Für den Empfang der Staatsgäste und Honoratioren läßt die Bauherren-Gesellschaft 100 000 Mark springen. Mehr als 700 000 Mark wurden bereits für die Werbung ausgegeben.
Jahrhundertelang war Damp ein Kaff beim verschlafenen Bauerndorf Vogelsang-Grünholz. Wo in wenigen Wochen Neriden aus Bottrop und Gelsenkirchen in die Wellen tauchen, spülten sich früher Bauernmaiden und Tagelöhner den Ernteschweiß ab.
Vor vier Jahren verkaufte der Gutsherr von Damp, Graf Reventlow, 65 Hektar seiner magersten Latifundien zum fetten Preis von mehr als fünf Millionen Mark an den Kölner Finanzierungskünstler Dr. Renatus Rüger, der schon viele Wohnanlagen mit Hilfe von Steuervergünstigungen aus dem Hut zauberte.
Für sein Ostsee-Projekt mit 7000 Betten benötigte Rüger insgesamt 220 Millionen Mark. 10 Millionen stellten ihm 2700 Spitzenverdiener zur Verfügung. Sie erwarben dafür Kommanditanteile an der Damp-Betriebsgesellschaft, um während der Anlaufzeit durch Verlustzuweisungen Steuern zu sparen.
Der neue Kurort, dessen gewaltige Beton-Silhouette beinahe drohend über dem schmalen Strand auf ragt, gewinnt durch den künstlich angelegten fünf Hektar großen Hafen. Zwei Molen aus Ostseefindlingen umgeben die Anlegebrücke der kommerziellen Motorschiffe sowie die 444 Liegeplätze für Jachten im Innenhafen.
550 aus der DDR importierte hölzerne Zeltdachhäuser ließ Rüger als Familien-Urlaubsquartiere aufstellen. Sie stehen wie Pilze im Hochwald am Rande der alles beherrschenden Urlaubsmaschinerie mit dem modischen Zahlenschnörkel 2000. Dr. Rügers Verbraucher-Großmarkt für offenbar zeitgemäße Ferienbedürfnisse verkauft Erholung, Revitalisierung und Unterhaltung, je nach Wetterlage, naturell oder aus der Retorte. Die Appartements für zwei bis sechs Personen kosten in der Saison zwischen 42 und 79 Mark.
Rügers Manager bieten ein Sortiment mit 44 Attraktionen, von der Bowlingbahn bis zur Segler- und Taucherschule. Ist der Himmel grau, wispert eine Fee über den Hausrundfunk: "Die Sonne scheint jetzt im Solarium." Dieselbe Samtistimme empfiehlt weiter: die Meerwasserschwimmhalle mit Wellenmaschine, Hallentennis, Minigolf unter Dach oder Billard, Kickern, Flippern und Shuffle boards.
Romantiker, die traurig ob soviel Perfektion die individuelle Note vermissen, finden die entbehrte Landluft, mit Pferde-Ammoniak versetzt, 20 Kilometer von Damp entfernt auf einem Gutshof, den Rüger als ureigene Kapitalspielwiese ankaufte. Dort steht für die Gäste in ehemaligen Ställen oder in der Scheune ein Barbecue-Grill bereit.
Abgeschlaffte Großstädter und müde Oldtimer sollen im Zentrum für Sportmedizin durch Professor Hanns Schoberths Jungmühle gedreht werden. Der ganzjährig verpflichtete Frankfurter Sportmediziner fertigt für 75 Mark ein Leistungsdiagramm und verordnet seinen Urlaubspatienten -- je nach Körperbau, Elastizität, Belastbarkeit, Ausdauer und Kraft -- individuelle Fitness-Kuren: Radfahren, Reiten oder Volleyball-Spielen. Gänzlich unsportliche Damen und Herren werden von Sportlehrern im Wald über Hürden gescheucht.
Dem Zentrum für Sportmedizin ist ein Klinikum mit 120 Betten angeschlossen, in dem Fachärzte lädierte Sportler und Autofahrer, aber auch welke Damenhaut zum Liften in die Mangel nehmen. Die bioklimatische Heilwirkung des Meeres soll nach chirurgischen Operationen oder nach Bandscheibenbebandlung die Genesung beschleunigen. "Wir passen jedoch streng auf", sagt Bettenvermieter Schober, "daß keine Krüppel über den Strand laufen; das könnte die gesunden Gäste abschrecken."
Mit einem Gliederzug, einer gemächlichen Transportschlange auf Rädern, gelangt der Gast von einem Kurortrevier ins andere. Die Urlauber sollen ihre Wagen auf großen Parkplätzen abseits stellen, damit Damp autofrei bleibt. Das gilt sogar für Mercedes- und Jaguar- Fahrer.
Die bei Hilton oder Sheraton ausgebildeten Manager der Erholungsfabrik wollen möglichst nur gehobenen Mittelstand in Damp sehen -- eine Auswahl aus jenen 800 000 Bundesbürgern, die vom 1. Juli an die zehnprozentige Stabilitätsabgabe zahlen müssen. "An das Gewerkschaftsunternehmen "gut-Reisen" und andere billige Massenveranstalter wollen wir unsere Betten nicht Vermieten", verriet Marketing-Chef Bruno Schober. Fraglich ist allerdings, ob die hochnäsigen Ferientechnokraten sich mit dieser Sozialschranke nicht schaden.
Der komplizierte 7000-Betten-Großbetrieb rentiert sich nur, wenn im Durchschnitt wenigstens 45 Prozent der Appartements und Bungalows während des ganzen Jahres ausgelastet sind*. Um nahe an diese Marke heranzukommen, ließ Schober schnell noch eine Sprachschule in das Ferienunternehmen einbauen.
Künftig brauchen Jungmanager nicht mehr nach Brighton zu reisen, um in Urlauber-Instituten kultiviert englisch sprechen zu lernen. Sprachlehrer in Damp erteilen Intensivunterricht.
Im Kampf um Kunden und Kostendeckung ließen sich auch Konkurrenzunternehmen an der Ostsee viel Kurioses einfallen. Am nördlichen Ortsrand des Familienbades Dahme errichtet eine private Bauträgergesellschaft zur Zeit ein neues Kur- und Ferienzentrum. Die besondere Attraktion: eine Kurzwellen-Station für Amateurfunker, ein Photolabor für Do-it-yourself-Knipser und ein Nabelbeschau-Institut, in dem Potenz- und Konzentrationsschwächlinge durch Yoga-Kurse wieder zu alter Schärfe zurückfinden sollen.
* Da vorwiegend Apparthotelbetrieb und Selbstbedienung, kommt Damp bei 7000 Betten mit Hilfskräften aus. Reguläre Hotels brauchen wegen der viel höheren Personalkosten mindestens eine Durchschnittsbelegung von 65 Prozent.
Im Ferienzentrum Heiligenhafen ließ sich der Bund Deutscher Nichtstuer e. V. ins Vereinsregister eintragen. Initiator ist der Public-Relations-beflissene Geschäftsführer des Heiligenhafener Ferienparks, Hans-Georg Ungefug. Als schnaufende Werbelokomotive und Vereins-Ehrenvorsitzender ließ unlängst der rundliche Kabarettist Klaus Havenstein in Heiligenhafen vor 1300 Nichtstuer- Brüdern und -Schwestern bei Bier und Köhm Dampf ab.
In diesem Urlaubergehege der Baugruppe Engelhardt aus Hannover fühlen sich laut Ungefug "vor allem die Leute wohl, die monatlich etwa 2000 Mark verdienen. Sie sind unsere Zielgruppe". Mit Piratenbällen und allerlei Jux hauen die durchschnittlichen Nichtstuer in Heiligenhafen auf die Pauke.
"Die stärkste Attraktion für jung und alt am Ostseestrand" aber will der Hamburger Baulöwe Hans Peter Ruster in der ersten Juniwoche wie ein Denkmal enthüllen: den Spiel- und Freizeitpark Legoland, ein Kinderparadies aus zwölf Millionen farbigen Kunststoffelementen der dänischen Spielzeugfirma Lego.
Rüster und Lego-Chef Christiansen investierten 30 Millionen Mark in die 120 000 Quadratmeter große Knusperhauskolonie, die man mit einer elektrischen Eisenbahn in zwölf Minuten durchqueren kann, vorbei an Miniatur-Kopien berühmter Bauwerke wie dem Lübecker Holstentor, dem Binger Mäuseturm und der Wasserfront des Hamburger Freihafens.
Auf einem künstlichen Canal Grande können die Besucher im Elektroboot eine Bildungsreise um die Mini-Welt machen. Zwischen Hügeln aus gefärbtem Schaumkunststoff erscheinen die Akropolis mit der Agora, der Tempel von Abu Simbel, die Sphinx, die Pyramiden von Gizeh und andere Monumente aus dem Realienbuch der Lego-Baumeister. Vermißt werden allenfalls noch der Kreml und die Chinesische Mauer.
In einer Liliput-Goldmine der Westernabteilung hat der gute Onkel Rüster goldfarbene Plastikschnitzel unter den Kies gemischt, den die kleinen Mineure im halbdunklen Stollen durch Siebe rütteln dürfen. Wenn sie die Talmiausbeute in einer Bude neben dem Westernsaloon abliefern, prägt ein leibhaftiger Uncle Sam ihnen aus dem Plastikschrott mit einer Stempelpresse ein paar runde Kitsch-Dollar.
Außer dänischen Designern haben auch Kinderpsychologen an dieser heilen Mini-Welt mitgebaut, allerdings keine mit Linksdrall. Legoland ist ein raffiniert aufgeladener Kassenmagnet. der den Eltern das Geld aus der Tasche zieht: Fünf Mark Eintrittsgeld für Erwachsene, die das moderne Panoptikum besichtigen und sich im Oldtimer-Inn laben können, Kinder zahlen die Hälfte, aber für die vielen lockenden Divertimentos wie Boots- und Eisenbahnfahrten, Ponyreisen, Golddiggen, Kindertheater und Kinderkino muß immer wieder das Portemonnaie geöffnet werden.
Der heitere Kalvarienberg an der Ostsee mit seinen vielen Stationen soll noch in diesem Jahr sechs bis sieben Millionen Mark einspielen. "Das weit kleinere Legoland Nummer eins bei Billund in Dänemark zählte im vergangenen Jahr 770 000 Gäste", ermittelte Informationschef Paul Bornscheuer, Sprecher der Rüster-Holding Trustbau AG. "Wir rechnen mit mindestens 1,6 Millionen Besuchern."
Günstig placiert, grenzt Lego an den Ferienpark Sierksdorf, eine Urlaubskarawanserei mit rund 4000 Betten, die der Hamburger Bauherr in mehreren Etappen hochzog. Baukosten 200 Millionen Mark. Mit hochgestochenen Slogans stachelt Sierksdorf-Werber Bornscheuer die Begehrlichkeit junger Familienväter an, sich nach den Leitbildern des modern living an der Ostsee ein anspruchsvolles Urlaubsdomizil zu suchen:
"Es genügt "heute nicht mehr das Bett allein, sondern zum Wohnen im Urlaub gehört einfach der große Wohnraum, das getrennte Schlafzimmer, die Sauna, das Schwimmbad, der Strand, das Solarium, die Kegelbahn, die Tennisplätze, die Minigolf-Anlage. Kurzum -- alles, was man im normalen Alltag gern nutzen würde, aber nicht nutzen kann."
Mit solchen Sprüchen lotst Bornscheuer nicht nur Zehntausende ·von gutzahlenden Gästen in das Gehege des Rüster-Konzerns -- er lockt sie auch, dort Eigentumswohnungen (33 Quadratmeter für 57 000 Mark) auf Abzahlung zu erwerben.
Die teuersten Turmbauten des modernen Urlaubsbabels wuchsen jedoch, 20 Kilometer von Sierksdorf entfernt, in Travemünde und Timmendorf aus dem Strandsand. Dort errichtete die Maritim-Gruppe ein Highlife-Manhattan. Europas höchster Hotelturm mit 35 Stockwerken -- das über 100 Meter hohe Maritim in Travemünde -- wird in Kürze eröffnet.
250 Appartements in den oberen Stockwerken wurden als Eigentum-Appartements verkauft. Es war ein zähes Geschäft. Zwei Jahre lang mußte Maritim-Boß Hans-Joachim Gomolla die Werbetrommel rühren, um Phantasiepreise (3000 bis 4300 Mark je Quadratmeter) kassieren zu können.
Derweil knallten Juso tief unten rote Sprüche an den Bauzaun: "Wem nützt dieses Kapitalisten-Paradies? Ein Maritim = 100 Kindergärten." Seither hängt im Hauptlift, der die Maritim-Kunden auf die Nobeletagen hebt, ein an die Wand genagelter Bauarbeiterheim. Und die Luxusappartementkäufer werden aufgefordert, einen angemessenen Betrag für die Aktion Sorgenkind durch den Schlitz zu stecken.
Den Sorgenkindern der Fremdenverkehrswirtschaft, den veralteten Touristenherbergen und billigen Reetdachpensionen, die immer noch fl. k. u. w. W. (fließend kaltes und warmes Wasser) als Komfort anpreisen, ist allerdings kaum zu helfen. Ihnen fehlt das Geld für Umbauten und Renovierung. Unter dem Druck des massiven Angebots der modernen Ferienparks mußten schon im vergangenen Jahr mehrere tausend kleine Vermieter kapitulieren.
Dazu Nichtstuer-Organisator Hans-Georg Ungefug: "Da ist nichts zu machen, die billigen, aber primitiven Tante-Emma-Pensionen sterben eben aus."

DER SPIEGEL 23/1973
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