09.04.1973

Datum: 9. April 1973 Betr.: Ost-Berlin

Von fast allen Fenstern, vom Balkon seiner Wohnung am Lützowplatz aus kann der SPIEGEL-Redakteur Karl-Heinz Krüger, Berliner von Geburt, West-Berliner seit 1945, den Ost-Berliner Rathausturm und den Ost-Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz sehen: Es sind nur ein paar Kilometer Luftlinie bis dahin. Besuchen konnte er, da West-Berliner, Ost-Berlin erst, seit es zur "Vereinbarung zwischen dem Senat und der Regierung der DDR über Erleichterungen und Verbesserungen des Reise- und Besucherverkehrs" gekommen war. Auf dem Sammelvisum eingedrucktes und gestempeltes Reiseziel: "Nach: Hauptstadt der DDR".
In zwei Titelgeschichten hatte der SPIEGEL den Zustand von West-Berlin beschrieben; aus der ersten (41/1966) ist an der Weststadt der Zuname "das Glitzerding" hängengeblieben, aus der zweiten (42/1967) jenes Polkwitz, das Berlin nach Heines Wort und zu Heines Zeit eben nicht gewesen ist. Diesmal wollte Krüger in einem Ost-Berlin-Report (Seite 54) dem Ost-Berliner Slogan auf den Grund gehen, den eine Ost-Berliner Zeitung ihren Lesern in Lautschrift vorstellte, damit es beim neugewonnenen Umgang mit der westlichen Welt nicht hapere: "Wellkemm tu se käpitell ow se dschih dih ah!" Krügers Fazit: Ost-Berlin ist die einzige Käpitell auf der ganzen Welt, die Eintritt nimmt. Ob es einer nun will oder nicht: er muß mindestens fünf Mark umtauschen, die ihm als Aluminiumgeld in einem Zellophantütchen aus einer Barackenluke gereicht werden. Der Photograph Klaus Mehner durfte als Bundesbürger mit dem Wagen über die Kontrollstelle Heinestrasse einreisen. Der Graphiker Günter Gatermann -- von ihm stammt der Stadtplan auf Seite 58 -- ging über die Kontrollstelle in der Friedrichstrasse und wurde untersucht. Da er einige von Krügers handschriftlichen Vorschlägen bei sich hatte, musste er als "vorläufig festgehalten" in einer Baracke einsitzen; ein Wachoffizier hat sich aber alsbald wegen dieses Zwischenfalls bei ihm entschuldigen lassen.
Mehner machte wegen seiner Photoausstattung auf der Rennbahn Karlshorst Aufsehen. Gelöbnis eines Gestüts: "Den Plan der Starts und der Renngewinne wollen wir erfüllen und übererfüllen." Und da es bei Berlin-Geschichten ohne Taxifahrer-Zitat nicht abgeht: bei einer Fahrt durch die Lothringer Strasse: "Wat wa jetzt langfahren, heisst nu Pieck ...", und am Leninplatz, an dem Gartenarbeiter unter der Statue des barhäuptigen Revolutionärs gruben: "Weeste, warum die da rumbuddeln? Die suchen den seine Mütze."

DER SPIEGEL 15/1973
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DER SPIEGEL 15/1973
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