26.03.1973

„Da war das Wort von Vietnam“

Eine Florence Nightingale sei sie nicht, auch so eine nicht wie die Schultze Kathrin, die 1870/71 -- das weiß Monika Schwinn, 30, noch aus der Heimatkunde -- ganz in der Nähe auf den Spicheler Höhen die Blutenden vom Schlachtfeld holte.
Verstümmelte Soldaten waren 1968 keineswegs ihre Vorstellung vom Krieg in Vietnam. "Mein Leitmotiv", sagt sie nach vier Jahren Gefangenschaft in Vietnam, "war das napalmverbrannte Kind."
Außerdem "war da nun das Wort von Vietnam". Das gute Mädchen von Lebach/Saar -- 1942 geboren, Halbwaise bei Kriegsende, Vollwaise mit 14, katholische Jugend, zahlendes Mitglied des Malteser-Ordens und eifrige Leserin seiner Publikationen -- "wollte einfach wirklich helfen, weil ich Kinderpflegerin hin".
Mit dem "Problem Politik" hatte sie sich nicht befaßt, und als sie sich 1968 für den Einsatz in Vietnam meldete, hatte sie nie darüber nachgedacht, "für wen es ein gerechter Krieg war und wer ihn gewinnen sollte".
Eine vage Vorstellung hatte sie, "wie schrecklich alles ist". Daß sie selbst in das Schreckliche, in den Krieg hineingezogen werden könnte, darauf hatte sie keiner der Malteser-Oberen vorbereitet, das hatte sie sich selbst nicht denken können.
Das Gute, das Gerechte hatte zu siegen, tätige Nächstenliebe, Mitleid. Erbarmen hatten gewissermaßen zu immunisieren gegen all das Schreckliche rundum.
Wohl schwante ihr, als in Da Nang die Fensterscheiben von Geschützeinschlägen klirrten: "Der Mörser weiß ja nicht, daß wir Malteser sind." Und trotzdem hatte sie das Gefühl, durch ihre Arbeit im Malteser-Hospital "unter einer Sicherheitsglocke zu leben",
Die Vietnamesen, die sie um sich hatte, waren ihr unheimlich, sie verstand sie nicht, begriff ihr Verhalten nicht, und das hat sich auch in der Gefangenschaft nicht geändert. Der Krieg war "ein anderer Krieg", vom Feind wußte sie, daß er "einen schwarzen Anzug trägt", daß jeder Mann auf der Straße dieser Feind sein konnte.
Eines verstand sie -- die Kinder. die sie hochpäppelte. Denn die "spürten den Unterschied zwischen deutschem und vietnamesischem Personal", sie "bevorzugten" die Deutschen. "Es war eine Herzenssache", Monika Schwinns Sache -- eine Sache, die stimmte.
Der Haß, der ihr später in der Gefangenschaft begegnete, hat sie beunruhigt, verletzt. Sie hatte doch schlicht helfen wollen, nicht für oder gegen eine Seite helfen wollen, sondern "jedem, der darum bat".
Als ihre Bewacher erklärten, nicht sie als Monika Schwinn, sondern sie als Angehörige eines Staates, der mit dem Feind paktierte, sei gefangen, da konnte sie das auch nicht begreifen. Dazu gab es erst später eine Gelegenheit. als sie im dritten Lager -kurz bevor sie und Bernhard Diehl angeblich über den Norden in die Freiheit entlassen werden sollten -- tagelang "politischen Unterricht" erhielten.
"Sie wollten uns wohl das Geschehen klarmachen", aber was die Bewacher sagten. weiß sie so recht nicht mehr.
Bis zu dem Zeitpunkt waren drei Freunde gestorben, sie selbst war wochenlang bewußtlos gewesen. Fieber, Hunger, Gewaltmärsche. Verletzungen, Todesangst und die monatelange Ungewißheit, ob je einer sie anhören werde, waren grausame Foltern. Aber das gute Mädchen von Lebach wollte immer noch verzeihen. "Sie mußten sich doch Gewißheit verschaffen, wer wir waren"
Die Kraft zu überleben kam von der Gewißheit. "daß ich mich nicht schuldig fühlte". Es war eine enorme Kraft, und sie hat hingereicht, daß Monika Schwinn fast so aus Vietnam zurückkam, wie sie dorthin ging.
Freilich, sie war 30 Pfund schwerer, damals, eine Matrone von 25 Jahren, jetzt, mit 30, ist sie jünger, sensibler, ein Mädchen fast. Nur noch die tiefen Schatten unter den Augen lassen die überwundenen Krankheiten ahnen. "Eine gute Kur, aber nicht empfehlenswert", sagt sie und erschrickt gleichzeitig über soviel Frivolität.
Das Problem der Politik ist ihr suspekt wie vor vier Jahren. "Politische Äußerungen" in ihrem Bericht "muß" sie "ablehnen". Wohl drücken ihr jetzt Politiker gerührt die Hände und loben Tugend, Opfermut und Glauben, das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse soll sie vom Bundespräsidenten persönlich empfangen. Doch Politik bleibt für sie das Andere, das Unheimliche. das Fremde jenseits ihrer Wertbegriffe, eine "Ecke", in die sie sich nicht drängen lassen darf.

DER SPIEGEL 13/1973
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